Vorlesung im Audimax
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Rückblick Studium Generale

Die Themen des Studium Generale im Wintersemester 2018/19

22. Oktober 2018: Gläserne Bürger intransparente Datensammler: Wann greift der Landesdatenschutzbeauftragte ein?

Dr. Stefan Brink, Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit Baden-Württemberg

An der Schwelle zum digitalen Zeitalter zeichnet sich ab, dass wir als Bürgerinnen und Bürger zwar der „Souverän“ unserer Daten sein sollen und als Grundrechtsträger das Sagen haben sollten, tatsächlich jedoch andere über unsere Daten bestimmen: Da ist der Staat, der uns Sicherheit im Tausch gegen die Selbstbestimmung über unsere Daten anbietet, und da sind die vielen privaten Datensammler, die unsere Privatsphäre ökonomisch „verwerten“. Wie orientiert man sich in dieser schwierigen Gemengelage – und wie kann dabei der Landesdatenschutzbeauftragte helfen?

Dr. Stefan Brink war nach Promotion bei Prof. Dr. Hans Herbert von Arnim (Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer, Thema: Die richterliche Entscheidungsbegründung) tätig beim Wissenschaftlichen Dienst des Landtags Rheinland-Pfalz, sodann als Richter am Verwaltungsgericht Koblenz und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesverfassungsgericht (1. Senat, Prof. Dr. Reinhard Gaier [Art. 12 GG, Berufsfreiheit]). Von 2008 bis 2016 Leiter Privater Datenschutz beim Landesbeauftragten für den Datenschutz Rheinland-Pfalz, seit 2012 zugleich stellv. Landesbeauftragter für die Informationsfreiheit Rheinland-Pfalz. Lehraufträge der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer und der Europauniversität Viadrina Frankfurt/Oder. Seit 2017 Landesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg.

 

29. Oktober 2018: Die Kumpel-Affen: Zur sozialen Evolution von Primaten

Prof. Dr. Julia Fischer, Georg-August-Universität Göttingen, Kognitive Ethologie

Affen zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Vielfalt ihrer sozialen Systeme aus. Den Ursachen dieser Vielfalt auf die Spur zu kommen ist auch für das Verständnis der Evolution menschlicher Formen des Zusammenlebens von Bedeutung. Paviane sind hier ein sehr interessantes Modell, da innerhalb der Gattung eine erstaunliche Diversität in der sozialen Organisation, dem Paarungsverhalten und den sozialen Beziehungen zwischen den Tieren zu beobachten ist. Da sie in verschiedenen Habitaten vorkommen, und ihre stammesgeschichtlichen Verwandtschaftsbeziehungen gut bekannt sind, bieten sie sich als „quasi-experimenteller“ Ansatz an, um ihre soziale Evolution zu verstehen. Besonderes Augenmerk werde ich dabei auf unsere Forschungsergebnisse an freilebenden Guineapavianen im Senegal legen; über diese Spezies war zuvor nur wenig bekannt. Guineapaviane unterscheiden sich in ihrer sozialen Organisation und ihren Beziehungen erheblich von anderen zuvor untersuchten Pavianarten: Ihre mehrere Ebenen umfassende Gesellschaft zeichnet sich durch enge Bindungen zwischen den männlichen Tieren sowie einer relativ hohen Autonomie der weiblichen Tiere aus. Die toleranten Beziehungen zwischen den männlichen Tieren scheinen durch eine im Durchschnitt erhöhte Verwandtschaft befördert zu werden; allerdings ist Verwandtschaft keine zwingende Voraussetzung für eine freundschaftliche Beziehung. Interessanterweise lassen sich die Charakteristika der verschiedenen Paviangesellschaften nicht auf deren Nahrungsökologie zurückführen. Ich werde aktuelle Überlegungen zur Entstehung der Diversität von Paviangesellschaften vorstellen und dabei auch auf die Bedeutung von Kommunikation und sozialer Kognition eingehen. 


05. November 2018: 1968 - 50 Jahre danach

Prof. Dr. Sven Reichardt, Universität Konstanz, Fach Geschichte

Politische Rebellion, Kulturrevolte, Ausdruck soziokultureller Liberalisierungen,  Autoritätskritik, globale Revolutionsphantasmagorie, politischer Radikalismus, Dogmatismus und Gewaltfixierung, Bildungshunger, osteuropäisches Laboratorium für Reformen eines Dritten Weges, Aufstandsversuch gegen autoritäre Gesellschaftssysteme, Befreiungsbewegung gegen die Ausläufer der Kolonialherrschaft in der Dritten Welt – die Zuschreibungen von Bedeutung der Chiffre „1968“ sind vielfältig. Der Vortrag beginnt damit, die neuesten Trends und Ansätze zur Erforschung der 68er vorzustellen. Er gibt einen Überblick darüber, welche Themen und Interpretationen derzeit diskutiert werden und worin die Chancen und Grenzen dieser Deutungskämpfe liegen.
Im zweiten Teil des Vortrages werde ich in die empirische Forschung einsteigen und den Wandel des kulturellen Lebensstils im Gefolge der 68er-Studentenbewegung veranschaulichen. Anhand des linksalternativen Milieus der Bundesrepublik werde ich auf die Kleidung und das Körperverständnis sowie auf die Ästhetik der Wohngemeinschaften eingehen, um kulturelle Wandlungsprozesse plastisch zu veranschaulichen.
Abschließen werde ich den Vortrag mit Bemerkungen zur neuen Arbeitsformen in der Alternativökonomie. Rund 200 000 meist jungen und oft sehr gut gebildete Beschäftigten hatten sich in den späten siebziger und achtziger Jahre aufgemacht, hierarchische und profitorientierte Arbeitsverhältnisse in selbst verwalteten Betrieben abzuschaffen. Mit der eigenverantwortlichen Einteilung der Arbeitszeit, den flachen Gruppenhierarchien, der Selbstorganisation der Arbeitsabläufe und einem Freiraum für Spontaneität und Solidarität sind ihre Ziele umschrieben. Glückte ihnen dieser Schritt? Was wurde aus ihren Gemeinschaftsverpflichtungen, der Teamarbeit, den neuen Kommunikationskompetenzen und Selbstverpflichtungsstrategien?

Sven Reichardt ist seit 2003 an der Universität Konstanz tätig, zunächst als Juniorprofessor, dann als W3-Professor und seit 2014 als Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte. Promoviert hat er an der FU Berlin im Jahr 2000, war u.a. als Stipendiat am Deutschen Historischen Institut in Rom und als Feodor Lynen Stipendiat der Humboldt-Stiftung an der Rutgers University tätig. Zuletzt war er als Visiting Fellow an der New School for Social Research (2017) und an der Columbia University (2018) tätig.
Seine Forschungsgebiete umfassen die Geschichte der globalen Faschismen in Europa, Asien und der arabischen Welt sowie moderner Diktaturen im 20. Jahrhundert. Damit verbunden ist das Interesse an der interdisziplinären Erforschung der Geschichte der Gewalt im 19. und 20. Jahrhundert. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Erforschung der Geschichte (neuer) sozialer Bewegungen sowie linker Gegen- und Alternativkulturen bzw. soziokultureller Milieus. Drittens schließlich beschäftigt er sich mit Geschichtstheorien und soziologischen und anthropologischen Ansätzen zur Erforschung historischen Wandels.

Monographien:
1) Reichardt, Sven: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA (2. Auflage Köln/Weimar/Wien: Böhlau, 2009) (italienische Fassung beim Verlag „il mulino“ 2009) (Preis für das beste Historische Buch von „h-soz-kult“ 2002)
2) Reichardt, Sven /Zierenberg, Malte: Damals nach dem Krieg. Eine Geschichte Deutschlands 1945 bis 1949 (2. Aufl. München: Goldmann, 2009);
3) Reichardt, Sven: Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren (2. Aufl. Berlin: suhrkamp, 2014). (shortlist des NDR/SZ Sachbuchpreises 2014 und zweiter Platz für die beste Einzelstudie des Jahres 2014 von der Zeitschrift „damals“)
Insgesamt 11 herausgegebene Sammelbände bzw. Zeitschriftenhefte und über 70 Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelbänden.


 

12. November 2018: Wie kommen die Blütendüfte ins Gehirn?

Prof. Dr. Giovanni Galizia, Universität Konstanz, Fachbereich Biologie

Wir erkennen Düfte ganz unterschiedlicher Herkunft, gute, schlechte, attraktive Parfüms und stinkende Käfer – und können uns an diese Düfte erinnern. Bienen haben auch einen hervorragenden Duftsinn: sie können einer Duftspur über viele Kilometer folgen, und erkennen viele unterschiedliche Gerüche. Sie können aus einer Duftmischung die einzelnen Komponenten herausriechen, und damit z.B. Blüten in der Mitte einer Wiese am Duft erkennen, und sie können den Duft von nektarreichen Blüten wiedererkennen um ihre Sammelleistung zu steigern. Dies erlaubt es den Imkern, selektiven Honig zu produzieren, z.B. Kastanienblütenhonig. Bienen nutzen Düfte auch um innerhalb des Volkes zu kommunizieren, und um zu navigieren.
Wie kann ein relativ einfaches Gehirn, mit knapp unter 1.000.000 Zellen, Millionen von Düften riechen, speichern, und wiedererkennen? Wir untersuchen an der Universität Konstanz, wie die neuronale Kodierung von Düften funktioniert, und wie das zu einer fast unbegrenzten Kapazität des Systems führt. Wie wird Information von einem Hirnareal auf ein anderes übertragen, um unterschiedliche Aspekte der Information zu verarbeiten – von den statistischen Dufteigenschaften, dem Zeitmuster von Düften und ihrer Gedächtnisse? Und was hat das mit dem täglichen Leben der Biene zu tun: wie wirken Pestizide auf das Gehirn der Biene? Warum sehen und riechen Bienen schneller als wir Menschen? Und warum sollte man keine Banane essen, wenn man sich einem Bienenvolk nähert?

C. Giovanni Galizia ist Professor for Zoologie und Neurobiologie am Fachbereich Biologie der Universität Konstanz, sowie Direktor des Zukunftskollegs, ein interdisziplinäres Institute of Advanced Studies für junge WissenschaftlerInnen an der Universität. Giovanni Galizia war 2000 Gründungsmitglied in der Jungen Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina. Er hat verschiedene Bücher publiziert, unter anderem das Lehrbuch Neurosciences im Springer Verlag, mehrere internationale Symposia und Konferenzen organisiert, wirkt als Editor in verschiedenen Fachzeitschriften mit. Er forscht an der olfaktorischen Kodierung in Insekten, an Mechanismen des Gedächtnisses, und am Verhalten in sozialen Verbünden.

