Friends and supporters ­write about the University of Konstanz

Memorable stories about the reform university’s first days and further development, innovative ideas, the impassioned creation of its departments, impressive personalities and funny anecdotes of one kind or another: former Rector Professor Horst Sund and Emeritius Professor of Sociology, Erhard Roy Wiehn, collected stories about the individuals who shaped University of Konstanz history. They have included their own contributions as well. (Texts in German)

Peter Bauer

Chor und Orchester an der Universität – ein Konzept der Kunstvermittlung

Die Bedeutung und der konzeptionelle Anspruch bildender Kunst prägt bis heute unübersehbar das Erscheinungsbild der Universität auf dem Gießberg. Für die musikalische Kunst hat solch konzeptionelles Denken offensichtlich weder bei der Gründung noch beim Bau der Universität eine entsprechende Rolle gespielt. Was an den traditionsreichen Universitäten des Landes mit ihren ehrwürdigen instrumentalen und vokalen Collegia musica modellhaft abzulesen gewesen wäre, die Bereicherung des universitären geistigen Innenlebens und die Erweiterung akademischer Bildung durch jenen substantiellen Teil abendländischer Kultur, den musikalische Kunst repräsentiert, scheint dem Zeitgeist in den Jahren der Planung der neuen Universitäten im Land als bildungsbürgerlicher Ballast wohl verzichtbar gewesen zu sein. Zumindest gab es keinerlei räumliche, organisatorische oder gar personelle Vorkehrungen für ein irgendwie geartetes musikalisches Leben an der neuen Universität.


Weiterführender Text

Doch institutionell verursachter Mangel muss nicht zwangsläufig lähmen, sondern kann auch Freiräume öffnen und individuelle Aktivitäten stimulieren. Im Fall Konstanz regten schon kurz nach der universitären Besiedelung des Gießberges, im April 1973, musikinteressierte Bürger der Stadt und Angehörige der Universität die Gründung eines Orchesters an, das im Frühsommer des Jahres zu proben begann, im damaligen Kantor an der Lutherkirche einen ersten Dirigenten fand und am Ende des Jahres mit einem Beitrag zu einem Konzert im Kapitelsaal des Münsters als Universitätsorchester erstmals an die Öffentlichkeit trat. Vier Jahre später entstand auf ähnliche Weise der Universitätschor, und wieder waren es einige Universitätsangehörige, die einen Konstanzer Chorleiter, Dirigenten und Musikpädagogen zur Gründung eines kleinen Chores an der Universität animierten.

Aus dem damaligen Universitätsorchester, das als kleines Streicherensemble gegründet und erst etwa zehn Jahre später unter wechselnden Dirigenten zu größerer Besetzung erweitert wurde, ist heute ein Sinfonieorchester mit regelmäßig etwa 60 Mitgliedern geworden, das stolz darauf ist, nahezu alle Positionen eines üblichen Sinfonieorchesters mit Studierenden der eigenen Universität und einigen externen Mitgliedern besetzten zu können. Die positive Entwicklung des Leistungsstandes erlaubt es, neben den Werken der Klassik auch anspruchsvolle Orchestermusik der Romantik und Werke des 20. Jahrhunderts aufzuführen.

Auch der Universitätschor begann seine Tätigkeit mit nur etwa 30 Mitgliedern, setzte sich aber nach einer kurzen Aufbauphase mit der Erarbeitung der Carmina burana von Carl Orff schnell ein erstes ehrgeiziges Ziel. Heute hat der Chor zwischen sechzig und achtzig weitgehend studentische Mitglieder und hat sich mit seinem Repertoire von Monteverdis Marien-Vesper über die Werke Händels, Bachs und Mozarts bis zu Verdis Requiem oder zu den großen oratorischen Werke des 20. Jahrhunderts von Strawinsky, Britten, Honegger oder Schnittke mit stilgerechten Aufführungen eine angesehene Stellung unter den Konzertchören der Stadt und der Region erworben.

Wollte man dieses Konzept rein statistisch wiegen, so stünden für die überschaubaren Jahre der Tätigkeit von Chor und Orchester zu Buche:

  • Die Einstudierung von weit über 100 Orchester- und 50 großen Chorwerken, davon etwa je ein Drittel auch Werke des 20. Jahrhunderts sowie zahlreiche lokale oder regionale Erstaufführungen.
  • Die Aufführung von etwa 80 Konzerten des Chores und über 50 Konzerten des Orchesters in Konstanz und in der Region zwischen Freiburg und Zürich.
  • An die 20 Konzertreisen in das europäische Ausland zwischen Danzig und Warschau im Norden sowie Venedig und Bologna im Süden, zwischen Paris im Westen und Kiew im Osten. Viele davon waren Besuche der Partneruniversitäten und mit Gegenbesuchen der dortigen Ensembles verbunden und wurden jeweils großzügig durch das International Office, die Universitätsgesellschaft und den Verein der Ehemaligen der Universität Konstanz, VEUK, unterstützt.
  • Mehrere Dutzend musikalische Gestaltungen akademischer Anlässe von der Einführung oder Verabschiedung des Rektors bis zur Eröffnung des Universitätsballes.
  • Die Durchführung von etwa 2.000 Proben und Probenwochenenden, die schätzungsweise 2.500 wechselnden studentischen Chor- und Orchestermitgliedern die Möglichkeit zur eigenen künstlerischen Betätigung und Erweiterung ihrer musikalischen Erfahrungen boten.
  • Mindestens 40.000 Zuhörer der Konzerte von Chor und Orchester allein im Audimax und in den Kirchen von Konstanz, darunter viele studentische Zuhörer, oft Freunde der Mitwirkenden, für die die unmittelbare Begegnung mit anspruchsvoller „klassischer“ Musik nicht immer zu den Selbstverständlichkeiten ihrer musikalischen Erfahrungswelt gehört.

Schon diese Übersicht lässt etwas von der Zielsetzung der Arbeit mit Chor und Orchester der Universität erkennen, die sich bei diesem Umfang und Anspruch nicht in der legitimen Freude am gemeinsamen Singen und Musizieren und deren durchaus wichtiger kommunikativer Funktion erschöpfen kann. Auch die repräsentativen Aufgaben von Orchester oder Chor, die Mitgestaltung akademischer Anlässe oder die Außenwirkung von Konzerten auf möglichst hohem Niveau können nur Beiwerk und nicht das eigentliche Ziel verantwortungsvollen universitären Umgangs mit Musik als Kunstform sein.

Eine kleine Episode aus dem musikalischen Alltag vermag das darüber hinausgehende Anliegen vielleicht noch deutlicher zu illustrieren:

Bei der Vorbereitung der Feier zum 40-jährigen Bestehen der Universität Konstanz wurde auch deren Musikdirektor um Vorschläge gebeten. In der beratenden Runde wurden dessen weitgehende Planungen dann allerdings mit dem bemerkenswerten Satz auf das Maß der bei derlei Anlässen üblichen Kunstbeteiligung herabgestuft, dass sich „ein kleiner Mozart“ beim Festakt immer gut mache. Tatsächlich gespielt wurde dann allerdings – und das führt zum eigentlichen und auf allen Ebenen angestrebten Kern der musikalischen Arbeit an einer Universität Konstanz – eine Konzertfassung von Hans Werner Henzes Musik zur legendären Literaturverfilmung aus dem Gründungsjahr der Konstanzer Universität, zu Volker Schlöndorffs erstem Film „Der junge Törless“ nach Robert Musil, komponiert von einem der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, der zudem für einige Monate selbst in Konstanz gewirkt hatte. Wie passend das der mozartaffine Herr der Professoren-Runde fand, ist nicht bekannt; zumindest der damalige Rektor war begeistert von diesen literarisch-musikalischen Beziehungs-Konstellationen, und die mitwirkenden MusikerInnen waren es nach der intensiven Erarbeitung der nicht ganz leichten Partitur von der Komposition selbst.

Ein Sinfonieorchester befasst sich ebenso wie ein Konzertchor in der Regel mit Musik, die den Anspruch eines Kunstwerkes erhebt, gleichgültig, ob dessen klangliche Realisierung - wie im Falle studentischer Ensembles - durch Amateure oder durch professionelle Musiker geschieht. Was Kunst für jede humane Gesellschaft und für jeden Einzelnen bedeutet, was sie an Gegenwelten aufzeigen, an kreativer Entfaltung, an Bewahrung von Traditionen, an Impulsen zu innovativem Denken, an Stiftung von Identität bewirken oder an kreativem Denken anregen kann, all dies erschließt sich jedoch nur dem, der sich auf sie einlässt, der sich auf den verschiedenen möglichen Ebenen mit ihr auseinandersetzt - im Falle von Musik ihr mit Bewusstsein hörend oder musizierend gegenübertritt, ihr nahezukommen versucht, sich ihrem jeweils andersartigen Anspruch stellt.

Zur Umsetzung dieses hohen Anspruches sind sicher viele Wege denkbar. Für die musikalische Arbeit mit den zwar nichtprofessionellen, aber in das Bildungs- (nicht „Ausbildung“-) Gefüge einer Universität eingebetteten Ensembles Universitätschor und Universitätsorchester wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten zunehmend Wege gesucht, die auf mehreren Ebenen ein Konzept der musikalischen Kunstvermittlung umzusetzen versuchen.

Beispielsweise durch die Möglichkeit für alle Chor- oder Orchestermitglieder, vor dem Beginn der Probenarbeit nach einer detaillierten Vorstellung und Erläuterung der für die Erarbeitung denkbaren Werke oder Programme unter mehreren Alternativen für die gemeinsame nächste Arbeitsphase auszuwählen und sich so mit den Inhalten der Probenarbeit identifizieren zu können. Mit Recht kann der Musizierende wie der Zuhörer von einem Konzertprogramm ebenso einen in sich schlüssigen, nachdenkenswerten oder emotional nachvollziehbaren inneren Zusammenhang erwarten, wie der für die Programmkonzeption Verantwortliche dessen rezeptive Wahrnehmung. Entsprechende Texte im Programmheft sollen helfen, derlei Zusammenhänge und inhaltliche Bezüge bewusst zu machen, wenn sie sich nicht schon durch das Hören selbst vermitteln.

Ein Recht haben die musikalisch orientierten Studierenden einer Universität aber auch auf die Erweiterung ihres ästhetischen Horizontes durch das Programmangebot selbst, das immer wieder Unbekanntes, oft auch Sperriges oder neu zu Entdeckendes mit dem Vertrauten und Bekannten in Beziehung setzt: Als Beispiel aus jüngerer Zeit etwa mit einem Orchesterprogramm, das durch die Gegenüberstellung von Dvořáks mehr als bekannter Sinfonie aus der neuen Welt mit einem bedeutenden Werk der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, dem Trompetenkonzert Nobody knows de troble I see von Bernd Alois Zimmermann nicht nur die verschiedenen Aspekte interkultureller Einflüsse auf die kompositorische Erfindung thematisierte, sondern auch bis dicht an die Grenzen des für ein Amateurorchester Machbaren führte.

Das für eine künstlerische Darstellung und Aneignung unerlässliche tiefere Eindringen in die Struktur, die Form, den Sinn und Gehalt eines musikalischen Kunstwerkes und seines kulturellen, geschichtlichen oder sozialen Kontextes wird für die Musizierenden von Chor und Orchester unterstützt durch gezielte Erläuterungen und Kommentare parallel zur musikalisch-technischen Erarbeitung des Notentextes. In professionellen Orchestern sind solche „Untertexte“ des Dirigenten, sei es zu Recht oder zu Unrecht, äußerst unbeliebt. Für ein engagiertes und anspruchsvolles Laienensemble hingegen würde sich das Musikmachen ohne einen derart vermittelten Hintergrund auf ein möglicherweise lustvolles, aber letztlich wenig sinnhaftes Nachspielen oder Nachsingen von vorgegebenen Tönen und schönen Klängen reduzieren, das mit dem Gehalt des Kunstwerkes wenig zu tun hätte und sich deshalb auch dem Zuhörern kaum vermitteln könnte.

Eine weitere Ebene der Umsetzung des Anspruches, der Aneignung und der möglichst adäquaten Darstellung eines musikalischen Kunstwerkes versuchen Chor wie Orchester der Universität Konstanz dort zu verwirklichen, wo zum Kollektiv Solisten hinzuzutreten haben. Dass dabei nahezu ausnahmslos die Zusammenarbeit mit hochprofessionellen Musikern und Sängern gesucht wird, die nicht selten internationale Geltung haben, begründet sich nicht nur aus den künstlerischen und technischen Anforderungen dieser Solopartien, sondern hat durchaus auch das „pädagogische Ziel“, durch das professionelle Vorbild die eigenen Kräfte zu optimieren und durch die Freude und Selbstverständlichkeit, mit der auch hochrangige Solisten gerne mit gut vorbereiteten und engagiert musizierenden oder singenden Amateurensembles zusammenarbeiten, eine Bestätigung für das selbst Erarbeitete zu erhalten.

Sicher war es ein langer Weg zur Entwicklung und Vermittlung eines musikalischen Konzeptes an der Universität Konstanz. Aber es scheint, dass inzwischen auch die Musik auf dem Gießberg angekommen ist und nachhaltiges Ansehen gewonnen hat – auf der Ebene der stets unterstützenden Universitätsspitze, den bereitwillig fördernden Vereinigungen und einer effektiv die Arbeit mittragenden Verwaltung ebenso wie bei den immer wieder neuen Generationen der am universitären Musikleben sinnreich und dennoch lustvoll beteiligten Studierenden und, nicht zu unterschätzen, einem erfreulich großen Kreis begeisterter Zuhörer.

Peter Bauer

Peter Bauer, 1944 in Freiburg geboren, studierte Kirchenmusik, Schulmusik, Musikwissenschaft und Dirigieren in Esslingen, Karlsruhe und Freiburg. Er gründete 1977 den Universitätschor Konstanz, wurde 1989 zusätzlich mit der Leitung des Universitätsorchesters beauftragt und 1995 zum Universitätsmusikdirektor ernannt. 2002 wurde ihm die Verdienstmedaille der Universität Konstanz und 2014 als künstlerischem Leiter der Kammeroper Konstanz die Ehrennadel der Stadt Konstanz verliehen.

Ekin Deligöz

Freiheit des Lernens eröffnet Wege des Wagens

Ich nähere mich der Frage nach dem Studieren in Konstanz mit einer qualitativen Analyse durch drei Grundsatzfragen an einige Kommilitonen: Warum hast du dich für ein Studium in Konstanz entschieden? Was war dein prägendstes Erlebnis? Was hat dir dort überhaupt nicht gefallen?


Das akademische Leben ist also ein wildes Hasard.
(Max Weber (1917): Wissenschaft als Beruf)

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Ich nähere mich der Frage nach dem Studieren in Konstanz mit einer qualitativen Analyse durch drei Grundsatzfragen an einige Kommilitonen: Warum hast du dich für ein Studium in Konstanz entschieden? Was war dein prägendstes Erlebnis? Was hat dir dort überhaupt nicht gefallen?


Unter den Hauptgründen bei den Befragten für ein Studium in Konstanz finden sich am häufigsten die Angaben Uni-Party, See-Nähe, Familientradition, Sommer und Wassersport. Positive Erfahrungen? Drei Semester Skat, Wassersport, Uni-Party und die gute Bibliothek, die auch zur späten Stunde Arbeiten möglich gemacht hat, da im Sommer tagsüber die Ablenkung zu groß war. Negative Erfahrungen? Wohnungslage, Bahnverbindung, Nebel, Prüfungsstress von November bis März.


In der beschriebenen Summe und Intensität der Freizeiterlebnisse scheint die Zeit des Studiums nicht nur eine wilde, sondern auch eine Zeit voller – natürlich völlig unfreiwilliger – Ablenkungen durch wiederum andere KommilitonInnen gewesen zu sein. Es beschlichen mich langsam Zweifel, ob und wie meine KollegInnen und ich bei diesen prägenden Angeboten im Umfeld des Studierens zu einem Abschluss kommen sollten. Allerdings klingen die Berufsbezeichnungen meiner Testgruppe durchaus bemerkenswert: Senior Consultant, System Integration Manager, Fachreferent, stellvertretender Leiter Competence Center, Human Ressource Manager und nicht zuletzt meine derzeitige Bezeichnung: MdB.


Dies könnte ein Hinweis auf das Zutreffen des obigen Zitats "ein wildes Hasard" sein, was in Gänze so sicherlich nicht zu beweisen ist. Deshalb wage ich einen zweiten Ansatz.

"Nur auf dem Boden ganz harter Arbeit bereitet sich normalerweise der Einfall vor."

(Max Weber (1917): Wissenschaft als Beruf)

Ein Blick auf die Homepage der Universität Konstanz bestätigt: Die Universität ist definitiv im Internetzeitalter angekommen. Bei meiner Immatrikulation gehörten wir mit zu den ersten Studierenden, die über eine E-Mailadresse verfügten. Hierzu hatten wir immer eine Diskette in der Tasche, die dazu diente universitätsintern Mails zu versenden oder zu empfangen, natürlich nur auf den universitätseigenen PCs. Innovation wurde hier schon immer hoch gehalten, auch wenn wir jedes Mal, wenn es regnete, auf Wassereimer im Audimax und an anderen Orten zurückgreifen mussten, da die technische Innovation nicht unbedingt die Bausubstanz das Hauses umfasste. Womöglich war das aber auch eine bewusste Schulung der Schwarmintelligenz in der Offline-Welt.

Ich traue der Universitätsleitung durchaus zu, im Sinne einer guten Lehre und Wissenschaft ungewöhnliche Wege zu bestreiten. Nicht umsonst ist die Universität Konstanz bei allen nationalen Rankings und Exzellenzverfahren in der Wertung sehr weit vorne. Aber eine gute Universität hat auch entsprechende Anforderungen an die Lehrenden und Studierenden, sei es an die Forschung, die Lehre.

Um diesen Anforderungen zu genügen, war es unabdingbar, viele Stunden am Gießberg zu verbringen. Die gute Bibliothek und der Blick aus dem Mensagebäude erleichterten das Verweilen im Hause. Vor allem aber der Fachschaftsraum von uns Verwaltungswissenschaftlern bot mir eine gewisse vertraute Geborgenheit.

Die Universität als Zuhause? Ja, in einer rasanten, globalisierten, internationalisierten und pluralisierten Welt ist das Studium geradezu ein geschützter Raum, das uns durch portionierte Herausforderungen schult und vorbereitet. Dies mag für Studierende, die mitten in der Stressphase sind, etwas fremd klingen, aber es ist so: Sich absondern und vertiefen können in den Gängen der Bibliothek, Zeit haben zu lesen, lernen, Zugang zu wahrer Bildung durch Diskussionen, Erfahrungsaustausch, Luxus des Fragen-stellen-Dürfens sind Beispiele für gute Rahmenbedingungen des Lernens. Die Uni Konstanz ist eine Universität, die internationale Wissenschaft hineinträgt in die Lehre und uns an den Erfahrungen teilhaben lässt. Diese Internationalität ist Garant für eine Ausbildung, die uns fit macht für die Anforderungen der heutigen Arbeitswelt. Vor allem aber vermitteln die Fakultäten das Zugehörigkeitsgefühl zu der großen Alma Mater – denn ohne Freude kann man nicht studieren und ohne Freunde erst recht nicht.

Es gehört aber auch dazu, sich unter den besten Rahmenbedingungen selbst auf das Lernen einzulassen. Das kann Wochen oder Monate bedeuten, in denen man sich in Büchern und Aufsätzen verliert und sich dann und wann auch mal überfordert fühlt. Ist die Grundlage des wissenschaftlichen Arbeitens allerdings erst da, ist das kreative Anwenden gar nicht mehr so schwer und wenn Leidenschaft dazu kommt, dann war es die Arbeit auf jeden Fall wert.

"Denn nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann."

(Max Weber (1917): Wissenschaft als Beruf)

Studieren in Konstanz ist mehr als Scheine erwerben, Prüfungen bestehen, Stunden in der Bibliothek verbringen, den See genießen und Freunde finden. Studium in Konstanz war für viele von uns ein prägender Lebensabschnitt, für alles was danach kam. Was bleibt ist die Summe des Ganzen, das "Uni-Konstanz-Gefühl".

Wir Verwaltungswissenschaftler verbringen die Hälfte unseres Studiums damit zu definieren, was wir eigentlich studieren. Meine Lieblingsbeschreibung ist immer noch "Ganzheitliches Studium unter Einbeziehung verschiedener Blickwinkel auf die angewandte Problemlösungsorientierung". Je konfuser allerdings diese Selbstdefinition war, desto schneller erhielten wir die Reaktion: "Aha, also etwas ganz Bodenständiges." Diesem Satz folgte zugleich unsere Reaktion: "Aber an der Uni nicht an der Fachhochschule", um zu unterstreichen, dass wir nicht das können, was sich die meisten darunter meinten vorstellen zu müssen, aber eben das andere dafür umso besser. Vermutlich ist dieser leidenschaftliche Identitätsfindungsprozess der Auslöser dafür, dass die Verwaltungswissenschaftler-Netzwerke, egal wo in Deutschland, flächendeckend existent sind. Diese Leidenschaft führt unseren Weg auch immer wieder zurück zu unserer Studienheimat, sei es für einen Tag in Konstanz oder auch einen Empfang der Universität in der Baden-Württembergischen Landesvertretung in Berlin. Die Verbundenheit ist spürbar vorhanden. Ein Stoff, aus dem neue innovative Ideen entwickelt werden könnten?

"Die (…) Definition dieser Tatbestände ist ein Beispiel dafür: daß gerade das 'Selbstverständliche' (weil anschaulich Eingelebte) am wenigsten 'gedacht' zu werden pflegt."

(Max Weber (1921): Wirtschaft und Gesellschaft)

Es ist vor allem die Freiheit, die uns die Universität geboten hat, die wir sehr selbstverständlich wahrgenommen haben. In einer Zeit, in der ich wegen meiner türkischen Staatsbürgerschaft kein Wahlrecht hatte und damit von einem wichtigen Instrument der politischen Teilhabe ausgeschlossen war, wurde ich von vielen unterstützt, als ich für das Amt als Fakultätsrätin antrat. Die Universität hat mir beigebracht, dass Augenhöhe unabhängig von Herkunft und individueller Zugehörigkeit möglich ist. Dies hat meine politische Überzeugung geprägt und mich zu einer überzeugten Demokratin geschult. Im Universitätsleben in Konstanz war ich eine gleichberechtigte Studentin. Ich habe es genossen, mir meine Meinung bilden zu dürfen und diese auch äußern zu können. Ein Kontrast dazu liefert ein Gespräch zu dieser Zeit mit einem Professor der Sozialwissenschaften in der Türkei, der mir die Frage stellte, ob bei uns der Verfassungsschutz oder die Zivilpolizei mit in den Vorlesungen der Politikwissenschaft sitzen würde, um die Professoren und Studierende zu überprüfen. Auf mein resolutes "Da sitzt niemand mit drin, die Wissenschaftsfreiheit ist in Deutschland ein hohes Gut." erntete ich Unglauben und die Antwort: "Deine Unwissenheit ist der Naivität des Alters geschuldet." Ich hatte Recht, er Unrecht. Was allerdings an meiner Alma Mater selbstverständlich ist, ist es keineswegs überall in der Welt.

Max Weber hat Recht, wenn er sagt, dass an das Selbstverständliche am wenigsten gedacht wird. Aber ist genau das, was für uns selbstverständlich ist, nicht ein sehr hohes Gut, wofür es sich lohnt, sich jeden Tag von neuem einzusetzen, damit es selbstverständlich bleibt? Oder in Max Webers Worten gesprochen: dicke Bretter zu bohren?

"Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, daß man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre."

(Max Weber (1919): Politik als Beruf)

Ich erinnere mich an dieser Stelle ganz besonders an ein Gespräch mit Prof. Simon, der mir den Rat gab, wenn ich in die Politik gehen sollte, unbedingt Mitglied des Haushaltsausschusses zu werden.

Alle meine Argumente, dass man sich mit anderen Themen besser positionieren, besser parlamentarisch wie öffentlich profilieren könne und wie schwer es sei, in diesen Ausschuss überhaupt hinein zu kommen, wurden von ihm mit einem Satz weggefegt: "Gehen Sie in den Haushaltsausschuss!" Dort bin ich nun Mitglied, im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages. Neulich im Plenum hielt ich eine Rede zur Neugestaltung der Kommunalfinanzen, und da war es wieder: Das Uni Konstanz-Gefühl. Trotz all der räumlichen und zeitlichen Distanz war ich während dieser Rede die Schülerin von Prof. Simon, und er stand in spiritu neben mir. Ich weiß nicht, wer von uns stolzer war: Er, weil er sich durchgesetzt hat oder ich, weil ich die Ehre hatte, seine Schülerin zu sein. Danke!

Lernen und wagen sind manchmal nahe beieinander. Ich habe gelernt, etwas zu wagen. Ob das Studium uns auf unseren Beruf vorbereitet, vermag ich nur bedingt zu beantworten, die Antwort fällt sicherlich individuell anders aus. Aber auf das Leben wurden wir definitiv gut vorbereitet.

