Das Audimax der Universität Konstanz
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Brücken schlagen: Das Studium Generale

Die Universität Konstanz bietet nicht nur ihren Studierenden ein breites Lehrangebot, sondern vermittelt Wissenschaft auch an die Öffentlichkeit.

Was behandeln die Vorträge?

Eine Reihe von Vorträgen beleuchtet ein aktuelles Rahmenthema aus naturwissenschaftlicher, kultureller, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht. Fachleute aus unterschiedlichen Fachrichtungen erschließen Ihnen wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem neuesten Stand der Forschung.

Wann finden die Vorträge statt?

Die Themen des Studium Generale Wintersemester 2017/18

23. Oktober 2017: Analyse und Visualisierung politischer Kommunikation. - Das Beispiel der Schlichtung zu Stuttgart 21 -

Prof. Dr. Miriam Butt, Prof. Dr. Katharina Holzinger, Universität Konstanz

Miriam Butt und Katharina Holzinger werden Ergebnisse aus einem großen Forschungs-projekt zur Analyse und Visualisierung politischer Kommunikation vorstellen. Das Projekt „VisArgue“ verfolgte die Zielsetzung, automatische Verfahren zur Analyse politischer Kommunikation zu entwickeln, die Rückschlüsse auf das Ausmaß und die Effekte von Argumentation in Verhandlungen zwischen Bürgern und Staat erlauben.
Gegenstand des Projekts sind neue Formen der Bearbeitung von Konflikten zwischen Politik, Verwaltung und Bürgern. Seit einiger Zeit werden konsens-orientierte und deliberative (= abwägende und argumentierende) Verfahren erprobt, wie Mediationen, Dialoge oder Bürgerforen. Die Forschung zu diesen demokratischen Innovationen hat sich bisher allerdings kaum mit der deliberativen Kommunikation selbst befasst.
Hier setzt das Projekt „VisArgue“ an: Wir haben am Beispiel der Schlichtung zu „Stuttgart 21“ (S21) unmittelbar an den Äußerungen in Dialog untersucht, welche Rolle Argumentation und Rhetorik, gegenseitiger Respekt und ausgleichende Verhaltensweisen in einer Verhandlung über ein hoch konfliktives Thema spielen können, und ob sie die (Nicht-) Einigung beeinflusst haben.
Unser Ziel war dabei allerdings nicht nur, die Schlichtung zu S21 zu analysieren – das könnte man auch durch einfache Lektüre und Interpretation erreichen. Unser Ziel war es, ein breit verwendbares computer-gestütztes Instrument zu entwickeln, das eingesetzt werden kann, um das Ausmaß der Argumentation und Deliberation von politischen Dialogen festzustellen. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Schwerpunktprogramms „eHumanities“ gefördert und an der Universität Konstanz durchgeführt. Projektverantwortliche waren Prof. Dr. Miriam Butt (Linguistik), Prof. Dr. Katharina Holzinger (Politikwissenschaft) und Prof. Dr. Daniel Keim (Informatik).

Prof. Dr. Katharina Holzinger hat seit 2007 eine Professur für Internationale Beziehungen und Konfliktmanagement an der Universität Konstanz inne. Zuvor war sie Professorin für Regierungslehre und Direktorin am Centrum für Globalisierung und Governance an der Universität Hamburg. Sie studierte Politikwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur, Linguistik und Logik an der Universität München und promovierte an der Universität Augsburg. Nach Stationen am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kollektivgütern Bonn und am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz habilitierte sie an der Universität Bamberg. Ihre gegenwärtigen Forschungsschwerpunkte umfassen die Analyse von Argumentation in politischen Verhandlungen, differenzierte Integration in Europa und traditionale Regierungsformen in Afrika.

Prof. Miriam Butt received her PhD in 1994 from Stanford University.  After
working at the Universities of Tübingen, Stuttgart, Konstanz and at UMIST,
Manchester as a researcher and lecturer, in 2003 she took up a professorship for
general and computational linguistics at the University of Konstanz.  She is
interested in theories and architectures of grammars and has mostly worked on
morphosyntactic phenomena from South Asian languages and how they interface with semantics, discourse interpretation and prosody.  In recent years, she has
engaged in multidisciplinary cooperations with Computer Science and Political
Science and has been working on Visual Analytics for linguistic structure
(LingVis) on two major areas: 1) historical language change; 2) the linguistic
cues and strategies used in political argumentation.

