University of Konstanz
Graduiertenkolleg / PhD Program
Computer and Information Science

Graduation Talks

title

Longitudinal Research in HCI

speaker

Jens Gerken, University Konstanz
Konstanz, Germany

date & place

Wednesday, 01.07.2009, 16:15 h
Room C 252

abstract

Benutzerstudien haben in der wissenschaftlichen Disziplin der Mensch-Computer-Interaktion nicht nur eine lange Tradition, sondern auch eine entscheidende Funktion. Sie liefern letztlich die empirische Basis, die es ermöglicht, aus den Forschungsergebnissen verallgemeinerbare Schlüsse zu ziehen und somit Wissen zu generieren, welches über spezifische Einzellösungen hinaus geht. Eine weit verbreitete und gemeinhin anerkannte Vorgehensweise ist es hierbei, ein neu entworfenes Interaktionsdesign mittels eines kontrollierten Experimentes mit Alternativtechniken zu vergleichen. Daraufhin werden Rückschlüsse hinsichtlich der Effizienz, Effektivität und Benutzerzufriedenstellung getroffen. Diese Experimente und Studien sind in der Regel jedoch einmalige Untersuchungen, so genannte Querschnittstudien. Dies gestaltet die Integration in den Designprozess sowohl flexibel als auch praktikabel, beinhaltet allerdings auch einige inhärente Schwächen. Die Situation ähnelt hierbei einem dunklen Raum, in welchen mit einer Taschenlampe geleuchtet wird. Geschieht dies nur kurz und nur an eine einzelne Stelle im Raum, ist die Gefahr groß, dass das was zu sehen ist, also die erhobenen Daten, nur einen unvollständigen Ausschnitt darstellen und zu fehlerhaften Interpretationen führen. Konkret bedeutet das, dass zum einen Unsicherheit über die zeitliche Stabilität der beobachteten Phänomene herrscht, also Unsicherheit bezüglich der Reliabilität der Messungen. Beispielsweise könnte sich die gemessene Effizienz durch Lerneffekte steigern. Ebenso könnten Benutzer andere, möglicherweise effektivere Strategien entwickeln. Auch "weiche" Faktoren aus dem Bereich der "User Experience", wie zum Beispiel Joy of Use oder das ästhetische Empfinden sind im Allgemeinen nicht Zeit unabhängig. Zum anderen besteht auch Unsicherheit darüber, ob überhaupt das untersucht wurde, was untersucht werden sollte, die Messungen also valide sind. Insbesondere komplexe Vorgänge lassen sich nur schwer in das zeitliche Korsett einer Querschnittstudie zwängen, beispielsweise der Prozess mit Hilfe einer Visualisierung Auffälligkeiten in einer großen Datenmenge zu erkennen. In einer Querschnittstudie müssen hier oftmals Kompromisse hinsichtlich der Aufgaben und verwendeten Daten eingegangen werden, die eine Verallgemeinerung der Erkenntnisse erschweren. Diese Problematik wurde in den letzten Jahren verstärkt erkannt und hat dazu geführt, dass vermehrt ein Wechsel hin zu Längsschnittstudien gefordert wird. Diese erheben zu mehreren aufeinanderfolgenden Zeitpunkten Daten und setzen diese in Beziehung. Dies ermöglicht, um bei der Taschenlampenmetapher zu bleiben, sowohl das längere Leuchten in den Raum als auch an unterschiedliche Stellen zu leuchten. Somit kann sowohl die Stabilität der erhobenen Messungen untersucht als auch eine ökologisch validere Versuchssituation geschaffen werden. Dabei bezeichnet eine Längsschnittstudie keine einzelne Methode, sondern vielmehr ein Forschungsparadigma. Dies drückt sich auch in der englischsprachigen Bezeichnung "longitudinal research" aus. In der Mensch-Computer-Interaktion sind Längsschnittstudien in dem Sinne keine neue Entdeckung. Eine systematische Auseinandersetzung mit der Thematik im Allgemeinen findet aber erst in den letzten Jahren statt. Forscher betonen zunehmend die Notwendigkeit von Längsschnittstudien, beispielsweise um besser untersuchen zu können, in welcher Form Lerneffekte bei einem neuen Eingabegerät auftreten und welchen Einfluss diese auf die gemessene Leistung haben.