Ekin Deligöz

Ekin Deligöz, geboren 1971 in Tokat/Türkei, ist seit 1979 in der Bundesrepublik Deutschland. Sie studierte Verwaltungswissenschaft in Konstanz und Wien. 1998 machte sie ihren Abschluss an der Universität Konstanz als Diplom-Verwaltungswissenschaftlerin. Seit September 1998 sitzt sie als Abgeordnete für Bündnis 90/DIE GRÜNEN im Deutschen Bundestag.

Gerhild Framhein

Bildungsforschung und Internationalität - vier Jahrzehnte an der Universität Konstanz (1968 – 2007)

Coming of Age in the University: Aufwachsen, Erwachsenwerden und schließlich sogar Altwerden in der Universität, das scheint mir eine passende Zusammenfassung für meine vier Jahrzehnte an der Universität Konstanz, an der ich 1968 als Youngster meinen Berufsweg begonnen und im Jahr 2007 beendet habe. Nicht nur habe ich in der Universität gelebt und gearbeitet, sondern mich die ersten 20 Jahre als Soziologin und Bildungsforscherin auch thematisch mit Entwicklungen von Universität und Studium, mit Studierenden und Absolventen im internationalen Kontext befasst – was eine ausgezeichnete Vorbereitung auf die sich anschließende Tätigkeit im Auslandsreferat war.


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Berufsbeginn an der jungen Refomuniversität

Gegen Ende meiner Studien- und Ausbildungszeit in Tübingen, USA und Berlin (1962-66) stieß ich auf eine Stellenanzeige: Ein Mitarbeiter wurde für das Zentrum I Bildungsforschung an der neu gegründeten Universität Konstanz gesucht, und so begann ich meinen Berufsweg in der Arbeitsgruppe von Hansgert Peisert, die mit Ralf Dahrendorf von Tübingen nach Konstanz gekommen war.

Wie war es damals, als ich im Oktober 1968 nach Konstanz kam? Kurz gesagt: Es war idyllisch. Den Gießberg gab es noch nicht, auf dem Sonnenbühl, wo heute die studentischen Wohnanlagen sind, herrschte Pionierstimmung. Das Zentrum I Bildungsforschung war in Haus Q und R untergebracht, den Gruppenhäusern Ost, die inzwischen aus Altersschwäche bereits wieder abgerissen wurden.

Die Einstellungsformalitäten wurden vom Verwaltungsleiter des Zentrums Bildungsforschung erledigt, einem Herrn von Trotha, der 25 Jahre später auch die Urkunde zu meinem 25-jährigen Dienstjubiläum unterzeichnet hat – dann aber in seiner Funktion als Wissenschaftsminister und oberster Dienstherr.

Dezentrale Kopierapparate hatten wir noch nicht. Wenn eine Tabelle oder Grafik oder in Ausnahmefällen zwei bis drei besonders wichtige Manuskriptseiten zu kopieren waren, spazierte man mit einem Kopierauftrag und der Hoffnung, am nächsten Tag die Kopien zu erhalten, zum Haus L, wo Herbert Haug als Chefhausmeister den einzigen uns zugänglichen Nasskopierer unter sich hatte. Ziemlich gemächlich ging es zu.

Auf dem Sonnenbühl traf ich auf einige Studienkollegen der Tübinger Zeit: Nikolaus Kämpfe zum Beispiel, der als Student Nr. 1 im April 1966 an der Universität Konstanz immatrikuliert wurde. Sein Zulassungsantrag ist heute, zusammen mit den Entwürfen für die architektonische Gestaltung des Konstanzer Universitätscampus, als historisches Dokument der Landesgeschichte im Haus der Geschichte Baden-Württemberg ausgestellt, das im Jahr 2002 zum 50-jährigen Jubiläum der Gründung des Südweststaates eröffnet wurde.

Mitarbeiterin in der Bildungsforschung 1968 - 1989

Mit dem Konzept der Zentren und der damit verbundenen forschungsthematischen Schwerpunktsetzung war die Universität Konstanz den Anregungen des Wissenschaftsrates zur Gestalt neuer Hochschulen gefolgt. Sie nahm damit eine Entwicklung vorweg, die kurz danach durch das neue Förderprogramm der Sonderforschungsbereiche bundesweit eingeführt wurde. Es war daher folgerichtig, dass der gerade konstituierte Konstanzer Schwerpunkt Bildungsforschung 1969 als SFB 23 (eine sehr frühe Nummer!) in die SFB-Förderung aufgenommen wurde. Das Forschungsprogramm wurde unter das Rahmenkonzept der Sozialisation in Bildungsinstitutionen gestellt, oder anders gesagt, unter die Fragestellung: Wie entwickeln sich Schüler und Studenten mit ihren unterschiedlichen Vorerfahrungen und Lerngeschichten in Schule und Studium? Wie prägen die unterschiedlichen Kontexte des Fachstudiums Studienerwartungen und Lernstrategien, soziale und politische Orientierungen, Zukunftsvorstellungen und Berufspläne.

Der SFB Bildungsforschung arbeitete schwerpunktmäßig auf dem Gebiet der empirischen Grundlagenforschung; parallel verstärkte sich das Interesse der Praxisseite, die Konstanzer Bildungsforschung für Fragestellungen von aktueller bildungspolitischer Bedeutung zu nutzen. Mir hat die anwendungsbezogene Sozialforschung mehr Freude gemacht als theoretische Überlegungen in der Grundlagenforschung, und ich habe mich auch mehr auf die anwendungsbezogenen Fragestellungen konzentriert, die wir in zahlreichen Expertisen und Gutachten für das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, das baden-württembergische Wissenschaftsministerium, das Auswärtige Amt, die Rektorenkonferenz, den DAAD, ja, und natürlich auch die Universität Kostanz erarbeitet haben.

Ein Beispiel für unsere politiknahen Forschungen waren Untersuchungen zur Hochschulwahl von Studierenden, die ganz unmittelbar von der Entwicklungssituation der Universität Konstanz inspiriert waren. In den frühen 1970er Jahren, nach bald zehnjähriger Aufbauphase, blieb die Zahl der 2.500 Studenten in Konstanz um 500 hinter dem damaligen Planungsziel zurück – vor dem Hintergrund einer allgemeinen Überfüllungssituation der deutschen Universitäten eine besorgniserregende Situation. Zunächst für Konstanz, später in einer bundesweiten Untersuchung für das Bundesbildungsministerium, haben wir das Hochschulwahlverhalten von deutschen Studenten erfasst. Bei flächendeckender Analyse der regionalen Einzugsgebiete aller Universitäten konnten wir zeigen, dass deutsche Studenten überwiegend sesshaft sind und ihre nächstgelegene Universität wählen, wenn sie das entsprechende fachliche Studienangebot bereithält, und dass teilweise sogar die Fachwahl von den regionalen Studienmöglichkeiten geprägt wurde.

Für die zahlreichen Universitätsneugründungen in Randlage wie z.B. Bamberg, Bayreuth, Passau, Trier und Konstanz mit vergleichsweise geringem Studentenpotenzial im Nahbereich ergab sich hieraus die anspruchsvolle Aufgabe, als noch wenig bekannte Neugründungen über den unmittelbaren Nahbereich hinaus Studenten aus der weiteren Umgebung anzuziehen, im Fall von Konstanz beispielsweise aus den traditionellen Einzugsgebieten der benachbarten alten Universitäten Freiburg und Tübingen. Mit dem rasanten, insbesondere demographisch bedingten Studentenwachstum der 1980er Jahre haben sich die Entwicklungsprobleme der Neugründungen dann relativ rasch erledigt.

Projekt Studiensituation und studentische Orientierungen

Zentral für unsere anwendungs- und politikorientierten Expertisen waren die Studentenuntersuchungen im Projekt „Studiensituation und studentische Orientierungen“. 1981 hatten wir auf der Grundlage früherer Untersuchungen im SFB einen Projektentwurf für das Bundesbildungsministerium erarbeitet (Hansgert Peisert/Tino Bargel/Gerhild Framhein), der auf eine kontinuierliche und systematische Dauerbeobachtung der Studiensituation abzielte. Das Konzept war darauf ausgerichtet, in repräsentativem Umfang verschiedene Studentengenerationen mit einem im Kern stabilen Befragungsinstrument zu untersuchen, um verlässliche Daten über Lernsituation, motivationale Tendenzen und Studierverhalten sowie studienbezogene, berufliche und gesellschaftspolitische Orientierungen der Studierenden im Zeitverlauf zu gewinnen. Als wie dauerhaft sich dieses Untersuchungskonzept über inzwischen 35 Jahre bewähren würde, haben wir nicht erhoffen können, als es um die Finanzierung der ersten Erhebung mit einer Beteiligung von rund 8.000 Studierenden ging.

In der Arbeitsgruppe Hochschulforschung läuft im Jahr 2016 nun erfreulicherweise bereits die 13. Erhebung, die den spannenden Analysen und Zeitvergleichen zu einem breiten thematischen Spektrum neue Einsichten hinzufügen wird.

Eines der Themen, mit dem ich mich im Rahmen der AG Hochschulforschung befasst habe, bevor ich 1989 ins Auslandsamt wechselte, war die angebliche Auslandsmüdigkeit der deutschen Studenten, die sich vielmehr als Mangel an Angeboten, Hilfestellungen und Finanzen herausstellte. Dem wollte ich abhelfen, und mit dem Rüstzeug der langjährigen Studentenforschung im Hinterkopf, begann ich meine Tätigkeit im Auslandsreferat.

Auslandsreferat/ International Office: 1989-2007

Es hat mir sehr viel Freude gemacht, die Austauschmöglichkeiten für unsere Studierenden aufzubauen und das internationale Profil der Universität insgesamt zu entwickeln, noch dazu in Zeiten einer regelrechten Aufbruchstimmung für die Internationalisierung der Hochschulen.

Zunächst ging der Blick nach Westen: Das 1987 eingeführte Erasmus-Programm der Europäischen Union war noch in der Startphase. In meinem ersten Jahr im Auslandsamt wurden in Konstanz ganze zehn Erasmus-Studierende ausgetauscht, die Fachbereiche Politik- und Sprachwissenschaft waren Vorreiter. Die Zahl der Erasmus-Partner ist seither steil angewachsen. 2007 wurden 250 Studierende im Rahmen von Erasmus jährlich ausgetauscht, mittlerweile sind es um die 450.

Die Erweiterung der Studienmöglichkeiten in Nordamerika war mir aufgrund meiner eigenen Erfahrung als Fulbright-Studentin in den USA (1964-66) ein besonderes Anliegen. Die erste große Delegation, die ich im neuen Amt betreut habe, kam aus Ontario. Professor Mark Webber war mit von der Partie – der Start für eine ungemein langlebige und ertragreiche Zusammenarbeit. Wir haben gemeinsam die Universitätspartnerschaft Konstanz-York geknüpft und parallel dazu mit tatkräftiger Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und gemeinsam mit allen Auslandsämtern in Baden-Württemberg das Landesprogramm mit den Universitäten in Ontario entwickelt. Rund 800 Studenten auf beiden Seiten haben bis 2007 von diesem Austauschprogramm profitiert, inzwischen weit über 1.000. Viele andere nordamerikanische Verbindungen sind über die Jahre hinzugekommen und in immer neuen Expansionszyklen auch Verbindungen zu Lateinamerika, Australien, Fernost und Südafrika.

Blick nach Osten

Die politischen Wendejahre 1989 und 1990 brachten für die Gestaltung der internationalen Beziehungen aber noch ganz andere Chancen und Herausforderungen. Der Blick richtete sich nach Osten auf jene mittel- und osteuropäischen Länder (kurz MOE genannt), die solange durch den eisernen Vorhang abgeschottet waren. Wir haben ganz gezielt die Beziehungen zu ausgewählten Partneruniversitäten in dieser Region entwickelt: Warschau, Karls-Universität Prag, die beiden Universitäten in Kiew, Jassy in Rumänien, Tartu in Estland und die Russische Universität für die Geisteswissenschaften in Moskau.

Wir hatten das Glück, viele Sympathisanten und Förderer für unsere MOE-Projekte zu gewinnen. In glücklicher Arbeitsteilung zwischen dem Auslandsreferat und den engagierten Beauftragten des Rektors für die sieben MOE-Partnerhochschulen konnten wir innerhalb der Universität einen großen Kreis von Beteiligten mit einem attraktiven Spektrum von Aktivitäten gewinnen: Gastaufenthalte von Wissenschaftlern und Studierenden, gemeinsame Betreuung von Doktoranden, Seminare und Sommerschule, Ständige Gastprofessuren, Germanistische Institutspartnerschaft. Von außen kamen großzügige Fördermittel für diese Aktivitäten: Vom DAAD, vom Wissenschaftsministerium und von der Herbert-Quandt-Stiftung. Die Kooperation mit den MOE-Universitäten ist so zu einem Schwerpunkt der Konstanzer internationalen Beziehungen geworden, der ausgezeichnete Studierende und Doktoranden hierher gebracht hat.

Zusammenarbeit in der Universität

Es ist ein besonderes Charakteristikum für das abwechslungsreiche Arbeitsfeld der internationalen Hochschulzusammenarbeit, dass man täglich mit vielen Personen und Institutionen zu tun hat. Dafür braucht es vielfältige Hilfe und Unterstützung, die den internationalen Aufgaben innerhalb der Universität reichlich zuteil wurden, was den Hausdienst, die Poststelle, die Hausdruckerei, die Uni-Kasse und das Studentenwerk ebenso einschließt wie die Kollegen in der Verwaltung, im Sprachlehrinstitut und die vielen Partner in den Fachbereichen.

Es war für mich auch eine bereichernde Erfahrung, vier Rektoren mit ihren individuellen Temperamenten und Arbeitsstilen und aus den verschiedenen Fachkulturen der Biologie, Rechtswissenschaft, Psychologie und Literaturwissenschaft zu erleben, mit allen gleichermaßen gut zusammenarbeiten und gelegentlich – das gehört nun einmal bei der Auslandsarbeit dazu – durch die Welt reisen zu können.

Alle vier Rektoren in meiner Amtszeit – Professor Horst Sund, Professor Bernd Rüthers, Professor Rudolf Cohen, Professor Gerhart v. Graevenitz – haben die internationalen Aufgaben mit Wohlwollen und beständiger Unterstützung begleitet, so dass das Einpersonenamt mit Halbtagssekretärin über die Jahre zu einem ansehnlichen International Office wurde, mit einer Stammbesatzung von zehn Mitarbeitern (fünf ganz, fünf halb) und einer großen Zahl von wechselnden Hiwis und Einsatzstudenten, die uns bei den vielfältigen Beratungs- und Betreuungsaufgaben, in Exkursionen und Orientierungsprogrammen unterstützt haben.

Persönliche Bilanz

Vereint hat uns insbesondere das Interesse und Engagement für Studiensituation, Studienpläne und Studienerfolg unserer Studenten – der deutschen wie der ausländischen. Insoweit wird im Auslandsamt auch immer ein Stück Studienberatung betrieben, und die damit verbundenen Gespräche habe ich wie ein persönliches und höchst abwechslungsreiches Studium Generale erlebt. Ich habe unendlich viel von unseren Studenten gelernt, über die Themen ihrer Examensarbeiten, die Lebenssituation in den Heimatländern oder die Erfahrungen während des Auslandsstudiums an unseren Austauschuniversitäten.

Rückblickend war es außerordentlich spannend, den Aufbau einer neuen Universität auf der grünen Wiese zu erleben und die wechselnden Soziotope in ihren Mauern mit anthropologisch geschultem Blick zu beobachten. Ich blicke mit Freude und Befriedigung auf meine Berufslaufbahn an dieser Universität, die so ganz anders verlaufen ist als das heute übliche berufliche Patchwork-Muster der „Prekaristen“-Generation, die sich nach dem Studium über allerlei ungesicherte und oft auch unbezahlte Stationen ihrem Beruf annähern muss. Ich jedenfalls habe es als großes Glück empfunden, mich ohne größere Ungewissheiten und Zukunftssorgen auf die anstehenden Aufgaben konzentrieren zu können, und ich bin überzeugt, dies kommt der Aufgabenerfüllung zugute.

Dr. Gerhild Framhein

Dr. Gerhild Framhein, geboren 1942 in Hamburg. Sie studierte Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft in Tübingen und den USA. 1967/1968 absolvierte sie eine Postgraduierten-Ausbildung am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Berlin. 1984 wurde sie an der TU München promoviert. Ab 1968 war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum I Bildungsforschung der Universität Konstanz, von 1974 bis 1979 Forschungssekretärin am Europäischen Koordinationszentrum für sozialwissenschaftliche Forschung in Wien, von 1979 bis 1989 Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz. Von 1989 bis 2007 war sie Leiterin des Auslandsreferats/International Office der Universität Konstanz.

Klaus Franken

Die Bibliothek

Was zeichnet heute eine gute Bibliothek aus? Die Bibliothek der Universität Konstanz scheint eine gute Bibliothek zu sein, jedenfalls hat sie in den letzten Jahren in Rankings gut abgeschnitten, sie hat in Fachkreisen einen „guten Ruf“ und wurde im Jahr 2010 zur Bibliothek des Jahres gekürt. In den Jahren zwischen 2008 und 2011 erreichte sie im wichtigsten Ranking für wissenschaftliche Bibliotheken, dem Bibliotheks-Index BIX, jeweils den ersten Platz in der Gruppe der vergleichbaren Bibliotheken, nach Abschaffung der Platzziffern war sie weiterhin in der Spitzengruppe. Ebenso trug die Bibliothek ihren Teil zum Exzellenzstatus der Universität Konstanz bei. Wie haben die Entscheidungen der Gründungsjahre sowie der folgenden Jahrzehnte dazu beigetragen, diese Qualität erreichen zu können, und wie haben sie sich auf die Gesamtentwicklung ausgewirkt?


Weiterführender Text

Die Bibliothek ist als Freihandbibliothek mit fachsystematischer Aufstellung und strikter Einschichtigkeit gegründet worden. Was bedeutet dieses bibliothekarische Fachchinesisch? Freihandbibliothek bedeutet, dass die Bücher und sonstigen Medien im Regal frei zugänglich sind für die Nutzerinnen und Nutzer; fachsystematische Aufstellung heißt Aufstellung nach wissenschaftssystematischen Grundsätzen, so dass Gleiches bei Gleichem steht und Zusammenhänge nicht auseinandergerissen werden; Einschichtigkeit bedeutet, dass es nur eine Bibliothek gibt und keine weiteren Instituts-, Bereichs- oder Fakultäts- bzw. Fachbereichsbibliotheken.

Die Entscheidung für diese Struktur war in den sechziger Jahren in bibliothekarischen Fachkreisen hoch umstritten, und auch innerhalb der Gründungsphase der Universität musste Joachim Stoltzenburg als Bibliotheksgründungsdirektor einiges an Überzeugungsarbeit leisten und diplomatische Fähigkeiten beweisen, um die Interessen der einzelnen Personen sowie das Ziel einer Gesamtbibliothek erreichen zu können.

Doch die Euphorie und der Elan der Gründungszeit sind das eine, die Jahre danach, die „Mühen der Ebene“, sind das andere. Welche Faktoren trugen dazu bei, den Elan der Gründungszeit in die Gegenwart zu überführen und die Bibliothek als lebendige Dienstleistungseinrichtung stetig weiterzuentwickeln?

Die nachstehende Chronik versucht, diese Entwicklung darzustellen, es sollen Schlüsselentscheidungen der Universität und der Bibliotheksleitung benannt werden. Hätten die Verantwortlichen zu den jeweiligen Zeitpunkten anders entschieden, so sähe die Informations- und Literaturversorgung der Universität Konstanz heute vermutlich anders aus.

Kommunikations-, Informations-, Medienzentrum (KIM)

Im März 2014 wurde das Kommunikations-, Informations-, Medienzentrum (KIM) der Universität Konstanz als Fusion der vorher unabhängigen zentralen Einrichtungen Bibliothek und Rechenzentrum sowie der IT-Abteilung der Verwaltung gegründet. Die Gründung trägt der Tatsache Rechnung, dass IT- und Bibliotheksdienste immer näher zusammenrücken. Die seit Jahren zunehmende Automatisierung und Informatisierung aller Dienstleistungen und internen Prozesse und ihrer Verflechtungen ließen diese Integration nicht nur als sinnvoll, sondern zwingend erscheinen: Ein Informationszentrum als zentraler Dienstleister innerhalb der Universität ist die Konsequenz.

Neuorientierung und Asbest

Im November 2010 wurden große Teile der Bibliothek wegen Asbestfunden auf unbestimmte Zeit geschlossen. Während die Detailuntersuchungen noch liefen, musste die Bibliothek ihren bisher auf Selbstbedienung durch Benutzer ausgerichteten Freihandbetrieb umstellen auf Magazinausleihe, einen vorübergehenden Aufstellungsort für 1,5 Millionen Bücher finden und Lieferprozeduren etablieren. Die Universität entschied in enger Abstimmung mit der zuständigen Landesbehörde „Vermögen und Bau, Amt Konstanz“ sowie den Wissenschafts- und dem Finanzministerien, dass die Bibliothek baulich saniert werden soll. Das Land als Unterhaltsträger stellte erhebliche Mittel für die Sanierung sowie die Zwischenlösung bereit. Die Bibliothek nutzte die Gelegenheit, ihre gesamten Dienste mit dem Ziel zu überprüfen, sie an die aktuellen sowie künftig zu erwartenden Bedürfnisse der Benutzer anzupassen. Daraus entstand, unter Beibehaltung der bewährten systematischen Aufstellung und des freien Zuganges der Benutzer zu den Beständen, das Sanierungskonzept. Die Bibliothek wird sich noch mehr wandeln vom „Ort der Bücher“, einem Aufbewahrungsort, zum „Ort des Studiums und der Forschung“, dem zentralen Angebot der Universität zur Arbeit mit konventionellen und elektronischen Medien. Über Lizenzverträge, die die Bibliothek mit den Anbietern wie Verlagen schließt, stellt sie Inhalte zur Verfügung, die über das Internet nicht kostenfrei zugänglich sind. Seit Herbst 2015 präsentieren sich der Buchbereich BS und das Infozentrum im neuen Gewand, und die Benutzer können diese beiden Bereiche „ihrer Bib“ wieder nutzen.

Open Access

Im Januar 2009 beschloss das Rektorat auf Vorschlag der Bibliothek, dass alle wissenschaftlichen Publikationen von Mitarbeitern an die Bibliothek gemeldet und möglichst die Volltexte im Sinne von Open Access abgeliefert werden sollen, um eine Universitätsbibliographie als Grundlage für die Evaluation aufzubauen. Die Bibliothek hatte bereits seit 1999 praktische Erfahrungen mit Volltextservern. Sie baute damals einen der ersten universitären Volltextserver (heute unter dem Namen KOPS auf der im Land Baden-Württemberg entwickelten Standardsoftware OPUS basierend) in Deutschland auf. Der erste Titel war eine Dissertation über den Kabarettisten Karl Valentin. Seitdem ist der Bestand auf insgesamt 22.000 Titel angewachsen, die über das Internet frei zugänglich sind. Dazu zählen Dissertationen, vor allem wissenschaftliche Aufsätze, Forschungspublikationen und anderes mehr. Nicht zuletzt aufgrund dieser langjährigen und vielfältigen Erfahrungen ist die Bibliothek seit 2007 führend an nationalen und internationalen Open Access-Projekten beteiligt. Die Idee des kostenfreien und unbeschränkten Zugangs zu wissenschaftlichem Wissen ist bestechend. Open Access zieht Veränderungen in den Mittelflüssen nach sich, weg von der klassischen Abonnement- und Kauffinanzierung durch den Bibliotheksetat hin zur Finanzierung der Produktion (Stichwort: Article Process Charges), ebenfalls teilweise aus dem Bibliotheksetat.

Bibliotheksgebäude: Buchbereich J

Im März 2003 wurde nach langjähriger Vorplanung und einer Bauzeit von knapp drei Jahren der Buchbereich J in Betrieb genommen. Er ist das Resultat der damaligen Bemühungen um Schaffung weiterer und qualitätsvoller Arbeitsplätze in der Bibliothek sowie des Bedarfs an weiteren Flächen für die Buchaufstellung. Neben der Aufstellung von sozialwissenschaftlichen und juristischen Buchbeständen wurde das Arbeitsplatzangebot um 503 Arbeitsplätze deutlich erweitert und qualitativ durch Gruppenarbeitsräume und einen Schulungsraum verbessert. Damit konnte das seit längerer Zeit zuvor sich abzeichnende und lediglich durch provisorische Zwischenlösungen überbrückte Problem behoben werden, dass sich die Lern- und Studienbedürfnisse verändert haben.

24-Stunden-Bibliothek

Nach nur kurzer inneruniversitärer Diskussion führte die Bibliothek im April 2001, unterstützt durch Mittel des Rektorates, ausgeweitete Benutzungszeiten ein. Die Bibliothek hat damit als erste große Bibliothek in Deutschland den 24/7-Service eingeführt. Damit nimmt sie auch im Vergleich zu renommierten amerikanischen Universitätsbibliotheken eine Spitzenstellung ein.