19. November 2018: Zeittakt von Eiszeiten - Was steht uns bevor?

Prof. Dr. Jörn Thiede, Geomar, Universität Kiel

Der Planet Erde hat im Laufe seiner Geschichte viele Vereisungsphasen durchlaufen, die sehr unterschiedlicher Natur waren. Aufgrund der Stellung der Erde in ihrem Orbit um die Sonne und der Geographie der Verteilung von Land und Meer, die sich erst durch die plattentektonischen Bewegungen in der Erdneuzeit entwickelt hat, wird das Klimasystem der jüngsten geologischen Vergangenheit durch eine bipolare Vereisung und große Temperaturunterschiede zwischen polaren und tropischen Klimazonen geprägt. Die Geometrie des Orbits unterliegt regelmässigen und vorhersagbaren Veränderungen, die die Intensität der Sonnereinstrahlung und damit den langfristigen  und vorhersagbarenWechsel von „Eiszeiten“ und „Warmzeiten“ in der Erdneuzeit gesteuert haben. Sehr kurzfristige Schwingungen zwischen „eiszeitlichem“ und „warmzeitlichen“ Klima sind dagegen wesentlich schwieriger zu deuten. Diese Klimaveränderungen erfolgten auf der nördlichen Hemisphäre in der Regel dramatischer und schneller als in der Südhemisphäre und besitzen oft sogar weitreichende Fernwirkungen für südlichere Gebiete der Erde. Über die zukünftige Klimaentwicklung gibt es viele und ungesicherte Spekulationen, aber es gibt kaum Zweifel an ihrer Bedeutung für das Schicksal der Menschheit.

Nach dem Studium der Geologie und Paläontologie von 1962 bis 1971 an den Universitäten Kiel, Wien und Buenos Aires nahm Jörn Thiede von 1967 bis 1982 verschiedene akademische Beschäftigungen an den Universitäten Aarhus (Dänemark), Bergen (Norwegen), Oregon State University (USA) und Oslo (Norwegen) wahr. Seit Ende 1982 wurde er auf eine Professur für Historische Geologie der Universität Kiel berufen, von 1987 bis 1997 war er Professor für Paläo-Ozeanographie an der Universität Kiel und Gründungsdirektor von GEOMAR in Kiel. Direktor des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven war er von 1997 bis 2007. 2008-2011 hat er eine Professur „Geologie und Klima“ an der Universität Kopenhagen (Dänemark) inne und war Professor bei UNIS (Svalbard). Seit Anfang 2011 ist er Professor an der Staatlichen Universität Saint Petersburg und leitet dort das Köppen-Labor des Institutes für Erdwissenschaften.

 


 

26. November 2018: Galaktische Archäologie - Der Entwicklung von Galaxien auf der Spur

Prof. Dr. Eva K. Grebel, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Astronomisches Rechen-Institut


Unser Sonnensystem ist mit über hundert Milliarden weiterer Sternsysteme Teil der Milchstraße, unserer Heimatgalaxis. Es gibt unzählige solcher Galaxien; sie sind die sichtbaren Anzeiger der großräumigen Materieverteilung im Universum. Aber wie bilden sich solche Strukturen? Die Entstehung und Entwicklung von Galaxien über kosmische Zeiträume können wir auf zwei Arten untersuchen: Zum einen durch entfernte Galaxien bei hoher Rotverschiebung, die sich aufgrund der endlichen Lichtlaufzeit in sehr viel früheren Entwicklungsphasen befinden. Jedoch lassen sich wegen der großen Entfernung in diesen jungen Galaxien keine Details wahrnehmen und nur die hellsten Objekte detektieren. Zum anderen kann man nahe Galaxien (einschließlich unserer Milchstraße) erforschen, in denen sich sogar einzelne Sterne analysieren lassen. Sterne verschiedenen Alters dienen als Fossilien vergangener Epochen und erlauben es uns, unterschiedliche Stadien der Galaxienentwicklung verfolgen. In der Milchstraße spielt hierbei der Gaia-Satellit eine wichtige Rolle, der mehr als eine Milliarde Sterne genau vermisst.

Eva Grebel promovierte 1995 im Fach Astronomie an der Universität Bonn. 
Nach Postdoc-Aufenthalten an verschiedenen amerikanischen Universitäten
wurde sie im Jahr 2000 zur Forschungsgruppenleiterin am MPI
für Astronomie in Heidelberg berufen. 2003 wurde sie Professorin an der
Universität Basel und übernahm 2004 die Leitung des dortigen
Astronomischen Instituts.  Seit 2007 ist sie ordentliche Professorin für
Astronomie an der Universität Heidelberg und Direktorin am Astronomischen
Rechen-Institut.  Sie ist Sprecherin eines Sonderforschungsbereichs
und Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Ihr
Forschungsschwerpunkt sind stellare Populationen und Galaxienentwicklung.
Ihre Arbeiten wurden mit etlichen Wissenschaftspreisen ausgezeichnet.

 

03. Dezember 2018: Brexit-Dschungel

Update: Der geplante Vortrag von Frau Prof. Christina Wald fällt leider aus und wird am 10.12.2018 nachgeholt

Am heutigen Montag findet ein Ersatzvortrag statt:

Prof. Dr. Günter Franke: "Brexit-Dschungel" Warum erweisen sich die Brexit-Verhandlungen als so tückisch? Wie sehen die Konturen des Entwurfs für das Austrittsabkommen vor? Soll die EU-27 ihre einheitliche Position gegenüber der zerstrittenen britischen weitestgehend nutzen? Viele Fragen sind offen, doch der Brexit trifft uns alle.

10. Dezember 2018: Shakespeares serielle Rückkehr: Vom frühneuzeitlichen Drama The Tempest (1610) zur Fernsehserie Westworld (2016)

Prof. Dr. Christina Wald, Universität Konstanz, Fachbereich Literaturwissenschaften

In der ersten Folge der amerikanischen Western-Sci-Fi-Fernsehserie Westworld weicht ein menschenähnlicher Roboter von seinem Skript ab und kündigt in fremd anmutender Diktion seine erbarmungslose Rache an den Anwesenden an. Robert Ford, der Schöpfer der Androide, kann sein Team beruhigen. Er zitiere Literatur, mit der er in einer früheren Rolle als Professor programmiert gewesen sei, allen voran Shakespeare: „No cause for alarm. Simply our old work coming back to haunt us.“ Mit diesem explizit markierten intertextuellen Verweis stellt sich Westworld in die Tradition des frühneuzeitlichen Dramatikers, so wie derzeit viele andere Fernsehserien, die dem Phänomen des sogenannten „Qualitätsfernsehen“ mit komplexen Erzählstrukturen und höchsten Produktionsstandards zuzurechnen sind. Was hat es mit dieser heimsuchenden Qualität des alten Werkes auf sich? Für welche aktuellen Fragestellungen werden Shakespeares Dramen reaktiviert?

Am Beispiel der Beziehungen zwischen Westworld und The Tempest / Der Sturm untersucht der Vortrag, wie Shakespeares frühmoderne Frage nach der Grenze menschlicher Schaffenskraft durch Magie und Wissenschaft zurückkehrt in einem Szenario, das die Unterschiede zwischen menschlicher Identität und künstlicher Intelligenz vor allem in Hinblick auf Erinnerungsvermögen und Sterblichkeit erkundet. Diese Erkundung vollzieht sich in Plotstrukturen, die ihrerseits von seriellen Rückkehr-Momenten geprägt sind, so von der Einholung der Gegenwart durch die Vergangenheit und von der Wiederkehr der Toten zum Leben.

 

Christina Wald ist Professorin für Englische und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie lehrte zuvor an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Harvard University, der Universität Augsburg und der Universität zu Köln. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der frühen Neuzeit und der Gegenwartsliteratur und -kultur. Publikationen umfassen The Reformation of Romance: The Eucharist, Disguise, and Foreign Fashion in Early Modern Prose Fiction (2014), Hysteria, Trauma and Melancholia: Performative Maladies in Contemporary Anglophone Drama (2007), Medieval Shakespeare (2012) und The Literature of Melancholia: Early Modern to Postmodern (2011). Christina Wald ist Mitherausgeberin des Journal of Contemporary Drama in English und war von 2011-2017 Vorstandsmitglied der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Im akademischen Jahr 2017/2018 forschte sie am Kulturwissenschaftlichen Kolleg der Universität Konstanz zur Adaption von Shakespeares Dramen in aktuellen Fernsehserien.

17. Dezember 2018: Gerhard Richter: Malerei vor dem Dilemma

Dieter Schwarz,  Kunstmuseum Winterthur

Gerhard Richters Malerei ist seit ihren Anfängen geprägt von dem Dilemma, das er selber benannte, “dass zwar unser Sehen uns die Dinge erkennen lässt, dass es aber gleichzeitig die Erkenntnis der Wirklichkeit begrenzt und partiell unmöglich macht”. Darum kreist der Vortrag, der ausgeht von einem Schlüsselwerk, 4 Glasscheiben (1966), und dann einen Rundgang durch Richters Œuvre unternimmt. Dabei sollen einige der grundlegenden, vermeintlich oft widersprüchlichen Züge seiner Kunst behandelt werden. Dazu zählen die von den Glasscheiben thematisierten Eigenschaften des Bildes, seine Transparenz oder Opazität, der Spiegel als das perfekte Bild der Wirklichkeit. Andererseits bringt Richters Werk auf immer neue Weise die Frage nach dem Zufall ins Spiel, sei es in den Motiven der figürlichen Bilder, sei es in der Abstraktion. Richter ist sich der heiklen Situation des Künstlers bewusst, der in seiner Praxis gezwungen ist, Entscheide zu fällen. Zugleich weiss er um die Unmöglichkeit, diese gültig zu begründen. Als Beispiele dafür werden bedeutende Werke wie 1024 Farben in 4 Permutationen (1973) und 128 Fotos von einem Bild (1978) behandelt. Die Begriffe von Ordnung und Unordnung sind in Richters Schaffen stets gegenwärtig, und er hat dafür in seinen weniger bekannten Schautafeln Bilderverzeichnis und Übersicht einen Ausdruck gefunden. Obwohl Richter ein Maler geblieben ist und sich stets für die Tradition der gegenständlichen Malerei interessierte, soll er auch im Kontext zeitgenössischer minimalistischer, von ihm geschätzter Künstler wie Carl Andre, Sol LeWitt und Robert Ryman betrachtet werden. Der Vortrag schliesst mit dem jüngsten Werk Richters, dem Münsteraner Pendel, das im Sommer 2018 der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Dieter Schwarz, 1953 geboren in Zürich. Studium der deutschen und französischen Literatur, der Linguistik und Komparatistik in Zürich; 1981 Promotion mit einer Arbeit über das literarische Werk von Dieter Roth. 1981–1983 Editionsarbeit für die Adolf Wölfli-Stiftung am Kunstmuseum Bern. 1983–1985 Forschungsaufenthalt als Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds in Paris; danach eine Publikation zu Stéphane Mallarmé. 1985–1990 Kurator am Kunstmuseum Winterthur. Von 1990 bis 2017 Direktor des Kunstmuseums Winterthur. Lebt in Zürich.
Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen zur Kunst von der historischen Moderne bis zur Gegenwart, insbesondere zur neueren amerikanischen, italienischen und deutschen Kunst. 

