Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Konstanzer Forschungsstandort:
Kulturelle Dynamiken der Gegenwartsgesellschaft

Seit mehreren Jahren sind in Deutschland Phänomene gesellschaftlichen Auseinanderdriftens zu beobachten. In Teilen der Bevölkerung äußert sich Unzufriedenheit, dass ihre Interessen nicht mehr adäquat repräsentiert seien, oder die Angst, in einer sei es globalisierten oder digitalisierten Gesellschaft abgehängt zu werden. Zentrifugale Kräfte zeigen sich gerade auch im Zuspruch, den populistische Politiker und Parteien erfahren, oder in öffentlichen demokratiekritischen Aktionen und Kundgebungen aus extremen politischen Lagern, denen sich immer öfter auch Bürger/innen anschließen.

Diese aktuellen Debatten sind ein Grund dafür, dass das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein dezentral organisiertes Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) gründet, das eine grundlagenorientierte Forschungsagenda mit anwendungsorientierten Ansätzen verbindet. Zusammen mit zehn weiteren Einrichtungen bekam die Konstanzer ForschungsinitiativeKulturelle Dynamiken der Gegenwartsgesellschaft. Konnektivität, Polarisierung und soziale Schließung“ im September 2018 den Zuschlag für die zunächst einjährige Gründungsphase. Bei erfolgreicher Begutachtung des gemeinsam zu erarbeitenden Gesamtkonzepts wird voraussichtlich Anfang 2020 die Hauptforschungsphase beginnen, die das BMBF vorerst über vier Jahre trägt.

Die beteiligten Konstanzer Wissenschaftler/innen aus den Bereichen der Soziologie, Ethnologie und Geschichtswissenschaft, der Literatur- und Medienwissenschaft sowie der Rechtswissenschaft widmen sich dem Thema des gesellschaftlichen Zusammenhalts aus ausdrücklich kulturwissenschaftlicher Perspektive. Einen besonderen Stellenwert nimmt der Dialog mit der Zivilgesellschaft, mit gesellschaftlichen Gruppen und der Politik ein. Sprecher des Konstanzer Institutsstandorts ist der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Daniel Thym.

Pressemitteilung vom 28.09.2018

Forschungsschwerpunkte 

Migration und Zusammenhalt 

Welche Wechselwirkung besteht zwischen dem Migrationsgeschehen und den aktuellen Debatten über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Integrationspolitik? Wie kann die (auch migrationsbedingte) Pluralisierung der Gesellschaft in verfassungsrechtlicher und -theoretischer Perspektive verarbeitet werden? Die beteiligten Forschenden gehen diesen Fragen nach, wobei sie Migration als Bestandteil gesellschaftlicher Transformation verstehen.

Verbinden / Trennen durch Erzählen. Themenschwerpunkt „Narrative“

Politische und gesellschaftliche Polarisierung äußert sich wesentlich in Erzählkämpfen, was die Analyse der gegeneinander ins Feld geführten Narrative notwendig macht. Welche Gründe, welche Auswirkungen hat die aktuelle Konjunktur schließender Erzählungen? Wie ist die schwindende Integrationskraft liberaler Großerzählungen zu erklären? Und wie könnte ein neues wirkmächtiges verbindendes Narrativ aussehen?

Öffentlichkeit und Repräsentation. Kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung zum Wandel öffentlicher Meinungsbildung

Wie reformieren neue Medien und mediale Infrastrukturen die Grundlagen von Kulturen und Gesellschaften? Wie beeinflusst insbesondere der Wandel öffentlicher Meinungsbildung eingespielte normative Ordnungen und Orientierungsmuster? Und was sagt dies über Voraussetzungen gesellschaftlicher Selbstverständigung aus?

Praktiken des sozialen Zusammenhalts in historischer und kulturvergleichender Perspektive 

Die beteiligten Wissenschaftler/innen widmen sich kooperativen Praktiken, die unter Bedingungen gesellschaftlicher Diversität entstanden sind und Potenziale für Semantiken, Narrative und legitimatorische Diskurse gesellschaftlichen Zusammenhalts bereitstellen. In einem nächsten Schritt analysieren sie, in welchen (historischen) Konstellationen individuelles Handeln auf etablierte gesellschaftliche Prozesse zurückgreift oder neue anstößt.

Forschungstransfer 

Der Konstanzer Standort des FGZ legt einen Schwerpunkt auf den wechselseitigen Wissenschaftstransfer. Dabei werden wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur der Gesellschaft vermittelt beziehungsweise beratend in politische Entscheidungsprozesse eingebracht, sondern Interessen, Bedarfslagen und Anregungen aus Gesellschaft und Politik mit in die Forschungen aufgenommen.

Konkret plant das Konstanzer (Teil-)Institut neben mehreren Veranstaltungen ein Fortbildungsprogramm für Integrationsbeauftragte, das partizipative Transferprojekt „Solidarität erzählen“ sowie das institutsweite Publikationsprojekt „Schlüsselbegriffe gesellschaftlichen Zusammenhalts“. Außerdem werden sich mehrere beteiligte Wissenschaftler/innen weiterhin in der Politikberatung engagieren.