Interne Reorganisation

1996 wurde die EDV-gerechte integrierte Arbeitsorganisation der Bibliothek abgeschlossen, die 1985 mit der Bildung wissenschaftsfachbezogener Teams begonnen hatte und die Auflösung der klassischen Buchbearbeitungsabteilungen zum Ziel hatte. Die Teams hatten sich auf bestimmte Arbeitsschritte an den neu beschafften Büchern, wie Erwerbung und Inventarisierung, Katalogisierung und Festlegung des Standortes in der Freihandaufstellung, spezialisiert. Die Bibliothek war damit auch in diesem Bereich Vorreiterin im deutschen Bibliothekswesen.

Die Bodenseeregion

Schon in den ersten Jahren nach Inbetriebnahme übernahm die Bibliothek die Erstellung der Bodenseebibliographie, eines Verzeichnisses aller Literatur, die in einer historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehung zum Bodenseeraum und seinen Anrainerstaaten steht. Daraus ist inzwischen eine Datenbank mit über 100.000 Nachweisen entstanden. Ein Teil der dort verzeichneten Literatur ist in der Bodenseesammlung der Bibliothek aufgestellt. Zu erwähnen ist als ein Zeichen der besonderen Verbindung zwischen Stadt und Universität Konstanz die treuhänderische Übernahme der Wessenberg-Bibliothek im Jahre 2001 und ihre fachliche Betreuung durch die Bibliothek.

Verbundkatalogisierung

Die Bibliothek gab 1986 die autonome Katalogisierung ihrer Bestände auf und wurde, nachdem sie sich seit 1980 an den vorbereitenden Arbeiten intensiv beteiligt hatte, eine der vier Pilotbibliotheke des neu gegründeten Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes mit Sitz in Konstanz. Der Weitsicht der Bibliotheksgründer im Jahre 1965 ist es zu verdanken, dass die maschinenlesbaren Katalogdaten im Umfang von einer Million Datensätzen als „Grundlast“ in die Verbunddatenbank eingebracht werden konnten, so dass sie durch die übrigen Verbundbibliotheken für deren eigene Kataloge nutzbar waren.

Bestandswachstum

Im Dezember 1980, 15 Jahre nach Betriebsbeginn, wurde der millionste Band beschafft. 22 Jahre später, im Juni 2002, folgte der zweimillionste Band. Der Bibliotheksbestand wächst seitdem nur noch geringfügig, da die Differenz zwischen Neubeschaffungen und der Zahl der regelmäßig ausgesonderten, nicht mehr vor Ort benötigten Bestände, schrumpft. Durch umfangreiche Lizenzverträge, teils in Konsortien mit anderen Universitätsbibliotheken des Landes Baden-Württemberg und anderer Bundesländer, werden inzwischen rund 100.000 Zeitschriftentitel in elektronischer Form bereit gestellt.

Bibliotheksgebäude

In konsequenter Umsetzung des Gründungskonzeptes wurde im Januar 1973, nach provisorischen Quartieren, auf dem Gießberg der erste Bauabschnitt – Buchbereich Geisteswissenschaften – in Betrieb genommen. Im Juli 1976 folgten der Buchbereich Sozialwissenschaften und das Informationszentrum. Im Dezember 1982 wurde der in unmittelbarer Nähe zu den naturwissenschaftlichen Laboratorien und Diensträumen der naturwissenschaftlichen Fächer liegende Buchbereich Naturwissenschaften in Betrieb genommen, in dem die Bestände der Biologie, Chemie und Physik vorgehalten werden.

Arbeitsstelle zum Aufbau der Bibliothek

Im Januar 1965, eineinhalb Jahre vor der ersten Vorlesung in der Universität, begann der Aufbau der Bibliothek entsprechend den Beschlüssen des Gründungsausschusses der Universität, der den Vorschlägen des Bibliotheksdirektors Dr. Joachim Stoltzenburg und seiner Mitarbeiter folgte. Dieser zeitliche Vorlauf machte es möglich, dass die Bibliothek einen Grundbestand an Literatur erwerben und zum Vorlesungsbeginn für die Benutzung bereitstellen konnte, musste sie doch bei Null beginnen. Der Vorlauf erleichterte es zudem, das organisatorische Ziel dieser Universitätsbibliothek zu erreichen. In Abkehr von der an allen deutschen Universitäten bestehenden Form der Literaturversorgung, dem weitestgehend unkoordinierten Nebeneinander von zentraler Universitätsbibliothek, Fachbereichs- und Seminarbibliotheken sowie als dritter Ebene Instituts- und Lehrstuhlbibliotheken, war in Konstanz eine einzige zentrale Freihandbibliothek mit systematisch aufgestellten Buchbeständen aller Fächer ohne jegliche dezentrale Bibliotheken vorgesehen. Von Beginn an sollten die Möglichkeiten der Datenverarbeitung genutzt werden. Dieses Konzept der strikt „einschichtigen Literaturversorgung“ löste im deutschen Bibliothekswesen heftige kontroverse Diskussionen aus. Die Bibliothek erhielt kein eigenes Gebäude, sondern wurde in das Zentrum der Universität „als ihr Herz“ mit räumlicher Verflechtung zu den Fachbereichen gebaut. Trotz gelegentlicher Anfechtungen in den frühen Jahren wurde das Konzept bis in die Gegenwart durchgehalten, denn es bewährte sich und trug maßgeblich zum guten Ruf der Universität Konstanz bei Forschern und Studierenden bei.

Dr. Klaus Franken

Dr. Klaus Franken studierte an den Universitäten Bonn und Göttingen Rechtswissenschaft. Nach dem ersten juristischen Staatsexamen absolvierte er die Ausbildung zum wissenschaftlichen Bibliothekar und legte 1972 das Assessorexamen ab. Bis 1980 war er an der Universitätsbibliothek Mannheim Fachreferent und Abteilungsleiter. 1980 wechselte er an die Bibliothek der Universität Konstanz, bis 1987 als stellvertretender Direktor, dann bis 2006 als Direktor.

Hannelore Gerstein

Erinnerungen einer ehemaligen Doktorandin

Im Frühjahr 1966 war es soweit: Ich gehörte zu den ersten 40 „Bediensteten“ der gerade gegründeten Universität Konstanz. Zu diesen 40 zählten alle gleichermaßen, Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie Verwaltungsangehörige. Es war eine richtige Pionier-Atmosphäre: Aufregend und wichtig für uns alle, wir fühlten uns wie die Gründerinnen und Gründer dieser neuen Universität.


Weiterführender Text

Dem vorangegangen waren spannende Monate in Tübingen: Ich war nach meiner Magisterprüfung und nach dem öffentlichen Erfolg meiner Magisterarbeit „Studierende Mädchen“, die bei Piper erschien, als „geprüfte Hilfskraft“ am Soziologischen Seminar der Universität Tübingen angestellt. Mein Chef war Professor Ralf Dahrendorf. Über die neue Universität, die Vorstellungen und Visionen, die damit zusammenhingen, waren wir am Seminar schon lange eingeweiht, denn Ralf Dahrendorf war als Mitglied des Gründungsausschusses auch einer der geistigen Väter dieser Universitätsgründung. Zweimal nahm er eine Gruppe von uns – es waren, soweit ich mich erinnere, Hansgert Peisert, Wolfgang Zapf und ich selbst – mit nach Stuttgart, um zuzuhören, wie er mit dem damaligen Kultusminister Wilhelm Hahn und anderen über die Rolle der künftigen Universität in der Region und deren wissenschaftliche Ausrichtung diskutierte. Wir waren natürlich nur als Beobachter dabei, aber das war spannend genug. Dahrendorfs Überlegungen gingen damals von einer „postgraduate university“ und „campus university“ aus. Campusuniversität ist sie auch heute noch, aber Konstanz wurde aufgrund des Gründungsberichtes als Universität für alle Studierende, vom Beginn bis zur Promotion, konzipiert. Sie wurde als Reformuniversität gegründet, viele Ideen der Reform wurden realisiert, und man kann mit Fug und Recht sagen, dass diese Universität anders ist als andere. Insbesondere das Konzept der Forschungsschwerpunkte wurde z.B. von Anfang an verfolgt und charakterisiert die Universität auch heute noch.

Zunächst waren wir Neuen 1966 natürlich mit der Wohnungssuche beschäftigt. Es ging vor allem darum, wer die beste Aussicht auf den See hatte. Dahrendorfs Kommentar hierzu: „Es gibt einen neuen, sozialen Wert, der heißt ‚L a n d s c h a f t‘.“ Meinen Mann, unsere zweijährige Tochter und mich hat es dann nach Dettingen gebracht, dort haben wir „die Landschaft“ genossen, zwar ohne Seeblick, dafür mit Alpenblick.

Ich bekam 1966 eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Hansgert Peisert am „Zentrum für Bildungsforschung“, dem ersten Forschungsschwerpunkt der Universität Konstanz. Untergebracht waren wir in der „Brotlaube“, andere im Inselhotel. Ich selber teilte das Büro mit Paul Kellermann. Studierende im eigentlichen Sinne gab es in dieser Vorphase noch nicht.

Das Zentrum war von Anfang an interdisziplinär konzipiert. Außer uns Soziologen gab es Psychologen, Erziehungswissenschaftler und Politologen, unter ihnen auch einige Wissenschaftlerinnen. In der ersten Zeit ging es vor allem darum, in dem heterogen zusammengesetzten Zentrum eine gemeinsame Sprache zu finden, in der wir uns über unsere Fachkenntnisse hinaus verständigen konnten. Klarheit zu schaffen über ein gemeinsames Forschungsziel war schwierig und zäh.

Als die Studentenwohnheime auf dem Sonnenbühl fertig gebaut waren, zog das gesamte Zentrum übergangsweise in eines der Wohnheime. Auch die anderen Wohnheime dienten den Geistes- und Sozialwissenschaftlern als Arbeitsstätte, bis der Gießberg 1972 bezogen werden konnte. Unerlässlich für unsere Arbeiten war die „Zählmaschine“ für unsere Lochkarten. Sie versetzte uns in die Lage, Tabellen zu erstellen. Hansgert Peisert brachte uns damals noch dazu, den Korrelationskoeffizienten mit Stift und Papier zu errechnen. Computer für unsere Zwecke gab es damals noch nicht.

Mit dem Umzug in die Wohnheime bekam das Zentrum für Bildungsforschung auch einen Verwaltungsleiter, Herrn von Trotha, den späteren Wissenschaftsminister von Baden-Württemberg.

Jung und neugierig wie wir waren, haben wir Soziologen Elisabeth Noelle-Neumann in Allensbach besucht. Wir wollten wissen, wie das damals schon sehr bekannte Institut für Demoskopie funktioniert, und haben dort viel über die kommerzielle Praxis erfahren.

„Normale“ studentische Veranstaltungen gab es damals noch nicht, es fanden aber auf anspruchsvollem Niveau Doktoranden-Seminare statt, an denen auch Habilitanden teilnahmen. Wir als Schüler von Dahrendorf hatten in diesen Tagen das Privileg, Karl Popper, René König, Erwin K. Scheuch und andere in einer Art „akademischen“ Oase zu hören und zu erleben. Diese Kolloquien fanden immer im Inselhotel statt. Es herrschte freies Denken. Das waren für mich sehr prägende Erfahrungen. Rückblickend sind es diese Veranstaltungen und die Offenheit des Umgangs miteinander, die für mich für die einmalige Aufbruchs- und Gründerstimmung damals in Konstanz stehen, für die Freiheit, die Hierarchielosigkeit und den gegenseitigen Respekt.

Nach einer kurzen Pause 1967 – ich bekam mein zweites Kind – habe ich am 17. März 1969 im Fach Soziologie promoviert. Meine Prüfer waren Ralf Dahrendorf, Waldemar Besson und Hansgert Peisert. Meine Dissertation „Erfolg und Versagen im Gymnasium“ ist als „Beltz-Monographie“ erschienen.

Das, was ich am Zentrum für Bildungsforschung und bei Dahrendorf gelernt habe, die empirische Sozialforschung, hat mir für mein späteres berufliches Leben viele Wege geebnet. So war ich in der Lage, ein eigenes Büro für „Angewandte Sozialforschung“ (ASO-Gerstein) zu gründen, mich also selbstständig zu machen und zahlreiche Aufträge der Öffentlichen Hand, insbesondere für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und das Bundesministerium für Wissenschaft, zu übernehmen und durchzuführen. Beim DAAD ging es vor allem darum, Förderprogramme in Frankreich, Deutschland, Ägypten, Indien und Kenia zu evaluieren. Beim Wissenschaftsministerium handelte es sich darum, deutsche Studierende zu einem vorübergehenden Studium im Ausland zu motivieren. Die Ergebnisse dieser Studie wurden zu einer Grundlage des ERASMUS-Programms der EU.

Neben den persönlichen Begegnungen hat mir mein Konstanzer Training bis zuletzt die Fähigkeit verschafft, komplizierte Sachverhalte zu analysieren und zu verstehen, auch in fremden Kulturen. Das war mir immer nützlich bei meinen internationalen Tätigkeiten und auch bei den Aufgaben an der Universität Tübingen, bei dem Modellversuch der wissenschaftlichen Fort- und Weiterbildung, als Leiterin des Auslandsamtes und als Leiterin der Forschungsabteilung und insbesondere ab 1991 als Geschäftsführerin des „Internationalen Zentrums für wissenschaftliche Zusammenarbeit“ (IZ), einem Konsortium von insgesamt 19 Universitäten in USA, England, Dänemark, Deutschland, Russland, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Professor Horst Sund von der Universität Konstanz war einer der Begleiter und Gutachter dieses Zentrums.

Mein Leben lang habe ich mich gefühlt, wie der Spiegel 1965 nach meiner Magisterarbeit titelte: „Hannelore Gerstein: Zwischen Windeln und Wissenschaft“. Es war ein Spagat zwischen Familie und Berufstätigkeit, Gewinn und Verzicht, aber es war alles in Ordnung.

Dr. Hannelore Gerstein-Ankele

Dr. Hannelore Gerstein-Ankele, geboren 1939, zwei Kinder, war von 1966 bis 1969 Wissenschaftlerin am Zentrum I Bildungsforschung der Universität Konstanz, anschließend bis 1971 war sie mit Forschungsarbeiten für die Zweigstelle des DAAD in Paris beauftragt, 1972 bis 1981 betrieb sie eine eigene Agentur für „Angewandte Sozialforschung“ (ASO Gerstein). Von 1981 bis 2001 war sie an der Universität Tübingen u.a. als Leiterin des Auslandsamtes und Leiterin der Forschungsabteilung sowie Geschäftsführerin des „Internationalen Zentrums für wissenschaftliche Zusammenarbeit“ tätig.

Helmut Hengstler

Abenteuer Verwaltung - Erinnerungen eines Ehemaligen

Der Start: Meiner Anstellung zum 1.Juli 1974 zur Mitarbeit in der Personalabteilung nach einem vierjährigen Aufenthalt in der freien Wirtschaft ging ein umfangreiches Bewerbungs- und Vorstellungsverfahren voraus. Eine Stellenausschreibung in der Regionalzeitung hatte mich neugierig gemacht: „ Universität Konstanz sucht Mitarbeiter zum weiteren Auf- und Ausbau der Verwaltung.“ Die Auswahlkommission bestand aus dem Stellvertreter des Leitenden Verwaltungsbeamten (LVB) Konrad Stahlecker, später Kanzler der Universität Hohenheim, dem für das Personalwesen zuständigen Referenten Dr. Hartwig Möller, er wechselte später an die Staatskanzlei nach Düsseldorf, dem Leiter der Personalabteilung Klaus Eberhard und dem Leiter der Allgemeinen Abteilung, Klaus Reindanz. Die Vorstellung dauerte ca. 90 Minuten und fand in der provisorisch untergebrachten Verwaltung in der Werner-Sombart-Straße statt. Nach dieser großen Vorstellungsrunde durfte ich dann einige Zeit später nochmals ein ausführliches Vorstellungsgespräch mit dem Leiter der Personalabteilung führen und eine kurze Vorstellung beim Leitenden Verwaltungsbeamten und späteren ersten Kanzler, Günther Schlensag, absolvieren, der dann grünes Licht für meine Anstellung gab. Die Anstellungsurkunde wurde vom damaligen Rektor Frieder Naschold unterzeichnet.


Weiterführender Text

An die Arbeit: Das Abenteuer konnte beginnen. Nach der Einarbeitung in einer zu Büros umfunktionierten Wohnung in einem Wohnblock in der Werner-Sombart-Straße wo ich zunächst mit Gert Kaiser, dem späteren stellvertretenden Personalabteilungsleiter ein Zimmer teilte, wurde mir dann die Sachgebietsleitung für den Bereich Wissenschaftliche Hilfskräfte, Angestellte bis Vergütungsgruppe BAT VII, Aushilfskräfte und die Arbeiter (vorwiegend Handwerker), Personalwerbung, EDV-Angelegenheiten zusammen mit einigen Sonderaufgaben wie z.B. des Beauftragten des Arbeitgebers für die Belange der Schwerbehinderten gemäß Schwerbehindertengesetz übertragen. Im Rahmen der Dienstvereinbarung mit dem Personalrat ermöglichte
mir die Dienststelle für zwei Semester den Besuch von Vorlesungen zum Arbeitsrecht. Überhaupt hat sich die Dienststelle, was die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter angeht, immer sehr vorbildlich verhalten. Da die Mensa auf dem Giesberg noch im Bau war, pilgerten wir zum Mittagessen zu einer Baukantine am Rande der Großbaustelle auf dem Giesberg, wo auch die Bauarbeiter ihre Mittagsmahlzeit einnahmen.

Neue Aufgaben: 1977 übernahm ich dann die Leitung des Sachgebietes Forschungsverwaltung. Dieses Sachgebiet galt in der Verwaltung als schwierig und arbeitsintensiv. In diesem Sachgebiet werden alle Forschungs- und Drittmittel der Universität bewirtschaftet. Dazu gehörte seinerzeit die Bewirtschaftung von jährlich ca. 14 Mio DM an Drittmitteln inklusive ca. 200 aus Drittmitteln finanzierter Stellen und ca. 2,5 Mio DM an Forschungsmitteln der Universität. Es war nicht immer ganz einfach, die Wünsche der Wissenschaftler mit den Bewilligungsbedingungen der Geldgeber und dem Haushaltsrecht des Landes in Einklang zu bringen. Phantasie und Kreativität und manchmal auch Mut zu leicht abenteuerlichen Lösungen waren gefragt. Mit der Leitung des Sachgebietes Forschungsverwaltung war auch eine beratende Mitgliedschaft im Ausschuss für Forschungsfragen (AFF) verbunden. Dieser berät u.a. die Universitätsleitung in Forschungsfragen und spricht Empfehlungen für die leistungsbezogene Aufteilung der Forschungsmittel aus. Besonders interessant war die Einführung eines sogenannten „Drittmittelbelohnungsmodells“ das für die Einwerbung von Drittmitteln einen Bonus zur Verbesserung der Ausstattung brachte.

Erweiterung des Aufgabenspektrums: Interessant waren aufgrund von Wahlen zwei Amtszeiten im Kleinen Senat und drei Amtszeiten im Großen Senat, die den Horizont und auch das Verständnis zu komplexen Zusammenhängen erweiterten. Mit Verfügung des Kanzlers wurde ich 1984 zusätzlich zur Sachgebietsleitung der Forschungsverwaltung mit der Aufgabe des Stellvertretenden Leiters des Haushaltsabteilung betraut. 1990 wurde ich nach zunächst zähen Verhandlungen zwischen der Universitätsleitung (Rektor Horst Sund und Kanzler Jürgen Hess) und dem Ministerium zum ersten EU-Referenten der Universität Konstanz auf eine der dafür vom Land an allen Landesuniversitäten geschaffenen neuen Stellen bestellt. 1993 wurden mir von Dr. Jürgen Hess, dem Nachfolger von Kanzler Günther Schlensag, Aufgaben aus dem bisherigen Geschäftsbereich des Forschungsreferenten übertragen und als Stabstelle „EG- und Forschungsreferent“ bei ihm als Stabsstelle angesiedelt und später noch um den Bereich Technologietransfer erweitert.

Rechnungshof, von der reinen Prüfung zur Beratung: Die Zusammenarbeit mit dem Landesrechnungshof Baden-Württemberg hat sich spätestens seit Mitte der1990er Jahre positiv verändert. Hatte der Rechnungshof sich bis dahin eher auf „klein-klein“ konzentriert, also sind z.B. die eingeräumten Skonti in Abzug gebracht worden und wenn ja in richtiger Höhe. Wurde die Rechnung zu früh bezahlt und sind dadurch dem Land Zinsverluste entstanden? Ist die Lagerhaltung nicht zu groß und wurden alle Rabatte genutzt? Wurden die Reisekosten richtig berechnet und warum ist mehr als eine Person zu einem Kongress gefahren? Ist der erhöhte Zimmerpreis der Übernachtung gerechtfertigt und ist das ordentlich begründet? Diese Fragestellungen wurden dann zurück gefahren und wesentliche Dinge rückten in den Vordergrund wie z.B. Wirtschaftlichkeit bei Geräten und deren mögliche Nutzung durch mehrere Arbeitsgruppen. Sind die erforderlichen Ausschreibungen, gegebenenfalls auch europaweit, durchgeführt worden? Ist Miete oder Leasing eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative? Mit diesem Paradigmenwechsel ging auch eine Verbesserung der Beziehungen zwischen den Prüfern und den Geprüften einher. Die Prüfer verstanden ihre Aufgabe nunmehr weniger als pfennigfuchsende Kontrolleure, sondern mehr als Berater.

Verwaltung im Wandel: Die Änderungen im Vorgehen des Rechnungshofes führten auch im Innenverhältnis zu einer liberaleren und unverkrampften Haltung der Verwaltung gegenüber ihren „Kunden“ aus Wissenschaft und Zentralen Bereichen, da das Damoklesschwert von Prüfungsbeanstandungen an Schärfe verloren hatte. Dies geschah aber eindeutig zum Nutzen aller Beteiligten. Die gute Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Verwaltung und das Prinzip der Zentralen Verwaltung sorgte für ein gutes Binnenklima, zumal sich die Verwaltung als Servicebereich für die Wissenschaft sah und im Zweifel Vorschriften zu Gunsten der Wissenschaft auslegte und dann aber auch gut begründete. Viele Wissenschaftler, die an andere Universitäten gewechselt sind, haben immer wieder wehmütig die hohe Servicebereitschaft der Konstanzer Universitätsverwaltung und deren Flexibilität gelobt.

Globalisierter Haushalt und Solidarpakt: Inzwischen war ich ab 1996 Leiter der Haushaltsabteilung, in die dann auch noch die bisherige Beschaffungsabteilung integriert wurde. Der Globalhaushalt oder besser der globalisierte Haushalt brachte der Universität eine Ausweitung der Spielräume bei der Aufteilung und dem Einsatz der ihr über den Staatshaushaltsplan zugewiesenen Mittel und stärkte damit auch deren Eigenverantwortung. Es wurde nicht mehr mit kleinen isolierten Töpfen sondern mit großen Finanzblöcken gearbeitet.

Der Solidarpakt – Segen oder Fluch? Auf der einen Seite musste die Universitäten deutliche und schmerzhafte Reduzierungen ihres Personalhaushaltes und ein Einfrieren des Haushaltsvolumens hinnehmen, auf der anderen Seite hatten sie über einen längeren Zeitraum Planungssicherheit mit einer garantierten Übertragbarkeit der Haushaltsreste und wurden von haushaltsrechtlichen Folterinstrumenten wie Stellenbesetzungssperren, Haushaltssperren, Kürzungen usw. verschont. Segen oder Fluch – wohl beides. Doch viele andere Einrichtungen des Landes haben die Universitäten um Solidarpakt I und II beneidet. Die vom Land verordneten Sparmaßnahmen haben sie viel härter als die Universitäten getroffen.

Auch Haushalt kann Spaß machen: Über den Haushalt und dessen Gestaltungsräume und deren virtuose und kreative Umsetzung kann man viel erreichen. So haben wir beispielsweise immer mehr Geld verteilt, bzw. den Bereichen zugewiesen, als der Haushaltsplan hergab, wohl wissend, dass immer und überall Reste stehen bleiben. So konnten wir immer, auch unterstützt von unserer Haushaltsüberwachung, flexibel reagieren und gegebenenfalls während des Haushaltsjahres nochmals Umverteilungen vornehmen.