07. Januar 2019: Mensch-Computer-Interaktion: Erfolgsgeschichte einer Forschungsdisziplin

Prof. Dr. Harald Reiterer, Universität Konstanz, Fachbereich Informatik und Informationswissenschaften

Ursprünglich war der Computer ein schwergewichtiges und raumfüllendes Werkzeug und nur ausgewählte Spezialisten hatten aufgrund der Komplexität der Bedienung Zugang zu dieser Technologie. Doch die rasante Entwicklung immer leistungsfähigerer, vernetzter Hardware, in Kombination mit neuen Bedienkonzepten, hat dazu geführt, dass der Computer die Welt der geschlossenen Rechenzentren verlassen und zunächst unsere Arbeitsplätze, dann unser Heim und schlussendlich unsere Hosentasche erobert hat. Als nächster Schritt der Entwicklung zeichnet sich die Integration von Computertechnologie in den menschlichen Körper ab, welche eine “Gedankengesteuerte Interaktion” ermöglichen wird (Brain-Computer Interface).

Der Vortrag wird anhand ausgewählter Meilensteine der Forschungsdisziplin „Mensch-Computer-Interaktion“ deren Beitrag zu der mittlerweile allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Computertechnologien veranschaulichen. Der digitale Wandel hätte niemals diese gesellschaftliche und vor allem auch wirtschaftliche Bedeutung erlangt, wenn nicht intuitive Bedienkonzepte zur „Demokratisierung“ der Computernutzung beigetragen hätten. Die Entwicklung derartiger Bedienkonzepte ist das primäre Forschungsziel der Disziplin „Mensch-Computer-Interaktion.“ Der Vortrag wird die eindrucksvolle Erfolgsgeschichte dieser Disziplin nachzeichnen sowie Wege zukünftiger Entwicklungen der Interaktion mit der „Schönen neuen (digitalen) Welt“ aufzeigen.

Prof. Dr. Harald Reiterer ist Inhaber der Professur „Mensch-Computer-Interaktion“ im Fachbereich Informatik und Informationswissenschaft der Universität Konstanz. Seit über 20 Jahren lehrt und forscht er an der Universität Konstanz. Er hat in dieser Zeit eine Forschungsgruppe aufgebaut, die in verschiedenen Forschungslaboren (Media Room, Interaction Lab, Usability Lab) intuitive Bedienkonzepte entwickelt und erprobt. Die Arbeiten seiner Gruppe wurden auf den führenden Konferenzen und Fachzeitschriften seiner Fachdisziplin veröffentlich und mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet. 

 

14. Januar 2019: Sammlungspolitik zwischen Vergangenheit und Zukunft - wofür sammeln wir?

Prof. Dr. Ulrich Raulff, Deutsches Literaturarchiv Marbach / Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen

Ulrich Raulff wird über die Sammlungsgeschichte und -gegenwart eines sehr speziellen Archivs, nämlich eines Archivs für Literatur, sprechen: Wie sammelt man eigentlich "Literatur"? Welche Objekte kommen dafür in Frage, für welche "Kundschaft" oder wissenschaftliche Klientel sammelt man, und welche Gegenwart und Zukunft der Forschung hat man dabei vor Augen?


Prof. Dr. Ulrich Raulff ist Historiker, wurde in Marburg promoviert, an der HU Berlin als Kulturwissenschaftler habilitiert, war Feuilletonredakteur und -chef der FAZ und später Leitender Redakteur der Süddeutschen. Von 2004 bis Ende 2018 leitete er das Deutsche Literaturarchiv Marbach und ist seither Präsident des ifa (Institut für Auslandsbeziehungen). Ulrich Raulff hat eine Reihe von Büchern publiziert, darunter "Kreis ohne Meister" über das Nachleben Stefan Georges (2009) und "Das letzte Jahrhundert der Pferde" (2016). Über die Geschichte der Pferde und ihre Erforschung hat er im Jahr 2017 auch den Festvortrag des Zukunftskollegs in Konstanz gehalten.

21. Januar 2019: Vom Sinn und Unsinn der Bioenergie

 

Prof. Dr. Bernhard Schink, Universität Konstanz, Fachbereich Biologie

Die Nutzung von Mais, Raps und Zuckerrüben für die Bereitstellung von Energieträgern hat in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer grossflächigen Veränderung unserer Agrarlandschaften geführt, die sich u. a. in einer beunruhigenden Minderung der Insektenbestände deutlich gemacht hat. Auf den ersten Blick erscheint der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen für die Energieversorgung sinnvoll, da auf diese Weise indirekt das Sonnenlicht als Energieträger genutzt und das Kohlendioxid „recycelt“ wird. Überdies sind solche Bioenergieträger (Biogas, Bioethanol, Biodiesel, auch Brennholz) gut speicherbar und können damit Flauten im Wind- und Sonnenenergieangebot auszugleichen helfen. Allerdings ist die pflanzliche Nutzung von Sonnenenergie und deren Festlegung im Pflanzenmaterial sehr wenig effizient. Überdies steht der Anbau von „Energiepflanzen“ sowohl national als auch global mit der Nahrungs- und Futtermittelproduktion in Konkurrenz um Anbauflächen, Wasser und Mineraldünger. Auch hinsichtlich der Freisetzung von klimawirksamen Gasen, v. a. Methan und Stickoxiden, ist die Bilanz der Bioenergiewirtschaft eher nachteilig als vorteilhaft, weshalb sich die Bioenergienutzung in Zukunft bei uns auf die Nutzung von Abfallstoffen beschränken sollte.


Bernhard Schink studierte Biologie mit Schwerpunkt Mikrobiologie und Biochemie in Marburg und Göttingen und wurde 1977 in Göttingen mit einer Arbeit zur Biochemie bakterieller Hydrogenasen promoviert. Nach einem Postdoc-Aufenthalt in Madison, Wisconsin, USA, wurde er Assistent am Institut für Limnologie der Universität Konstanz und habilitierte sich dort 1985 im Bereich der Mikrobiellen Ökologie. Nach Professuren in Marburg und Tübingen übernahm er 1991 den Lehrstuhl für Limnologie/Mikrobielle Ökologie in Konstanz. Er ist Mitglied der Deutschen Nationalakademie Leopoldina und der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur, und war Mitglied des Wissenschaftsrats und Präsident der Federation of European Microbiological Societies (FEMS).

28. Januar 2019: Was bedeutet die wirtschaftliche Lage für die Finanzstabilität?

Prof. Dr. Claudia M. Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank

ACHTUNG: Der Vortrag beginnt bereits um 17.00 Uhr


Zehn Jahre nach Beginn der weltweiten Finanzkrise befindet sich die deutsche Wirtschaft im längsten Aufschwung seit der Wiedervereinigung. Die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und private Haushalte sind weiterhin günstig und die Volatilität an den Finanzmärkten war lange niedrig.
In ihrem Vortrag beschreibt Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, wie sich in diesem Umfeld Verwundbarkeiten aufgebaut haben. So könnten Kreditrisiken unterschätzt und Vermögenswerte und Kreditsicherheiten überbewertet werden, zudem bestehen Zinsänderungsrisiken.
Käme es zu einem unerwarteten starken Konjunktureinbruch, könnten diese Verwundbarkeiten gleichzeitig offengelegt werden. Das Finanzsystem könnte dann negative wirtschaftliche Entwicklungen verstärken, beispielsweise durch einen Rückgang der Kreditvergabe.


Frau Prof. Dr. Claudia M. Buch ist seit Mai 2014 Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank und zuständig für die Bereiche Finanzstabilität, Revision und Statistik.


11. Februar 2019: Die Bedeutung des Brexit für Deutschland und Europa

Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, ifo Institut, München

Das Wachstum der Weltwirtschaft ist zufriedenstellend, und Deutschland profitiert noch von einer dynamischen Bau- und Exportkonjunktur, die beide auch mit der Nullzinspolitik der EZB zu tun haben. Die EZB hat aber ihr Pulver verschossen und kann nun nicht mehr viel gegen die dunklen Wolken am Horizont machen, die aus Amerika und Großbritannien kommen. Mit den USA bahnt sich ein Handelskrieg an, der zum Schaden der deutschen Automobilindustrie ausgehen könnte. Die Steuerreform von Präsident Trump wird die Zinsen in den USA hochtreiben und entweder den Dollar mitziehen oder Europa zwingen, selbst die Zinsen zu erhöhen. Der Brexit kommt in seine heiße Endphase. Noch immer ist unklar, wie sich Großbritannien entscheiden wird.

Der Vortrag versucht die Implikationen des Brexit für Großbritannien und für Europa darzulegen und Wege aufzuzeigen, wie man das Unglück noch verhindern kann. Der Vortrag dient auch dazu, der EU klarzumachen, wie sie sich selbst verändern sollte, um ein attraktiver Staatenbund zu bleiben.

 Hans-Werner Sinn ist emeritierter Präsident am ifo Institut und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er gründete und leitete das internationale CESifo-Forschernetzwerk und das Forschungsinstitut CES. In den letzten Jahren beschäftigte er sich vor allem mit der Eurokrise, Italien, der Europäischen Zentralbank, grüner Energie, der Demographie und der Migration, und dem Thema Brexit. Zuvor widmete er sich der deutschen Wiedervereinigung, dem Steuerwesen, der Bankenregulierung und dem Versicherungswesen.

