Marx, Wagner und Engels im Gespräch über Erfindungen und Unternehmens­gründungen aus Hochschulen heraus

Mit einem beispielhaften neuen Förderangebot unterstützt die Universität Konstanz nachdrücklich Erfindungen und Unternehmensgründungen aus der Hochschule heraus. Simone Wagner (InnovationScout), Ute Engels (bis Oktober 2017 Gründungsberaterin der Universität) sowie Prof. Dr. Andreas Marx, Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs (1. Oktober 2010 bis 30. September 2013), erläutern im Interview gute Gründe, um Gründer zu werden, warum ein Scheitern kein Scheitern bedeutet und wann der richtige Zeitpunkt für den Schritt zur Unternehmensgründung gekommen ist.

Gründungsberatung, InnovationScout, Transferplattformen: Mit gleich drei neuen Förderangeboten unterstützt die Universität Konstanz Ausgründungen und Erfindungen ihrer Mitglieder. Warum ist das für eine Universität so wichtig?

Andreas Marx: Ausgründungen sind ein Beleg der Forschungs- und Innovationsstärke einer Universität; beides sind mit Sicherheit Kernkompetenzen einer Hochschule. Erfolgreiche Ausgründungen bestätigen Universitäten als die Talentschmieden schlechthin.

Die Förderung von Ausgründungen ist ein Bereich, der in der Vergangenheit an Hochschulen oftmals vernachlässigt wurde. Deutschlandweit und auch europaweit ist nun aber der Trend zu spüren, die Schätze zu heben, die an Universitäten generiert werden.

Ute Engels: Diese Förderung ist essentiell für Wirtschaft und Gesellschaft. Damit wir auch weiterhin in einer Führungsposition sind, müssen Technologien anwendungsbezogen weiterentwickelt werden. Die Entwicklung neuerer Erkenntnisse für Gesellschaft und Wirtschaft kommt nun einmal aus den Universitäten heraus.

Andreas Marx: Es geht nicht ausschließlich darum, damit Geld zu machen. Natürlich sind Lizenzeinnahmen, die eine Universität über Patenteinnahmen erwirtschaften kann, sehr nützlich für die Wissenschaft. Aber das steht nicht im Vordergrund.

Simone Wagner: Wichtig ist, dass aus einer Forschungsinnovation heraus einfach auch eine Anwendung im Markt erfolgt.

Andreas Marx: Ja, dass eine Innovation nicht brach liegenbleibt!

Lexikon: Transferplattformen

... sind eine Fördermaßnahme der Universität Konstanz für anwendungsbezogene Forschungsprojekte in Kooperation mit Partnern aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Bereich. Auch Gründungsvorhaben von Konstanzer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können über sie eine Anschubfinanzierung beziehen. Transferplattformen kombinieren die universitäre Grundlagenforschung mit anwendungsorientierter Forschung, um im Rahmen von gemeinsam getragenen Projekten Erkenntnisse für Wirtschaft, Forschung und Öffentlichkeit nutzbar zu machen und weiterzuentwickeln. Die Transferplattformen sind Teil des Zukunftskonzeptes „Modell Konstanz – für eine Kultur der Kreativität“ im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder.

Geht denn viel Potential an den Universitäten verloren?

Ute Engels: Ich denke schon, dass es einen Nachholbedarf an Universitäten gibt. Oftmals besteht bei Wissenschaftlern gar nicht das Bewusstsein für die Anwendung und Verwertung ihrer Forschungsergebnisse. Ein Forschungsergebnis wird aber erst dann richtig wertvoll, wenn es in die Anwendung gelangt. Gerade für Deutschland, ein Land ohne Rohstoffe, ist es immens wichtig, dass Forschung in Anwendung transformiert wird.

Simone Wagner: Vergleicht man die Zahlen der Patentanmeldungen deutschlandweit, sind die Hochschulen auf Platz acht mit 1,4 Prozent aller Patentanmeldungen. Das ist natürlich nicht besonders viel bei ca. 47.000 Patenanmeldungen jährlich, es besteht Aufholbedarf.

Ist der Schritt in die Unternehmensgründung eine wichtige Karriere-Option für wissenschaftlichen Nachwuchs, der vom Weg zur Professur ausscheren will?