Die HANA-AG, ein Unikum: Dass Haushälter keine trockenen Bürokraten sind, dokumentiert die Gründung der „Haushalts-Narren-Aktien-Gesellschaft“, kurz HANA-AG, die an der Fasnacht 1984 von mir mit einigen närrischen Mitstreitern aus der Bütt gehoben wurde. Wir haben dort schon das närrische Treiben der heutigen Finanzmärkte vorweg genommen und in unserem Namen zum Thema gemacht: Finanzen, Haushalt, Narretei. Diese Vereinigung ist nach unserem Kenntnisstand die erste und einzige närrische Vereinigung an einer deutschen Universität und hat rund 50 Mitglieder, die sich nicht nur an Fasnacht engagieren sondern sich auch während des Jahre in geselliger Runde treffen. Zum ersten Ehrenmitglied wurde der seinerzeitige Rektor Prof. Horst Sund ernannt, ein in der ganzen Region bekannter begeisterter Fasnachter.Sonderaufgaben – Zusatzaufgaben: Zwei Aktionslinien gaben meinem Aufgabenbereich zusätzliche Würze und zusätzlichen Inhalt: die Betreuung der an der Universität angesiedelten Stiftungen und mein Einstieg in die Kooperation mit den Kiewer Universitätspartnerschaften Nationale Taras-Schewtschenko-Universität und Nationale Wirtschaftsuniversität. Diese Partnerschaften mit den beiden Kiewer Universitäten wurden in der langen und sehr erfolgreichen Ära des Rektorates Sund gegründet und von Prof. Roy Wiehn mit großem persönlichen Einsatz gepflegt. In dieses Boot hatte mich der Brückenbauer Roy Wiehn geholt. Es hat angefangen mit einer Zusammenarbeit mit dem Finanzdepartment der Taras-Schewtschenko-Universität, wo ich mit der dortigen Kollegin ein Projekt zur Kosten- und Leistungsrechnung startete. Es ging weiter mit Unterstützung von Austauschprogrammen und mündete dann im sozialen Bereich mit der von Roy Wiehn initiierten jährlichen Unterstützungsaktion in der Weihnachtszeit für das Waisenhaus in Gorodnja. Die Fahrten von Kiew und Gorodnja waren wegen der Witterungsverhältnisse oft sehr abenteuerlich. Unvergessen bleibt, wie die Fahrer mit offenem Feuer den eingefrorenen Diesel wieder flüssig machten. Auch unvergessen in diesem Zusammenhang die fantastische Gastfreundschaft der Kiewer Freunde und die Unterstützung und Freundschaft von Vize-Rektor für Internationales der Wirtschaftsuniversität Anatoly Smyslov und Alexander Ivanov von der Taras-Schewtschenko-Universität.

Ein großes Vergnügen und sehr beglückend war für mich die Betreuung der rechtsfähigen Stiftungen „Umwelt und Wohnen an der Universität Konstanz“ und „Wissenschaft und Gesellschaft“ für einen Zeitraum von zwölf Jahren als ehrenamtlicher Geschäftsführer, um die mich Rektor Rudolf Cohen gebeten hatte. Beide Stiftungen haben die Förderung von Nachwuchswissenschaftlern zum Ziel. In den Vorstandsgremien waren die jeweils die Rektoren unserer Universität während ihrer Amtszeit vertreten und das waren die Rektoren Sund, Rüthers, Cohen, von Graevenitz und Rüdiger. Hinzu kam bei „Umwelt und Wohnen“, dass jeweils ein Professor unserer Universität weiteres Vorstandsmitglied war, das war zunächst Prof. Roy Wiehn und dann sein Nachfolger Prof. Günter Franke. Mit Prof. Wiehn durfte ich ein Symposium in Prag mit vorbereiten, mit Prof. Franke zwei Symposien, eines in Moskau und eines in Konstanz. Im Rahmen der nicht rechtsfähigen Stiftung „Universität und Gesellschaft“ arbeitete ich mit Rektor Bernd Rüthers zusammen, mit ihm durfte ich auch als Neptun-Präsident einen Kooperationsvertrag für die Zusammenarbeit des Uni-Hochschulsports mit dem Rennsport des Rudervereins Neptun schließen. In der Stiftung „Wissenschaft und Gesellschaft“, auch nach ihrem Gründer „Ulmer-Stiftung“ genannt, hatte ich noch das Glück in den Kuratoriumssitzungen S.D. Joachim Fürst zu Fürstenberg kennen zu lernen, aber auch mit der Frau und der Tochter des Gründers Manfred Ulmer, Judith Margarethe und Tina Ulmer und dem Donaueschinger Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke als Vorsitzenden und Kuratoriumsmitglied zusammen zu arbeiten.

Exzellenzinitiative Chance und Herausforderung, manchmal auch Abenteuer: Keine Frage, die Aufnahme der Universität Konstanz als eine von neun Universitäten in die Gralsrunde der Exzellenz-Universitäten war eine einmalige Chance für die Universität, ihre Stärken zu vertiefen und mit neuen Projekten weiter auszubauen. Sie stellte aber auch die Verwaltung vor große Herausforderungen bezüglich der Mittelbewirtschaftung, dem Prinzip der Jährlichkeit und den speziellen Wünschen der Antragsteller. Hier galt es immer wieder Neuland auszuloten und manchmal auch Grauzonen zu beschreiten. Als periphere Nebenerscheinung entwickelte sich nach und nach eine schleichende Akademisierung der Verwaltung.
Persönliches Resümee: Gut 35 Jahre durfte ich die Universität in ihrer Entwicklung begleiten. Das war eine lange aber niemals eine langweilige Zeit. Ich erlebte wertvolle persönliche Bereicherung durch vielerlei Kontakte und gemeinsame Projekte mit inspirierenden Menschen, viele interessante berufliche Herausforderungen und immer auch die vertrauensvolle Unterstützung durch die Universitätsleitung. Ich erlebte die Rektoren Frieder Naschold, Horst Sund, Bernd Rüthers, Rudolf Cohen, Gerhard von Graevenitz und Ulrich Rüdiger sowie die Kanzler Günther Schlensag, Jürgen Hess, Elke Luise Barnstedt und Jens Apitz. Es war immer eine interessante, spannende, manchmal auch stressige, im Endeffekt aber eine wunderbare Zeit für mich, an der ich gewachsen bin. Ich bin der Universität und ihren Verantwortlichen deshalb dankbar für die Chancen, die sie mir geboten haben. Absoluter Höhepunkt meiner Karriere in der Universitätsverwaltung war die 2006 aufgrund eines Vorschlages von Kanzler Jens Apitz erfolgte Bestellung zum Stellvertreter des Kanzlers durch das Rektorat.

Drei Personen bin ich zu ganz besonderen Dank verpflichtet: Horst Sund, Jürgen Hess und Jens Apitz.

Helmut Hengstler

Helmut Hengstler, Regierungsdirektor a.D., gebürtiger Konstanzer, hat vom 1. Juli 1974 bis 31. Januar 2010 die Entwicklung der Universität Konstanz in den Bereichen Personal und Forschungsförderung, als EU- und Forschungsreferent, Leiter der Haushaltsabteilung und Stellvertretender Kanzler miterlebt und mitgestaltet.

Andrei Corbea-Hoisie

Flaschenpost nach Konstanz

Ich habe von Reisen und von fremden Orten in meiner späten Kindheit zu träumen begonnen, als meine Eltern mir zunächst ein Erdkugel-Modell geschenkt hatten, einen buntfarbigen Globus, auf dem die Ozeane, Meere und Gebirgsketten schön und klar gezeichnet waren. Auf einem Taschenatlas, den mir ein Onkel während einer Reise in der DDR besorgte, konnte ich dann klarer die Länderkonturen, die durch Punkte repräsentierten Städte und besonders die damals unüberwindbaren Grenzen wahrnehmen. In meinem Imaginären nahm die Stadt Konstanz einen besonderen Platz ein, als ich als Adoleszent anfing, mich für die Geschichte des europäischen Mittelalters zu interessieren: Die Stadt des Konzils, bei dem der in der rumänischen Geschichte als ungarischer König durchaus präsente Kaiser Sigismund eine ausschlaggebende Rolle gespielt hatte, erweckte damals meine Neugierde, ebenso wie aus verschiedenen anderen Gründen Triest, Gdansk/Danzig, Stockholm oder Genf.


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Flaschenpost nach Konstanz

Ich habe von Reisen und von fremden Orten in meiner späten Kindheit zu träumen begonnen, als meine Eltern mir zunächst ein Erdkugel-Modell geschenkt hatten, einen buntfarbigen Globus, auf dem die Ozeane, Meere und Gebirgsketten schön und klar gezeichnet waren. Auf einem Taschenatlas, den mir ein Onkel während einer Reise in der DDR besorgte, konnte ich dann klarer die Länderkonturen, die durch Punkte repräsentierten Städte und besonders die damals unüberwindbaren Grenzen wahrnehmen. In meinem Imaginären nahm die Stadt Konstanz einen besonderen Platz ein, als ich als Adoleszent anfing, mich für die Geschichte des europäischen Mittelalters zu interessieren: Die Stadt des Konzils, bei dem der in der rumänischen Geschichte als ungarischer König durchaus präsente Kaiser Sigismund eine ausschlaggebende Rolle gespielt hatte, erweckte damals meine Neugierde, ebenso wie aus verschiedenen anderen Gründen Triest, Gdansk/Danzig, Stockholm oder Genf.

Entscheidender Zufall

Ein Zufall wollte es, dass später, während meiner Studienzeit, Konstanz zu einem meiner lebenswichtigen geographischen Bezüge wurde. 1973, als Rumänien noch die letzten Augenblicke der „liberalen“ Epoche nach 1965 ausschöpfen durfte, habe ich in einer Gruppe von Jassyer Studenten auf Einladung des DAAD an einer nie zu vergessenden Studienreise durch die ganze Bundesrepublik teilgenommen. An der Universität Bonn waren wir zu Gast im Germanistischen Institut, wo die Germanisten unter uns ausgefragt wurden, woran sie arbeiten und für welche deutsche Autoren und Themen sie sich interessieren. Als ich an der Reihe war und über mein damaliges Vorhaben referierte, das sich um die literarische Figur Wallensteins (hauptsächlich bei Schiller und Döblin) drehte, sagte mir einer der beiden Gastgeber, die sich für uns Zeit genommen hatten, dass ich ein bestimmtes Buch für die geplante Diplomarbeit gut gebrauchen könnte: Es handelte sich um eine Publikation eines Professors an der Universität Konstanz namens Hans Robert Jauß. Das Exemplar mit grünem, schlichtem Umschlag aus der Reihe „Bibliothek Suhrkamp“ mit dem radikal anmutenden Titel "Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft", das ich mit meinem letzten Geld in einer Münchner Buchhandlung kurz vor der Abreise nach Hause kaufen konnte, besitze ich noch heute; ich lese gelegentlich darin, da die dort enthaltenen Ideen und ihre Diktion auf mich immer wieder inspirierend wirken. Heute muss ich gestehen, dass ich vieles bei der ersten Lektüre nicht verstanden habe, wie die komplexen theoretischen Zusammenhänge oder die zahlreichen philosophischen Referenzen (zum Beispiel diejenigen an Gadamer). Meine Begeisterung, eine literaturwissenschaftliche Grundlage für meine Vorstellungen, wie sich literarische Stoffe und Motive durch die Epochen „bewegen“ und an bestimmten Momenten von ganz unterschiedlichen Autoren (wieder) verwendet werden, gefunden zu haben, erweckte in mir das Bedürfnis, diese Entdeckung mit anderen zu teilen: So habe ich beschlossen, Fragmente aus dem letzten Kapitel des Buches für eine Studentenzeitung ins Rumänische zu übersetzen. Ein Exemplar aus der Nummer, in der auf einer ganzen Seite die rumänische Version gedruckt war, schickte ich mit der Post – ich hatte das Gefühl, dass es sich um eine Flaschenpost handelte – nach Konstanz. Auf dem Couvert schrieb ich nur „Prof. Hans Robert Jauß, Universität Konstanz, R.F.G.“.

Kontakt mit Professor Hans Robert Jauß

Zu meinem Erstaunen kam eines Tages auch eine Antwort. Der Professor wandte sich ein bisschen verwundert, aber offensichtlich geschmeichelt und erfreut an den Studenten aus Rumänien, der ich war. Er wollte erfahren, was ich über die an der Universität Konstanz sich neu etablierte, „Rezeptionsästhetik“ genannte Forschungsrichtung weiss und noch wissen möchte; er war bereit, mir Kopien und Sonderdrucke seiner Schriften zu schicken. Auf diese Weise entwickelte sich ein Gespräch, durch das sich Stadt und Universität Konstanz allmählich einen Platz in meinem Alltag schufen. Ab und zu kamen von dort Sendungen mit Drucksachen, die ich – frisch gebackener Deutschlehrer und inzwischen auch für ein halbes Jahr zum Militärdienst eingezogen – fleißig las und meinem wissenschaftlichen „Erfahrungshorizont“ anzueignen versuchte.

In jenen Jahren, als eine von mir erhoffte Einstellung als Assistent am Lehrstuhl für Germanistik gestoppt und dann verhindert wurde, suchte ich am Rande der Verzweiflung Argumente dafür, dass ich die Illusionen, aus der Beschäftigung mit der Literaturwissenschaft meinen Beruf zu schmieden, nicht aufgebe: Neben der Großzügigkeit, mit der der damals wichtigste Vertreter des Faches in Rumänien, Adrian Marino – er selbst von dem Hochschulbetrieb entfernt und isoliert – mir anbot, für seine berühmte (und übrigens auch in Konstanz abonnierte) Zeitschift Cahiers roumains d’études littéraires zu schreiben, waren es vor allem die freundlichen und ermunternden Zeichen aus Konstanz, die mich damals vor der Versuchung bewahrten, meine Pläne, in der Forschung tätig zu sein, zu verwerfen und in die Journalistik zu wechseln. Eine Aufgabe wie jene, im rumänischen Kontext den für die Untersuchung der historischen Verkettung literarischer Werke innovativen Weg, der von Konstanz aus eröffnet wurde, einzuführen, schien mir reizvoll genug, um trotz der damaligen ungünstigen Bedingungen durchzuhalten. Es waren für mich Jahre intensiver Lektüre im Bereich der Hermeneutik und Ästhetik, die mich theoretisch und methodologisch reifen ließen, nicht zuletzt im Zuge der Arbeit an einer Dissertation, an der ich weit von Iași und von der Germanistik unter Betreuung des Bukarester Professors für Literaturtheorie Silvian Iosifescu zu schreiben begann. Ebenfalls begann ich ein Geschichtsstudium mit dem Ziel, mich als Komparatist und Literaturwissenschaftler auf einer breiteren Basis und nicht als enger Spezialist in einer einzelnen Nationalliteratur zu legitimieren.

Endlich in Konstanz

Einen willkommenen Anlass, Konstanz unmittelbar zu erleben, gab es für mich dank eines kurzen Stipendiums, das ich für die Teilnahme an einem von der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel organisierten Sommerkurs (damals über die europäische Kultur im 18. Jahrhundert) bekam: Nach den dort verbrachten Wochen fuhr ich eines Tages die lange Bahnstrecke von Hannover über Stuttgart, den Schwarzwald und Singen, bis ich in Radolfzell zum ersten Mal die Seelandschaft vor Augen hatte. Auf dem Bahnsteig in Konstanz wartete auf mich ein deutscher Freund, der Slavistik studierte und mich in seiner Wohngemeinschaft logieren lassen wollte – erfolglos, denn diese befand sich in Kreuzlingen, und die wachsamen Schweizer Grenzpolizisten haben auf der Stelle entdeckt, dass ich kein Visum für die Eidgenossenschaft besaß.

Am nächsten Tag sollte ich Professor Jauß treffen, so dass ich vor Aufregung keine Augen für die Stadt und den See hatte. Ich weiß auch nicht mehr, ob ich damals an der Universität war; tatsächlich hat mein Gedächtnis kein konkretes Bild aus jenen zwei Tagen behalten, außer dem des kleinen Restaurants, in dem mich Hans Robert Jauß einlud und ich in einer Art Rauschzustand – denn den Umstand, dass ich, der unbekannte Novize aus dem Osten an demselben Tisch mit dem Autor der "Literaturgeschichte als Provokation" saß, empfand ich in jenem Augenblick als fast unfassbar – seine Fragen über meinen Werdegang, über das rumänische Hochschulwesen und über Rumänien im allgemeinen beantwortete.
Wochen danach erhielt ich in Jassy wiederum einen dicken Umschlag aus Konstanz: Es handelte sich um die Immatrikulationsformulare für ein literaturwissenschaftliches Aufbaustudium an der Universität Konstanz. Das schien für mich, den einfachen Deutschlehrer im damaligen Rumänien, dem von den Behörden ein (immerhin infolge einer Ausschreibung gewonnenes) Diplomstudium in der DDR noch vor Jahren ohne jegliche Begründung verweigert wurde, völlig ausgeschlossen, zumal ich einen abenteuerlichen Alleingang, der mutmaßlich das definitive Verlassen des Landes voraussetzte, aus familiären Gründen nicht wagen wollte.

Auf den von mir eingeschlagenen Weg der Literaturtheorie wollte ich jedoch keinesfalls verzichten: Ich übersetzte weiter Texte der Konstanzer Rezeptionsästhetik ins Rumänische, um durch diesen „Selbstunterricht“ zu ersetzen, was mir sonst „normale“ Lehrjahre hätten bringen können; immerhin war ich seit 1980 in einem akademischen Institut in Iași an dem Projekt eines literaturgeschichtlichen Lexikons tätig und bekam zwei Jahre später eine Lektorenstelle am Lehrstuhl für Germanistik an der Universität, so dass ich wieder Hoffnungen schöpfte, dass ich mich dem ersehnten Ausbau meiner Kompetenzen auf dem Gebiet der Poetik, Ästhetik und Hermeneutik überhaupt widmen konnte. Auf dem internationalen Komparatistenkongress in Innsbruck, wo ich Hans Robert Jauß, umringt von vielen seiner Schüler, wieder begegnete, riet mir der Konstanzer Professor, einen Antrag auf ein Humboldt-Stipendium zu stellen. Ich bewarb mich 1980 und bezeichnete selbstverständlich Konstanz als den Ort, den ich mir für einen solchen Aufenthalt wünschte. Die Überraschung und Freude über den Brief aus Bonn mit der Ankündigung, dass ich von der Fachkommission der Alexander von Humboldt-Stiftung ausgewählt wurde, waren unheimlich groß, obwohl ich wusste, dass für mich ein neues Problem entstand: Um ein ganzes Jahr im Ausland bleiben zu dürfen, schienen die administrativen Hürden, um ein Ausreise-Visum zu erlangen, unüberwindlich. Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich – niemand in Rumänien jener Zeit, außer denjenigen, die über entsprechende Verbindungen zu den höchsten politischen Stellen verfügten, konnte davon träumen, eine derartige, langfristig geltende Genehmigung von der Passbehörde zu erhalten. So vergingen mehrere Jahre.

Mit der Zeit begriff ich, dass die einzige Möglichkeit, in der gegebenen Situation das Humboldt-Stipendium in Anspruch zu nehmen, war, eine Lücke im Netz der Verbote zu finden und zu nutzen. Ich ahnte, dass vielleicht eine „Portionierung“ des Stipendiums zum Ziele führen könnte. Ich schlug deshalb als Ausweg vor, bei der rumänischen Polizei nicht ein außerordentliches Jahresvisum, sondern ein normales Touristenvisum – für maximal drei Monate, der Dauer meiner gesetzlichen Ferien als Universitätsangehöriger entsprechend – zu beantragen. Die Humboldt-Stiftung hatte berechtigterweise Bedenken gegenüber einer solchen Lösung, die keine ernste Forschungstätigkeit versprach. Ich fragte in einem Brief Professor Jauß, was er darüber dächte: Die Antwort bestand in seiner baldigen Intervention bei der Stiftungszentrale in Bonn, die darauf positiv reagierte. Am 1. Juli 1986 – nach einer langen Reise über Ost- und West-Berlin – kam ich zum ersten Mal als Humboldt-Stipendiat nach Konstanz.

Die Universität Konstanz

Ich erlebte damals die Universität Konstanz in ihrem noch jugendlichen Aufschwung; die Erinnerungen an die Jahre, als die gerade gegründete Universität ihre Räumlichkeiten im Inselhotel und dann in einem Hochhaus am Sonnenbühl besaß, waren immer noch ziemlich frisch, Ordinarien neuer Generationen kreuzten sich auf den Fluren mit Professoren, die hierher in den Gründungsjahren berufen wurden, die nach 1990 errichteten Bauten existierten bestenfalls als entworfene Projekte auf dem Reißbrett, die Bibliothekseingänge, die Mensa, die Buchhandlung, die Studentenheime an der Jakob-Burckhardt-Straße mit ihren kleinen, aber geschickt eingeteilten Appartements bestanden noch in ihrem ursprünglichen Zustand, während die Buslinie 9 noch nicht die späteren Variantenrouten A und B anbot. Für mich wirkte alles – von der bunt futuristischen Architektur aus Beton, Stahl und Glas, die mich an das Pariser Centre Pompidou erinnerte, mit direkter Sicht auf den Säntis und auf den See bis zu der Freihandbibliothek, in der kein Buch, von dem ich nur hörte, zu fehlen schien, von der radikal reformierten Auffassung des Studiums bis zu den allen studentischen Organisationen gewährten Freiheiten – wie eine phantastische Welt, an der nichts aus meiner bisherigen akademischen und lebensweltlichen Erfahrung anknüpfte.

Die Stadt selbst nahm ich als den gerade angemessenen Gegenpol zu dem zum Sinnbild der Innovation konzipierten Gießberg-Campus hinter dem Mainauwald wahr: Die gut konservierte Physiognomie und Architektur der mittelalterlichen Ortschaft am Bodensee, die die Alliierten im Zweiten Weltkrieg wegen der allzunahen Schweiz von Bombardierung verschonten, wirkte als perfekte Kulisse für die rege studentische Präsenz auf einer relativ engen Fläche mit Münster, Konzilgebäude, mit fabelhaft bestückten Buchhandlungen, vielen kleinen Modegeschäften und unzähligen Kneipen – sogar das Kaufhaus Hertie oder das „Seerhein-Center“ genannte Einkaufszentrum ließen sich in diesem von der einmaligen Landschaft zwischen den Seen umgebenen Ganzen, wo der Rhein für paar Kilometer wieder in einem Flussbett Gestalt annimmt und die Alpen sich nur bei Föhn in ihrer drohenden, sonst vom Dunst verdeckten Steinmasse offenbaren, integrieren. Besonders die Schweizer Grenze mitten in der Stadt mit den bärtigen und athletischen Zöllnern faszinierte mich, vielleicht gerade wegen der Versuchung des Osteuropäers, hin und her über eine zwischenstaatliche Trennungslinie bummeln zu dürfen, aber auch der doppelte Bahnhof, zwischen dessen Teilen, von denen jeder als Kopfbahnhof diente, sich die Grenze befand und damals kein Zug verkehrte, wobei jedoch von dem deutschen Kurswagen nach Paris und Berlin und von dem Schweizer kleine Lokalzüge mit Umsteigen in Weinfelden nach Zürich, Genf, Interlaken und Lugano führten.
Ich arbeitete in jenen Monaten von morgens bis abends in dem Zimmerchen im Parterre des H-Gebäudes an der Universität, das mir zur Verfügung gestellt wurde. Außer der Familie Jauß und der Sekretärin des Professors, Frau Wittek, die mich gelegentlich zum Essen einluden, kannte ich am Anfang noch niemanden, so dass ich keine anderen „Verpflichtungen“ als Lesen und „Lernen“ hatte; den kritischen Blick von Hans Robert Jauß vor der Landschaft der allzu vielen Bücher, die ich auf einmal von der Bibliothek ausgeliehen und auf meinem Schreibtisch gestapelt hatte, und seine Warnung, dass eine übermäßige Zahl von Büchern anderer die eigene Kreativität erstickt, werde ich nie vergessen – ich gebe es heute an meine Schüler weiter.

