Das Projekt „Generation 1975 – Mit 14 ins neue Deutschland“ untersucht, ob dreißig Jahre nach dem Mauerfall – mit den Worten Willy Brandts – zusammengewachsen ist, was zusammengehört. Zum Gedenktag „30 Jahre Mauerfall“ zieht Projektinitiatorin von der Universität Konstanz erste Bilanz. Bild: Eukalyptus auf Pixabay
Das Projekt „Generation 1975 – Mit 14 ins neue Deutschland“ untersucht, ob dreißig Jahre nach dem Mauerfall – mit den Worten Willy Brandts – zusammengewachsen ist, was zusammengehört. Zum Gedenktag „30 Jahre Mauerfall“ zieht Projektinitiatorin von der Universität Konstanz erste Bilanz. Bild: Eukalyptus auf Pixabay

Verletzungen im Osten – Distanz im Westen

Interviewprojekt „Generation 1975 – Mit 14 ins neue Deutschland“ hat mit der Auswertung des Materials begonnen – Zum Gedenktag „30 Jahre Mauerfall“ zieht Projektinitiatorin von der Universität Konstanz erste Bilanz

Im Projekt „Generation 1975 – Mit 14 ins neue Deutschland“, das mit 26 Zeitzeuginnen und -zeugen aus Ost- und Westdeutschland untersucht, ob dreißig Jahre nach dem Mauerfall – mit den Worten Willy Brandts – zusammengewachsen ist, was zusammengehört, sind nun alle Interviews „im Kasten“. Die Zwischenbilanz der Projektinitiatorin, der Juniorprofessorin Dr. Christiane Bertram von der Universität Konstanz, lautet: Wir müssen miteinander reden – darüber, dass der Transformationsprozess nach dem Fall der Mauer für viele aus dem Osten Deutschlands geradezu traumatisierend war. Und auch darüber, dass für viele in der alten BRD die DDR und das, was danach in den Neuen Bundesländern passierte, weit weg war und kaum als eigene Geschichte verstanden wurde. Die Historikerin und Bildungsforscherin Bertram wird am 9. November 2019, dem Gedenktag 30 Jahre Mauerfall, in Berlin eine Podiumsveranstaltung mit zwei der Interviewten leiten.  

Eine der beiden ist in einer Familie in Brandenburg groß geworden, in der „der Sozialismus geglaubt und gelebt worden ist“, wie sie selbst sagt. Ihre Mutter war Lehrerin, der Vater Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes. Ihr erstes Wort als Kind soll „Sozialismus“ gelautet haben. Wie viele ihrer Generation berichtet sie von einer glücklichen Kindheit in der DDR, vom Gefühl der Geborgenheit und der Gemeinschaft. Der andere Zeitzeuge, der am 9. November auf dem Podium sitzen wird, kommt aus Baden-Württemberg. Die westdeutschen Interviewten stammen aus dem südlichen Bundesland und aus Westberlin. Im Video erzählt er eine kuriose Geschichte. Als Jugendlicher machte er eine Reise in die DDR. Als es darum ging, Postkarten an seine Mitschüler zu schicken, hat er absichtlich Ansichten in Schwarzweiß ausgesucht: Damit alles so richtig „runtergewirtschaftet“ aussieht, wie er im Video erklärt.  

Traumatischer Transformationsprozess im Osten Deutschlands
Ein weiterer Zeitzeuge, nun wieder aus dem Osten, erinnert sich, wie er als Jugendlicher nach dem Mauerfall in Westberlin dabei zusah, wie aus einem Lastwagen heraus Bananen an seine Landsleute verteilt wurden. Diese Erinnerungen von Jugendlichen sind für die Historikerin Bertram bezeichnend: „Die Leute im Osten haben eine Herablassung gespürt. Und sie haben sich nach 1989 völlig allein gelassen gefühlt.“ Viele der Generation 1975 haben in ihren Familien und in der Nachbarschaft die Zeit nach der Wiedervereinigung als einen häufig traumatischen Transformationsprozess erlebt, auch wenn sie selbst als Jugendliche den völlig unerwarteten Fall der Mauer und das Ende der Beschränkungen in der DDR meist als einen persönlichen Glücksfall erlebten.    

Zerstörte Lebensentwürfe im Osten – große Distanz im Westen
Das eine sind die Gefühle, das andere die Tatsache, dass viele Lebensentwürfe im Osten zerstört wurden, was im Westen kaum Thema war. „Wenn heute der Braunkohlebergbau in Ostdeutschland abgewickelt wird, werden Sozialpläne aufgestellt, und man macht sich Gedanken, was aus den Leuten werden soll, die ihre Arbeit verlieren. Das war 1989/90 nicht der Fall. Kaum jemand im Westen hat wirklich mitgefühlt mit den Menschen, die im Osten ihren Job verloren haben“, so Christiane Bertram. Die Zeitzeuginnen und -zeugen aus Baden-Württemberg klingen in der Tat distanziert, wenn sie von der Zeit berichten, als sie im Fernsehen sahen, wie die Menschen aus der DDR in den Westen strömten. Man habe sich gefreut, dass sie jetzt auch reisen dürfen, sagt eine Zeitzeugin. „Mal gucken, wie das noch ausgeht“, habe ihre Oma gesagt. Christiane Bertram: „Dass die Wiedervereinigung im Osten anders wahrgenommen wurde als im Westen, war bekannt. Dass das aber in dieser Deutlichkeit heute noch der Fall ist, hat mich überrascht.“ Auch ganz persönlich. Vor dieser Studie hatte sie, die seit vielen Jahren enge familiäre Kontakte in die neuen Bundesländer hat, den Eindruck, dass sich die Lebensverhältnisse angeglichen und normalisiert hätten. „Dass diese traumatischen Verletzungen immer noch da sind, wird sicherlich ein neues Ergebnis der Studie sein.“ 