 

Die Themen des Studium Generale Wintersemester 2017/18

23. Oktober 2017: Analyse und Visualisierung politischer Kommunikation. - Das Beispiel der Schlichtung zu Stuttgart 21 -

Prof. Dr. Miriam Butt, Prof. Dr. Katharina Holzinger, Universität Konstanz

Die Aufzeichnung der Vorlesung finden Sie hier: YouTube

Miriam Butt und Katharina Holzinger werden Ergebnisse aus einem großen Forschungs-projekt zur Analyse und Visualisierung politischer Kommunikation vorstellen. Das Projekt „VisArgue“ verfolgte die Zielsetzung, automatische Verfahren zur Analyse politischer Kommunikation zu entwickeln, die Rückschlüsse auf das Ausmaß und die Effekte von Argumentation in Verhandlungen zwischen Bürgern und Staat erlauben.
Gegenstand des Projekts sind neue Formen der Bearbeitung von Konflikten zwischen Politik, Verwaltung und Bürgern. Seit einiger Zeit werden konsens-orientierte und deliberative (= abwägende und argumentierende) Verfahren erprobt, wie Mediationen, Dialoge oder Bürgerforen. Die Forschung zu diesen demokratischen Innovationen hat sich bisher allerdings kaum mit der deliberativen Kommunikation selbst befasst.
Hier setzt das Projekt „VisArgue“ an: Wir haben am Beispiel der Schlichtung zu „Stuttgart 21“ (S21) unmittelbar an den Äußerungen in Dialog untersucht, welche Rolle Argumentation und Rhetorik, gegenseitiger Respekt und ausgleichende Verhaltensweisen in einer Verhandlung über ein hoch konfliktives Thema spielen können, und ob sie die (Nicht-) Einigung beeinflusst haben.
Unser Ziel war dabei allerdings nicht nur, die Schlichtung zu S21 zu analysieren – das könnte man auch durch einfache Lektüre und Interpretation erreichen. Unser Ziel war es, ein breit verwendbares computer-gestütztes Instrument zu entwickeln, das eingesetzt werden kann, um das Ausmaß der Argumentation und Deliberation von politischen Dialogen festzustellen. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Schwerpunktprogramms „eHumanities“ gefördert und an der Universität Konstanz durchgeführt. Projektverantwortliche waren Prof. Dr. Miriam Butt (Linguistik), Prof. Dr. Katharina Holzinger (Politikwissenschaft) und Prof. Dr. Daniel Keim (Informatik).

Prof. Dr. Katharina Holzinger hat seit 2007 eine Professur für Internationale Beziehungen und Konfliktmanagement an der Universität Konstanz inne. Zuvor war sie Professorin für Regierungslehre und Direktorin am Centrum für Globalisierung und Governance an der Universität Hamburg. Sie studierte Politikwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur, Linguistik und Logik an der Universität München und promovierte an der Universität Augsburg. Nach Stationen am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kollektivgütern Bonn und am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz habilitierte sie an der Universität Bamberg. Ihre gegenwärtigen Forschungsschwerpunkte umfassen die Analyse von Argumentation in politischen Verhandlungen, differenzierte Integration in Europa und traditionale Regierungsformen in Afrika.

Prof. Miriam Butt received her PhD in 1994 from Stanford University.  After
working at the Universities of Tübingen, Stuttgart, Konstanz and at UMIST,
Manchester as a researcher and lecturer, in 2003 she took up a professorship for
general and computational linguistics at the University of Konstanz.  She is
interested in theories and architectures of grammars and has mostly worked on
morphosyntactic phenomena from South Asian languages and how they interface with semantics, discourse interpretation and prosody.  In recent years, she has
engaged in multidisciplinary cooperations with Computer Science and Political
Science and has been working on Visual Analytics for linguistic structure
(LingVis) on two major areas: 1) historical language change; 2) the linguistic
cues and strategies used in political argumentation.

 

 

06. November 2017: Die Streifen des Zebrafisches: Wozu und wie entsteht Schönheit bei Tieren?

Prof. Dr. Christiane Nüsslein-Volhard, Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, Tübingen

Die Aufzeichnung der Vorlesung finden Sie hier: YouTube

Farbmuster sind Merkmale, die bei der Kommunikation zwischen Tieren eine wichtige Rolle spielen. Sie dienen der Erkennung des Artgenossen bei der Schwarmbildung, der Werbung um Sexualpartner und der Revierbildung, sowie der Tarnung oder Täuschung und bieten damit wichtige Merkmale für die Selektion bei der Artentstehung, der Evolution. Fische haben besonders schöne und vielfältige Farbmuster, die durch die mosaikartige Verteilung verschieden gefärbter Pigmentzellen in der Haut zustande kommen. Wie werden diese Muster während der Entwicklung gebildet? Welche Gene sind für die Vielfalt und die Evolution der Farbmuster der Wirbeltiere verantwortlich? Wir untersuchen die Farbmusterbildung beim Zebrafisch Danio rerio, der sich besonders gut für die biologische Forschung eignet. Das Farbmuster besteht aus regelmäßigen goldenen und blauen Streifen, die während der Metamorphose in der Haut des wachsenden Fisches gebildet werden. Es können genetische Mutanten mit geändertem Muster erzeugt werden, die erlauben, die Gene aufzuspüren, die wichtige Rollen bei dem Prozess spielen. Seine Entwicklung erfolgt außerhalb des mütterlichen Organismus und moderne mikroskopische Verfahren erlauben, die Wanderungen der Pigmentzellen bei dem Prozess der Streifenbildung zu verfolgen. Die Pigmentzellen entstammen Stammzellen der Neuralleiste, von der aus sie in die Haut des Fisches wandern um sich dort in übereinanderliegenden Schichten in einem Selbstorganisationsprozess in Streifen zu assortieren. Dabei sind direkte Zellkontakte beteiligt, bei denen auch elektrische Signale zwischen Zellen ausgetauscht werden, ein bisher unverstandener neuartiger Mechanismus der biologischen Musterbildung. Schließlich gibt es eine Reihe von nah verwandten Arten, deren Farbmuster stark variieren, ein faszinierendes System, um mit neuen Verfahren des Gen-editings (Crispr/Cas9) die genetische Grundlage der morphologischen Evolution zu untersuchen.

Christiane Nüsslein-Volhard ist emeritierte Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Sie studierte Biologie, Physik und Biochemie in Frankfurt und Tübingen (Diplom Biochemie, Dr. rer nat. Genetik 1973), war Postdoktorandin in Basel und Freiburg, Gruppenleiterin am EMBL, Heidelberg und dem FML der Max-Planck-Gesellschaft in Tübingen und seit 1985 Direktorin am MPI für Entwicklungsbiologie. Seit 2014 leitet sie eine Emeritusgruppe, die über die Bildung von Farbmustern bei Fischen forscht.

Ihre Forschungen galten der genetischen Analyse der Entwicklung bei Tieren, der Fliege Drosophila melanogaster und dem Zebrafisch Danio rerio. Für ihre Entdeckungen von Genen, die die Entwicklung von Tier und Mensch steuern, sowie den Nachweis von gestaltbildenden  Gradienten im Fliegenembryo hat sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten; 1995 den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie. Seit 2013 ist sie Kanzlerin des Ordens pour le mérite.

13. November 2017: Die Schöne und das Biest. Warum interessiert sich die Philosophie für Tiere?

Prof. Dr. Markus Wild, Universität Basel

Aufzeichnung der Vorlesung finden Sie hier: YouTube

Es gibt eine berühmte Stelle bei Immanuel Kant, an der er erklärt, wie die drei grundsätzlichen Fragen der Philosophie lauten. Sie lauten: „Was kann ich wissen?“ (Erkenntnistheorie), „Was soll ich tun?“ (Ethik), „Was darf ich hoffen?“ (Religion). Allerdings bemerkt Kant, dass diese drei Fragen letztlich auf eine grundlegende Frage verweisen, nämlich: „Was ist der Mensch?“. Offenbar bildet Kant zufolge die Anthropologie, die Lehre vom Menschen, das Herz der Philosophie. Tatsächlich steht die Frage nach dem Menschen seit der Antike im Zentrum der Philosophie. Insbesondere die Philosophie der Neuzeit stellt den Menschen immer mehr in den Vordergrund. Im Schatten der Frage, was der Mensch sei, läuft aber stets das Tier mit, denn in der Philosophiegeschichte wird jene Frage stets in der Abgrenzung zum Tier beantwortet: der Mensch ist das Tier plus X (und entsprechend ist das Tier der Mensch minus X). Zum Beispiel gilt der Mensch als Tier, das Vernunft hat oder als Tier, das Moral hat. Man könnte also so weit gehen und behaupten, dass der Mensch-Tier-Unterschied die Grundunterscheidung der Philosophie darstellt. Zum Beispiel stellen sich Philosophen die Frage, was Wissen sei, was Moral sei, was Gott sei. Dabei wird vorausgesetzt, dass Tiere weder über Wissen, noch über Moral oder Religion verfügen. Insbesondere versteht sich die Philosophie selbst als höchster Ausdruck der Vernunft der Menschen, sie ist der Inbegriff der Rationalität. Auch der Gedanke, dass der Mensch vor allem anderen ein vernünftiges, ein rationales Lebewesen sei oder sein solle, verdankt sich der Abgrenzung zum Tier. Aus diesem Grund also interessiert sich die Philosophie für das Tier. – In meinem Vortrag werde ich zuerst den Gedanken stark machen, dass der Mensch-Tier-Unterschied eine Grundunterscheidung der Philosophie darstellt. Dann werde ich argumentieren, dass die Philosophie heute gut daran täte, diesen Unterschied kritisch zu hinterfragen. Im Lichte dessen, was wir über Tiere wissen, scheint es schwierig zu sein, ihnen Wissen oder Moral schlichtweg abzustreiten. Zum Abschluss werde ich fragen, was wir über Tiere wissen können, was wir mit Tieren tun sollen und was wir für sie hoffen dürfen.

Markus Wild (*1971) ist seit 2013 Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Basel. Er hat in Zürich, Berlin und Fribourg gelehrt. Er forscht zur Philosophie der Neuzeit, zur Philosophie des Geistes und zur Tierphilosophie. Als nationaler Forschungsrat vertritt er die Anliegen der Philosophie im Schweizer National Fonds, er setzt sich ein für die Entwicklung der Digital Humanities an den Schweizer Universitäten, und er tritt öffentlich für Tierrechte ein. Zu seinen Publikationen gehören „Der Geist der Tiere“ (2005, hrsg. mit D. Perler), „Die anthropologische Differenz (2006), „Tierphilosophie zur Einführung“ (2013, 3. Auflage), „Philosophie der Verkörperung“ (2014, hrsg. mit R. Hufendiek und J. Fingerhut), „Tierethik zur Einführung“ (2016, mit H. Grimm). Weitere Infos und Texte finden sich hier: Die http://unibas.academia.edu/MarkusWild

20. November 2017: Was macht Stress mit unserem Gehirn?

Prof. Dr. Jens Pruessner, Universität Konstanz

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Stress ist ein häufig verwendeter Begriff, dessen Bedeutung allerdings erstaunlich vielschichtig ist. Eine Mehrheit der Bevölkerung bezeichnet sich als gestresst, ohne dass einheitliche Ursachen zugrunde liegen, oder vergleichbare Folgen zu beobachten sind.