In meiner anfänglichen Isoliertheit phantasierte ich öfters, indem ich mir vorzustellen versuchte, was geschehen könnte, wenn in einer „normalen“ Welt der Zugang zu diesem erlesenen Muster akademischer Exzellenz, das die Universität Konstanz für mich damals verkörperte, Iașier und rumänischen Dozenten und Studenten sich uneingeschränkt öffnen würde. Die Kontakte, die ich allmählich mit Konstanzer Professoren herstellte und aus denen einige zu dauernden Freundschaften wurden – zuerst mit Erhard Roy Wiehn und fast gleichzeitig, über den israelischen Archäologen Moshe Fischer, damals den einzigen in Konstanz, mit dem ich dank seiner rumänischen Wurzeln rumänisch sprechen konnte, mit dem Althistoriker Wolfgang Schuller, dann mit den Germanisten Ulrich Gaier und Gerhart v. Graevenitz, mit dem Soziologen und Arzt Horst Baier, mit Karlheinz Stierle, dem Nachfolger von Hans Robert Jauß, mit dem Altphilologen Manfred Fuhrmann, mit den Philosophen Albrecht Wellmer und Jürgen Mittelstraß, mit dem Linguisten Christoph Schwarze, mit dem Historiker Karl Schlögel u.a. –, hatte ich auch dazu genutzt, um für eine künftige, obwohl vorläufig utopische Annäherung zwischen den Universitäten Konstanz und Iași zu plädieren. Entscheidend waren in dieser Hinsicht zwei Begegnungen: Jene mit dem Rektor Horst Sund (zunächst im Hause Wiehn und dann in seinem Rektorzimmer mit Blick auf die Alpen zusammen mit Wolfgang Schuller) und mit der gerade erst ernannten Leiterin des Auslandsamtes Gerhild Framhein, Begegnungen, die im Sommer 1989, noch vor dem Ende der Ceaușescu-Herrschaft, zu „Unerhörtem“ führten – Rektor Sund kam nach Iași mit dem Angebot, auf der Stelle einen Kooperationsvertrag zwischen den beiden Universitäten zu schließen! Gegen den Willen des Bukarester Unterrichtsministeriums konnte man von Iașier Seite in jenen Monaten erst recht kaum etwas unternehmen – trotzdem galt und gilt dieser mutige Besuch, den ich mitvorbereiten durfte, als der Grundpfeiler der akademischen Beziehungen zwischen der Universität Iași und der Universität Konstanz. Das institutionelle Abkommen, das sich bis heute hervorragend bewährt hat, wurde 1994 in Iași von den Rektoren Bernd Rüthers und Gheorghe Popa unterzeichnet. Meine einstige Flaschenpost war endgültig angekommen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Andrei Corbea-Hoisie

Prof. Dr. Dr. h.c. Andrei Corbea-Hoisie, geboren 1951, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte an der Universität Bukarest. Er ist seit 1995 Ordentlicher Professor für Germanistik an der Alexandru-Ioan-Cuza-Universität Iași, er hatte von 1998 bis 1999 den Blaise-Pascal-Forschungslehrstuhl der Fondation de l'Ecole Normale Supérieure Paris inne, er war Gastprofessor an den Universitäten Paris, Siegen, Fribourg, Bukarest, Ecole Pratique des Hautes Etudes (Sorbonne), Wien und Konstanz, Fellow des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien (1993 und 2003), Mitglied der Akademie zu Erfurt, Johann-Gottfried-Herder und Wilhelm-Grimm-Preisträger, Vizepräsident des Mitteleuropäischen Germanistenverbandes (2003-2007). Von 2005 bis 2007 war er Botschafter Rumäniens in der Republik Österreich.
Andrei Corbea-Hoisie ist Autor zahlreicher Arbeiten im Bereich der deutschen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, der Literaturtheorie, der Ästhetik, der vergleichenden Literatur- und Kulturgeschichte. Im Mittelpunkt seiner Forschungen der letzten Jahre stand die Sozial- und Kulturgeschichte Mitteleuropas.

Horst Sund

Die Jahre 1976 bis 1991: Rückschau

1976, zehn Jahre nach Gründung der Universität Konstanz, übernahm ich von Frieder Naschold das Amt des Rektors.

Während sich die ersten fünf Jahre nach den Vorstellungen des Gründungsausschusses erfolgreich entwickelt hatten und vom Pioniergeist der Gründergeneration gekennzeichnet waren, gab es in den darauf folgenden fünf Jahren zahlreiche Konflikte. Sie haben zwar die wissenschaftliche Arbeit und die Lehre so gut wie nicht beeinflusst, wohl aber das Ansehen der Universität nach außen hin erheblich beeinträchtigt, auch bei der Landesregierung.

Ebenfalls gab es gravierende Spannungen innerhalb der Universität, sowohl innerhalb der Gruppen als auch zwischen ihnen. Nach außen hin stellte sich die Universität als eine in sich zerstrittene Institution dar. Stichworte dafür sind der Grundordnungskonflikt von 1972, die Zehnjahresfeier 1976, die angestrebte vertragliche Bindung zur Zusammenarbeit mit dem DGB und die Überlast. In dieser konfliktreichen Zeit wurde ich am 5. Mai 1976 nach zahlreichen inneruniversitären Auseinandersetzungen im Vorfeld der Wahl im ersten Wahlgang zur Rektor gewählt. Das Amt trat ich am 1. August 1976 an.


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Der Beginn 1976

Neben den täglich anfallenden Problemen und Aufgaben habe ich meine Hauptaufgabe in den ersten Monaten darin gesehen, das Klima in der Universität zu verbessern und mit einer realitätsbezogenen Politik eine vernünftige Basis mit der Landesregierung herzustellen. Das bedeutete aber nicht, Diskussionen um die Probleme, die aus der Vergangenheit bestanden, zu vertuschen, sondern es sollte gelingen, durch kooperatives Miteinander die Entwicklung der Universität positiv zu gestalten. Dazu gehörten zahlreiche Gespräche, sowohl mit den Professoren, den Studenten und Assistenten, als auch den Mitarbeitern. In den ersten drei Wochen habe ich jeden Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz aufgesucht und mit ihm ein Gespräch geführt, um ihn und seine Arbeit näher kennenzulernen. Dabei kam mir zugute, dass ich mit den Problemen der Universität vertraut war, denn ich hatte die Entwicklung der ersten zehn Jahre als Gründungsdekan der Naturwissenschaftliche Fakultät und Prorektor intensiv miterlebt.

Neben meinem Ziel, die Spannungen innerhalb der Universität aufzulösen, war es insbesondere mein Anliegen, das Verhältnis zur Landesregierung auf einer vertrauensvollen Basis in neue Bahnen zu lenken, dabei die Wissenschaftsorganisationen in Bonn mit einzubeziehen, das Ansehen unserer Universität in der Öffentlichkeit positiv zu gestalten und sie in Stadt und Landschaft einzubinden.

Hochschulpolitik

Die 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren gekennzeichnet durch ein Auf und Ab in der Hochschulpolitik mit ihren Rahmenbedingungen. Stichworte hierfür sind:

  • Überlastsituation (ursprünglich war die Universität für 3.000 Studierende geplant, aufgrund der Kapazitätsberechnungen wurde die Zahl auf das Doppelte erhöht, und 1991 waren schließlich über 10.000 Studierende immatrikuliert),
  • Personaleinsparungen und Umschichtungen,
  • Globale Minderausgaben (Mangelverwaltung),
  • Kapazitätsverordnung (KapVo),
  • Baustopp,
  • Wohnsituation für Studierenden und deren soziale Situation,
  • Radikalenerlass,
  • Ausarbeitung einer Grundordnung mit ihrer Verabschiedung durch den Großen Senat,
  • Hochschulgesetznovellierungen und
  • Abschaffung der Verfassten Studentenschaft.

Die Universität Konstanz wurde in einer Zeit des beinahe unbegrenzten Wachstums gegründet. Die darauf folgenden Jahre des Aufbaus waren dann allerdings durch ein Ringen um jährliche Zuwachsraten gekennzeichnet. Dies traf die vorwärts strebende junge Universität besonders hart, zumal sie als eine der ersten Landesuniversitäten einen mehrjährigen Entwicklungsplan vorgelegt hatte, der als Leitlinie für den weiteren Aufbau dienen sollte.

Mit der staatlichen Ausgabenbeschränkungen erschwerte sich der Aufbau der Universität Konstanz mit der Folge, dass dieser zeitlich gestreckt werden musste und die Realisierung seiner Ausbaupläne nicht forciert werden konnte.

Bauvorhaben

Die Zusammenarbeit mit dem Universitätsbauamt war von Anfang an hervorragend, und mit seinem Leiter Wenzelslaus Ritter von Mann stand ich permanent in einem regen Austausch. Immer dann, wenn ein Baustopp aufgehoben wurde, konnten wir sofort Pläne aus der Schublade vorlegen, um Bauvorhaben voranzutreiben. Es war nicht notwendig, erst dann mit der Planung zu beginnen, sie war schon im Voraus erfolgt im Hinblick auf die Ausbaupläne der Universität. So konnten neben kleineren Bauvorhaben in der finanzpolitisch schwierigen Zeit

  • das Physikgebäude („Mischkreuz“),
  • die Bibliothek und die Hörsäle für die Naturwissenschaften,
  • das Werkstattgebäude,
  • die Tierforschungsanlage,
  • das Gewächshaus und
  • die Sportanlagen (Sporthalle, Gymnastikhalle, Außenanlagen, Wassersportgelände, Kletterwand)

fertiggestellt und das Limnologische Institut der Universität Freiburg in die Universität Konstanz eingegliedert werden.

Lehre und Forschung

Ein wichtiger Grundsatz der Universität war stets, Lehre aus der Forschung zu entwickeln. Mein Programm war es deshalb, dass der weitere zügige Ausbau der Forschungsschwerpunkte Priorität besitzen sollte. Neu hinzukamen fünf Sonderforschungsbereiche und fünf universitäre Forschungszentren:

  • SFB 156: Mechanismen zellulärer Kommunikation als Nachfolger des SFB 138 Biologische Grenzflächen und Spezifität
  • SFB 178: Internationalisierung der Wirtschaft
  • SFB 221: Verwaltung im gesellschaftlichen Wandel
  • SFB 248: Stoffhaushalt des Bodensees mit dem Nachfolge-SFB Bodenseelitoral
  • SFB 306 Mikroskopische und strukturbedingte Prozesse der atomaren und molekularen Bewegung
  • Zentrum II: Energieforschung der Fakultäten für Biologie, Chemie und Physik
  • Zentrum III: Internationale Wirtschaft
  • Zentrum IV: Philosophie und Wissenschaftstheorie
  • Zentrum V: Literarische Anthropologie und das
  • Institut für Rechtstatsachenforschung der Juristischen Fakultät.

Bei der Einrichtung von Forschungsschwerpunkten sollten die großen Bereiche Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften gleichmäßig gewichtet und kein Bereich bevorzugt werden. Außerdem war es genauso erforderlich, neben der Bildung und Förderung von Forschungsschwerpunkten auch der Tatsache Rechnung zu tragen, dass ein großer Teil der Forschung nach wie vor auf der Arbeit einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beruhte, die nicht auf eine institutionalisierte Kooperation angewiesen waren oder sein wollten. Einzelprojekte dieser Wissenschaftler sollten genauso gepflegt und unterstützt werden wie die Forschungsschwerpunkte.

Als Erfolg konnte es die Universität Konstanz verbuchen, dass sie nach dem „Humboldt-Ranking“ bei Spitzenforschern als attraktivste deutsche Universität galt. Ein analoges Bild ergaben die DFG-Analysen, die für die geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer Spitzenpositionen ermittelten und feststellten, dass die naturwissenschaftlichen Fächer zur Spitzengruppe der drei erfolgreichsten Universitäten gehörten.

Durch die Forschungsschwerpunkte wurde die Lehre befruchtet, und es konnten im Zusammenhang mit ihnen neue Aufbaustudiengänge eingerichtet werden. Dazu zählen

  • das Graduiertenkolleg „Biochemische Pharmakologie“,
  • das Graduiertenkolleg „Theorie der Literatur und Kommunikation“,
  • das Aufbaustudium „Internationale Wirtschaftsbeziehungen“, das später zu einem Graduiertenkolleg ausgebaut wurde,
  • der Aufbaustudiengang „Informationswissenschaft“ und
  • der Magisteraufbaustudiengang für außerhalb des Geltungsbereiches des Grundgesetzes graduierte Juristen.

Neben diesen Aufbaustudiengängen wurden weitere Fächer mit den dazugehörigen Lehrangeboten in das Programm aufgenommen und zwar

  • Informatik,
  • Informationswissenschaft,
  • Analytische Chemie,
  • Biochemische Pharmakologie,
  • Limnologie und Ökologie,
  • Betriebswirtschaftslehre,
  • Wirtschaftsgeschichte,
  • Osteuropäische Geschichte,
  • Kunstwissenschaft,
  • Medienwissenschaft,
  • Altorientalistik und
  • Sport.

Öffentlichkeitsarbeit

Mit der sehr aktiven Öffentlichkeitsarbeit waren wir bestrebt, die Universität in die Region einzubinden. Dem dienten häufige vertrauliche Gespräche mit dem Chefredakteur und dem Leiter der Konstanzer Lokalredaktion des Südkurier, um Hintergrundinformationen zu vermitteln, die ihnen als Basis für ihre Pressearbeit dienen sollten, ohne aber direkt verwendet zu werden.

Um Einblick in die Arbeit der Universität mit ihrer fantasievollen Architektur und der Kunst am Bau zu gewinnen, wurden neben Parlamentariern und Regierungsstellen, Gemeinderäten und Firmen aus dem Bodenseegebiet, Verbände, Schulen und Wissen-schaftsorganisationen zu Besuchen eingeladen. Daneben gab es zahlreiche gut besuchte Kunst- und Fotoausstellungen.

Wichtig waren ferner die häufigen Diskussionsveranstaltungen mit den Hochschulen der Region, der Handwerkskammer und den Industrie- und Handelskammern, die Verbindungen zu den Nachbarkantonen Thurgau und Schaffhausen, die „Konstanzer Symposien“, die Teilnahme an der Internationalen Bodenseemesse (IBO), die Gründungen des „Bodenseerates“ mit den „Bodenseeforen“, des „Donaueschinger Wissenschaftsforums“ und des Technologiezentrums Konstanz, die zahlreichen Theateraufführungen und Musikveranstaltungen sowie die vielfältigen Aktivitäten innerhalb und außerhalb der Universität mit den Narrenvereinigungen. Diese führten dann auch zur Gründung einer wohl einmaligen universitären Narrengesellschaft, der „HANA AG – Haushaltsnarren-Aktiengesellschaft“.

Wichtig für das Erscheinungsbild der Universität Konstanz in der Öffentlichkeit war die Einführung des Universitätssignets 1981, das der Grafiker Otl Aicher für uns entworfen hatte. Es spiegelt die charakteristische Architektur der Universität wider und setzt sie in Bezug zur Stadt Konstanz: Der Bezug des Neuen zum Alten.

Auslandsbeziehungen

Obwohl es auf persönlicher Ebene zahlreiche wissenschaftliche Beziehungen zu ausländischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gab, bestand doch bisher keine offizielle internationale Kooperationsvereinbarung. In vielen Fällen ist sie aber neben der allgemeinen Bedeutung vertraglicher Beziehungen erforderlich, um z.B. mit osteuropäischen oder afrikanischen Universitäten überhaupt kooperieren zu können. So wurden insgesamt 19 Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen mit Universitäten in Afrika, Amerika, Asien, und natürlich auch in Europa. Besonders aktiv waren die Partnerschaften mit chinesischen Universitäten in Shanghai, mit Tel Aviv, Kiew und Pittsburgh in den USA.

Während anfänglich Kooperationsvereinbarungen nur mit der Universität als Ganzes abgeschlossen werden konnten, gab es später die Möglichkeit, sie auf Fakultätsebene einzugrenzen.

Transparenz und Kollegialität

Ich war immer der Überzeugung, dass sich die Universität Konstanz nur dann positiv weiterentwickeln kann, wenn zwischen allen Gruppen ein kollegialer Umgangston herrscht, eine offene, umfassende, inneruniversitäre Kommunikation besteht, dass man fair miteinander umgeht und man anstreben muss, trotz unterschiedlicher Standpunkte alle Argumente anzuhören und auszudiskutieren, um dann eine Entscheidung fällen zu können. Das galt insbesondere für die Arbeit des Senats, in dem Studierende, Assistenten, Professoren und Nichtwissenschaftler zusammenarbeiteten und jeder den anderen ernst zu nehmen hatte. Auch wenn nicht alle Wünsche befriedigt werden konnten – im Endeffekt konnten wir ohne gravierende Konflikte unserer wichtigsten Arbeit, der von Forschung, Lehre und Studium, nachgehen.

Nicht nur im Hinblick auf die Arbeit des Senats lag mir daran, alle Entscheidungsvorgänge innerhalb der Universität, auch die der Verwaltung, transparent zu gestalten. Auch wenn Entscheidungen nicht gerade auf Gegenliebe stießen, so sollte zumindest erreicht werden, dass den Mitgliedern der Universität immer bewusst war, wie sie zustandekamen und welches die Argumente und Gegenargumente waren.

So herrschte zwischen allen Gruppen ein gutes Arbeitsklima, egal ob es die Hausmeister waren, die Verwaltung, die Bibliothek, die Fachbereiche oder die verschiedenen Gruppierungen der Studierenden, Assistenten und Professoren. Das galt auch für die Diskussionen um die Frauenförderung, die zum Teil sehr kontrovers verliefen, aber schließlich im Senat eine einstimmige Akzeptanz fanden. So war es denn auch für mich besonders befriedigend, von Stefan Binder, dem Vertreter des AStA, bei meiner Verabschiedung zu hören, dass ich „immer für einen fairen und demokratischen Stil“ bei den Diskussionen mit den Studierenden stand.

Ich habe versucht, die Geschicke der Universität mit Gelassenheit, Heiterkeit, Sensibilität, Einfühlungsvermögen, Offenheit nach innen und nach außen, Toleranz und Beharrlichkeit, gelegentlich auch mit List, zu leiten und zu führen.

Einer meiner Grundsätze war: „Agieren statt reagieren“.

Am 31.Oktober 1991 konnte ich, nach gut 15 Jahren als Rektor und dreimaliger Wiederwahl, – wie ich hoffe – ein bestelltes Haus mit guten Zukunftsperspektiven für die Zeit der Exzellenzinitiative an Bernd Rüthers übergeben.

Dass die Entwicklung der Universität so positiv verlief, war das Verdienst aller ihrer Mitglieder, die stets bestrebt waren, einen reibungslosen Betrieb zu garantieren und uneigennützig sich dafür einzusetzen. Nicht zuletzt hat auch die gute Beziehung zu Ministerpräsident Lothar Späth und meine Tätigkeit als Vorsitzender der Landes-rektorenkonferenz von 1980 bis 1984 mit den Tonbacher Gesprächen zwischen der Landesregierung und den Rektoren dazu beigetragen, dass viele Wünsche, Vorstellungen und Forderungen realisiert werden konnten.

Horst Sund

Vom Inselhotel über den Sonnenbühl zum Campus auf dem Gießberg

Schwerpunkt Biologie

Es war eine wissenschaftspolitische, visionäre Weichenstellung, als sich der Konstanzer Gründungsausschuss neben der Sprachwissenschaft und den Sozialwissenschaften für einen Schwerpunkt Biologie entschied, anfangs ohne „Biologen“ wie auch die moderne Biologie das Werk von Außenseitern ist, von Chemikern, Medizinern und Physikern. Im Vergleich zur Chemie und Physik fand die traditionsreiche deutsche Biologie nach dem Zweiten Weltkrieg nur allmählich den Anschluss an die schnell fortschreitende internationale Entwicklung dieses Faches. Die Konstanzer Biologie sollte dieser Entwicklung entgegenwirken.


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Berufung

Im Dezember 1964 hatte ich mich für Biochemie habilitiert. In diesem Fach war es die erste Habilitation an der Universität Freiburg. Zwei Wochen vorher hielt ich in Kiel einen Vortrag, wohl wissend, dass dieser Vortrag mit der Besetzung eines Biochemie-Lehrstuhls an der Naturwissenschaftlich-Mathematischen Fakultät der Universität Kiel zusammenhing. Zwei Jahre später, im Dezember 1966, erhielt ich dann auch den Ruf auf diesen Lehrstuhl, nachdem zwei Berufungslisten ohne Erfolg abgearbeitet waren und ich eine dritte Berufungsliste anführte.

Ich war über diesen Ruf nicht gerade begeistert, denn mir war bekannt, dass die im Aufbau befindliche Naturwissenschaftliche Fakultät der neu gegründeten Universität in Konstanz mich für einen Lehrstuhl im Fachbereich Biologie vorgesehen hatte. Ein zweiter Ruf, der aus Konstanz, wäre damals nicht möglich gewesen.

Ohne berufen zu sein, auch ohne dass die Berufung durch den Großen Senat bereits beschlossen war, wurde ich zusammen mit Peter Hemmerich Anfang 1967 von Gründungsrektor Gerhard Hess eingeladen, um Einzelheiten einer „grauen“ Berufung zu besprechen. Es ging dann auch alles sehr schnell: Der Große Senat entschied am 14. Februar, einen Tag später wurde der Brief des Kultusministers Wilhelm Hahn für die Berufung abgesandt, Rektor Gerhard Hess legte die Berufungsmodalitäten am 24. Februar fest, am 5. März fanden die Berufungsverhandlungen in Stuttgart mit Oberregierungsrat Bernhard Bläsi statt, das Angebot kam zwei Wochen später, und bereits am 26. April konnte ich die Ernennung zum Ordentlichen Professor im Fachbereich Biologie entgegennehmen.

Zwischenzeitlich hatte ich den Ruf nach Kiel abgelehnt, ohne dass ich dort je in die Verhandlungen eingetreten war.

Für die Kieler war diese Absage sehr enttäuschend, insbesondere für Professor Hans Netter, der einen Lehrstuhl für Physiologische Chemie an der Medizinischen Fakultät innehatte. Außer durch seine wissenschaftlichen Arbeiten war er besonders durch sein Buch Theoretische Biochemie bekannt geworden. Er wollte in Kiel eine moderne Biochemie zusammen mit Peter Hemmerich, Dirk Pette und mir aufbauen. Von diesem Trio versprach er sich eine Neuausrichtung seines Faches und war dann sehr enttäuscht, als meine Berufung und damit auch sein Plan fehlgeschlagen waren. Dafür fand sich dieses Trio aber sehr bald in Konstanz zusammen.

Ich wusste, dass die Bedingungen in Konstanz ideal waren. In Kiel wäre ich zwar Direktor mit all seinen Machtbefugnissen geworden und hätte ein eigenes Institut mit jeweils eigener Bibliothek, eigener Werkstatt, eigenem Personaletat und eigenem Budget erhalten, das hätte mir für meine Arbeiten aber wenig genützt, da der Kieler Etat für einen experimentell arbeitenden Wissenschaftler viel zu gering war, mir das Konstanzer Modell im Hinblick auf die Zentralisierung mehr zusagte und insgesamt bessere Zukunftsperspektiven eröffnete.

Übrigens: Peter Hemmerich und ich waren seit langer Zeit befreundet und hatten prinzipiell gleiche wissenschaftliche Interessen, wenn auch auf verschiedenen Gebieten der Biochemie. Wir verabredeten, wenn einer von uns auf einen Lehrstuhl berufen wird, soll er versuchen, den anderen nachzuholen, da wir uns sehr gut ergänzen konnten. So geschah es dann auch.

Gründung der Naturwissenschaftlichen Fakultät

Am 13. April 1967 fand im Konstanzer Stadttheater ein Empfang zum 60. Geburtstag des Gründungsrektors Gerhard Hess statt. Die drei gerade berufenen Naturwissenschaftler, außer mir Peter Hemmerich und Wolfgang Pfleiderer, waren für den offiziellen Empfang geladen, nicht dagegen zu dem späteren geselligen Zusammensein im Haus des Rektors, das den etablierten Geistes- und Sozialwissenschaftlern vorbehalten war, nicht aber uns Youngsters.

Nach dem Abschluss des offiziellen Teils machten wir uns auf den Weg nach Hause, nach Freiburg bzw. Stuttgart mit einem Zwischenaufenthalt in Singen, dem Umsteigebahnhof. Wir setzten uns in die Bahnhofswirtschaft, beschlossen dort, die Naturwissenschaftliche Fakultät ins Leben zu rufen, mit mir als Dekan, Wolfgang Pfleiderer als Prodekan und Peter Hemmerich als Schriftführer.

Inselhotel

Meine Konstanzer Tätigkeit startete ich im Mai 1967 im Inselhotel zusammen mit Peter Hemmerich. Wir waren sozusagen an einen „leeren“ Ort ohne Labors berufen worden.

Das Inselhotel war zwei Jahre zuvor von der Landesregierung erworben worden, um der Universität eine erste Arbeitsstätte zur Verfügung zu stellen. Laboratorien gab es dort natürlich nicht, geplant waren als Vorstufe aber in Fertigbauweise zu erstellende Laborgebäude auf dem Sonnenbühl. Vom Inselhotel aus haben wir die Vorbereitungen für den Umzug getroffen, zum Wintersemester 1967/1968 konnten wir unsere wissenschaftliche Arbeit dann auch aufnehmen und weitere Berufungen in die Wege leiten.

Für die experimentell arbeitenden Naturwissenschaften standen acht Lehrstühle zur Verfügung, jeweils einer für die Chemie und für die Physik und sechs für die Biologie, ein deutliches Zeichen , dass die Biologie den Schwerpunkt bilden sollte. Die ersten Berufungen waren durch den Gründungsausschuss ausgesprochen, für die Chemie mit Wolfgang Pfleiderer und für die Physik mit Hans Bömmel, der das Konzept der Festkörperphysik in Konstanz initiierte. Für die Biologie waren es außer Peter Hemmerich und mir, zwei Chemikern, Eberhard Weiler als Immunologe aus Amerika, Martin Lindauer als Zoologe und Martin Klingenberg. Bei ihm gab es einige Konfusionen, so dass wir den zuvor schon für eine Berufung vorgeschlagenen Mediziner Dirk Pette fragen konnten, ob er nicht Interesse hätte, nach Konstanz zu kommen, um mit uns eine modere Biologie aufzubauen. Er sagte spontan zu, und damit war er praktisch berufen, so einfach ging das vor 25 Jahren. Er fing sehr bald seine erfolgreiche Tätigkeit an.

Berater des Gründungsausschusses für die Berufungen in den Naturwissenschaften waren für die Biologie Max Delbrück (Pasadena, Nobelpreis 1969), Otto Westphal (MPI für Immunologie in Freiburg), Theodor Bücher (Biochemie, Universität München) und Hansjochem Autrum (Zoologie, Universität München), für die Chemie Hellmut Bredereck (Organische Chemie der Universität Stuttgart) und für die Physik ebenfalls Max Delbrück.

