Herzlich Willkommen auf den Seiten des
Graduiertenkollegs "Das Reale in der Kultur der Moderne"

Aktuelles:

8. Juni 2015
Vortrag von Alexander Garcia Düttmann (Berlin):


Andere Welten oder Begründungen und Erschütterungen der
Wirklichkeit in der Moderne: Leibniz, Nietzsche, Meillassoux.

In Y 310 (Universität Konstanz) um 18.45 Uhr

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Call for Papers:

Im Rhythmus.
Entwürfe alternativer Arbeitsweisen um 1900 und in der Gegenwart
Interdisziplinärer Workshop des Graduiertenkollegs »Das Reale in der Kultur der Moderne«
Universität Konstanz, 27.-28.11.2015
Frist für die Einreichung von Beitragsvorschlägen (ca. 1 Seite): 26.06.2015


Download CfP (pdf)

Im Jahr 1896 macht der Nationalökonom Karl Bücher die Konjunktion aus »Arbeit und Rhythmus« als entscheidendes Charakteristikum der Arbeit bei sogenannten Naturvölkern aus. Der Diagnose, der moderne Arbeiter sei durch die industrielle Produktion aus dem ihm eigenen Rhythmus gebracht, wird somit eine mögliche Kur an die Seite gestellt: Die Überwindung der Entfremdung durch ein erneutes Zusammenwirken von Arbeit und natürlichem, dem Menschen angepassten Rhythmus. Der Rhythmus figuriert in Büchers Schrift als Gegenentwurf zur modernen Arbeitswelt und dem von der Industrialisierung hervorgebrachten Sound respektive der ihn begleitenden Entfremdungserfahrung: »Der Nationalökonom, […] reibt sich verwirrt die Augen, als wäre er durch ein Wunder in das Land Utopia versetzt […]. Hier ist die Arbeit keine Last, kein schweres Lebensschicksal, keine Marktware, ihre Organisation kein Ergebnis kalter Kostenberechnung.«

Dass Bücher dieses Land Utopia in ethnographischen Aufzeichnungen findet, ist bezeichnend, zumal die Ethnographie verspricht an den Rändern der Moderne jene ursprünglichen Lebensformen aufzuspüren, die »von der Kultur allmählich überflutet worden« seien. Figuren einer sich aus solcher Ursprünglichkeit speisenden Alternative lassen sich um 1900 in verschiedenen Diskursen ausmachen, mal als radikale Alternative zur modernen Gesellschaft, mal als Idee einer Synthese aus rhythmischer Arbeit und industrieller Produktion. Sie finden sich in den Arbeitspraktiken der Lebensreformer ebenso wie in theoretischen Überlegungen des Psychologen Fritz Giese oder der Klage des Tänzers und Tanztheoretikers Rudolf von Laban, Arbeit sei nur mehr Betreiben von Maschinen.

Die Vision einer nicht-entfremdeten Arbeitsweise, die sich an einem ursprünglichen, natur-rhythmischen und gemeinschaftlichen Leben orientiert, kommt gegenwärtig – auch unter Betonung eines ›inneren Rhythmus‹ – erneut in zahlreichen Diskursen zum Ausdruck: in Ratgeberliteratur, die angesichts eines »Turbokapitalismus« zur Entschleunigung mahnt, im akademischen Diskurs um mögliche Alternativen zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Zeitorganisation sowie im Dokumentarfilm, der sich aus einem Missbehagen an der gegenwärtigen Moderne auf die Spurensuche nach Alternativen macht.

In diesen Diskursen lassen sich verschiedene Argumentationslinien ausmachen. So finden sich Überlegungen zu einer stärkeren zeitlichen und räumlichen Flexibilisierung von Arbeit, um diese an individuelle Lebensrhythmen anzupassen. Gleichzeitig wenden sich einige Vorstellungen über naturrhythmische Arbeit explizit gegen das Flexibilisierungsparadigma einer als neoliberal kritisierten Arbeitswelt.

Beiden Argumentationslinien ist jedoch gemein, dass durch den Verweis auf Rhythmus und ihm verwandte diskursive Figuren eine Humanisierung der Arbeitsbedingungen angestrebt wird. Die Diskussionen der letzten beiden Jahrzehnte aktualisieren so erneut das utopische Potential eines natürlichen Rhythmus, welches in der Hochphase der industriellen Moderne explizit an Fragen der Arbeitsorganisation gekoppelt wurde.

Der Workshop setzt sich mit solchen auf die Zukunft gewandten Figuren alternativer, ursprünglicher und rhythmischer Arbeitsweisen auseinander. Fokussiert werden sollen vor allem die verschiedenen Diskurse um 1900 und in der Gegenwart.

Zu diskutierende Fragen schließen ein:
Wo tauchen solche Figuren diskursiv auf und wie funktioniert ihre Rhetorik? Wie wird jeweils die Verbindung einer Ursprungsfigur mit der Möglichkeit einer (utopischen) Zukunftsperspektive inszeniert? Wie stehen die verschiedenen medialen Repräsentationsformen, etwa in Ethnographie und Film, zueinander? Welche Kontinuitäten und Abweichungen der Diskurspositionen lassen sich im historischen Verlauf beobachten?