Stressoren setzen eine Vielzahl von psychischen, physiologischen und endokrinologischen Prozessen in Gang, die der Energiebereitstellung und der Bewältigung von belastenden Situationen dienen. Der Freisetzung des Stresshormons Cortisol beim Menschen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Als Steroidhormon kann es die Blut-Hirn Schranke überwinden und direkt im zentralen Nervensystem an Glukokortikoidrezeptoren binden, was mit akuten emotionalen und kognitiven Effekten in Verbindung gebracht wird. Die langfristigen Folgen von erhöhtem (chronischem) Stress werden dabei intensiv untersucht und diskutiert. Im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass langfristige Stresshormonausschüttung mit Gedächtnisverlust, Abbau von Nervenzellen und erhöhtem Demenzrisiko verbunden ist. Beim Menschen ist das Bild differenzierter: Die Effekte auf das Gedächtnis sind abhängig von den mit Stress verbundenen Gedächtnisprozessen, und die Beeinträchtigung der Nervenzellen auch nach massiver Stresshormonfreisetzung scheint temporär, und zumindest nicht primär mit Zellverlust assoziiert.

Generell führt Stress zu einer deutlichen und nachhaltigen Veränderung der Aktivität des zentralen Nervensystems, was sich mit Hilfe von funktionellen Bildgebungsstudien zeigen lässt. Die Bedeutung dieser Aktivitätsveränderungen in unterschiedlichen Arealen des zentralen Nervensystems ist dabei ebenfalls Gegenstand einer Vielzahl von Untersuchungen, die helfen sollen, die Verbindung von Stress zu psychischen Störungen oder Erkrankungen des zentralen Nervensystems zu zeigen. Mit Hilfe von funktionellen Bildgebungsstudien kann weiterhin die Effektivität von akuten Interventionen und Stressprävention direkt nachgewiesen werden.

Zusammenfassend lässt sich eine Vielzahl von akuten und chronischen Stresseffekten im zentralen Nervensystem nachweisen. Die Stressforschung kann uns dabei helfen, diese Effekte besser zu verstehen, und als Folge besser mit stressvollen Situationen umzugehen.

27. November 2017: Wissenschaftliche Alternativmethoden zum Tierversuch

Prof. Dr. Marcel Leist, Universität Konstanz

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Tierversuche führten zu wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber wie jeder Forschungsansatz haben sie Schwächen und Nachteile. Darunter fallen die Übertragbarkeit der Daten auf den Menschen, hohe Kosten und ethische Bedenken. Deshalb gibt es seit 20-30 Jahren erfolgreiche Entwicklungen von alternativen und komplementären Forschungsansätzen. Diese haben die meisten Tierversuche bei der Arzneistoffentwicklung ersetzt, und werden heute zu 100% bei der Testung lokaler Schädigungen durch Chemikalien oder bei verschiedenen Qualitätskontrollen von Arzneimitteln, Impfstoffen und Nahrungsmitteln eingesetzt. Das Spektrum dieser ‚Alternativmethoden‘, von der Europäischen Chemikalienbehörde auch NAM (New Assessment Methods) genannt, umfaßt Computersimulationen, Zellkulturen, ganze im Labor erzeugte Gewebe, und einfache Modellorganismen (wie Zebrafischembryonen), die nicht unteres Tierversuchsgesetz fallen. Ein Teil des Forschungsfelds, wie auch die Labors in Konstanz, arbeitet ausschließlich mit menschlichen Zellen, um Patienten-relevante medizinische und toxikologische Vorhersagen zu machen. Eine wichtige Quelle für menschliche Zellen sind Stammzellen, aus denen sich alle anderen Zelltypen erzeugen lassen. In den Labors in Konstanz, werden z.B. Nervenzellen und Nervengewebe für toxikologische und pharmakologische Testungen hergestellt. Im Vortrag soll ein breiter Überblick darüber gegeben werden, wie modernste biologische Erkenntnisse verwendet werden tierversuchsfreie Teststrategien zu entwickeln, und Beispiele sollen illustrieren wo diese erfolgreich eingesetzt werden, wo die derzeitige Forschung steht und bisher klare Grenzen bestehen.

Der Toxikologe Marcel Leist hält derzeit den Lehrstuhl für in vitro Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz. Er studierte Biochemie in Tübingen und Toxikologie an der University of Surrey in Guildford (1989). Dort kam er früh mit dem sich gerade entwickelnden Feld der Zelltod (Apoptose)-forschung in Berührung und promovierte danach über Leberzelltod (Hepatitis) bei Albrecht Wendel in Konstanz. Nach einer Postdoc-Zeit mit Forschung an anti-oxidativen Enzymen und Vitaminen am deutschen Institut für Ernährung (DIFE) in Potsdam und am Karolinska Institut in Stockholm kehrte er zur Habilitation nach Konstanz zurück. Die dortigen Arbeiten zur Neurotoxikologie und Apoptose, zusammen mit Pierluigi Nicotera, warfen für Leist die Frage auf, inwieweit sich die Befunde praktisch anwenden ließen. Um dem nachzugehen, arbeitete er sechs Jahre (2000-2006) in der pharmazeutischen Industrie (Firma H. Lundbeck A/S in Kopenhagen), um Arzneistoffe für neurodegenerative Krankheiten zu entwickeln. Ab 2006 übernahm er dann den ersten Lehrstuhl in Deutschland für die Entwicklung vom Alternativmethoden zum Tierversuch. Im Rahmen dieses, von der Doerenkamp-Zbinden-Stiftung geförderten, und an der Universität Konstanz angesiedelten, Stiftungslehrstuhls fokussierte sich die Forschung stark darauf, Testmethoden zu entwickeln, die Neuro- und Reproduktionstoxizität vorhersagen.

 

04. Dezember 2017: Spuren und Muster in der Geschichte

Prof. Dr. Jürgen Osterhammel, Universität Konstanz

Historiker tun gut daran, sich mit Spezialproblemen zu beschäftigen und überschaubare Geschichten zu erzählen. Darin liegt ihre Stärke, und dies ist ihre tägliche Arbeit. Ein breiteres Publikum erwartet allerdings zusätzlich auch allgemeinere Deutungsangebote, wie sie von anderen Fächern - etwa den Sozialwissenschaften - mit weniger Vorsicht und Skrupeln offeriert werden. Gerade von Historikern wird oft verlangt, dass sie aus der Kenntnis der Vergangenheit gewissermaßen durch Linienverlängerung Prognosen für die Zukunft ableiten. Aus guten Gründen verweigern sich Historiker meist einem solchen Ansinnen.
Damit ist der Orientierungsbedarf des Publikums allerdings nicht verschwunden. Wenige große Geschichtsdenker und viele Autoren von fragwürdiger Seriosität füllen die Lücke: in welche dieser beiden Kategorien jemand gehört, entscheidet meist erst die Nachwelt. Das berechtigte Interesse an Sinnstiftung erklärt die große Popularität von Büchern, die beanspruchen, nicht nur einzelne Spuren, sondern umfassende Muster in der Vergangenheit zu erkennen.
Der Vortrag, von einem eher empirisch arbeitenden Historiker stammend, entwirft keine eigene Theorie der Weltgeschichte. Er diskutiert einige Probleme, die mit einer solchen Theorie verbunden sind. Den Ausgangspunkt bilden Überlegungen zu drei Autoren aus drei Jahrhunderten. Wir beginnen mit einem Jubilar des Jahres 2018: Jacob Burckhardt (1818-1897), dem Autor der Weltgeschichtlichen Betrachtungen (entstanden 1868-73) und einem der wenigen wahren Klassiker der historischen Diagnose. Dann soll es um den heute weithin vergessenen Arnold J. Toynbee (1889-1975) gehen, dessen zwölfbändiges Werk A Study of History (1934-61) keineswegs reine Materialhuberei ist, sondern eine erneute Diskussion verdient. Schließlich soll Yuval Noah Harari (geb. 1976) kommentiert werden, dessen Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit (2015) manche Besucher der Ringvorlesung vermutlich gelesen haben. Er ist der gegenwärtig erfolgreichste Produzent historischer Sinnstiftung und verdient schon allein wegen seines immensen Einflusses eine kritische Betrachtung.

Jürgen Osterhammel promovierte 1980 in Geschichte an der Universität Kassel. 1990 habilitierte er sich für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg i.Br.
Nach Professuren an der FernUniversität Hagen und am Institut Universitaire de Hautes Études Internationales (Genf) ist er seit 1999 Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt 19. und 20. Jahrhundert an der Universität Konstanz. Seine Arbeitsthemen liegen in der internationalen, globalen und vergleichenden Geschichte mit einem besonderen Akzent auf der Geschichte der Beziehungen zwischen Europa und Asien.
2010 erhielt er den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2017 wurde er in den Orden Pour le Mérite gewählt.
Letzte Buchveröffentlichung: Die Flughöhe der Adler. Historische Essays zur globalen Gegenwart, München: C.H. Beck 2017.

11. Dezember 2017: Aktive vs. passive Anlagephilosophie - psychologische Fallstricke

Prof. Dr. Martin Weber, Universität Mannheim

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Investoren (oder ihre Vermögensverwalter bzw. Fondsmanager) können am Aktienmarkt entweder aktiv handeln oder die Aktienmärkte der Welt durch Investition in Indices passiv abbilden. Ziel des aktiven Handelns ist es, eine bessere Rendite bezogen auf das eingegangene Risiko als beim passiven Ansatz zu erreichen. Im Vortrag wird gezeigt, dass ein Privatanleger besser die passive Strategie verfolgen sollte. Durch aktives Handeln kann man nicht erwarten eine Überrendite zu erzielen und ist gleichzeitig anfällig für eine Fülle von psychologischen Fallstricken.