Unbürokratisch verlief die Berufung von Peter Läuger, der in der Physikalischen Chemie in Basel arbeitete. Peter Hemmerich war in Basel als Assistent in der Anorganischen Chemie tätig, kannte Peter Läuger und fand, dieser sei sehr geeignet als Kandidat für die Biophysik der Konstanzer Biologie. Wir haben dann beide mit ihm in Basel bei einem sehr guten Mittagessen seine Berufung nach Konstanz diskutiert, haben ihm ein Berufungsangebot unterbreitet, und er hat es sehr bald angenommen.

Damit waren die sechs biologischen Lehrstühle vergeben. Allerdings konnte eine Berufung nicht realisiert werden, die von Martin Lindauer. Er war mit dem in Konstanz vorgesehenen Reformkonzept nicht einverstanden, wollte u.a. Direktor eines Institutes werden. Er hatte aber sozusagen schon Ersatz für sich vorgesehen, denn er wollte Ernst Florey, einen Neurobiologen von der University of Washington in Seattle, zu seiner Ergänzung nach Konstanz holen. Wir wurden mit Ernst Florey sehr schnell einig, und in seinem Gefolge stieß dann Werner Rathmayer als Außerordentlicher Professor dazu, ebenfalls als Neurobiologe. Wolrad Vogell vervollständigte die „biologische“ Mannschaft mit einem Lehrstuhl für die Ultrastrukturforschung, d.h. für die Ausstattung mit Elektronenmikroskopen, im Fachbereich Physik.

Das war die Gruppe, die die experimentellen Naturwissenschaften bildete, bis wir zum Wintersemester 1972/1973 auf den Gießberg in die endgültigen Laboratorien einziehen konnten. In ihren Antrittsvorlesungen haben die Neuberufenen Stand und Perspektiven ihrer jeweiligen Forschungsgebiete eindrucksvoll dargestellt.

Die Zeit im Inselhotel endete für Peter Hemmerich, Dirk Pette und mich um die Jahreswende 1967/1968, als die Laborgebäude auf dem Sonnenbühl fertiggestellt waren und wir mit unseren Assistenten, Doktoranden und Diplomanden die Forschungstätigkeit auf dem Sonnenbühl zusammen mit Ernst Florey, Peter Läuger und Eberhard Weiler aufnehmen konnten. Hinzu kamen für die Chemie Wolfgang Pfleiderer und für die Physik Hans Bömmel mit Wolrad Vogell.

Campus Gießberg

  • Der volle Lehr- und Forschungsbetrieb mit Vorlesungen, Praktika usw. begann zum Wintersemester 1972/1973, nach Fertigstellung und Bezug der Gebäude auf dem Gießberg. Bis dahin waren wir neben dem Aufbau unserer Forschungsteams damit beschäftigt, alles in die Wege zu leiten, damit mit einem Paukenschlag eine moderne Biologieausbildung begonnen werden konnte. Wir sind dem Land Baden-Württemberg sehr dankbar dafür, dass es uns fünf Jahre Zeit gegeben hat, um alles so vorzubereiten, damit der Laborbetrieb, die Forschungsarbeit und die Ausbildung der Studierenden ohne störende Planungsarbeiten vom Oktober 1972 ab laufen konnte. Zu diesen vorbereitenden Tätigkeiten gehörten die
  • Berufung weiterer Professoren, um alle Gebiete der Lehre abdecken zu können,
  • Ausstattung der Forschungslabors, der Praktika und Hörsäle,
  • Buch- und Zeitschriftenausstattung und ihre Aufstellung in der Bibliothek,
  • Beratung und Verabschiedung der Studienpläne und Prüfungsordnungen,
  • Planung und Einrichtung eines Sonderforschungsbereiches,
  • Mitwirkung beim Aufbau der akademischen Selbstverwaltung und
  • im Großen Senat die Mitwirkung bei der Beratung und Verabschiedung von Promotions- und Habilitationsordnungen sowie der Grundordnung.
  • Da wir vorher, mit Ausnahme von Ernst Florey, lediglich Assistenten oder Dozenten, aber keine Professoren waren, wir auch wenig Erfahrung mit der Hochschulpolitik und der akademischen Selbstverwaltung hatten, sind wir an die Gestaltung und den Aufbau der Fakultät und der Studienpläne unvoreingenommen herangegangen. Wichtig war für uns bei der Planung und Ausgestaltung der Strukturen, dass wir uns gut verstanden, unsere Mannschaft vom wissenschaftlichen Gesichtspunkt ohne Einfluss von außen zusammenstellen und dem Ganzen ein Konzept zugrunde legen konnten, das dann sehr bald zu der DFG-Forschergruppe und zu dem erfolgreichen Sonderforschungsbereich „Biologische Grenzflächen und Spezifität“ führte, dem Dirk Pette als Sprecher 25 Jahre lang vorstand. Wir wollten ein geistiges Biotop schaffen, in dem sich jeder im Konsens mit seinen Kollegen voll entfalten und die Entwicklung nicht nur der Biologie, sondern der gesamten Universität optimieren konnte. Die moderne Biologieausbildung sollte breit angelegt sein und nicht auf Spezialisierung hinzielen, um den Biologen der Zukunft zu befähigen, sich jederzeit in neue Methoden und Gebiete einzuarbeiten. Die Studienpläne sollten deshalb auch erst möglich spät und dann auch nur in exemplarischer Weise zu Spezialwissen führen.

Reformuniversität

Im Vergleich zu Physik, Chemie und auch der Mathematik fand die Biologie an deutschen Universitäten nach dem Zweiten Weltkrieg nur langsam den Anschluss an die schnell fortschreitende Entwicklung dieses Faches, die vor allem in England und den Vereinigten Staaten unter dem starken Einfluss von Biochemie, Biophysik und Molekulargenetik zu beobachten war. Nur an wenigen deutschen Universitäten gab es im Rahmen der naturwissenschaftlichen Fakultäten vereinzelt Lehrstühle für diese Fächer. Und so war es eine „Sternstunde“ wissenschaftspolitischer Konzeption, als sich die Konstanzer Gründerväter für einen Schwerpunkt Biologie entschieden, in dem die einzelnen Lehrstühle keine spezielle Bezeichnung haben sollten, sondern lediglich als Lehrstuhl oder als Professur im Fachbereich Biologie bezeichnet wurden. Dadurch war es möglich, bei Wiederbesetzungen die fachliche Zuordnung der Lehrstühle der Entwicklung anzupassen, so dass z.B. mein Lehrstuhl mit der Fachrichtung Biochemie später im Rahmen des „Fiebiger-Programms“ in einen Lehrstuhl mit der Fachrichtung Biochemische Pharmakologie und ein weiterer Lehrstuhl aus dem Bereich der Biochemie für Molekulare Toxikologie umgewandelt wurde. Konstanz war bewusst als Reform- und nicht als Entlastungsuniversität gegründet. Reform bedeutete

  • Lehre aus der Forschung heraus zu entwickel,
  • Leitung der Universität in Form der Präsidialverfassung (keine Trennung von akademischer Selbstverwaltung und Wirtschaftsverwaltung, Spitze der Verwaltung ist der gewählte Rektor, der von der Regierung bestellt wird),
  • Abkehr vom Institutssystem zugunsten von Fachbereichen als ständige Einheiten der Lehre (mit einem Fachbereichssekretär, der sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Verwaltung Erfahrungen haben und alle laufenden Geschäfte des Fachbereichs koordinieren muss),
  • Zentrale Verwaltung und Verteilung der Mittel auf die Lehrstühle, wobei die berufenen Professoren ohne Antrag oder Begründung nur einen geringen Betrag für eigene Notwendigkeiten erhielten,
  • Zuweisung von Stellen auf Zeit,
  • Zuweisung der Forschungsmittel nur auf Antrag durch den Forschungsausschuss,
  • Zentrale Organisation der Lehre über einen Ausschuss für Lehrfragen und
  • Charakteristika für Institute wie eigene Bibliothek, Werkstatt und Etat waren für Konstanz nicht vorgesehen, sondern dafür eine zentrale Werkstatt, eine zentrale Bibliothek und ein Globalhaushalt.

Ein wesentliches Strukturmerkmal der Universität Konstanz war auch das begrenzte Fächerspektrum. Sie verfügte von Anfang an nicht über jenen umfassenden Fächerkanon, der traditionelle Universitäten auszeichnet, hatte dafür aber Schwerpunkte wie die Biologie vorgesehen. Diese schon bei der Gründung vorgesehene Fächergewichtung wurde gerade im Hinblick auf die Forschung durch die zeitlich befristete Einrichtung von Forschungszentren, Sonderforschungsbereichen und Forschergruppen besonders akzentuiert. Diejenigen, die mit diesem System nicht einverstanden waren, sollten in Konstanz keine Professur anstreben. Da dies bekannt war, verpflichtete sich jeder stillschweigend, dieses Grundkonzept mit der Beteiligung von Assistenten und Studenten an der akademischen Selbstverwaltung zu akzeptieren, bevor man einen Ruf annahm. Dadurch gab es dann auch im Allgemeinen keine Komplikationen mehr, wenn die Berufung erfolgt war. Konstanz war „die am stärksten reformistische Hochschule in der Bundesrepublik“. Allerdings: „Die politischen Forderungen der radikalen studentischen Gruppen erfüllt die Universität Konstanz als Konzeption von 1966 wie als Wirklichkeit von 1968 nicht.“

Mitarbeiter

Die Rekrutierung von Mitarbeitern wie Assistenten und Doktoranden war am Anfang nicht einfach. Aus Freiburg kommend hatte ich als Dozent seinerzeit nicht das Recht, eigene Doktoranden für die Forschung zu gewinnen, ich hatte lediglich zwei Diplomanden, die mir nach Konstanz folgten. Weitere Doktoranden kamen von auswärtigen Universitäten, denn es dauerte ja noch etliche Jahre, bis wir Absolventen unserer eigenen Studiengänge als Doktoranden gewinnen konnten. Dafür war es notwendig, dass wir uns bekannt machten und attraktiv wurden, auch im Hinblick auf die internationale Scientific Community. Wir haben deshalb eine Reihe von nationalen und internationalen Jahrestagungen der wissenschaftlichen Gesellschaften, zahlreiche Symposien und Kongressen organisiert. Außerdem waren Peter Hemmerich, Dirk Pette und ich Mitglieder im Editorial Bord der wichtigsten europäischen biochemischen Zeitschrift, dem European Journal of Biochemistry.

Rektor

Nachdem meine Forschung sich gut entwickelt und sich auch die Ausbildung der Studierenden mit ihren neuen Formen eingespielt hatte und nachdem ich mehrfach Dekan und Prorektor gewesen war, begann meine Zeit als Rektor im August 1976. Während der ersten Amtszeit konnte ich meine Labortätigkeit noch einigermaßen aufrecht erhalten, von der zweiten Amtszeit ab entschied ich mich aber dafür, nur noch als Rektor tätig zu sein und die Betreuung von Doktoranden, die Forschung und Vorlesungen aufzugeben. Für einen experimentell arbeitenden Naturwissenschaftler ist es m.E. nicht möglich, die Wissenschaft mit Assistenten, Doktoranden und Mitarbeitern erfolgreich zu betreiben und gleichzeitig das verantwortungsvolle Amt eines Rektors auszufüllen. Beide Tätigkeiten erfordern, auch am Wochenende, ein Tagespensum von 12 bis 14 Stunden. Man muss sich also zwischen Labor und Wissenschaftsmanagement entscheiden, und ich habe es nie bereut, mehr als 15 Jahre für die Geschicke der Universität Konstanz verantwortlich zu sein. Die Arbeit der ersten zehn Jahre bis 1976 fand in einer unvergessenen Aufbruchstimmung statt.

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Sund

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Horst Sund, geboren 1926, 1964 Habilitation für Biochemie an der Universität Freiburg, 1967 Ordentlicher Professor im Fachbereich Biologie der Universität Konstanz, Dekan der Fakultät für Naturwissenschaften (1967 bis 1969, 1974 bis 1976, 1993 bis 1995), Prorektor (1969 bis 1971) und Rektor (1976 bis 1991) der Universität Konstanz, Ehrenbürger der Universität Konstanz (1996), 1980 bis 1984 Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz Baden-Württemberg, Vorsitzender des VEUK (1991 bis 2003) und deren Ehrenvorsitzender (2003), Vorsitzender der Baden-Württembergischen China-Gesellschaft (1984 bis 2009) und deren Ehrenvorsitzender (2009), Beauftragter des Auswärtigen Amtes und des DAAD für die Errichtung des Chinesisch-Deutschen Hochschulkollegs (CDHK) an der Tongji-Universität in Shanghai (1995 bis 2010) und deren Ehrendirektor auf Lebenszeit (2010), Großes Bundesverdienstkreuz, Ehrenprofessor der Fudan-, Jiao Tong- und Tongji-Universität in Shanghai, Ehrensenator der Jiao Tong-Universität, Freundschaftspreis des Staatsrates der Volksrepublik China, Magnolia-Preis der Stadt Shanghai, Ehrenmitglied des Instituts für Geographie und Limnologie der Academia Sinica in Nanjing und weitere nationale und internationale Auszeichnungen.

Nikolaus Kämpfe

1966 – Erinnerungen an meinen Anfang an der Universität Konstanz

Im Herbst 1966 wurde der Studienbetrieb an der Universität Konstanz aufgenommen, und die ersten Studenten konnten sich einschreiben. Die allerersten schon ein wenig früher, im April. Da der Wissenschaftsbetrieb bereits am 1. April mit den ersten berufenen Professoren begonnen hatte, mussten die „mitberufenen“ studentischen Hilfskräfte einen rechtlichen Status erhalten. Sie wurden provisorisch eingeschrieben und erhielten auf ihren von der Vorgängeruniversität mitgebrachten Studentenausweis einen Stempel und handschriftlich eine Matrikelnummer eingetragen. Ich erhielt die Matrikelnummer 1. Nicht genug der Kuriosität: Mein Vorname ist ja so häufig nicht, aber der Minuten nach mir immatrikulierte Student trug den gleichen.


Weiterführender Text

Das Immatrikulationsprovisorium endete mit der definitiven Einschreibung zum Wintersemester 1966/67 und setzte dafür einen Antrag voraus, der mit den geforderten Unterlagen elf Seiten umfasste. Kurios etwa die Frage darin, ob Eltern oder gegebenenfalls der Ehepartner „wohlwollend, skeptisch oder ablehnend“ meinem Studium gegenüber eingestellt sei. Wäre mir die Immatrikulation verwehrt worden, wenn ich ohne Wohlwollen meiner Familie in Konstanz studieren wollte? Oder hätte gar noch das Unwohlwollen meiner Geschwister das verhindert, denn auch nach denen und deren Alter, Geschlecht, Schulabschluss und Berufsausbildung wurde gefragt. Wer hat das damals geprüft? Gab es Studierwillige, denen aufgrund derartiger Auskünfte kein Studienplatz in Konstanz bewilligt wurde? Ich hatte wohl Glück, mein Immatrikulationsprovisorium wurde beendet. Nicht aber das meines Studentenausweises, der war bis zum Studienende im März 1968 derjenige, den mir die Universität Tübingen 1961 ausgestellt hatte.

Wir Matrikelnummern 1 und 2 waren beide studentische Hilfskräfte im Zentrum I Bildungsforschung, der ersten Forschungseinrichtung der Universität. Mit der Bildung dieses Zentrums wurde ein Kernanliegen der baden-württembergischen Hochschulreform realisiert: Interdisziplinäre Forschung an einer Universität zu institutionalisieren. In diesem Zentrum sollten zunächst Soziologie, Psychologie und Pädagogik vertreten sein, um Probleme der Bildungschancen in Abhängigkeit von sozialer Herkunft und von Schulorganisationsformen zu definieren und Lösungsvorschläge für die Bildungsplanung in Baden-Württemberg zu erarbeiten. Das Fach Soziologie kam mit Prof. Ralf Dahrendorf und Dr. Hansgert Peisert von der Universität Tübingen. Ich kam auch von da. Es waren gewiss weniger die mir prognostizierten wissenschaftlichen Fähigkeiten, sondern eher meine handwerklichen Fertigkeiten, wie das Erstellen von Statistiken, deren grafische Aufbereitung sowie generell der Umgang mit der damaligen Technik (auch Programmieren), die mir diese „Berufung“ nach Konstanz einbrachten.

Während die den Fakultäten zugeordneten Professoren und deren Mitarbeiter kontinuierlich etwa ab Juni die recht vornehmen Räumlichkeiten in einem Teil des Inselhotels bezogen, hatte das Zentrum I Bildungsforschung von April an mit weitaus bescheideneren Räumlichkeiten in den oberen Etagen des Hauses Brotlaube 1, eine Zufahrtsstraße zur Marktstätte, vorliebzunehmen. Der Name des Hauses war irgendwie passend. Die niedrigen Raumhöhen, die knarrenden Fußböden, die Unebenheiten waagerecht und senkrecht, alles dies strömte Gemütlichkeit aus. Und später dann auch noch die „Mensa“ – der „Maurische Saal“ im (damals nicht genutzten) Hotel Halm! Dieser herrliche Saal war m.W. Kantine des Postamtes Konstanz, und wir von der Brotlaube durften dort mitspeisen.

Meine Arbeit war geregelt, mein Mittagessen auch, aber das mit dem Wohnen war nicht so unkompliziert. Für die ersten Tage und Wochen fand sich ein Zimmer in Wollmatingen. Doch angestrebt war eine kleine Wohnung mit Herd/DU/WC. Das war damals schwierig in Konstanz. Ein Tipp versprach die Lösung meines Wohnungsproblems: In Kreuzlingen fand sich eine geeignete Bleibe. Bei Bürgermeister („Stadtammann“) Abegg gab ich persönlich meinen Antrag auf Aufenthaltsbewilligung ab und wurde seines Wohlwollens versichert, dass die zuständige Behörde, die nicht die Stadt Kreuzlingen war, positiv entscheiden würde. Weder der potentielle Vermieter noch der Stadtamman und schon gar nicht ich hatten mit dem Bescheid der zuständigen Fremdenpolizei des Kantons Thurgau gerechnet. Schriftlich wurde mir versichert: „Für die Wohnsitznahme in der Schweiz besteht keine zwingende Notwendigkeit. Ueberfremdung“. Das fand nun wiederum Professor Aebli befremdlich. Er war nicht nur der erste Professor für Psychologie an der Universität Konstanz und auch Leiter der Abteilung Psychologie am Zentrum I Bildungsforschung, sondern auch Schweizer. Nicht nur seinem Einwirken wird es zu verdanken gewesen sein, dass sich alsbald im schweizerischen Grenzgebiet eine gewisse Art von Überfremdung einstellte.

Aber letztlich fand ich doch eine 1-Zimmerwohnung mit der gewünschten Kombination aus Herd/WC/Bad in Konstanz. Die Anstellung als studentische Hilfskraft mit einer monatlichen Vergütung von 350 DM bot durchaus eine gewisse Grundlage dafür. Mein Leben normalisierte sich zusehends. Ein studentisches fand allerdings nicht statt, ich fand in Konstanz keines vor, vielleicht gab es auch gar keines, obschon es eine Fachhochschule gab. Nun gut, ich habe ein solches, sei es im geselligen oder im gesellschaftlich-politischen Sinne, auch nicht unbedingt gesucht, zuvor in Tübingen auch schon nicht. Da war mir Existenzaufbau im Rahmen meiner Familie, die 1961 – ein Jahr nach meiner Flucht aus der DDR – nach hier nachkam, etwas wichtiger. Auch mich der aufkeimenden studentischen Protestbewegung anzuschließen, wäre mir etwas schofelig vorgekommen, schließlich war ich dankbar, in einem besseren Staat angekommen zu sein.

Mit Prof. Dr. Gerhard Hess als Gründungsrektor und acht Mitgliedern im Lehrkörper wurde im April 1966 der Wissenschaftsbetrieb aufgenommen. In besonderer Erinnerung sind mir Professor Hess und die Professoren Waldemar Besson und Hans Aebli sowie natürlich Ralf Dahrendorf und Dr. Hansgert Peisert geblieben. Professor Hess empfahl mir, als ich ihn in einer Kommissionssitzung fragte, wie ich ihn anzusprechen hätte (Herr Rektor, Herr Professor, Magnifizenz), ihn mit „Herr Hess“ anzusprechen. Professor Besson war gleichermaßen undistanziert. Vom Typ her keine große und elegante Erscheinung wie Professor Hess, sondern untersetzt, also mäßige Körpergröße und reziproke Körperfülle, beste Voraussetzung also, als jovial, volksnah, als Kumpeltyp gelten zu können. Genau so war er. Unvergesslich für mich beispielsweise, wie er eines Morgens vom Parkplatz des Sonnenbühl-Hauptgebäudes aus mit dem in einer oberen Etage im Fenster liegenden Hausmeister Haug die Fußballergebnisse des Wochenendes kommentierte. Von Professor Dahrendorf nicht fasziniert gewesen zu sein, kann ich mir nicht vorstellen. Schon seine Soziologie-Vorlesungen in Tübingen hörten weitaus mehr Studenten, als für Soziologie eingeschrieben gewesen sein dürften. Im Soziologischen Seminar der Universität Tübingen als studentische Hilfskraft wirken zu dürfen, war für mich eine Ehre. In Konstanz gingen die Wege ein wenig auseinander, weil Prof. Dahrendorf nicht direkt in die Arbeit des Zentrums I Bildungsforschung eingebunden war. Aber ich hatte bei ihm mündliche Prüfung im Hauptfach Soziologie Anfang 1968. Da erinnerte er sich daran, dass meine Fremdsprachenkenntnisse auf Russisch (und Griechisch und Latein) beschränkt waren, und sagte, dass er sich mit mir nur über die deutsche Soziologie prüfend „unterhalten“ werde. Konziliant, menschlich, unvergesslich.

Drei kleine Mosaiksteine der Erinnerung an Personen, die an einer Universität wirkten, die als Reformuniversität konzipiert war. Für mich lebten diese Personen vor, was den Geist einer Reformuniversität auch ausmachen kann.

Am 21. Juni 1966 war Grundsteinlegung auf dem Gießberg. Ich habe diese nur schaulustig und nicht etwa prominent als Student mit der Matrikelnummer 1 verfolgt. Das verdross mich keineswegs, denn Genugtuung überkam mich, als ich der Rede von Gründungsrektor Professor Hess entnehmen konnte, dass auch der Südkurier dieses Tages in den Grundstein eingemauert wurde. Schließlich enthielt dieser einen Beitrag auch über das Zentrum I Bildungsforschung und mich in dessen Rahmen bildlich. Weniger ewig wird wohl das halten, was ich einige Tage später tat: Ich heiratete. Und somit wird im Jahr 2016 die Universität Konstanz das 50-jährige Jubiläum feiern und ich zusammen mit meiner Frau, was man nur anders nennt: Goldene Hochzeit.

Auf das Jahr 1966 folgten für mich noch neun weitere Jahre, allesamt im Zentrum I Bildungsforschung, das von 1969 an von der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Sonderforschungsbereich 23 anerkannt und gefördert wurde. Ich konnte in diesen Jahren an mehreren Projekten und Publikationen mitwirken und zusammenarbeiten mit wunderbaren Kolleginnen und Kollegen. Zwar stellvertretend für alle, aber dennoch herausragend die Arbeit mit und für Herrn Professor Dr. Hansgert Peisert. Das Auslaufen der Forschungsförderung für Projekte des Sonderforschungsbereiches erzwang eine Art Standortbestimmung: Verbleib im Wissenschaftsbetrieb oder Hinwendung zu eher praxisorientierter Arbeit. Ich entschied mich für Letzteres. Das Rüstzeug dafür hatte ich mitbekommen – es hat für weitere 25 Jahre Arbeit an einer anderen Universität völlig ausgereicht. Insofern war die 1966 getroffene Entscheidung, als Student von Tübingen nach Konstanz zu wechseln, die einzig richtige. Sie hat mein ganzes berufliches Leben geprägt.

Nikolaus Kämpfe

Nikolaus Kämpfe, 1941 in Dresden geboren, 1960 Abitur an dortiger Kreuzschule und Flucht in die BRD, von 1961 bis 1966 Studium in Tübingen und von 1966 bis 1968 in Konstanz, Magisterexamen 1968 und von da an bis Ende 1975 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum I Bildungsforschung der Universität Konstanz. Von 1976 bis 2001 war er Sachgebietsleiter in der Zentralverwaltung der Universität Siegen (zuletzt für Datenverarbeitung und Statistik).

Wilhelm Krull

Vom Modell Konstanz zur Exzellenzuniversität: Reformschritte auf dem Weg zu einer Kultur der Kreativität

Wie reformiert man eine Universität, die bereits als Reformuniversität gegründet wurde? – Vor dieser Frage standen Mitte der 1990er Jahre Senat und Rektorat der Universität Konstanz. Angesichts drohender Kürzungsmaßnahmen, die sich schließlich landauf, landab als „Solidarpakte“ manifestierten, neuer Steuerungsmodelle und -verfahren, die Struktur- und Entwicklungspläne sowie Hochschulverträge nach sich zogen, und des bevorstehenden Generationswechsels bei den Professor(inn)en traf man im Herbst 1997 eine mutige Entscheidung: Unter Vorsitz von Jürgen Mittelstraß wurde eine Strukturkommission, die im Wesentlichen aus externen Mitgliedern bestand, damit beauftragt, „…‚ein langfristiges Konzept für die Organisations- und Leitungsstrukturen der Universität Konstanz‘ zu entwickeln". 1

[1] Modell Konstanz. Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Universität Konstanz, Konstanz 1998, S. 7 (im Folgenden zitiert als Modell Konstanz).