Andreas Marx: Die Mehrheit unserer Absolventinnen und Absolventen geht ja in die Industrie. Der akademische Stellenmarkt allein kann quantitativ gar nicht auffangen, was an den Hochschulen ausgebildet wird. Eine Ausgründung ist da sicherlich eine sehr gute Alternative für die Karriere, die bislang viel zu selten wahrgenommen wurde.

Ute Engels: Bei uns in Deutschland gibt es noch keine so ausgeprägte Gründungskultur, dass eine Ausgründung eine ganz normale Option wäre, anstatt in die Industrie zu gehen oder eine Professur anzustreben. Gerade im naturwissenschaftlichen Forschungsbereich schätzen viele die Hürde als zu hoch ein, weil sie sich fragen: Wie finanziere ich die Ausstattung? Was kostet mich ein Labor? Dabei gibt es doch hochschulspezifische Förderprogramme, die dem Gründer erlauben, die wissenschaftliche Infrastruktur seiner Hochschule weiter zu nutzen. Investiert werden muss erst dann, wenn die Ausgründung auf sicheren Beinen steht, nicht schon auf dem Weg dahin. Es gibt Möglichkeiten, diesen Weg einzuschlagen, ohne sich selbst gleich hoch zu verschulden, und wir begleiten die Gründerinnen und Gründer dabei.

Welche Fallstricke gilt es auf dem Weg zur Patentanmeldung und Ausgründung zu beachten?

Simone Wagner: Wichtig ist, frühzeitig die Frage im Blick zu haben: „Was braucht der Markt – was kann der Markt verwerten?“ Es gibt viele Forschungen und Erfindungen, die zwar sehr weit fortgeschritten sind, aber noch nicht zu einer Marktreife gebracht wurden – aber diese sind für den Markt nicht interessant. Deshalb haben wir das Ziel, mit unserem Beratungsangebot möglichst früh bei Forschungsprojekten mit im Boot zu sein und den Blick frühzeitig auf den Aspekt der Marktreife und der Intellectual-Property-Strategie zu lenken.

Ute Engels: Gerade für Wissenschaftler ist es wichtig, diesen Wechsel des Blickwinkels vorzunehmen, sich früh mit dem Markt auseinanderzusetzen und das Produkt dem Markt bekannt zu machen. Dazu gehört auch der Mut, ein Forschungsprojekt nicht bis ins letzte Detail weiterzuentwickeln und sich zu sagen: Es muss jetzt nicht perfekt sein. Nur dann kann ein Produkt noch so geformt werden, wie der Markt, der über das Produkt entscheidet, es haben will. Wichtig ist natürlich auch, dass der Markt reif für die Idee ist. Zum Beispiel hat ein Kapitalgeber vor Jahren schon in das Projekt Bildtelefonie übers Internet investiert, aber die Zeit war einfach noch nicht reif dafür. Jetzt hingegen sind Anbieter von Internettelefonie sehr erfolgreich.

Herr Marx, Sie sind selbst dabei, ein Unternehmen aus ihrer universitären Forschung heraus zu gründen. Welche Erfahrungen haben Sie auf dem Weg zur Ausgründung gemacht?

Andreas Marx: Ich gehe gerade zusammen mit drei Kollegen den Weg der Ausgründung mit Protevo, einer EXIST-Förderung im Biotechnologiebereich zur Diagnostik von Nukleinsäuren. Der erste EXIST-Förderantrag wurde zunächst abgelehnt, weil wir all die Fehler gemacht haben, die wir mit einer guten Beratung von Anfang an gar nicht erst begangen hätten.

Dann haben Sie sich mit dem Technologie-Lizenz-Büro (TLB) zusammengetan und ihr Projekt professionell begleiten lassen.

Andreas Marx: In diesem einen Jahr ist extrem viel passiert. Zusammen mit dem TLB haben wir zwei Patente umgesetzt und erfolgreich die EXIST-Förderung erhalten. Es wäre haarig geworden ohne die Unterstützung des TLB, ich weiß nicht, ob wir es geschafft hätten. In den Anträgen muss eine ganz bestimmte Sprache stehen, die man als Wissenschaftler erst erlernen muss. Eine weitere Hürde ist vor allem auch die rechtliche Ungewissheit – das ist der Patentdschungel. Da braucht man einen starken Partner an der Seite. So habe ich das TLB kennen und schätzen gelernt – dass dort auch weiter gedacht wird als bis zum Patent. Wer als Gründer zum Beispiel Partner und Großkunden sucht, für den ist das Kontaktnetz des TLB und der Gründerinitiative „Campus Startup Konstanz“ einfach Gold wert.