 

08. Januar 2018: Jahresgutachten 2017/18 des Sachverständigenrates

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt, RWI Essen

Mitte November eines jeden Jahres übergibt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, dessen Vorsitz Prof. Dr. Christoph M. Schmidt seit dem Jahr 2013 innehat, der Bundesregierung sein aktuelles Jahresgutachten.
Neben einer ausführlichen Darstellung der konjunkturellen Lage in Deutschland und der Welt sowie deren absehbarer Entwicklung beleuchtet das Jahresgutachten jeweils Themen, die in jüngster Zeit von besonderer Bedeutung für die Wirtschaftspolitik waren. Dabei soll der Sachverständigenrat gemäß seinem gesetzlichen Auftrag untersuchen, wie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wachstum gewährleistet werden können.
Der Vortrag stellt in prägnanter Form die wichtigsten wirtschaftspolitischen Analysen und Schlussfolgerungen aus dem aktuellen Jahresgutachten dar und beschreibt den Zustand der deutschen Volkwirtschaft sowie die Herausforderungen, denen sich diese mittel- bis langfristig gegenübersieht.

Christoph M. Schmidt, geb. 1962, studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, wurde an der Princeton University promoviert und habilitierte sich 1995 an der Universität München. Seit 2002 ist er Präsident des RWI Essen und Professor an der RUB. Zum März 2009 wurde Christoph M. Schmidt in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen, seit März 2013 ist er dessen Vorsitzender. Seit 2013 ist er Vorsitzender des Kuratoriums des Max-Planck-Instituts für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen in München, seit 2014 ist er zudem Mitglied des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Seit Juni 2011 ist er Mitglied bei acatech. Seit Juni 2016 ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Fritz-Thyssen-Stiftung.

15. Januar 2018: Formen des Vergessens

Prof. Dr. Aleida Assmann, Universität Konstanz

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Wie kann man über das Vergessen sprechen, wo es sich doch weitgehend unbewusst vollzieht? Ist nicht das  zentrale Merkmal des Vergessenen seine Entzogenheit und Unzuglänglichkeit? Umberto Eco hat schon 1988 kurzen Prozess mit diesem Thema gemacht. Auf die Frage, ob es so etwas wie eine Kunst oder Theorie des Vergessens geben könnte, hat er 1988 geantwortet: ‚Forget it!’ So will ich es mir aber nicht machen, denn das Vergessen ist nicht nur der Gegner sondern auch der Komplize des Erinnern. Erinnern und Vergessen sind keine trennscharfen Begriffe; sie greifen ineinander und sie setzten sich gegenseitig voraus. In der Vorlesung wird es um individuelle, soziale und politische Praktiken des Vergessens gehen, sowie um deren Bewertung in unterschiedlichen historischen Kontexten. Ein wichtiges Thema wird dabei auch der Strukturwandel von Erinnern und Vergessen unter den Bedingungen des digitalen Medienwandels sein.

Aleida Assmann, Studium der Anglistik und Ägyptologie; von 1993-2014 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zahlreiche Fellowships (Wissenschaftskolleg zu Berlin, Aby-Warburg-Haus Hamburg) sowie Gastprofessuren an den amerikanischen Universitäten. Forschungsthemen: Semiotik und Hermeneutik, individuelles und kulturelles Gedächtnis, Gewalt, Trauma und vergleichende Geschichtspolitik. Aktuelle Publikationen: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur (2013); Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Niedergang des Zeitregimes der Moderne (2013), Im Dickicht der Zeichen (2015), Formen des Vergessens (2016), Menschenrechte und Menschenpflichten. Auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag (2017).

 

22. Januar 2018: Wächst die Kluft zwischen arm und reich?

Prof. Dr. Lars Feld, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

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Seit einiger Zeit wird in Deutschland über soziale Schieflagen diskutiert. Nicht zuletzt assoziiert die öffentliche Meinung dies mit den Agenda-Reformen der Regierung Schröder. In diesem Vortrag wird erstens die Verteilung von Einkommen und Vermögen im Zeitablauf dargestellt und darauf eingegangen, was die Bestimmungsfaktoren dieser Entwicklung sind. Zweitens werden Teilbereiche der Armutsdebatte aufgegriffen. Dabei handelt es sich um die Entwicklung der Lohnungleichheit und um die Problematik steigender Altersarmut. Dies mündet drittens in eine Umschreibung des bestehenden Armutsproblems in Deutschland.

Lars P. Feld (geb. 1966) ist seit 2010 Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Albert-Ludwigs-Univer­si­tät Freiburg und Direktor des Walter Eucken Instituts. Er ist zudem ständiger Gastprofessor am Zentrum für Europäische Wirtschafts­­for­schung (ZEW) Mannheim, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen, Mitglied des Unabhängigen Beirats beim Stabilitätsrat, Sprecher des Kronberger Kreises (Wissenschaftlicher Beirat der Stiftung Marktwirtschaft) und Ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften).
In den Jahren 2014 und 2016 war er Mitglied der Expertenkommission „Stärkung von Investitionen in Deutschland“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie („Fratzscher-Kom­mission“). Von 2005 bis 2012 war er federführender Herausgeber der Perspektiven der Wirtschaftspolitik und von 2007 bis 2009 Präsident der European Public Choice Society.
Seine Forschungsschwerpunkte finden sich in verschiedenen Bereichen der Wirtschaftspolitik, der Finanzwissenschaft, der Neuen Politischen Ökonomie und der ökonomischen Analyse des Rechts.
Homepage: http://www.eucken.de/institut/leitung-lars-p-feld.html

29. Januar 2018: Narrenidee und Fastnachtsbrauch - eine Kulturgeschichte der tollen Tage

Prof. Dr. Werner Mezger, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg


Die Themen des Studium Generale Wintersemester 2016/17

24. Oktober 2016: Migration und Flucht – die Geschichte der Gegenwart

Prof. Dr. Jochen Oltmer, Universität Osnabrück, IMIS

Migration, Flucht, Asyl, Grenzen, Integration: Europa scheint über kaum etwas anderes zu sprechen. Mit der Einordnung und Erklärung der Phänomene aber tut sich die Debatte schwer, auch weil sie geschichtsblind und weltvergessen agiert. Sie übersieht, dass sich die Gegenwart des Wanderungsgeschehens nur durch den Blick auf lange Linien des Wandels der Migration erklären lässt und einer Einbettung in globale Bezüge bedarf. Welche Faktoren aber bedingten und beeinflussten Migration, Flucht und ihre Folgen (also Integration oder Rückkehr), welche Formen fanden die räumlichen Bewegungen und von welchen Effekten ist auszugehen? Auf welche Weise lässt sich der deutliche Anstieg der Zahl der Asylsuchenden in der Bundesrepublik 2015 einordnen? Der Vortrag bemüht sich darum, Antworten auf diese grundlegenden Fragen zu bieten.

Aufzeichnung der Vorlesung

Jochen Oltmer, Dr. phil. habil., geb. 1965, ist Apl. Professor für Neueste Geschichte und Mitglied des Vorstands des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Autor und Herausgeber von Büchern und Aufsätzen zur Geschichte von Migration und Migrationspolitik vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, zuletzt u.a (Hg.), Handbuch Staat und Migration in Deutschland vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Berlin/Boston 2016; Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl. München 2016; Migration vom 19. bis zum 21. Jahrhundert (Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 86), 3. Aufl. Berlin/Boston 2016;
Weitere Informationen: www.imis.uni-osnabrueck.de/oltmer_jochen/zur_person/profil.html


 

7. November 2016: Der Westen in orientalischen Augen

 

Najem Wali, 1956 im irakischen Basra geboren, wurde als Andersdenkender inhaftiert und gefoltert. Er flüchtete 1980 nach Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs nach Deutschland. 1988 Abschluss des Germanistik-Studiums in Hamburg und anschließend Studium der spanischen Literatur in der Universität Complutense Madrid. Er war lange Zeit Kulturkorrespondent der bedeutendsten arabische Tageszeitung Al-Hayat und schreibt regelmäßig u. a. für die Süddeutsche Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung, die TAZ und den Spiegel. Er veröffentliche zahlreiche Romane und Erzählungen. Im Carl Hanser Verlag erschien zuletzt sein Roman „Bagdad Marlboro“, für den er den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch 2014 erhielt, sowie „Bagdad. Erinnerungen an eine Weltstadt“ (2015). 2016 wurde er in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen. 2017 ist er Grazer Stadtschreiber. Sein jüngstes Buch „Im Kopf des Terrors. Töten mit und ohne Gott“  ist am 31. August 2016 in der Reihe „Unruhe bewahren“ im Residenz Verlag erschienen. Heute lebt er als freier Schriftsteller und Journalist in Berlin.

Aufzeichnung der Vorlesung

Zur Website von Najem Wali

14. November 2016: Die Europäische Flüchtlingspolitik: zwischen äußerem Druck und innerem Widerstand

Prof. Dr. Frank Schimmelfennig, ETH Zürich

Die Reisefreiheit im Schengen-Raum und die damit verbundene Asyl- und Migrationspolitik gehören zu den Vorzeigeprojekten der Europäischen Union. In der Flüchtlingskrise zeigten sich jedoch erhebliche Konstruktionsmängel. Gemeinsame Regeln wurden missachtet, nationale Alleingänge dominierten. Bis in die Gegenwart zeigen sich die Mitgliedstaaten der EU unfähig zu einer kooperativen und solidarischen Politik. Stattdessen wurde die Problemlösung durch das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei ausgelagert. In meinem Vortrag analysiere ich das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik in der Krise und ziehe vergleichend die Eurokrise heran, die anders als die Flüchtlingskrise zu mehr Integration führte.
Die europäische Flüchtlingspolitik ist ein eher unerwünschtes Nebenprodukt der (erwünschten) Reisefreiheit im Schengen-Raum. Mit der Abschaffung der Personenkontrollen an den Binnengrenzen ergab sich die Notwendigkeit, die Asylpolitik der Mitgliedstaaten zu koordinieren. Allerdings wehrten sich die nationalen Regierungen gegen starke Eingriffe in ihre Souveränität und zögerten eine Harmonisierung der nationalen Asylregeln immer wieder hinaus. Eine europäische Grenzsicherung und ein europäisches Asylverfahren lehnten sie ab.
In der Krise verhinderten nationale Interessen und innenpolitische Widerstände eine gemeinsame europäische Politik. Die europäischen Institutionen hatten zu geringe eigene Kompetenzen und Kapazitäten, um steuernd eingreifen zu können. Die unterschiedlichen nationalen Interessen ergeben sich in erster Linie aus der unterschiedlichen Betroffenheit durch die Migrationsströme. Die hauptbetroffenen Grenzländer (Griechenland und Italien) und Zielländer (vor allem Deutschland und Schweden) strebten eine gleichmässige Verteilung der Flüchtlinge in der EU an, die von den Ländern abseits der Flüchtlingsrouten (in West- und Osteuropa) abgelehnt wurde. Die Transitländer praktizierten eine Politik des «Aussperrens» (z.B. Ungarn) oder «Durchwinkens» (z.B. Dänemark) auf Kosten ihrer Nachbarn. Das veranlasste auch die ursprünglich aufnahmebereiten Zielländer zu zunehmend restriktiveren Massnahmen – und Deutschland zur Zusammenarbeit mit der Türkei statt mit den europäischen Partnern.