Weiterführender Text

Diese Strukturkommission bedeutete für mich den Einstieg in eine langjährige Zusammenarbeit, vor allem als Mitglied und ab 2004 auch als Vorsitzender des Universitätsrates. Dabei war es mir eine besondere Freude, in der für die Konstanzer Universität charakteristischen, mit ihren vielfältigen checks and balances klug austarierten, stets konstruktiv agierenden „Dreierkonstellation“ aus Senat, Rektorat und Universitätsrat, „die die Universität Konstanz in einer wichtigen Phase ihrer Entwicklung weit vorangebracht hat“ 2, daran mitwirken zu können, dass sie den bundesweiten Exzellenzwettbewerb erfolgreich bestehen und damit zugleich ihre internationale Sichtbarkeit weiter erhöhen konnte. Durch persönliche Freundschaften, die sich in dieser Zeit gebildet und vertieft haben, aber auch durch die Mitwirkung im Kuratorium des Konstanzer Wissenschaftsforums sowie als Ehrensenator fühle ich mich der Universität Konstanz auch weiterhin eng verbunden und kann immer wieder hocherfreut feststellen, wie geradlinig und erfolgreich die Leitungsgremien Kurs halten in Richtung neuer Freiräume für Kreativität und Exzellenz.

[2] Gerhard von Graevenitz: Begrüßungsrede zur Verleihung der Ehrensenatorwürde an Herrn Dr. Wilhelm Krull. In: Wilhelm Krull: Zukunft stiften – Kreativität fördern. Konstanz 2010, S. 8.

1. Mut zu neuem Denken – und Handeln

Als die Universität Konstanz 1966 ihre Arbeit aufnahm, war ihr bereits durch das Gründungskonzept ein umfassendes Reformpaket geschnürt worden. Ausgehend vom Humboldtschen Grundsatz „Bildung durch Wissenschaft“ – und dem damit eng verknüpften Prinzip „Lehre aus Forschung“ verpflichtet – sollte sie:

  • die Einheit der Wissenschaft für die Universität zurückgewinnen, indem sie sich in der Forschung wie in der Lehre dem Leitgedanken der Interdisziplinarität verpflichtete;
  • durch intensive Betreuung der Studierenden und Neugestaltung der Curricula sowie die Einführung von exemplarischem Lehren und Lernen es ermöglichen, dass das jeweilige Studium auch in überschaubarer Zeit abgeschlossen werden konnte;
  • mit dem Konzept der Forschungszentren – und der damit eng verbundenen Abkehr von herkömmlichen Seminar- und Institutsstrukturen – auch organisatorisch die Voraussetzungen für das Entwickeln integrativer Perspektiven schaffen;
  • durch die Einführung zentraler Infrastrukturen, wie z. B. einer einzigen, universitätsweiten Freihandbibliothek, gemeinsamer technischer Dienste, des Rechenzentrums und der Tierforschungsanlage, auf vorbildliche Weise zu einer gleichermaßen effizienten wie effektiven Nutzung der Ressourcen beitragen;
  • mit der Einführung des Präsidialsystems – und der damit verbundenen Stärkung der Position des Rektorats – an Selbststeuerungsfähigkeit gewinnen.

Gut 30 Jahre später konnte die Strukturkommission zwar einerseits feststellen, dass sich die Universität in einer Reihe von Punkten noch an den „ursprünglichen Intentionen und ihren Institutionen“ orientierte. Andererseits war aber nicht zu übersehen, dass die dereinst wissenschaftssystematisch begründete, interdisziplinär-integrative Organisationsform weitgehend der nachfolgenden Expansion und den veränderten gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Opfer gefallen war. Dies galt in den 1990er Jahren insbesondere für die Fakultätsstruktur. Im Bericht heißt es dazu:

„Die im Gründungsbericht wissenschaftssystematisch begründete Funktion der Fakultäten in einer Universität ohne Institute wurde im Lauf der Entwicklung nicht mehr verstanden. Die Folge war – begünstigt durch ein Hochschulgesetz, das eine Fakultätsbildung schon bei nur wenigen Professuren in einem Fach oder einer Disziplin erlaubte – eine Auflösung der ursprünglichen drei großen Fakultäten der Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften in heute neun Fakultäten. Geltend gemacht werden dafür unter anderem rechtliche Argumente, wonach die ein Fach betreffenden Entscheidungen in Forschung und Lehre in einer institutionellen Einheit getroffen werden müssen, und der Hinweis auf Nachfra-geverschiebungen, die wieder eine stärkere Konzentration auf einzelne Disziplinen nahelegten. Tatsächlich dürfte der Grund darin zu suchen sein, dass sich eine wissenschaftssystematisch und wissenschaftspolitisch begründete Fakultäts- und Fachbereichsstruktur neuer Art gegen den üblichen Fachegoismus nicht durchhalten ließ.“

Die im Wesentlichen bereits Ende der 1970er Jahre veranlasste Aufgliederung und die damit eng verbundene Auflösung der universitätseinheitlichen Struktur galt es, in ihren Auswirkungen zu analysieren, Strukturempfehlungen zu erarbeiten und deren Akzeptanz mit Vertreter(inne) n aller Statusgruppen zu erörtern.

2. Leitsätze und Strukturempfehlungen

Mit großem Engagement und erheblichem Zeiteinsatz – es fanden immerhin insgesamt sieben ein- bis zweitägige Sitzungen statt! – führte die Strukturkommission eine Vielzahl von Analysen und Anhörungen durch. Ende 1998 kam sie schließlich zu dem Ergebnis, dass es überaus lohnenswert sei, an die ursprüngliche Gründungskonzeption anzuknüpfen und diese mit Blick auf die dynamischen Veränderungsprozesse in der modernen Wissensgesellschaft gewissermaßen neu zu erfinden. Dabei ging die Kommission von folgenden – hier nur in Auswahl und Kurzform wiederzugebenden – Leitsätzen aus:

  • Angesichts der begrenzten, „endlichen“ Universalität ist es für jede Universität unerlässlich, Profil- und Schwerpunktbildung zu betreiben; für Konstanz sollte sie sich – bei aller notwendigen disziplinären Spezialisierung – vor allem an inter- und transdisziplinären Forschungs- und Lehrformen orientieren;
  • die Öffnung der Universitäten für mittlerweile mehr als 35 Prozent eines Altersjahrgangs impliziert zugleich einen wesentlichen Funktionswandel des Studiums, in dessen Verlauf es auch Freiräume für forschungsnahes, projektbezogenes Arbeiten und eigene Schwer-punktsetzungen der Studierenden geben sollte;
  • da der Gesichtspunkt der Internationalität im gesamten Wissenschaftssystem immer mehr an Bedeutung gewinnt, wird die Orientierung an internationalen Studienstandards und die Schaffung von forschungsbasierten Kompetenzverbünden in Zukunft für die globale Positionierung noch wichtiger werden;
  • die „Digitalisierung des Wissens“ impliziert, dass die Erzeugung, Aufbereitung, Verfügbarmachung und Vermittlung neuen Wissens weitgehend simultan erfolgen. Für die Entwicklungsplanung jeder Universität ist daher eine besondere Kompetenz- und Infrastrukturplanung essentiell;
  • unter den Bedingungen raschen Wandels kommt sowohl der fortlaufenden Professionalisierung des Personals als auch der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft besondere Bedeutung zu. Die Einführung von Graduate Schools und die Ermöglichung einer frühen Selbstständigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses bilden hierfür wichtige Voraussetzungen;
  • eine Organisationsreform, die dem Prinzip „Leistungsfähigkeit durch Eigenverantwortung“ verpflichtet ist, und ein ausbalanciertes System der Qualitätssicherung, in dem Selbstbewertung und externe Evaluation in angemessener Weise miteinander kombiniert werden, sind unerlässlich, um die Leistungsfähigkeit der Universität kontinuierlich zu verbessern;
  • die Universität nimmt als Teil des öffentlich finanzierten Wissenschaftssystems gesellschaftliche Aufgaben wahr, die es erfordern, dass sie als Institution auf vielfältige Weise mit der interessierten Öffentlichkeit interagiert. Dafür sind auch neue Formen des Wissenstransfers, der Vernetzung und strategischer Partnerschaften zu entwickeln.

Vor dem Hintergrund dieser grundlegenden Befunde und Leitsätze empfahl die Kommission der Universität Konstanz, den Mut aufzubringen, ihre Organisations-, Leitungs- und Entscheidungsstrukturen im Gesamtinteresse der Universität umzubauen und dabei klar zwischen wissenschaftlicher, politischer, strategischer und operativer Verantwortung zu unterscheiden. Neben einer Reihe fachspezifischer Empfehlungen, die seinerzeit vor allem darauf abzielten, eine langfristig tragfähige Schwerpunktbildung in Forschung und Lehre zu befördern, fokussierten die Empfehlungen insbesondere die institutionelle Neuaufstellung und die mit ihr eng verbundenen Entwicklungsziele. In Kurzform lassen sich die wichtigsten Empfehlungen wie folgt zusammenfassen:

  • Anknüpfend an die Überlegungen des Gründungsausschusses und dessen Plädoyer für eine offene Fakultätsstruktur sollten die bisherigen Organisationseinheiten in drei Sektionen zusammengefasst werden, deren Aufgabe vorrangig darin bestünde, „nicht nur der Forschung günstigere Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, sondern auch Lehre und Studium besser zu organisieren“;
  • zwischen Senat, Universitätsleitung und Verwaltung sollte eine klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten die Basis für ein gedeihliches Miteinander bilden; in allen operativen Angelegenheiten sollte künftig die Verantwortung bei der Universitätsleitung liegen, während dem Senat vorwiegend eine beratende und unterstützende Rolle zukommen sollte; die Universitätsverwaltung sollte weiterhin zentral organisiert bleiben;
  • um auch externen Sachverstand für die Entwicklung der Universität nutzen zu können, sollte künftig ein aus fünf bis sieben Mitgliedern bestehender Universitätsrat gebildet werden, der neben Aufsichtspflichten vor allem auch zur Finanz-, Personal- und Berufungsplanung Stellung nehmen sollte;
  • da sich das Prinzip, Dienstleistungen in der und für die Universität mittels zentraler Einrichtungen zu erbringen, bewährt hatte, sollten die Literaturversorgung ebenso wie auch das Rechenzentrum, die Werkstätten und das Sprachlehrinstitut weiterhin universitätsweit einheitlich strukturiert und – soweit dezentrale Infrastruktureinrichtungen erforderlich – koordiniert betrieben werden;
  • als eine Organisationsform, die kooperative Forschung begünstigt, sollte auch künftig am Modell der Zentren festgehalten werden; die Einrichtung neuer Zentren sollte freilich wieder stärker für die institutionell gewünschte Schwerpunkt- und Profilbildung genutzt werden;
  • neben der Ansiedlung einzelner außeruniversitärer Institute (etwa der Max-Planck-Gesellschaft) sollte vor allem durch die Einrichtung eines Centre for Advanced Study ein zusätzlicher Kristallisationspunkt für inter- und transdisziplinäre, auf internationale Zusammenarbeit angelegte Forschungsvorhaben geschaffen werden, zumal es im süddeutschen Raum damals kein derartiges Zentrum gab.

Die Kommission verstand die von ihr formulierten Empfehlungen als ein in sich geschlossenes Konzept, für dessen Umsetzung die Initiative von einer gestärkten Hochschulleitung ausgehen müsse und diese wiederrum sich der Unterstützung durch die universitären Gremien wie auch der Landesregierung versichern sollte. Obwohl angesichts der guten Positionierung und des hohen Ansehens der Konstanzer Universität vielleicht nicht für jedermann ein dringender Handlungsbedarf erkennbar sei, wies die Kommission abschließend darauf hin, „daß ohne mutige Veränderungen, die in strukturellen und anderen, Forschung und Lehre betreffenden Dingen den Reformcharakter der Universität weitertragen, die Gefahr besteht, wichtige Entwicklungschancen für die Zukunft und damit die Zukunft selbst zu verlieren.“

3. Generationswechsel und Neuformierung

Ende der 1990er und zu Beginn der 2000er Jahre war die Situation der Universität Konstanz von zahlreichen Umbrüchen und Herausforderungen geprägt. Die nicht mehr zu übersehende Krise der öffentlichen Haushalte, die des Öfteren plötzlich verhängte „globale Minderausgaben“ in beträchtlicher Höhe nach sich zog, traf die im Vergleich zu den alten Traditionsuniversitäten nur sehr schmal ausgestattete Neugründung besonders hart. Hinzu kam, dass die zum großen Teil gut vierzig Jahre alten Gebäude dringend sanierungsbedürftig waren und nur mit viel Improvisationskunst und einer Reihe von Notmaßnahmen funktionsfähig gehalten werden konnten. Des Weiteren zeichnete sich mit der Umsetzung der Bolognareform des Studiums und der Besoldungsreform im Professorenbereich bereits ein bunter Strauß weiterer Herausforderungen am Horizont ab.

Vor diesem Hintergrund großer Verunsicherung kann man es nur als bemerkenswert bezeichnen, dass die verschiedenen Akteure, Gruppen und Gremien der Universität Konstanz sich alsbald an die Arbeit machten und nach intensiven Diskussionen schließlich Einigkeit darüber erzielten, eine neue Grundordnung zu erarbeiten. Bereits im Rechenschaftsbericht des damaligen Rektors Rudolf Cohen vom Februar 2000 konnte dieser erfreut feststellen, dass es gelungen war, sowohl die Zusammenführung der bislang neun Fakultäten zu drei Sektionen und die damit eng verbundene Einführung fachbereichs- und sektionsübergreifender Studiengangkommissionen als auch die Einrichtung eines Universitätsrates sowie die Stärkung der Befugnisse des Rektorats und die Auflösung des Großen Senats im Rahmen der neuen Grundordnung umzusetzen. Besonders hervorzuheben ist dabei das nahezu einstimmige Abstimmungsergebnis im Großen Senat von 49 Ja-Stimmen, einer Nein-Stimme und einer Enthaltung. Dazu bemerkte Rudolf Cohen in seinem Bericht: „Dieses Abstimmungsergebnis bekundet ein nach den scharfen Auseinandersetzungen in den vorausgegangenen Sitzungen des Großen Senats kaum erwartetes, schier überwältigendes Maß an Bereitschaft, im Vertrauen auf die prinzipielle Kooperationsbereitschaft aller Gruppen partikuläre Interessen hintanzustellen. Es ist abermals ein eindrucksvoller Beweis für die den gemeinsamen Interessen verpflichtete, demokratische Kultur in den Gremien dieser Universität.“

Schon bald darauf, Mitte April 2000, konnte der Universitätsrat seine Arbeit aufnehmen. Zu den wichtigsten Aufgaben der ersten Jahre gehörte die Erarbeitung einer detaillierten Struktur- und Entwicklungsplanung gemeinsam mit dem Rektorat und den neu formierten Sektionen. Dabei standen Überlegungen für neue fachbereichs- und sektionsübergreifende Forschungsschwerpunkte und Prioritätensetzungen mit Blick auf neu zu besetzende, umzuwandelnde und zusätzliche Stellen sowie vereinzelt auch zu vorgezogenen Berufungen im Zentrum der Beratungen. Da im Gefolge des „Solidarpakts“ eine Reihe von Stellen gestrichen werden musste, war es oftmals nur nach längeren Verhandlungen möglich, den Blick nach vorn zu richten und zukunftsweisende Weichenstellungen vorzunehmen.

Neben dem Konsensmanagement seitens des Rektorats und des Universitätsrates war dabei von entscheidender Bedeutung, dass der durch die Altersstruktur der Professorenschaft bedingte, radikale personelle Umbruch von allen Beteiligten als Chance zu einer strukturellen Neuausrichtung im Sinne einer klaren Profilbildung erkannt und genutzt wurde. In den beiden Amtszeiten unter dem Rektorat von Gerhart v. Graevenitz konnten schließlich 65 Prozent aller Professuren neu besetzt werden. Zugleich wurden damit die entscheidenden personellen Voraussetzungen geschaffen für die kommenden Wettbewerbsrunden um den Status der Exzellenzuniversität.

Dazu leistete auch die Gründung des Zentrums für den wissenschaftlichen Nachwuchs einen wichtigen Beitrag. Das – vor allem mangels finanzieller Ressourcen – statt eines seitens der Strukturkommission empfohlenen Centre for Advanced Study errichtete Zentrum sollte primär jungen Nachwuchsforscherinnen und -forschern die Chance eröffnen, Unterstützung für ihre Karriereplanung und ihre Weiterqualifizierung zu erhalten. Letzteres sollte vor allem dazu beitragen, den wissenschaftlichen Nachwuchs bei der Qualifizierung für künftige Lehraufgaben und bei der Einwerbung eigener Drittmittel zur Seite zu stehen. Freilich konnte alles dies nur in bescheidenem Umfang aus eigenen Mitteln der Universität auf den Weg gebracht werden.

4. Die Exzellenzinitiative als Entwicklungschance

Die „Einsparperiode“ am Ende der 1990er und in den ersten 2000er Jahren kam erst in den Jahren 2005 bis 2006 zum Stillstand – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der seitens der damaligen Bundesregierung initiierten Debatte über die Notwendigkeit einer stärkeren Differenzierung des deutschen Hochschulsystems, die nach Möglichkeit mit einem Wettbewerb um den Status einer „Eliteuniversität“ verknüpft werden sollte. Mehr als zwei Milliarden Euro wurden schließlich für einen solchen, dreigliedrig angelegten Wettbewerb bereitgestellt, der vor allem zum Ziel hatte, „eine strukturelle Neuordnung der Finanzierung von Forschung, Lehre und wissenschaftlichem Nachwuchs zugunsten einer Stärkung der Forschungskapazität der Hochschulen“ auf den Weg zu bringen.

Für eine forschungsstarke Universität wie Konstanz, die über kein breit gefächertes Umfeld an außeruniversitären Forschungseinrichtungen verfügte, kam es mit Blick auf den Exzellenzwettbewerb von Anfang an darauf an, alle Anträge aus den eigenen Stärken heraus zu entwickeln. Die Bereitschaft der Forscherinnen und Forscher, aber auch der Gremienmitglieder, sich – bei höchst ungewissem Ausgang – für ihre Universität zu engagieren, kann man nur als bewundernswert bezeichnen. In zahlreichen Gesprächs- und Beratungsrunden wurden schließlich für alle drei Förderlinien Anträge vorbereitet. Auf Anhieb erfolgreich war der Antrag für ein Exzellenzcluster zum Themenfeld „Kulturelle Grundlagen von Integration“, in der ersten Antragsrunde das einzige Cluster bundesweit in den Geisteswissenschaften und an einer mittelgroßen Universität.

Da der Antrag für eine Graduiertenschule nicht zur Förderung vorgeschlagen worden war, konnte auch der seitens der Strategiekommission des Wissenschaftsrates sehr positiv bewertete Antrag für das institutionelle Zukunftskonzept zunächst nicht weiter verfolgt werden. In dieser Situation bewährte sich der Gemeinschaftssinn der Mitglieder der Konstanzer Universität in hervorragender Weise. Man schaute sogleich nach vorn, bereitete neue Anträge für Graduiertenschulen und Exzellenzcluster sowie ein überarbeitetes Zukunftskonzept vor, nahm die kritischen Hinweise aus der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates auf und entwickelte die eigenen Ideen zur Nachwuchsförderung und für den weiteren Weg zu einer Kultur der Kreativität zu einem in sich schlüssigen Konzept weiter. Übergreifendes Ziel der Konstanzer Anträge war es, die Profilierung innovativer Forschungsschwerpunkte und die Förderung besonders leistungsstarker Forscherpersönlichkeiten in einer Gesamtstrategie zusammenzuführen. Aufbauend auf dem 2001 neu formierten Forschungszentrum für den wissenschaftlichen Nachwuchs sollte das Zukunftskolleg zum Herzstück des institutionell-übergreifenden Antrags werden.

Das Zukunftskonzept brachte bereits im Titel das zentrale Ziel prägnant zum Ausdruck: „Modell Konstanz – towards a culture of creativity“. Die Vorteile einer mittelgroßen Campus-Universität sollten künftig noch stärker genutzt werden, um transformative Forschung zu befördern: Offenheit für inter- und transdisziplinäre Kommunikation und Kooperation, forschungsfreundliche Organisations- und Infrastrukturen, ein hohes Maß an Flexibilität und Adaptabilität sowie die vorbehaltlose Unterstützung der talentierten Nachwuchsforscherinnen und -forscher auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. All das sollte wiederum auch auf die forschungsbasierte Lehre und eine entsprechende Curriculum-Reform ausstrahlen.

Im Oktober 2007 fiel schließlich die Entscheidung, dass sowohl die Graduiertenschule „Chemische Biologie“ als auch das Zukunftskonzept im Rahmen der Exzellenzinitiative gefördert werden. Konstanz war damit eine der neun Exzellenzuniversitäten – und die einzige neu gegründete, mittelgroße Institution unter ihnen. Ein großer Erfolg, der sich auch 2012 fortgesetzt hat und zu dem man der gesamten Universität nur gratulieren kann.

5. Erfolgsfaktoren für die Zukunft

Wenn man fast zwei Jahrzehnte später auf den Weg zurückblickt, den die Universität Konstanz sowohl institutionell als auch personell gegangen ist, kann man nicht umhin, die Geradlinigkeit, Entschlossenheit und Authentizität ihrer Profilierung als eine der besten Forschungsuniversitäten Europas zu bewundern. Eines der wesentlichen Ziele der Exzellenzinitiative, die Rahmenbedingungen für die Stärkung der Forschungskapazität in den Hochschulen zu verbessern, hat die Konstanzer Universität geradezu vorbildlich umgesetzt.

Auf ihrem künftigen Weg kann ich der Universität nur wünschen, dass es ihr weiterhin gelingt, die stark integrativ wirkenden Kräfte für den weiteren Auf- und Ausbau ihrer ganz eigenen Kultur der Kreativität zu nutzen und dem Prinzip „Lehre aus Forschung“ auch künftig verpflichtet zu bleiben. Darüber hinaus wird es entscheidend sein, die fünf „Is“ der Strategie des Zukunftskollegs auch für die Gesamtentwicklung der Universität zu nutzen: Independence (of early career researcher), Internationality, Intergenerationality, Intrauniversity, Interdisciplinarity. Auf diese Weise dürfte die Universität Konstanz auch in den kommenden Wettbewerben gute Erfolgschancen besitzen und ihre internationale Sichtbarkeit als eine Institution, die sowohl für Studierende als auch für Forscherinnen und Forscher ein äußerst attraktives Umfeld bietet, weiter erhöhen.

Dr. Wilhelm Krull

Dr. Wilhelm Krull ist Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Er war seit der Konstituierung des Konstanzer Universitätsrats im Jahr 2000 Mitglied des Gremiums, zunächst als stellvertretender Vorsitzender, von 2004 bis 2009 als Vorsitzender. Er ist Ehrensenator der Universität Konstanz.

Robert Maus

Universität Konstanz und die Region
Erinnerungen eines Zeitzeugen

Die Nachricht, dass Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger am 6. September 1959 im Gast­haus Sonne in Singen während einer Parteiversammlung zunächst dem Singener Oberbür­germeister und Landtagsabgeordneten Theopont Diez die Idee der Gründung einer Universi­tät in Konstanz mitgeteilt hatte, die dann aber schnell im Saal bekannt wurde, verbreitete sich in Singen und Umgebung in Windeseile. Schon am nächsten Morgen unterrichtete Diez seinen besten Freund, Rechtsanwalt Dr. Hugo Simon aus Singen. Ich selbst wohnte damals in Gottmadingen und erlebte die öffentliche Diskussion um die Universitätsgründung in den Medien und in vielen Kreisen der Bevölkerung als Referendar, Richter und Notar bei Gerich­ten und Verwaltungen im Landkreis Konstanz.


