Leistungsschwaches Umfeld erzeugt starke Emotionen

Studie unter Beteiligung der Universität Konstanz weist negative Auswirkungen eines leistungsstarken Umfelds bei SchülerInnen auf das individuelle emotionale Wohlbefinden nach

Big-fish-little-pond-Effekt nennt sich das Phänomen, das für die Selbsteinschätzung von Menschen von immenser Bedeutung ist. Ein Fisch empfindet sich selbst als groß, wenn er in einem vergleichsweise kleinen Teich schwimmt. Soll heißen: Bewegt sich eine Person in einem relativ leistungsschwachen Umfeld, profitiert deren Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten. Das sogenannte Selbstkonzept dieser Person wird somit gestärkt. Sie ist der big fish unter den vielen kleinen Fischen im Teich. Wird dieselbe Person in einen leistungsstarken Kontext versetzt, leidet die Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten – bei gleicher Leistungsfähigkeit. Der ursprüngliche big fish wird nun zum little fish.

Der Effekt ist seit den 1980er Jahren empirisch nachgewiesen. Prof. Dr. Thomas Götz, empirischer Bildungsforscher an der Universität Konstanz und an der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG), Schweiz, ging in einer Studie der Frage nach, ob dieses Phänomen im Fall von Schülerinnen und Schülern im Fach Mathematik Auswirkungen auf deren Emotionen in der Schule hat. Das Ergebnis ist eindeutig: Tatsächlich fühlen sich die Befragten in einem relativ zu ihrer Leistungsfähigkeit schwachen Umfeld wohler als in einem entsprechend starken. Die Ergebnisse von drei entsprechenden Teilstudiensind in der aktuellen Ausgabe des „Journal of Personality and Social Psychology“ der American Pschological Association erschienen.

Die Studie besteht aus einer Querschnittserhebung und zwei Längsschnittstudien, in der Schülerinnen und Schüler von der fünften bis zehnten Jahrgangsstufe über alle Schultypen hinweg jährlich bzw. zweimal befragt wurden – unter anderem wurden Daten aus der PISA-Studie analysiert. Insgesamt nahmen 7.722 deutsche SchülerInnen an der Untersuchung teil. Positive und negative Emotionen wurden im Fragebogen erfasst, wie beispielsweise Freude, Stolz, Angst, Ärger oder Scham. Zusätzlich mussten die SchülerInnen einen Leistungstest absolvieren. Die Emotionen werden in der Gesamtuntersuchung mit der individuellen Leistung und der Leistung der jeweiligen Schulklasse, in der sich die SchülerInnen befinden, in Bezug gesetzt. „Daran kann man sehen, wie sich die Emotionen über die Jahre unter Berücksichtigung der individuellen Leistung und der Klassenleistung entwickeln“, sagt Thomas Götz.

Das Ergebnis ist über alle drei Teilstudien robust: Es ist für das Selbstkonzept und daraus folgend für Emo-tionen positiv, wenn jemand eine hohe Leistung erbringt, aber es ist für das Selbstkonzept und die Emotionen negativ, wenn sich die Schülerin oder der Schüler in einer leis-tungsstarken Klasse befindet. Entsprechend ist es gut für das Selbstkonzept und damit auch für die Emotionen, wenn das Umfeld schwächer ist. Thomas Götz: „Wir wollen an unseren Schulen natürlich nicht, dass ein leistungsstarker Kontext die Emotionen schwächt.“

Thomas Götz hat dieses Phänomen in der Vergangenheit am eigenen Leib erfahren. Vor seinem Psychologie-Studium studierte er Kirchenmusik: „Ich war vorher der Meinung, dass ich ziemlich gut Klavier und Orgel spiele. An der Musikhochschule mit all den Überfliegern dachte ich plötzlich: Eigentlich bin ich gar nicht so gut, wie ich gemeint habe.“ Ähnliche Phänomene lassen sich in Hochbegabtenzüge feststellen. Die zuvor guten Schülerinnen und Schüler nehmen ihre Leistung nicht mehr als so gut war, was mit einem Verlust an positiven Emotionen einhergeht.

Darüber hinaus besteht eine Wechselwirkung: Die Leistung beeinflusst die Emotionen, und die Emotionen beeinflussen die Leistung. Werden positive Emotionen reduziert, werden auch die Leistungen schlechter. Thomas Götz betont, wie wichtig es ist, dieses Phänomen gerade dann zu berücksichtigen, wenn ein Wechsel auf eine höhere Schule ansteht. „Es ist verständlich, dass Eltern ihre Kinder in ein leistungsstarkes schulisches Umfeld geben wollen. Wichtig ist aber auch, dass Eltern und Lehrpersonen sich dessen bewusst sind, dass es insbesondere am Anfang emotional belastend sein kann, wenn das Kind in einen sehr leistungsstarken Kontext kommt.“ Letztlich gehe es nicht nur um Leistungsentwicklung, sondern auch darum, wie sich die Schülerinnen und Schüler fühlen.

Faktenübersicht:

  • Pekrun, R., Murayama, K., Marsh, H. W., Goetz, T., & Frenzel, A. C.: Happy Fish in Little Ponds: Testing a Reference Group Model of Achievement and Emotion. Journal of Personality and Social Psychology, Jan 21, 2019. Advance online publication: http://dx.doi.org/10.1037/pspp0000230
  • Studie weist nach, dass ein leistungsstarkes Umfeld bei SchülerInnen negative Auswirkungen auf das individuelle emotionale Wohlbefinden hat
  • Befragt wurden 7.722 SchülerInnen in Deutschland.
  • Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Japan Society for the Promotion of Science.

Presseinformation: Nr. 13/2019