Aufzeichnung der Vorlesung

Frank Schimmelfennig ist seit 2005 Professor für Europäische Politik an der ETH Zürich. Zuvor hat er an der Universität Tübingen in Politikwissenschaft promoviert, sich an der Technischen Universität Darmstadt habilitiert und am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung gearbeitet. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die europäische Integration; seine Veröffentlichungen befassen sich unter anderem mit der EU-Erweiterung, der differenzierten Integration, der Eurokrise und der Demokratie in der EU. Sein Buch «The EU, NATO, and the Integration of Europe» (Cambridge University Press) erhielt 2005 den Buchpreis der European Union Studies Association. 

 

21. November 2016: Integration und Zugehörigkeit in der Einwanderungsgesellschaft

Prof. Dr. Daniel Thym, Universität Konstanz
Rex Osa, Flüchtlingsaktivist, Stuttgart

Mit der Flüchtlingskrise gewinnen Fragen an Relevanz, die die deutsche Gesellschaft schon länger umtreiben: Wie sichern wir die Integration der Gesellschaft in Zeiten erhöhter Zuwanderung? Wie verstehen wir rechtliche, politische und kulturelle Zugehörigkeit? Auf welcher Grundlage beruht der Zusammenhalt der deutschen Migrationsgesellschaft? Zu diesen Fragen wird Daniel Thym die Sichtweise des Verfassungs- und Migrationsrechts beisteuern und diese mit Herrn Osa sowie dem Publikum diskutieren.

Aufzeichnung der Vorlesung

Daniel Thym, Prof. Dr. , LL.M. (London), geboren 1973, studierte in Regensburg, Paris, Berlin und London; 2000-09 Mitarbeiter des Walter-Hallstein-Instituts für Europäisches Verfassungsrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin; seit 2010 Inhaber der Professur für Öffentliches Recht, Europa- und Völkerrecht  an der Universität Konstanz; Direktor des Forschungszentrums Ausländer- und Asylrecht (FZAA); maßgeblich beteiligter Wissenschaftler am Exzellenzkluster „Kulturelle Grundlagen der Integration“; seit 2016 Mitglied im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR).

 

28. November 2016: Migration als Komödie. Das dramaturgische Potenzial kultureller Konflikte in Spielfilm

Prof. Dr. Andreas Schreitmüller, ARTE und Universität Konstanz

Einwanderung und Integration werden im gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs, innerhalb und außerhalb der Medien, nahezu ausschließlich als Problem diskutiert. Es ist bei genauer Betrachtung daher umso bemerkenswerter, dass auf der anderen Seite ein nicht unbeträchtlicher Teil der Spielfilm-Produktionen, insbesondere der Filmkomödien, sich kulturelle Konfliktlinien zu Nutze macht, um wirkungsvolle Ausgangssituationen für spannende, witzige, emotionale Erzählkonstruktionen zu schaffen. Man könnte bei einer Überblicksdarstellung sogar fast den Eindruck gewinnen, dass der Zusammenprall inkompatibler kultureller Milieus (nicht nur zwischen Orient und Okzident!) ein konstitutives Merkmal namentlich des komödiantischen Genres, von der klischeetriefenden  Klamotte über die Romantic Comedy bis zur ätzenden Filmsatire darstellt. Und da Filme bekanntlich viel Geld kosten und die Investitionen mindestens wieder eingespielt werden sollten, kann es sich bei dieser thematischen Engführung nicht ausschließlich um gemeinnützige Aktionen wohlgesinnter Filmemacher handeln. Vielmehr muss es beim zahlenden Publikum offenkundig auch ein Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Fremden geben. Es scheint angebracht, den Mehrwert neuer kultureller Erfahrungen in Rechnung zu stellen und die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen nicht nur als anstrengend und problembehaftet, sondern auch als vergnüglich und bereichernd wahrzunehmen.

Andreas Schreitmüller, Prof. Dr., geboren 1956 in Konstanz, Abitur 1975 in Rottweil, 1975-1980 Studium der Linguistik an den Universitäten Konstanz und Manchester (Großbritannien), M.A. und Dr. phil. (Thema der Dissertation „Filmtitel“), 1980 – 1981 Lehrbeauftragter an der Jiao-Tong-Universität Shanghai (China), 1981 – 1983 Stellvertretender Leiter der Westdeutschen Kurzfilmtage und des Stadtkinos Oberhausen, 1984 – 1991 Redakteur beim Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF), Redaktion Das kleine Fernsehspiel, seit 1991 Leiter der Redaktion Fernsehfilm beim Europäischen Fernsehkulturkanal ARTE in Straßburg seit 1. November 2000 zusätzlich Leiter der Redaktion Spielfilm bei ARTE, seit 2000 Honorarprofessor für Medienwissenschaft an der Universität Konstanz. Orden Chevalier des Arts et Lettres des französischen Kulturministers, Mitglied der Europäischen Filmakademie, der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und der französischen Académie des Arts et Techniques du Cinéma. Deutscher Fernsehpreis 2011 und 2013. Koproduktion zahlreicher Spiel- und Fernsehfilmen, u.a. „Lola rennt“ (Tom Tykwer), „Gegen die Wand“ (Fatih Akin), „Good Bye, Lenin!” (Wolfgang Becker), „Die innere Sicherheit“ (Christian Petzold), „Jenseits der Stille“ (Caroline Link), „Das Leben der Anderen“ (Florian Henckel von Donnersmarck), „Die andere Heimat (Edgar Reitz), „Victoria“ (Sebastian Schipper). Veröffentlichungen u.a. „Filme aus Filmen - Möglichkeiten des Episodenfilms“ (Herausgeber, 1983), „Freispiele“ (Mitherausgeber, 1986), „Filmtitel“ (Autor, 1994), „Strukturwandel me­dialer Programme. Vom Fernsehen zu Multimedia“ (Mitherausgeber, 1999), „Alle Bilder lügen. Foto - Film - Fernsehen - Fälschung“ (Autor, 2005)

 

5. Dezember 2016: Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit

Prof. Dr. Wolfgang Benz, Technische Universität Berlin

Die Diskriminierung und Verfolgung von Sinti und Roma kulminierte im Völkermord unter nationalsozialistischer Ägide. Die Leiden der verfolgten und deportierten Sinti und Roma waren mit dem Ende des NS-Regimes nicht beendet. Die Diskriminierung dauerte mindestens bis in die 1970er Jahre. Die Ablehnung der Anträge auf Entschädigung wurde von den Behörden mit den gleichen rassistischen Vorurteilen begründet, die vom NS-Staat zur Bekämpfung der Minderheit benutzt wurden: „Zigeuner“ seien aus Veranlagung kriminell, ihre Internierung im Dritten Reich habe deshalb nur polizeilich notwendige vorbeugende Gründe gehabt, die Haftbedingungen seien harmlos gewesen und die Verfolgung habe sie weniger geschmerzt als andere Menschen. Vom Genozid wollten Politiker, Behörden, Gutachter, Mitbürger nichts wissen. Erst spät gaben Gerichte den Klagen von Sinti und Roma auf Entschädigung recht.
Mit der Zuwanderung von Roma werden Ängste geschürt und Gefahren beschworen, die uns durch Migration angeblich drohen. Vorurteile und Feindbilder, die pauschal auf alle Roma aus Südosteuropa projiziert werden, sind Gründe zur Ausgrenzung und Diskriminierung. Und wer angesichts bettelnder Kinder und Frauen von deren Menschenwürde spricht,  muss sich naiv nennen lassen.
Die Angehörigen der autochthonen Minderheit deutscher Sinti und Roma treten für die Mehrheit der Deutschen dagegen kaum in Erscheinung. Sie sind integriert, wohnen und arbeiten so unauffällig wie ihre Nachbarn, geben sich nicht zu erkennen, weil sie das Stigma fürchten, wenn sie sich als „Zigeuner“ outen. Einige Musiker und Sportler haben es getan, nachdem sie Prominentenstatus erreicht hatten und keine Schmähung und keinen Karrierenachteil mehr fürchten mussten.
Das Verhältnis der größten ethnischen Minderheit Europas zur jeweiligen Mehrheit wird durch Traditionen, überlieferte Ressentiments, Legenden, Bilder bestimmt. Dazu kommt eine neue visuelle Wahrnehmung: Roma-Zuwanderer aus Südosteuropa werden als „aggressive Bettler, als Sozialschmarotzer gesehen. Dies nährt den Antiziganismus.

Aufzeichnung der Vorlesung

Wolfgang Benz, Historiker, bis März 2011 Professor und Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, Gastprofessuren u.a. in Australien, Bolivien, Nordirland, Österreich und Mexiko, zahlreiche Publikationen zur deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, zu Nationalsozialismus, Antisemitismus und Problemen von Minderheiten, zuletzt: Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet (München 2012), Theresienstadt. Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung (München 2013), Sinti und Roma: Die unerwünschte Minderheit. Über das Vorurteil Antiziganismus (Berlin 2014); Der Widerstand gegen Hitler (München 2014), Herausgeber mehrerer Buchreihen, Mitglied im P.E.N.

 

12. Dezember 2016: Integrationskonzepte und -erfahrungen mit Migranten (mit besonderer Betonung der Mariel-Bootkrise)

Prof. Michael Burda Ph.D., Humboldt-Universität zu Berlin

Die schlagartige Zunahme der Wanderung nach Deutschland im Jahr 2015 hat große politische Spuren hinterlassen – aber wie ist dieses Jahr ökonomisch und wirtschaftspolitisch zu beurteilen? Ein sehr prominentes Beispiel aus der neueren Geschichte der USA, die Mariel Bootskrise, kann Abhilfe zur Beantwortung dieser schwierigen Frage schaffen. Vor mehr als 35 Jahren gab es ein "natürliches Experiment" – 125.000 Menschen wurden durch die damalige kubanische Regierung vom Großhafen Mariel in Booten "entlassen" und haben sich als Geflüchtete in Miami niedergelassen. In den folgenden Jahrzehnten kann beobachtet werden, wie ein bekanntlich flexibler Arbeitsmarkt mit einer 7%-ige Zunahme der Erwerbsbevölkerung fertig geworden ist – und welche Folgen daraus zu ziehen sind. Die Diskussion der wissenschaftlichen Ergebnisse ist höchst kontrovers und immer noch nicht endgültig entschieden, hat jedoch weitreichende Bedeutung für eine sachliche Diskussion über die Auswirkungen der Einwanderung hierzulande.