 

 

06. November 2017: Die Streifen des Zebrafisches: Wozu und wie entsteht Schönheit bei Tieren?

Prof. Dr. Christiane Nüsslein-Volhard, Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, Tübingen

Farbmuster sind Merkmale, die bei der Kommunikation zwischen Tieren eine wichtige Rolle spielen. Sie dienen der Erkennung des Artgenossen bei der Schwarmbildung, der Werbung um Sexualpartner und der Revierbildung, sowie der Tarnung oder Täuschung und bieten damit wichtige Merkmale für die Selektion bei der Artentstehung, der Evolution. Fische haben besonders schöne und vielfältige Farbmuster, die durch die mosaikartige Verteilung verschieden gefärbter Pigmentzellen in der Haut zustande kommen. Wie werden diese Muster während der Entwicklung gebildet? Welche Gene sind für die Vielfalt und die Evolution der Farbmuster der Wirbeltiere verantwortlich? Wir untersuchen die Farbmusterbildung beim Zebrafisch Danio rerio, der sich besonders gut für die biologische Forschung eignet. Das Farbmuster besteht aus regelmäßigen goldenen und blauen Streifen, die während der Metamorphose in der Haut des wachsenden Fisches gebildet werden. Es können genetische Mutanten mit geändertem Muster erzeugt werden, die erlauben, die Gene aufzuspüren, die wichtige Rollen bei dem Prozess spielen. Seine Entwicklung erfolgt außerhalb des mütterlichen Organismus und moderne mikroskopische Verfahren erlauben, die Wanderungen der Pigmentzellen bei dem Prozess der Streifenbildung zu verfolgen. Die Pigmentzellen entstammen Stammzellen der Neuralleiste, von der aus sie in die Haut des Fisches wandern um sich dort in übereinanderliegenden Schichten in einem Selbstorganisationsprozess in Streifen zu assortieren. Dabei sind direkte Zellkontakte beteiligt, bei denen auch elektrische Signale zwischen Zellen ausgetauscht werden, ein bisher unverstandener neuartiger Mechanismus der biologischen Musterbildung. Schließlich gibt es eine Reihe von nah verwandten Arten, deren Farbmuster stark variieren, ein faszinierendes System, um mit neuen Verfahren des Gen-editings (Crispr/Cas9) die genetische Grundlage der morphologischen Evolution zu untersuchen.

Christiane Nüsslein-Volhard ist emeritierte Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Sie studierte Biologie, Physik und Biochemie in Frankfurt und Tübingen (Diplom Biochemie, Dr. rer nat. Genetik 1973), war Postdoktorandin in Basel und Freiburg, Gruppenleiterin am EMBL, Heidelberg und dem FML der Max-Planck-Gesellschaft in Tübingen und seit 1985 Direktorin am MPI für Entwicklungsbiologie. Seit 2014 leitet sie eine Emeritusgruppe, die über die Bildung von Farbmustern bei Fischen forscht.

Ihre Forschungen galten der genetischen Analyse der Entwicklung bei Tieren, der Fliege Drosophila melanogaster und dem Zebrafisch Danio rerio. Für ihre Entdeckungen von Genen, die die Entwicklung von Tier und Mensch steuern, sowie den Nachweis von gestaltbildenden  Gradienten im Fliegenembryo hat sie zahlreiche Auszeichnungen erhalten; 1995 den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie. Seit 2013 ist sie Kanzlerin des Ordens pour le mérite.