Vorwiegend positive Erinnerungen an die Kindheit in der DDR
Ein weiterer Befund der Studie: Die Interviewten aus Ostberlin und Brandenburg, woher die Interviewten aus Ostdeutschland kommen, erinnern sich überwiegend positiv an ihre Kindheit in der DDR. Die Aussage der eingangs erwähnten Zeitzeugin, sie habe eine glückliche Kindheit in der DDR erlebt, wird von vielen der ostdeutschen Zeitzeuginnen und -zeugen geteilt. „Die Gesellschaft in der DDR hat, so erscheint es in diesen Interviews, den Kindern sehr viel Sicherheit und Orientierung gegeben. Und was macht ein glückliches Leben für Kinder aus? Sicherlich nicht, alles kaufen zu können oder überallhin reisen zu können, sondern sich aufgehoben zu fühlen in einer Gemeinschaft“, so Christiane Bertram. Zumindest solange sie nicht an die Grenzen und die Doppelbödigkeit des Systems stießen.  

Die eingangs erwähnte Zeitzeugin berichtet auch, wie sie als Vertreterin der Schülerschaft miterlebte, wie zwei Mitschüler, die in die FDJ eintreten wollten, überredet werden sollten, dann auch in den Bund der „Deutsch-sowjetischen Freundschaft“ einzutreten. Der Druck, der auf die Freunde ausgeübt wurde, hat die von der DDR überzeugte damalige Jugendliche nachhaltig erschüttert. Diese Sensibilität für Ungerechtigkeit ist typisch für 13-/14-Jährige. Häufig beginnen Oppositionsgeschichten in der Pubertät, wie die Website www.jugendopposition.de der Robert-Havemann-Stiftung zeigt.  

Viele Bewerbungen
Christiane Bertram ist sehr zufrieden mit dem Verlauf des künstlerisch-wissenschaftlichen Projektes, einer Kooperation der Universität Konstanz mit der Stiftung Berliner Mauer, dem Archiv Deutsches Gedächtnis der Fernuniversität Hagen sowie einer Videokünstlerin und einem Videokünstler. Ihr Aufruf im Frühjahr 2019 an im Jahr 1975 Geborene aus Brandenburg, Ost- und Westberlin sowie Baden-Württemberg, sich für ein Interview zu melden, stieß auf große Resonanz. Ina Rommel und Stefan Krauss, die beiden Videokünstler, hätten beträchtlich mehr als die 26 Personen zu ihrer Sicht auf die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik vor und nach dem Mauerfall interviewen können. Ihre Video-Installation, bei der die Zeitzeuginnen und -zeugen auf acht Monitoren miteinander „kommunizieren“ werden, wird im Gedenkjahr „30 Jahre Wiedervereinigung 2020“ zunächst von der Stiftung Berliner Mauer in Berlin gezeigt, danach soll die Installation in den beteiligten Landeshauptstädten Stuttgart und Potsdam zu sehen sein.  

Vielfältige Verwendung der Interviews
Aktuell werden zu verschiedenen Schwerpunktthemen Videos geschnitten, die in das didaktische Angebot der Stiftung Berliner Mauer aufgenommen werden wird. Im Archiv Deutsches Gedächtnis an der Fernuniversität Hagen mit seinem Schwerpunkt DDR-Geschichte werden die lebensgeschichtlichen Interviews, das Rohmaterial, gespeichert, um es für Oral History-Projekte zur Verfügung zu stellen. An der Universität Konstanz wiederum werden die Erzählmuster der Videointerviews in einer Abschlussarbeit mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet. Außerdem wird Christiane Bertram das Material in einer Fachdidaktik-Veranstaltung im nächsten Semester nutzen, um mit Studierenden zu erarbeiten, welche empirische Aussagekraft die Interviews haben und wie sie im Geschichtsunterricht eingesetzt werden können. Schließlich finden die Interviews im Kontext einer Zeitzeugenstudie Verwendung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird, ein Kooperationsprojekt von Christiane Bertram mit Kolleginnen und Kollegen am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen.

Faktenübersicht:

  • Erste Bilanz des multimedialen Interviewprojekts „Perspektiven der Generation 75 – Mit 14 ins neue Deutschland“ 
  • Videointerviews mit 26 ZeitzeugInnen aus Baden-Württemberg, Brandenburg sowie Ost- und West-Berlin ergeben starke Unterschiede in der Sichtweise der west- und ostdeutschen Interviewten auf die Ereignisse nach dem Mauerfall
  • Kooperationsprojekt der Binational School of Education (BiSE) der Universität Konstanz, der Bundesstiftung Berliner Mauer, des Archivs Deutsches Gedächtnis der Fernuniversität Hagen und der VideokünstlerInnen Ina Rommel und Stefan Krauss
  • Projektinitiatorin ist Juniorprofessorin Dr. Christiane Bertram an der Binational School of Education (BiSE) der Universität Konstanz
  • Gefördert durch die Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur