Das Zentrum für kulturwissenschaftliche Forschung (ZKF) ist eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Konstanz. Das Zentrum wurde im Wintersemester 2016/2017 gegründet, um die kulturwissenschaftlich ausgerichteten Konstanzer Forschungsaktivitäten zu bündeln und institutionell langfristig zu stabilisieren.

Damit bietet das ZKF seinen beteiligten und künftigen Wissenschaftler/innen und Forschungsinstitutionen eine gleichermaßen verbindliche wie dynamische Struktur und schärft das Profil der Universität Konstanz als Ort der kulturtheoretischen Grundlagenforschung.

Die Einrichtungen des Zentrums

Das Zentrum wird derzeit getragen von den zentralen Institutionen des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“, aus dessen Forschungszusammenhängen es erwachsen ist. Seine künftigen Aktivitäten werden sich vermehrt auf die Erforschung historischer wie gegenwärtiger Formen der Migration und Mobilität richten.

über den Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“

Neben dem Kulturwissenschaftlichen Kolleg Konstanz und dem Verlag Konstanz University Press sind dem Zentrum fünf Professuren zugeordnet.

Im Rahmen des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ und des Fachbereichs Geschichte und Soziologie wurde die Konstanzer Ethnologie etabliert. Ferner wurden eine religions- und eine wissenschaftshistorische Professur eingerichtet, die wie auch die Professur für Kulturtheorie und kulturwissenschaftliche Methoden neben konkreter Forschung kulturwissenschaftliche Ansätze reflektieren und weiterentwickeln.

Zum theoretischen Hintergrund

Kultur ist dabei nicht als ein Gegenstandsbereich neben anderen (etwa Wirtschaft und Politik) zu verstehen. Stattdessen ist insbesondere danach zu fragen, wann und warum die Referenz auf Kultur erhöhte Be­deu­tung gewinnt. Wie erklärt sich z.B. der seit den 1980er Jahren festzustellende Trend, soziale Phänomene, insbesondere solche konflikthafter Natur, die bis dahin mit politischen oder öko­no­mischen Ur­sachen in Verbindung gebracht worden waren, als kulturbedingt zu thematisieren?

Kultur kommt offenbar als ein zusätzliches Variablenbündel ins Spiel, das Ab­weichungen vom westlich-liberalen Ent­wick­lungs­modell, in­hären­te Hemm­nisse und Dys­funk­tionen, die in den klassischen Modernisierungstheorien nicht vorgesehen waren, erklären soll. Und „Kultur“ wird zu einer identitären Bezugsgröße für all diejenigen, die sich in dieses Ent­wicklungsmodell nicht mehr inkludiert fühlen – unter Berufung auf das eigene Her­kommen (Re­tradi­tionalisierung, Re-Autochthonisierung) und, damit verbunden, durch Bereitstellung spezifisch religiös-kultu­reller Erken­nungs­zeichen, an denen sich eine eigen­ständige Gruppen­identität aufrichten kann.

Der cultural turn, der mit der Wende zur Postmoderne einherging, ist insofern nicht nur ein innerwissenschaftliches Phänomen. Er markiert den Zeitpunkt, an dem die Zukunfts­versprechen der westlichen Moderne ihre integrative Wirkung verliert. Die verstärkte Bezugnahme auf den Begriff der „Kultur“, die sich also nicht nur im akademischen Raum, sondern auch bei den sozialen Akteuren selbst beobachten lässt, wirft eine Vielzahl von inhaltlichen und methodologischen Fragen auf.

Inhaltlich ist z.B. nach der Regelhaftigkeit auch kultureller Prozesse zu fragen, und zwar in allen Skalierungsgraden von der Analyse von situativ eingebundener Inter­aktions­dynamiken bis hin zu globalen Transformationen. In methodologischer Hinsicht ver­bindet sich damit das operative Problem, wie das zumeist qualitative Vorgehen kultur­wissen­schaft­licher Ana­lysen mit Beobachtungen sozialstruk­tureller Art, die in der Regel stärker auf quantitativen Para­metern beruhen, auf fruchtbare Weise in Übereinstimmung ge­bracht werden kann. Es geht hier also um die Vereinbarkeit narrativ-historiographisch indivi­dua­lisierender mit statistisch-approximativen Verfahren, oder noch kürzer: um das Verhältnis zwischen den ‚Zuständig­keits­bereichen‘ der kleinen und der großen Zahl.

Forschungen dieser Art sind indessen nicht nur von historischem Interesse und für die kultur­wissenschaftliche Methodenreflexion, sondern auch für aktuelle Gegen­wartsdiagnosen hoch­relevant. Denn im Zuge der digitalen Revolution, die mit der Übernahme von immer wichti­ge­ren Bereichen des gesellschaftlichen Funktionierens durch computer­basierte, zu großen Tei­len maschinell automatisierte Verfahren einhergeht, wird in der weiteren Arbeit des ZKF auch die Rolle von kulturellen Regu­la­ti­ven neu zu bestimmen sein – schlagwortartig verkürzt als Alter­native zwischen literacy und numeracy, semantischen und algorithmischen Formen sozialer Prozesssteuerung.