 

13. November 2017: Die Schöne und das Biest. Warum interessiert sich die Philosophie für Tiere?

Prof. Dr. Markus Wild, Universität Basel

Es gibt eine berühmte Stelle bei Immanuel Kant, an der er erklärt, wie die drei grundsätzlichen Fragen der Philosophie lauten. Sie lauten: „Was kann ich wissen?“ (Erkenntnistheorie), „Was soll ich tun?“ (Ethik), „Was darf ich hoffen?“ (Religion). Allerdings bemerkt Kant, dass diese drei Fragen letztlich auf eine grundlegende Frage verweisen, nämlich: „Was ist der Mensch?“. Offenbar bildet Kant zufolge die Anthropologie, die Lehre vom Menschen, das Herz der Philosophie. Tatsächlich steht die Frage nach dem Menschen seit der Antike im Zentrum der Philosophie. Insbesondere die Philosophie der Neuzeit stellt den Menschen immer mehr in den Vordergrund. Im Schatten der Frage, was der Mensch sei, läuft aber stets das Tier mit, denn in der Philosophiegeschichte wird jene Frage stets in der Abgrenzung zum Tier beantwortet: der Mensch ist das Tier plus X (und entsprechend ist das Tier der Mensch minus X). Zum Beispiel gilt der Mensch als Tier, das Vernunft hat oder als Tier, das Moral hat. Man könnte also so weit gehen und behaupten, dass der Mensch-Tier-Unterschied die Grundunterscheidung der Philosophie darstellt. Zum Beispiel stellen sich Philosophen die Frage, was Wissen sei, was Moral sei, was Gott sei. Dabei wird vorausgesetzt, dass Tiere weder über Wissen, noch über Moral oder Religion verfügen. Insbesondere versteht sich die Philosophie selbst als höchster Ausdruck der Vernunft der Menschen, sie ist der Inbegriff der Rationalität. Auch der Gedanke, dass der Mensch vor allem anderen ein vernünftiges, ein rationales Lebewesen sei oder sein solle, verdankt sich der Abgrenzung zum Tier. Aus diesem Grund also interessiert sich die Philosophie für das Tier. – In meinem Vortrag werde ich zuerst den Gedanken stark machen, dass der Mensch-Tier-Unterschied eine Grundunterscheidung der Philosophie darstellt. Dann werde ich argumentieren, dass die Philosophie heute gut daran täte, diesen Unterschied kritisch zu hinterfragen. Im Lichte dessen, was wir über Tiere wissen, scheint es schwierig zu sein, ihnen Wissen oder Moral schlichtweg abzustreiten. Zum Abschluss werde ich fragen, was wir über Tiere wissen können, was wir mit Tieren tun sollen und was wir für sie hoffen dürfen.

Markus Wild (*1971) ist seit 2013 Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Basel. Er hat in Zürich, Berlin und Fribourg gelehrt. Er forscht zur Philosophie der Neuzeit, zur Philosophie des Geistes und zur Tierphilosophie. Als nationaler Forschungsrat vertritt er die Anliegen der Philosophie im Schweizer National Fonds, er setzt sich ein für die Entwicklung der Digital Humanities an den Schweizer Universitäten, und er tritt öffentlich für Tierrechte ein. Zu seinen Publikationen gehören „Der Geist der Tiere“ (2005, hrsg. mit D. Perler), „Die anthropologische Differenz (2006), „Tierphilosophie zur Einführung“ (2013, 3. Auflage), „Philosophie der Verkörperung“ (2014, hrsg. mit R. Hufendiek und J. Fingerhut), „Tierethik zur Einführung“ (2016, mit H. Grimm). Weitere Infos und Texte finden sich hier: http://unibas.academia.edu/MarkusWild

 

20. November 2017: Was macht Stress mit unserem Gehirn?

Prof. Dr. Jens Pruessner, Universität Konstanz

Stress ist ein häufig verwendeter Begriff, dessen Bedeutung allerdings erstaunlich vielschichtig ist. Eine Mehrheit der Bevölkerung bezeichnet sich als gestresst, ohne dass einheitliche Ursachen zugrunde liegen, oder vergleichbare Folgen zu beobachten sind.