Was hält junge Hochschulabsolventen davon ab, ihr Know-how in eine Unternehmensgründung zu verwandeln?

Andreas Marx: Für junge Leute ist, glaube ich, die Angst vor einem Scheitern ausschlaggebend. Ein Scheitern muss dabei noch nicht einmal unbedingt einen Nachteil für den Lebenslauf darstellen. Im Gegenteil: Der Gründer hat Mut bewiesen, er hat gezeigt, dass er etwas anpacken kann. Das sind alles Attribute, die im Job in höchstem Maße qualifizieren.

Ute Engels: Man lernt ja wahnsinnig viel im Prozess, setzt sich mit vielen Themen auseinander – es ist keine verlorene Zeit. Selbst wer bemerkt: „Das funktioniert so nicht“, hat so viel gelernt, dass es nicht als Scheitern bezeichnet werden kann.

Wann ist der beste Zeitpunkt, ein Unternehmen zu gründen?

Ute Engels: In Untersuchungen wurde festgestellt, dass innerhalb der ersten fünf Jahre von Absolventinnen und Absolventen nach Verlassen einer Hochschule am meisten gegründet wird. Mit zunehmendem Alter und dem Eingehen vielfältiger Verpflichtungen nimmt die Neigung zur Gründung ab. Bei einer Gründung direkt nach dem Ende des Studiums können außerdem die Wissensvorsprünge aus der Hochschule gezielt genutzt werden.

Die beste Zeit zur Gründung liegt also in einer Lebensphase, in der erst wenig Berufserfahrung besteht?

Ute Engels: Diese Angst „Ich habe keine Berufserfahrung“ wird ja versucht zu kompensieren, indem wir junge Gründer nicht alleine gehen lassen: Alle Förderprogramme beinhalten Mittel zum Coaching. Wir versuchen mit unseren Kontaktnetzwerken von „Campus Startup Konstanz“, BioLAGO und dem TLB zudem, die passenden Partner zu vermitteln, so dass junge Gründer von der Berufserfahrung der anderen profitieren können.

Wenn ich die Begriffe „Erfindung“ und  „Ausgründung“ höre, denke ich intuitiv zunächst an die Naturwissenschaften. Inwiefern ist das universitäre Förderangebot für Erfindungen und Gründungen auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften interessant?

Andreas Marx: Unsere Förderprogramme und Angebote richten sich an alle Fachbereiche.  Es gibt Gründungsvorhaben aus den Geisteswissenschaften, in denen es darum geht, ein Gut zu generieren oder eine Leistung anzubieten, die mit Urheberrecht geschützt sind und vermarktet werden können.

Simone Wagner: In den Geisteswissenschaften spielt der Bereich Software eine wichtige Rolle für Erfindungen, da sehe ich zu hebendes Potential. Die Schnittstelle Geisteswissenschaften-Informatik ist vielversprechend.

Andreas Marx: Wichtig ist uns, dass Kooperationen nicht nur mit der Industrie stattfinden, sondern auch mit dem öffentlichen Bereich: Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit mit Stiftungen. Wir wollen nicht nur Technologieprojekte weiter voranbringen, sondern sehen unsere Konstanzer Wissenschaftler auch als Innovationsbotschafter für unsere Universität.

Das Gespräch führte Jürgen Graf.

Simone Wagner

ist InnovationScout des Technologie-Lizenz-Büros (TLB) der Baden-Württembergischen Hochschulen. Sie berät Hochschulmitglieder an der Universität Konstanz in allen Fragen zu Hochschulerfindungen, deren Patentierung und Vermarktung. Sprechstunde nach Absprache per E-Mail unter swagner@tlb.de.

Ute Engels

war bis Oktober 2017 Gründungsberaterin der Initiative „Campus Startup Konstanz“. Auf dem Konstanzer Campus beriet sie angehende Gründerinnen und Gründer beider Konstanzer Hochschulen, beurteilte Gründungsvorhaben und stellte Kontakte zu anderen Gründern her.

Prof. Dr. Andreas Marx

ist Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs (1. Oktober 2010 bis 30. September 2013) an der Universität Konstanz. Mit dem Startup-Unternehmen Protevo hat er selbst eine Ausgründung der Universität Konstanz auf den Weg gebracht.