Der Workshop wird vom 27. bis 28. November 2015 an der Universität Konstanz stattfinden. Reise- und Übernachtungskosten können durch das Graduiertenkolleg übernommen werden. Wir bitten um die Einsendung von Vortragsvorschlägen in Form eines Abstracts (ca. 1 Seite), sowie einer Kurzvita bis zum 26.06.2015 stellvertretend an die Organisatoren:

Carolin Piotrowski
carolin.piotrowksi@uni-konstanz.de

und
Christoph Büttner
christoph.buettner@uni-konstanz.de

Graduiertenkolleg „Das Reale in der Kultur der Moderne“
Universität Konstanz
Fach D 153
78457 Konstanz
http://uni-konstanz.de/reales

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Kurze Zusammenfassung des Profils (deutsch):

Mit dem Realen hat es in der Moderne eine eigentümliche Bewandtnis. Während es für ein spontanes Weltverhalten auf unproblematische Weise gegeben scheint, haben sich Dichter, Künstler, Philosophen und ihr Tun reflektierende Wissenschaftler notorisch schwer mit Aussagen darüber getan, wie die Welt ‚wirklich ist‘. Denn was sich in sprachlichen Repräsentationen oder wissenschaftlichen Experimentalanordnungen zeigt, ist schon nicht mehr das Reale ‚als solches‘, sondern gefiltert durch den Eigensinn menschlicher Erfahrung, kultureller Zeichensysteme und technischer Apparate. 
Diese Unzugänglichkeit des Realen, das in seinem Begriff einerseits die Vorstellung von etwas Eigentlichem und Wesenhaftem erweckt, dessen man andererseits aber nur in gleichsam entstellter Form habhaft zu werden vermag, grundiert die Selbstwahrnehmung der Moderne als einer Epoche, die ihrer Verankerung in der Welt nicht gewiss ist – trotz aller technisch-wissenschaftlichen Erfolge.
Das Graduiertenkolleg hat nicht den Anspruch, dieses sowohl ästhetische wie erkenntnistheoretische Dilemma aufzulösen. Stattdessen soll die dilemmatische Struktur des Wirklichkeitsbezugs der Moderne ihrerseits als kulturelle Gegebenheit angenommen und in ihren wechselnden Gestaltungsweisen analysiert werden. Das Ziel ist es also, das Reale als permanenten Verhandlungsgegenstand der Kultur der Moderne zu profilieren. Dem liegt die Arbeitshypothese zugrunde, dass die Plastizität des Realen ein funktionales Erfordernis moderner Gesellschaften darstellt. Nur so lässt sich auf befriedigende Weise erklären, warum eine derart realitätsmächtige Weltperiode wie die Moderne sich zugleich als eine Epoche imaginiert, die ihren Bezug zur Natur und zum Wesensgrund der Dinge verloren hat.
In der ersten Bewilligungsphase standen die krisenhaft-katastrophischen Ausprägungen dieser Gespaltenheit im Vordergrund. In der zweiten Förderperiode sollen eher die unspektakulären Heuristiken des Realen im gesellschaftlichen ‚Normalbetrieb‘ mitsamt den entsprechenden wissenskulturellen Operationalisierungen in den Blick gerückt werden. Wie bisher geschieht dies aus kultursemiotischer Perspektive, in der Konstanzer Tradition einer Allgemeinen Literaturwissenschaft – im Verbund mit medien- und wissenschaftsgeschichtlichen Ansätzen sowie, neuerdings, einer auf Praktiken und Materialitäten fokussierenden Ethnologie. Das Kolleg ist Teil des Schwerpunkts kulturwissenschaftlicher Grundlagenforschung am Ort und überdies in hochrangige internationale Kooperationen eingebettet.

Short Profile-Overview (english):

Modernity has a peculiar relationship with the real. Whereas in a spontaneous comportment toward the world the real seems to be given in an unproblematic way, writers, artists, philosophers, and scholars and scientists reflective on their own activities have notoriously struggled with claims of how the world 'really is': what reveals itself in linguistic representations or scientific experimental orders is indeed no longer the real 'as such' but is filtered through the stubbornness of human experience, cultural sign systems, and technical apparatuses.
This inaccessibility of the real—a term that inspires, on the one hand, the notion of something actual and essential that one tries, on the other hand, to get hold of in a disfigured form, as it were—grounds the self-perception of modernity as an epoch that is uncertain in its anchoring in the world despite its technical-scientific successes.
The Graduiertenkolleg does not claim to resolve this aesthetic and epistemological dilemma. Rather, the dilemmatic structure of the reference to reality in modernity is assumed as itself a cultural given and analyzed in its varying forms. Thus, the aim is to profile the real as a permanent object of negotiation in the culture of modernity. Underlying this is the working hypothesis that the plasticity of the real represents a functional condition of modern societies. Only in this way can one explain satisfactorily why a historical period so empowered with reality as modernity imagines itself at the same time as an epoch that had lost its relationship to nature and to the essential foundation of things.
The first grant stage foregrounded the critical, catastrophic instances of this schism. The second funding period will bring the unspectacular heuristics of the real in social “everyday business” along with the relevant operationalizations of knowledge cultures. As before, this takes place from the perspective of cultural semiotics in the Konstanz tradition of general literary studies, together with approaches to the history of media and science and, newly, an ethnology focused on practices and materialities. The Kolleg is part of the extant research focus on cultural studies (Kulturwissenschaft) and is embedded in prestigious international cooperations as well.

 

 

 

 

 

 

 


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