Stressoren setzen eine Vielzahl von psychischen, physiologischen und endokrinologischen Prozessen in Gang, die der Energiebereitstellung und der Bewältigung von belastenden Situationen dienen. Der Freisetzung des Stresshormons Cortisol beim Menschen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Als Steroidhormon kann es die Blut-Hirn Schranke überwinden und direkt im zentralen Nervensystem an Glukokortikoidrezeptoren binden, was mit akuten emotionalen und kognitiven Effekten in Verbindung gebracht wird. Die langfristigen Folgen von erhöhtem (chronischem) Stress werden dabei intensiv untersucht und diskutiert. Im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass langfristige Stresshormonausschüttung mit Gedächtnisverlust, Abbau von Nervenzellen und erhöhtem Demenzrisiko verbunden ist. Beim Menschen ist das Bild differenzierter: Die Effekte auf das Gedächtnis sind abhängig von den mit Stress verbundenen Gedächtnisprozessen, und die Beeinträchtigung der Nervenzellen auch nach massiver Stresshormonfreisetzung scheint temporär, und zumindest nicht primär mit Zellverlust assoziiert.

Generell führt Stress zu einer deutlichen und nachhaltigen Veränderung der Aktivität des zentralen Nervensystems, was sich mit Hilfe von funktionellen Bildgebungsstudien zeigen lässt. Die Bedeutung dieser Aktivitätsveränderungen in unterschiedlichen Arealen des zentralen Nervensystems ist dabei ebenfalls Gegenstand einer Vielzahl von Untersuchungen, die helfen sollen, die Verbindung von Stress zu psychischen Störungen oder Erkrankungen des zentralen Nervensystems zu zeigen. Mit Hilfe von funktionellen Bildgebungsstudien kann weiterhin die Effektivität von akuten Interventionen und Stressprävention direkt nachgewiesen werden.

Zusammenfassend lässt sich eine Vielzahl von akuten und chronischen Stresseffekten im zentralen Nervensystem nachweisen. Die Stressforschung kann uns dabei helfen, diese Effekte besser zu verstehen, und als Folge besser mit stressvollen Situationen umzugehen.

 

27. November 2017: Wissenschaftliche Alternativmethoden zum Tierversuch

Prof. Dr. Marcel Leist, Universität Konstanz

Tierversuche führten zu wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber wie jeder Forschungsansatz haben sie Schwächen und Nachteile. Darunter fallen die Übertragbarkeit der Daten auf den Menschen, hohe Kosten und ethische Bedenken. Deshalb gibt es seit 20-30 Jahren erfolgreiche Entwicklungen von alternativen und komplementären Forschungsansätzen. Diese haben die meisten Tierversuche bei der Arzneistoffentwicklung ersetzt, und werden heute zu 100% bei der Testung lokaler Schädigungen durch Chemikalien oder bei verschiedenen Qualitätskontrollen von Arzneimitteln, Impfstoffen und Nahrungsmitteln eingesetzt. Das Spektrum dieser ‚Alternativmethoden‘, von der Europäischen Chemikalienbehörde auch NAM (New Assessment Methods) genannt, umfaßt Computersimulationen, Zellkulturen, ganze im Labor erzeugte Gewebe, und einfache Modellorganismen (wie Zebrafischembryonen), die nicht unteres Tierversuchsgesetz fallen. Ein Teil des Forschungsfelds, wie auch die Labors in Konstanz, arbeitet ausschließlich mit menschlichen Zellen, um Patienten-relevante medizinische und toxikologische Vorhersagen zu machen. Eine wichtige Quelle für menschliche Zellen sind Stammzellen, aus denen sich alle anderen Zelltypen erzeugen lassen. In den Labors in Konstanz, werden z.B. Nervenzellen und Nervengewebe für toxikologische und pharmakologische Testungen hergestellt. Im Vortrag soll ein breiter Überblick darüber gegeben werden, wie modernste biologische Erkenntnisse verwendet werden tierversuchsfreie Teststrategien zu entwickeln, und Beispiele sollen illustrieren wo diese erfolgreich eingesetzt werden, wo die derzeitige Forschung steht und bisher klare Grenzen bestehen.