Aufzeichnung der Vorlesung

9. Januar 2017: Vom Sein zum Werden – Wie Symmetrie verschwindet und Struktur entsteht

Prof. Dr. Stephan Herminghaus, Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen

Warum gibt es überhaupt Struktur im Universum? Oder, um es in die Form einer der ältesten Fragen der Philosophie zu gießen: warum ist überhaupt irgendetwas, warum ist nicht einfach nichts? In der Tat sind die Mechanismen, die zur Bildung von Strukturen führen, zwar oft sehr komplex, lassen sich in vielen Aspekten aber auch recht gut verstehen und auf einfache Grundmuster zurückführen. Wir unternehmen eine kleine Reise durch die Physik der Strukturbildung und versuchen, etwas Ordnung in die große Vielfalt zu bringen.

Aufzeichnung der Vorlesung

Stephan Herminghaus studierte Physik und Bildende Kunst in Mainz, wo er auch 1989 in Physik promovierte. Nach einem Aufenthalt als Postdoc bei IBM in San Jose war er bis 1995 Assistent bei Paul Leiderer an der Universität Konstanz. 1996 übernahm er die Leitung einer unabhängigen Max-Planck-Forschungsgruppe am MPI für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Berlin-Adlershof und wurde 1999 Ordentlicher Professor und Leiter der Abteilung Angewandte Physik an der Universität Ulm. Seit 2003 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen und Honorarprofessor an der Universität Göttingen.

 

16. Januar 2017: Statistische Mechanik des Verkehrsstaus – Die Wissenschaft vom Stillstand

Prof. Dr. Michael Schreckenberg, Universität Duisburg-Essen

Seit über 50 Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft ernsthaft mit dem Thema "Stau". Ob Fahrzeuge, Menschen, Tiere oder Mikroben, überall wo sich viele ähnliche Objekte zur selben Zeit am selben Ort in dieselbe Richtung bewegen wollen, tritt er auf. Oft ohne erkennbaren Grund und plötzlich ("Stau aus dem Nichts"). In der Zwischenzeit sind manche Rätsel gelöst, anderes aber bleibt trotz großer Anstrengungen auch weiterhin mysteriös und unerklärlich.
Zudem hat jeder Verkehrsteilnehmer seine eigenen Theorien und Strategien zur Bewältigung von Staus, was am Ende oft zu überraschenden Ergebnissen führt. Mit Informationen, Telematik und Navigation versucht die Technik dem Stau zu entrinnen – oft verbunden mit neuem Ungemach. Der Vortag versucht, den heutigen Stand der Erkenntnisse rund um Verkehr und Stau aus Sicht der Physik zu vermitteln und daraus mögliche Zukunftsszenarien zu entwerfen.

Aufzeichnung der Vorlesung

Michael Schreckenberg, geboren 1956 in Düsseldorf, studierte Theoretische Physik an der Universität zu Köln, wo er 1985 in Statistischer Physik promovierte und sich 1991 habilitierte. 1994 wechselte er zur Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr erhielt. Seit fast 25 Jahren arbeitet er an der Analyse, Modellierung, Simulation und Optimierung von Transportsystemen in großen Netzwerken, dabei besonders an Straßen- und Personenverkehr und am Einfluss von menschlichem Verhalten darauf. Dabei stehen die Möglichkeiten der Kommunikation und Vernetzung, die Perspektiven autonomen Fahrens, die Reaktionen von Verkehrsteilnehmern auf Informationen, die Entwicklung individueller Navigationsgeräte sowie die Zukunft der Mobilität überhaupt in einer zunehmend digital(isiert)en Welt momentan im Vordergrund.

 

23. Januar 2017: Erdbeobachtung durch Tiere: ein globales Netzwerk intelligenter Sensoren

Aufzeichnung der Vorlesung

Prof. Dr. Martin Wikelski, Universität Konstanz 

30. Januar 2017: Jahresgutachten 2016/17 des Sachverständigenrates

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt, RWI Essen

Mitte November eines jeden Jahres übergibt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, dessen Vorsitz Prof. Dr. Christoph M. Schmidt seit dem Jahr 2013 innehat, der Bundesregierung sein aktuelles Jahresgutachten.
Neben einer ausführlichen Darstellung der konjunkturellen Lage in Deutschland und der Welt sowie deren absehbarer Entwicklung beleuchtet das Jahresgutachten jeweils Themen, die in jüngster Zeit von besonderer Bedeutung für die Wirtschaftspolitik waren. Dabei soll der Sachverständigenrat gemäß seinem gesetzlichen Auftrag untersuchen, wie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wachstum gewährleistet werden können.
Der Vortrag stellt in prägnanter Form die wichtigsten wirtschaftspolitischen Analysen und Schlussfolgerungen aus dem aktuellen Jahresgutachten dar und beschreibt den Zustand der deutschen Volkwirtschaft sowie die Herausforderungen, denen sich diese mittel- bis langfristig gegenübersieht.

Christoph M. Schmidt, geb. 1962, studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, wurde an der Princeton University promoviert und habilitierte sich 1995 an der Universität München. Seit 2002 ist er Präsident des RWI Essen und Professor an der RUB. Zum März 2009 wurde Christoph M. Schmidt in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen, seit März 2013 ist er dessen Vorsitzender. Seit 2013 ist er Vorsitzender des Kuratoriums des Max-Planck-Instituts für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen in München, seit 2014 ist er zudem Mitglied des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Seit Juni 2011 ist er Mitglied bei acatech. Seit Juni 2016 ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Fritz-Thyssen-Stiftung.

13. Februar 2017: Neue Architektur in Applikationen, digitale Prozesse in der Logistik sowie Cloud Anwendungen mit SAP S/4 HANA

Holger Herrmann, SAP AG

Diverse Innovationen werden thematisiert und veranschaulicht:

- Innovationen in der Business Welt verändern die Architektur (Hauptspeicher-
   banken, HANA, neue Anwendungsarchitektur), anhand konkreter Beispiele.
- Darstellung konkreter Innovationen anhand des neuen Produkts S/4 HANA.
- Cloud als neue Option für Nutzung und Betrieb von Software, Darstellung ver-
   schiedener Anwendungsbeispiele auf Basis der Cloud Architektur (Analytics,
   Kollaboration Szenarien)

Zur Veranschaulichung werden betriebswirtschaftliche, logistische Prozesse der Bestandsführung, der Materialplanung und der Verfügbarkeitsprüfung bei der Auftragserfassung herangezogen; sie bilden den  Schwerpunkt des Vortrags. 

Holger Herrmann, Senior Vice President, Development Head of Product & Innovation, SAP S/4HANA Produce. Holger Herrmann kam 1990 als Entwickler für die Materialbedarfsplanung zu SAP. Er war für die Entwicklung der Automotive-Industry-Lösung, für den Bereich Manufacturing und für die Logistikentwicklung bei SAP Business ByDesign verantwortlich. Mit seiner umfassenden und branchenübergreifenden Erfahrung in den Bereichen ERP, Logistik und Supply Chain gilt er in der SAP-Produktentwicklung als Vordenker. Holger Herrmann leitet einen Bereich in der SAP S/4HANA Produktentwicklung für logistische Anwendungen

 

Rückblick Wintersemester 2014/2015:
„Die Entstehung des Neuen“ – Mitschnitte und Abstracts

Von Geld, Freiheit und Atombomben: Kaum vorhersehbar, aber immer wieder entsteht im Lauf der Geschichte Neues. Die Auswirkungen auf künftige gesellschaftliche Entwicklungen sind nicht absehbar. 

 

20. Oktober 2014: Die Erfindung des Geldes

Prof. Dr. Gottfried Gabriel, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Informationen über „Die Erfindung des Geldes“

Mitschnitt von „Die Erfindung des Geldes“

27. Oktober 2014: Die Entstehung komplexer Zellen aus Mikroben: Voraussetzung für die Evolution von höherem Leben auf der Erde

Prof. Dr. Helmut Plattner, Universität Konstanz

Informationen über „Die Entstehung komplexer Zellen aus Mikroben“

Mitschnitt von „Die Entstehung komplexer Zellen aus Mikroben“

3. November 2014: „Während dieses Jahrzehnts entstand beinahe ein neues Zeitalter“ – Revolutionärer Wandel in der Frühzeit der Reformation

Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Universität Göttingen

Informationen über „Revolutionärer Wandel in der Frühzeit der Reformation“

Mitschnitt von „Revolutionärer Wandel in der Frühzeit der Reformation“

10. November 2014: Warum die Menschen sesshaft wurden

Prof. Dr. Josef Reichholf, Zoologische Staatssammlung München

Informationen über „Warum die Menschen sesshaft wurden“

17. November 2014: Freiheit als Aufgabe. Zur Begründung der Ethik in der Moderne

Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Universität Freiburg

Informationen über „Freiheit als Aufgabe“

Mitschnitt von „Freiheit als Aufgabe“

24. November 2014: Die Geburt der Oper aus dem Geist des Stegreiftheaters, oder: Was ist das Neue an der dramatischen Musik um 1600?

 Prof. Dr. Silke Leopold, Universität Heidelberg

Informationen über „Was ist das Neue an der dramatischen Musik um 1600?“

Mitschnitt von „Was ist das Neue an der dramatischen Musik um 1600?“

1. Dezember 2014: Die Problematisierung der Schuld – Zum Strafrechtsdiskurs der Aufklärung

Prof. Dr. Klaus Oettinger, Universität Konstanz

Informationen über „Die Problematisierung der Schuld“

Mitschnitt von „Die Problematisierung der Schuld“

8. Dezember 2014: Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande – Die Eroberung der Kontinente durch das Leben

Prof. Dr. Max von Tilzer, Universität Konstanz

Informationen über „Die Eroberung der Kontinente durch das Leben“

Mitschnitt von „Die Eroberung der Kontinente durch das Leben“

15. Dezember 2014: Entstehung des Neuen in der Natur – Aktuelle Kontroversen zwischen Theologie und Naturalismus

Dr. Heinz-Hermann Peitz, Katholische Akademie Stuttgart

Informationen über „Entstehung des Neuen in der Natur“

12. Januar 2015: Gravitation und die Entstehung neuer physikalischer Wirklichkeiten

19. Januar 2015: Die Atombombe und die Zukunft des Krieges

26. Januar 2015: Kann man das Neue denken? Über Segen und Fluch der Topoi

Prof. Dr. Aleida Assmann, Universität Konstanz

Mitschnitt von „Kann man das Neue denken?“