Der Toxikologe Marcel Leist hält derzeit den Lehrstuhl für in vitro Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz. Er studierte Biochemie in Tübingen und Toxikologie an der University of Surrey in Guildford (1989). Dort kam er früh mit dem sich gerade entwickelnden Feld der Zelltod (Apoptose)-forschung in Berührung und promovierte danach über Leberzelltod (Hepatitis) bei Albrecht Wendel in Konstanz. Nach einer Postdoc-Zeit mit Forschung an anti-oxidativen Enzymen und Vitaminen am deutschen Institut für Ernährung (DIFE) in Potsdam und am Karolinska Institut in Stockholm kehrte er zur Habilitation nach Konstanz zurück. Die dortigen Arbeiten zur Neurotoxikologie und Apoptose, zusammen mit Pierluigi Nicotera, warfen für Leist die Frage auf, inwieweit sich die Befunde praktisch anwenden ließen. Um dem nachzugehen, arbeitete er sechs Jahre (2000-2006) in der pharmazeutischen Industrie (Firma H. Lundbeck A/S in Kopenhagen), um Arzneistoffe für neurodegenerative Krankheiten zu entwickeln. Ab 2006 übernahm er dann den ersten Lehrstuhl in Deutschland für die Entwicklung vom Alternativmethoden zum Tierversuch. Im Rahmen dieses, von der Doerenkamp-Zbinden-Stiftung geförderten, und an der Universität Konstanz angesiedelten, Stiftungslehrstuhls fokussierte sich die Forschung stark darauf, Testmethoden zu entwickeln, die Neuro- und Reproduktionstoxizität vorhersagen.

 

04. Dezember 2017: Spuren und Muster in der Geschichte

Prof. Dr. Jürgen Osterhammel, Universität Konstanz

Historiker tun gut daran, sich mit Spezialproblemen zu beschäftigen und überschaubare Geschichten zu erzählen. Darin liegt ihre Stärke, und dies ist ihre tägliche Arbeit. Ein breiteres Publikum erwartet allerdings zusätzlich auch allgemeinere Deutungsangebote, wie sie von anderen Fächern - etwa den Sozialwissenschaften - mit weniger Vorsicht und Skrupeln offeriert werden. Gerade von Historikern wird oft verlangt, dass sie aus der Kenntnis der Vergangenheit gewissermaßen durch Linienverlängerung Prognosen für die Zukunft ableiten. Aus guten Gründen verweigern sich Historiker meist einem solchen Ansinnen.
Damit ist der Orientierungsbedarf des Publikums allerdings nicht verschwunden. Wenige große Geschichtsdenker und viele Autoren von fragwürdiger Seriosität füllen die Lücke: in welche dieser beiden Kategorien jemand gehört, entscheidet meist erst die Nachwelt. Das berechtigte Interesse an Sinnstiftung erklärt die große Popularität von Büchern, die beanspruchen, nicht nur einzelne Spuren, sondern umfassende Muster in der Vergangenheit zu erkennen.
Der Vortrag, von einem eher empirisch arbeitenden Historiker stammend, entwirft keine eigene Theorie der Weltgeschichte. Er diskutiert einige Probleme, die mit einer solchen Theorie verbunden sind. Den Ausgangspunkt bilden Überlegungen zu drei Autoren aus drei Jahrhunderten. Wir beginnen mit einem Jubilar des Jahres 2018: Jacob Burckhardt (1818-1897), dem Autor der Weltgeschichtlichen Betrachtungen (entstanden 1868-73) und einem der wenigen wahren Klassiker der historischen Diagnose. Dann soll es um den heute weithin vergessenen Arnold J. Toynbee (1889-1975) gehen, dessen zwölfbändiges Werk A Study of History (1934-61) keineswegs reine Materialhuberei ist, sondern eine erneute Diskussion verdient. Schließlich soll Yuval Noah Harari (geb. 1976) kommentiert werden, dessen Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit (2015) manche Besucher der Ringvorlesung vermutlich gelesen haben. Er ist der gegenwärtig erfolgreichste Produzent historischer Sinnstiftung und verdient schon allein wegen seines immensen Einflusses eine kritische Betrachtung.

Jürgen Osterhammel promovierte 1980 in Geschichte an der Universität Kassel. 1990 habilitierte er sich für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg i.Br.
Nach Professuren an der FernUniversität Hagen und am Institut Universitaire de Hautes Études Internationales (Genf) ist er seit 1999 Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt 19. und 20. Jahrhundert an der Universität Konstanz. Seine Arbeitsthemen liegen in der internationalen, globalen und vergleichenden Geschichte mit einem besonderen Akzent auf der Geschichte der Beziehungen zwischen Europa und Asien.
2010 erhielt er den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2017 wurde er in den Orden Pour le Mérite gewählt.
Letzte Buchveröffentlichung: Die Flughöhe der Adler. Historische Essays zur globalen Gegenwart, München: C.H. Beck 2017.

11. Dezember 2017: Aktive vs. passive Anlagephilosophie - psychologische Fallstricke

Prof. Dr. Martin Weber, Universität Mannheim

Investoren (oder ihre Vermögensverwalter bzw. Fondsmanager) können am Aktienmarkt entweder aktiv handeln oder die Aktienmärkte der Welt durch Investition in Indices passiv abbilden. Ziel des aktiven Handelns ist es, eine bessere Rendite bezogen auf das eingegangene Risiko als beim passiven Ansatz zu erreichen. Im Vortrag wird gezeigt, dass ein Privatanleger besser die passive Strategie verfolgen sollte. Durch aktives Handeln kann man nicht erwarten eine Überrendite zu erzielen und ist gleichzeitig anfällig für eine Fülle von psychologischen Fallstricken.

 

08. Januar 2018: Jahresgutachten 2017/18 des Sachverständigenrates

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt, RWI Essen

Mitte November eines jeden Jahres übergibt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, dessen Vorsitz Prof. Dr. Christoph M. Schmidt seit dem Jahr 2013 innehat, der Bundesregierung sein aktuelles Jahresgutachten.
Neben einer ausführlichen Darstellung der konjunkturellen Lage in Deutschland und der Welt sowie deren absehbarer Entwicklung beleuchtet das Jahresgutachten jeweils Themen, die in jüngster Zeit von besonderer Bedeutung für die Wirtschaftspolitik waren. Dabei soll der Sachverständigenrat gemäß seinem gesetzlichen Auftrag untersuchen, wie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig Stabilität des Preisniveaus, hoher Beschäftigungsstand und außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wachstum gewährleistet werden können.
Der Vortrag stellt in prägnanter Form die wichtigsten wirtschaftspolitischen Analysen und Schlussfolgerungen aus dem aktuellen Jahresgutachten dar und beschreibt den Zustand der deutschen Volkwirtschaft sowie die Herausforderungen, denen sich diese mittel- bis langfristig gegenübersieht.

Christoph M. Schmidt, geb. 1962, studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, wurde an der Princeton University promoviert und habilitierte sich 1995 an der Universität München. Seit 2002 ist er Präsident des RWI Essen und Professor an der RUB. Zum März 2009 wurde Christoph M. Schmidt in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen, seit März 2013 ist er dessen Vorsitzender. Seit 2013 ist er Vorsitzender des Kuratoriums des Max-Planck-Instituts für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen in München, seit 2014 ist er zudem Mitglied des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Seit Juni 2011 ist er Mitglied bei acatech. Seit Juni 2016 ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Fritz-Thyssen-Stiftung.

15. Januar 2018: Formen des Vergessens

Prof. Dr. Aleida Assmann, Universität Konstanz

Wie kann man über das Vergessen sprechen, wo es sich doch weitgehend unbewusst vollzieht? Ist nicht das  zentrale Merkmal des Vergessenen seine Entzogenheit und Unzuglänglichkeit? Umberto Eco hat schon 1988 kurzen Prozess mit diesem Thema gemacht. Auf die Frage, ob es so etwas wie eine Kunst oder Theorie des Vergessens geben könnte, hat er 1988 geantwortet: ‚Forget it!’ So will ich es mir aber nicht machen, denn das Vergessen ist nicht nur der Gegner sondern auch der Komplize des Erinnern. Erinnern und Vergessen sind keine trennscharfen Begriffe; sie greifen ineinander und sie setzten sich gegenseitig voraus. In der Vorlesung wird es um individuelle, soziale und politische Praktiken des Vergessens gehen, sowie um deren Bewertung in unterschiedlichen historischen Kontexten. Ein wichtiges Thema wird dabei auch der Strukturwandel von Erinnern und Vergessen unter den Bedingungen des digitalen Medienwandels sein.

Aleida Assmann, Studium der Anglistik und Ägyptologie; von 1993-2014 Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zahlreiche Fellowships (Wissenschaftskolleg zu Berlin, Aby-Warburg-Haus Hamburg) sowie Gastprofessuren an den amerikanischen Universitäten. Forschungsthemen: Semiotik und Hermeneutik, individuelles und kulturelles Gedächtnis, Gewalt, Trauma und vergleichende Geschichtspolitik. Aktuelle Publikationen: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur (2013); Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Niedergang des Zeitregimes der Moderne (2013), Im Dickicht der Zeichen (2015), Formen des Vergessens (2016), Menschenrechte und Menschenpflichten. Auf der Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag (2017).

22. Januar 2018: Wächst die Kluft zwischen arm und reich?

Prof. Dr. Lars Feld, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Seit einiger Zeit wird in Deutschland über soziale Schieflagen diskutiert. Nicht zuletzt assoziiert die öffentliche Meinung dies mit den Agenda-Reformen der Regierung Schröder. In diesem Vortrag wird erstens die Verteilung von Einkommen und Vermögen im Zeitablauf dargestellt und darauf eingegangen, was die Bestimmungsfaktoren dieser Entwicklung sind. Zweitens werden Teilbereiche der Armutsdebatte aufgegriffen. Dabei handelt es sich um die Entwicklung der Lohnungleichheit und um die Problematik steigender Altersarmut. Dies mündet drittens in eine Umschreibung des bestehenden Armutsproblems in Deutschland.

Lars P. Feld (geb. 1966) ist seit 2010 Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Albert-Ludwigs-Univer­si­tät Freiburg und Direktor des Walter Eucken Instituts. Er ist zudem ständiger Gastprofessor am Zentrum für Europäische Wirtschafts­­for­schung (ZEW) Mannheim, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen, Mitglied des Unabhängigen Beirats beim Stabilitätsrat, Sprecher des Kronberger Kreises (Wissenschaftlicher Beirat der Stiftung Marktwirtschaft) und Ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften).
In den Jahren 2014 und 2016 war er Mitglied der Expertenkommission „Stärkung von Investitionen in Deutschland“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie („Fratzscher-Kom­mission“). Von 2005 bis 2012 war er federführender Herausgeber der Perspektiven der Wirtschaftspolitik und von 2007 bis 2009 Präsident der European Public Choice Society.
Seine Forschungsschwerpunkte finden sich in verschiedenen Bereichen der Wirtschaftspolitik, der Finanzwissenschaft, der Neuen Politischen Ökonomie und der ökonomischen Analyse des Rechts.
Homepage: http://www.eucken.de/institut/leitung-lars-p-feld.html

29. Januar 2018: Narrenidee und Fastnachtsbrauch - eine Kulturgeschichte der tollen Tage

Prof. Dr. Werner Mezger, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg


Mit freundlicher Unterstützung von:



Was ist das Studium Generale?

Die kostenlosen Ringvorlesungen des Studium Generale schlagen Brücken zwischen den Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Sie richten sich an Studierende aller Fachrichtungen, interessierte BürgerInnen sowie an SchülerInnen und sind allgemein verständlich.

Die Vorträge des Studium Generale finden
jedes Wintersemester
montags
zwischen 18.15 und 19.45 Uhr
im Auditorium Maximum (Raum A 600) der Universität Konstanz statt.

Konzept: Günter Franke, Paul Leiderer, Bernhard Schink,  Clemens Wischermann

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Auch in Zukunft möchte die Universität Konstanz ein qualifiziertes Veranstaltungsprogramm kostenfrei anbieten. Wir freuen uns, wenn Sie uns dabei mit einer privaten Spende unterstützen.

Empfänger: Universität Konstanz
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Informationen zu den Vorträgen im Studium Generale, vom Wintersemester 2016/17 und Wintersemester 2014/2015, finden Sie im Rückblick!