Weiterführender Text

Reaktionen in Stadt und Land

ln Singen scharte Oberbürgermeister Theopont Diez, auch in seiner Eigenschaft als Land­tagsabgeordneter, sofort führende Persönlichkeiten um sich, verbreitete begeistert die Idee der Universitätsgründung und rief zur Mithilfe bei der Realisierung auf. Namhafte Persönlich­ keiten aus der Stadt und Umgebung erklärten sich hierzu bereit, namentlich der damalige Arbeitsminister im Lande Baden-Württemberg, Josef Schüttleraus Singen. Aber auch Singener Stadträte wie Dr. Hugo Simon, Buchhändler Erich Greuter, Willi Grimm und der späte­ re Kreisarchivar Dr. Franz Götz mit dem jungen Stadtrat Helmut Graf waren überzeugte Be­fürworter. Von der kommunalpolitischen Rivalität zu Konstanz war nichts zu spüren. Singen und Umgebung gönnte der Stadt Konstanz die Universität und betrachteten sie als großen Gewinn für die gesamte Landschaft, die gesamte Region.

ln der Stadt Konstanz war die Situation noch deutlicher. Oberbürgermeister Dr. Bruno Helmle dankte öffentlich dem Ministerpräsidenten, verschaffte sich die Zustimmung des Stadtrates zu einem förmlichen Beschluss, der wie folgt lautete: „Gemeinderat und Stadtverwaltung begrüßen auf das lebhafteste den Vorschlag des Herrn Ministerpräsidenten Kiesinger, im Bodenseeraum mit Schwerpunkt Konstanz eine Universität zu errichten. Die Stadt wird alles tun, um dieses bedeutende kulturpolitische Vorhaben in möglichst naher Zukunft zu verwirklichen.“ ln Konstanz sah man die Gründung einer Universität als späte Wiedergutmachung für den Entzug des Titels einer unmittelbaren Reichsstadt und für die Abschaffung des Bistums Konstanz im Jahr 1867. Man erhoffte sich die Rückkehr zu einer geistigen und kulturellen Blüte, wie sie im Mittelalter die Region um den Bodensee stark gemacht hatte. Oberbürgermeister Dr. Bruno Helmle berief auch ein Kuratorium aus namhaften Persönlichkeiten ein, zu denen der Herausgeber des Südkuriers Johannes Weyl ebenso gehörte wie der damalige Chefredakteur Alfred Gerigk und der Präsident der Industrie- und Handelskammer Dr. Hans Constantin Paulssen. Dieses Kuratorium veröffentlichte eine Denkschrift unter dem Titel „Universität Konstanz, Möglichkeiten und Voraussetzungen in Stadt und Landschaft". Diese Denkschrift wurde veröffentlicht und auch dem Landtag von Baden-Württemberg vorgelegt.1

Auch der Kreistag des Landkreises Konstanz, unter Führung von Landrat Dr. Ludwig Seite­rich, fasste am 18. Dezember 1959 folgende Resolution: „Kaum eine Botschaft kulturellen Inhalts hat in den vergangenen Jahrzehnten einen ähnlich starken und allseits zustimmen­ den Widerhall im gesamten Bodenseeraum diesseits und jenseits der Landes- und Bundesgrenzen gefunden wie der Plan der Errichtung einer Universität in Konstanz. Der Kreistag begrüßt die Initiative des Herrn Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger aufs Wärmste. Er erklärt seine Bereitwilligkeit, die Einrichtung der Universität ideell und materiell nach besten Kräften zu unterstützen."2

Erst nach einiger Zeit traten auch Zweifler in Konstanz auf, deren Bedenken sich vor allem auf die Unterbringung der Universität und der Studenten bezog, aber auch auf die geografische Randlage der Stadt, d.h. die schwierige Erreichbarkeit einer künftigen Universität. Im Landtag in Stuttgart gab es Widerstände gegen die Universitätsgründungen in Konstanz und Ulm. Eine ganze Reihe von Abgeordneten fürchteten um die Finanzierung zweier weiterer Universitäten, da Baden-Württemberg damals schon das Land mit den meisten Universitäten in Deutschland war.

Aktive Begleitung der Universität als Bürgermeister, Landrat und Abgeordneter im Stuttgarter Landtag

Als ich am 2. Januar 1970 das Amt des Bürgermeisters meiner Heimatgemeinde Gottmadingen antrat, kam ich naturgemäß schnell mit dem Nachbarn in Singen, Herrn Oberbürgermeister Theopont Diez, in Berührung. Er bat mich, meine gesamte Umgebung für die Universität zu begeistern, einflussreiche Persönlichkeiten einzubinden und sie positiv zur Universität einzustellen. Gleich nach meiner Wahl in den Landtag von Baden-Württemberg im April 1972 war ich „in den Händen“ der Universität Konstanz, denn schon im September 1972 bat mich Ministerpräsident Kurt-Georg Kiesinger, den Versuch zu unternehmen, das acht Punkte umfassende „Dissenspapier“ von Gründungsrektor Gerhard Hess auflösen zu helfen. Über das denkwürdige Gespräch mit Herrn Hess am 12. Oktober 1972 während eines Arbeitsessens im renommierten Hotel Rheinmühle in der Exklave Büsingen gelang uns diese Auflösung aber nur zum geringen Teil.3 Die Landesregierung war entschlossen, ihre von der Universität abweichende Meinung durchzusetzen, und erlies schon wenige Tage später die Vorläufige Grundordnung für die Universität. Da durch den dann folgenden Rücktritt von Gründungsrektor Gerhard Hess die Universität ohne Führungsspitze war, suchte man in der Landesregierung in Stuttgart nach einer Zwischenlösung. Parallel zu den mir nicht bekannten Bemühungen der Universität, eine geeignete Persönlichkeit vorzuschlagen, welche das Amt eines Landesbeauftragten für die Universität vorübergehend übernehmen könnte, hat mich Ministerpräsident Dr. Hans Filbinger während einer Plenarsitzung im Landtag gefragt, ob ich eine geeignete Persönlichkeit kenne. Spontan habe ich Theopont Diez vorgeschlagen, sehr zum Missfallen des damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten und Kultusminister Professor Wilhelm Hahn. Theopont Diez wurde dann auch mit dem Amt des Landesbeauftragten betraut, er übte es vom 22. Dezember 1972 bis zum 14. November 1973 aus. ln dieser Zeit wurde ich von ihm intensiv in die Geschehnisse der Universität einbezogen. Nicht bekannt war mir damals, dass Professor Horst Sund die gleiche Strategie in Stuttgart verfolgte, Theopont Diez für eine Zwischenlösung nach Konstanz zu berufen.

Die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Konstanz

Kurz nach meinem Amtsantritt im Landratsamt Konstanz wurde ich am 6. Oktober 1973 in der Mitgliederversammlung der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Konstanz als Mitglied aufgenommen, am 29. Juni 1974 in den Beirat und am 29. Januar 1987 zum Vize-Präsidenten gewählt. ln dieser Eigenschaft blieb ich bis zum Jahre 2011.

Diese Gesellschaft, die heute in Universitätsgesellschaft Konstanz umbenannt ist, hatte eine ungeheure Breitenwirkung weit über den Landkreis Konstanz hinaus, auch in die angrenzen­ den schweizerischen Kantone und nach Vorarlberg. Die Gesellschaft wurde zur Unterstüt­zung der Universität gegründet und finanziert durch die Vergabe von Fördermitteln haupt­sächlich Aufgaben, für die im Budget der Universität keine Mittel vorgesehen sind.

Die Finanzierung der Neubauten trotz Wirtschaftskrise

Im Landtag von Baden-Württemberg wurde der schon in den 1960er Jahren begonnene heiße Kampf um die Finanzierungsmittel für die Neubauten erbittert fortgesetzt. Äußerer Anlass hierfür war auch die Wirtschaftskrise, die von 1973 an im Lande Baden-Württemberg Wirkung zeigte. So wurden z.B. zwischen 1973 und 1976 in der Industrie im Landkreis Kon­stanz rund 6.000 Arbeitsplätze aufgegeben, der Arbeitsamtsbezirk Konstanz wies die höchste Arbeitslosenquote auf, in Konstanz standen 500 Wohnungen und in Radolfzell 140 Wohnun­gen leer.

Nicht gerade förderlich für den Einsatz von Finanzierungsmitteln für die Universität Konstanz war der Verlauf der 10-Jahres-Feier am 12. Juni 1976. Die dortigen Proteste während des Festaktes im Audimax trafen den damaligen Finanzminister Robert Gleichauf tief. Er hätte am liebsten den Saal verlassen und sagte mir anschließend, jetzt ist Schluss mit weiterer Finanzierung. Es dauerte Monate, um diesen negativen Eindruck beim Finanzminister zu beseitigen. Zu Hilfe kam mir die Tatsache, dass bei den wöchentlichen Fahrten mit dem Frühzug nach Stuttgart Finanzminister Robert Gleichauf und Staatssekretär Erwin Teufel in Spaichingen und Oberndorf zu mir ins Abteil kamen. Wir sorgten dafür, dass keine weiteren Gäste unser Abteil betreten konnten, so dass wir „Landespolitik machen“ konnten. ln vielen Gesprächen ist es gelungen, den Finanzminister zu bewegen, Finanzmittel schon in den Entwurf des Haushaltsplans einzustellen. Der Strategiegedanke dabei war, was im Entwurf auf den Tisch der Landtagsfraktion kommt, wagt kaum jemand zu streichen oder zu kürzen, denn die Reputation des sehr angesehenen Finanzministers wollte niemand antasten. Auf diese Weise konnte ich die parallel verlaufenden Bemühungen der Universitätsverwaltung maßgeblich unterstützen. Die Universität galt damals in den Stuttgarter Ministerien als „rote“ Universität, was sowohl mit Rektor Frieder Naschold und seiner Affinität zum Deutschen Gewerkschaftsbund zu tun hatte als auch mit der Tatsache, dass Rektor Naschold auch von den Professoren mitgewählt worden war.

Den entscheidenden Beitrag aber zur Änderung der Haltung in der Landesregierung, vor allem im Finanzministerium, war die erste Wahl von Professor Horst Sund zum Rektor der Universität am 5. Mai 1976. Horst Sund verstand es mit außergewöhnlicher Geschicklichkeit, mit Objektivität und Sachlichkeit, die Argumente der Universität in Stuttgart vorzutragen. Er konnte manches Missverständnis und viele Fehleinschätzungen korrigieren. Viele seiner Aussagen in den Ministerien wurden mir an Sitzungstagen des Landtages mitgeteilt, ausnahmslos konnte ich den Rektor bestätigen. Großen Anteil daran, dass der Campus Zug um Zug, Etappe um Etappe vollendet wurde, hatte auch der Leiter der örtlichen Bauleitung Wenzel Ritter von Mann. Er hat mit Kompetenz die Pläne energisch vorangetrieben und die Bauwerke vollenden helfen. Auch der Leiter der Hochbauabteilung im Finanzministerium, Professor Herbert Fecker, gehörte zu dieser Mannschaft, die sich vor und hinter den Kulissen für die Universität Konstanz eingesetzt hat.

Mit der erfolgreichen Aktivität von Rektor Horst Sund in den Ministerien, im Kontakt vor allem auch mit Ministerpräsident Lothar Späth, mit den späteren Wissenschaftsministern Professor Helmut Engler und Klaus von Trotha, aber auch den leitenden Beamten im Wissenschaftsministerium hat sich der Ruf der Universität zum Positiven gewendet.

Die einphasige Juristenausbildung

Die Landesregierung bemühte sich um eine Reform der Juristenausbildung. Konkret wollte man die bisherige zweiphasige Juristenausbildung an der Universität und in der Praxis der Gerichte und Verwaltungen verkürzen und dadurch verändern, dass eine „einphasige“ Juristenausbildung versucht werden sollte. Ohne Einzelheiten darzulegen war auch ich bestrebt, im Einvernehmen mit der Universität Konstanz diese reformierte Juristenausbildung nach Konstanz zu bringen, um sie in das Paket der Reformuniversität einzubinden. Der damalige Justizminister Dr. Traugott Bender aus Karlsruhe reklamierte aber diese Juristenausbildung für die Technische Hochschule Karlsruhe, die zur Universität ausgeweitet werden sollte. In großer Freundschaft und absoluter Fairness hat jeder von uns die Argumente für seine Meinung vorgetragen. Dass die Entscheidung dann für Konstanz gefallen ist, hat sich als vorteilhaft für Konstanz erwiesen und war erfolgreich. Leider ist dieses Projekt zugunsten der zweiphasigen Juristenausbildung eingestellt worden.

Die kulturellen Auswirkungen der Universität in die Region

Die Universität auf dem Gießberg liegt in räumlicher Distanz zur Stadt Konstanz und damit zur Landschaft. Dies führte in den Anfangsjahren auch zu einer gewissen Distanz der Menschen zur Universität. Außerhalb von Konstanz war vielerorts eine Scheu zu spüren, dieses Gebäude auf dem Gießberg zu betreten. Die Universität reagierte, und vor allem Rektor Horst Sund unternahm alle Anstrengungen, die Universität in die Landschaft einzubinden. Dazu wurden mehrere Schritte unternommen. Immer wieder hat die Universität öffentlich darauf hingewiesen, dass die Bibliothek, selbst eine absolute Reformeinrichtung, allen Menschen zur Benutzung offensteht. Entsprechende Mitteilungen gingen an die Schulen und an die Gemeinden im Landkreis und weit darüber hinaus. Nach und nach wurde die Bibliothek auch von Nichtstudierenden intensiv in Anspruch genommen.

Sehr eindrucksvoll und wirksam waren die Konstanzer Symposien, die Rektor Horst Sund und Prorektor Manfred Timmermann initiiert und auch geleitet haben. Mit Referaten über ganz aktuelle Themen aus Wissenschaft und Politik wurden Personen aus allen Schichten in die Universität eingeladen. Durch die Teilnahme von Bundes- und Landesministern sowie hin und wieder auch von Ministerpräsident Lothar Späth und Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger war die Wirkung dieser Symposien sehr groß. Häufig wurde die Diskussion über die vorgetragenen Themen auch außerhalb der Universität lebhaft geführt, auch und gerade in den politischen Parteien. Rektor Horst Sund und Prorektor Manfred Timmermann haben das Ansehen der Universität auf diese Weise sehr gefördert.4 Inzwischen hatte sich in der Universität sowohl eine Theatergruppe gebildet als auch ein beachtliches Orchester. Zu den Theateraufführungen und den Konzerten des Orchesters kamen mehr und mehr Besucher aus dem Landkreis und trugen die Begeisterung der Studierenden hinaus in die Region. Der Kontakt zwischen der Bevölkerung und den Studierenden wurde auf diese Weise vertieft. Die Distanz wurde in zunehmendem Maße abgebaut, die Scheu zum Betreten des Campus war gewichen. Die Universität wurde so zum kulturellen Mittelpunkt weit über Konstanz hinaus.

Die Universität als Wirtschaftsfaktor

Mit der Zunahme der Zahl der Studierenden wuchs auch die Zahl der Beschäftigten in der Universität. Sie war zum größten Arbeitgeber der Stadt Konstanz geworden. Mit dem Ausbau der Werkstätten ergab sich auch eine enge Bindung zum Handwerk. Die Handwerkskammer Konstanz und ihre Verantwortlichen förderten die Verbindung der Handwerksbetriebe mit der Universität nach Kräften. Auch dieser Bereich hat weite Kreise der Bevölkerung der Universität nahe gebracht. Rektor Horst Sund wurde deshalb für seine Verdienste von der Handwerkskammer Konstanz mit der Karl-Leo-Nägele-Medaille ausgezeichnet.

Mehr und mehr haben sich Professoren kommunalpolitisch nicht nur interessiert, sondern auch betätigt. Herausragende Persönlichkeiten wurden in den Gemeinderat der Stadt Konstanz und umliegender Gemeinden gewählt. Durch ihre Kompetenz und ausgewogene Art der Diskussion wurde die Arbeit in den Gemeinderäten positiv beeinflusst.

Universität und Bodenseerat

ln gemeinsamer Sorge um die Entwicklung der Bodenseeregion und deren Zukunft in dem sich formierenden Europa, im Hinblick auf die starke Entwicklung einiger Regionen in Baden­ Württemberg und auch mit Blick auf die Vision des Universitätsgründers Kurt Georg Kiesin­ger, dem uralten europäischen Kulturraum wieder einen geistigen Mittelpunkt zu geben, hat­ ten der Rektor der Universität Konstanz, Professor Horst Sund, und ich als Landrat und Ab­geordneter die Idee der Bildung eines politischen, aber nichtparteipolitischen Gremiums, das sich grenzüberschreitend der sichtbaren Probleme annimmt.

Der Rektor lud am 8. und 9. November 1989 zu einem Bodenseeforum mit dem Titel "Aufbruch nach Europa" in die Universität ein. Die Resonanz war riesig, die Liste der Referenten aus allen Anrainerländern weckte das Interesse von 250 verantwortungsvollen Persönlichkeiten. Die Idee eines gemeinsamen Gremiums im Bodenseegebiet, das über die Internationale Bodenseekonferenz (IBK) hinaus wirken könnte, wurde dem Grunde nach begrüßt.

Mit dem Titel dieses 1. Forums wurde der Weg zur Überschreitung der Grenzen im Boden­seegebiet aufgezeigt. Dies unterstrichen sowohl Ministerpräsident Lothar Späth als auch Nationalrat Kurt Furgler, der liechtensteinische Regierungspräsident Hans Brunhart und der vorarlbergische Landeshauptmann Martin Purtscher. Das zweite Forum vom 7./8. Juni 1991 unter dem Motto "Wirtschafts und Wissenschaftsregion Bodensee - Chancen internationaler Zusammenarbeit" postulierte eine ganz wesentliche Eigenschaft des Bodenseeraumes. Die Ausstrahlung dieses Forums wurde dadurch hervorgehoben, dass der Österreichische Bun­deskanzler Franz Vranitzky, der schweizerische Bundespräsident Flavio Cotti und Bundes­kanzler Helmut Kohl die Schirmherrschaft übernommen hatten. Die Folge dieser beiden Fo­ren war die Gründung des Internationalen Bodenseerates am 19. November 1991 in Bre­genz. Wiederum hat die Zusammenarbeit zwischen dem Rektor der Universität und dem Landrat des Landkreises Konstanz zum Erfolg geführt mit kräftiger Unterstützung von Natio­nalrat Ernst Mühlemann. Mit dem Titel des dritten Bodenseeforums "Die Euregio Bodensee ­ – Baustein eines föderalistischen Europa" wurde am 13. Oktober 2009 der Weg in die Zukunft des Bodenseeraumes gewiesen. Dies betonten der schweizerische Bundespräsident Adolf Ogi, der österreichische Landeshauptmann Dr. Herbert Sausgruber und Ministerpräsident Erwin Teufel. Das vierte Bodenseeforum vom 28. November 2009 mit dem Titel "Euregio Bodensee - Wirtschafts und Forschungsregion" hat durch die Referate des Rektors und von sechs Unternehmern die Verflechtung von Wissenschaft und Wirtschaft und die Bedeu­tung der Universität für die Suche nach qualifiziertem Nachwuchs durch die Wirtschaft auf­ gezeigt. An allen Foren haben Professoren der Konstanzer Universität die Verbindung der Wissenschaft mit Wirtschaft und Politik dargestellt. Im Bodenseerat haben Rektor Horst Sund als Vizepräsident sowie die Rektoren Rudolf Cohen und Gerhart v. Graevenitz als Leiter der Arbeitsgruppe Wissenschaft und Forschung wichtige Beiträge geleistet, wobei Horst Sund bis heute im Bodenseerat mitwirkt, und zwar von 1991 bis 2011 als Vizepräsident.5


Das Nano-Zentrum Euregio Bodensee an der Universität Konstanz

Die Bitte des Bodenseerates vom 7. November 2006 an die Regierungschefs der IBK mitzu­helfen, dass in der Euregio Bodensee ein Kompetenz-Zentrum für die Nanotechnologie unter dem Dach der Bodenseehochschule geschaffen werden kann, war vor allem in Baden­ Württemberg ins Stocken geraten.

Nach intensiven Verhandlungen mit der Steinbeis-Stiftung und der Universität Konstanz ist es dem Bodenseerat am 23. Mai 2007 gelungen, das zwischen beiden bestehende Transfer Zentrum Nanostrukturen und Festkörperanalytik auszuweiten. Präsident Johann Löhn für Steinbeis, Rektor Gerhart v. Graevenitz sowie die Physik-Professoren Günter Schatz und Ulrich Rüdiger für die Universität Konstanz waren mit der Öffnung zum Nano-Zentrum Eure­gio Bodensee, Kompetenz-Zentrum für Technologietransfer (NEB), einverstanden. Es wurde ein Beirat gebildet, dem außer dem Bodenseerat die HTWG Konstanz, die Industrie- und Handelskammer Konstanz, die Handwerkskammer Konstanz und die Universitätsgesell­schaft angehörten sowie der Verein Singen Aktiv. Vorsitzender war Präsident Johann Löhn, Stellvertreter Rektor Gerhart v. Graevenitz. Aufgabe des Zentrums war und ist der ver­stärkte und beschleunigte Transfer von Forschungsergebnissen der Universität in die Wirt­schaft der ganzen Euregio Bodensee. Steinbeis-Stiftung und Universität übernahmen ge­meinsam die Finanzierung, Professor Günter Schatz wurde Geschäftsführer.

Inzwischen erfolgt die Arbeit in der Form des eingetragenen Vereins mit Sitz in Konstanz, unter dem gleichen Namen, aber mit mehreren Vereinsmitgliedern unter der Geschäftsfüh­rung der Steinbeis-Stiftung. Unternehmen aus der ganzen Euregio Bodensee sind Auftrag­geber und Ratsuchende beim Verein, der auch mit Einrichtungen in der Schweiz zusam­menarbeitet. Der Verein bringt seine Fachkompetenz auch in den Bodenseecluster ein und arbeitet mit mehreren Schulen zusammen. Dieses Kompetenz-Zentrum leistet einen wichti­gen Beitrag zur Verbindung der Forschung und Wirtschaft.

Das Technologiezentrum Konstanz

Als Ministerpräsident Lothar Späth 1983 in der CDU-Landtagsfraktion die Idee vortrug, im Lande an einigen Universitätsstädten Technologiezentren zu errichten, fiel zunächst der Name Konstanz nicht. Im persönlichen Kontakt mit dem Ministerpräsidenten und dem inzwi­schen ernannten Technologiebeauftragten der Landesregierung, Professor Johann Löhn, gelang es dann, auch Konstanz in den möglichen Kreis der Technologiezentren aufzuneh­men. Rektor Horst Sund hat die Verhandlungen mit der Landesregierung aufgenommen und zur Erarbeitung eines Konzeptes externe Berater hinzugezogen. So fand am 9. Juli 1984 in Moos im Restaurant Gottfried ein Gespräch zur Vorbereitung des Antrages an den Minister­präsidenten statt, zu dem der Rektor seinen Kollegen Professor Klaus Dransfeld gebeten hatte sowie den IHK-Präsidenten Dietrich H. Boesken und Dr. Jochen Büttner, den Haupt­geschäftsführer von Byk Gulden. ln deren Beisein konnte ich meine Gespräche mit dem Mi­nisterpräsidenten und Professor Johann Löhn einbringen. An diesem Tag wurde das Kon­zept abgeschlossen, das dann am 25. Juli, am Tag des ersten Spatenstichs für das Physik­gebäude der Universität, Ministerpräsident Lothar Späth übergeben wurde.6

Tschernobyl

Der Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahre 1986 brachte die Universität und den Landrat von Konstanz als Leiter der Kreispolizeibehörde zu ungewöhnlichen Handlungen zusammen. ln der Universität hatte Professor Ekkehard Recknagel zusammen mit seinem Assistenten Dr. Gerhard Lindner die Nachricht von dem radioaktiven Niederschlag im Landkreis Kon­stanz veranlasst, Messungen in der freien Landschaft durchzuführen. Er stellte hohe Werte an Caesium fest, die er für sehr gefährlich hielt. Er unterrichtete mich davon. Ich habe als Chef der Katastrophenschutzbehörde im Landkreis sofort die hauptamtliche Feuerwehr in Konstanz beauftragt, ebenfalls Messungen an anderen Stellen, vorwiegend im Stadtgebiet Konstanz, vorzunehmen. Am Abend haben sich dann Professor Recknagel und Dr. Lindner sowie zwei hauptamtliche Mitarbeiter der Feuerwehr Konstanz bei mir eingefunden. Wir haben die Messergebnisse verglichen, sie waren alle sehr hoch. Die Physiker machten mir klar, dass man die Bevölkerung warnen und auch bestimmte Handlungen bzw. Unterlassungen von ihnen verlangen müsse. Gemeinsam haben wir vom 2. bis 14. Mai 1986 Presseartikel verfasst, die der Südkurier am folgenden Tag in allen Ausgaben publiziert hat.7 Dies geschah, obwohl mir Umweltminister Gerhard Weiser nach einigen Tagen schriftlich verboten hatte, solche Messungen durchzuführen. Wir blieben aber angesichts der hohen Ergebnisse bei der Meinung der Fachleute, und ich ordnete nach Vorgaben der Physiker an, dass Gemüse z. B. im Tägermoos in Konstanz oder auf der Insel Reichenau nicht abgeerntet, sondern vernichtet werden müsse. Dies geschah, wenngleich wir feststellten, dass die schweizerischen Gemüsebauern im Tägermoos ihr Gemüse verwerten durften. Verblüffend war das Ergebnis einer gemeinsamen Messaktion im Tägermoos, wo Beamte der Feuerwehr Konstanz und des Bezirksamtes des Kantons Kreuzlingen jeweils mit ihren Geräten Messungen vornahmen. Während die deutschen Geräte sowohl auf deutschem wie auf schweizerischem Gemüse gleich hohe Werte anzeigten, schlugen die schweizerischen Geräte weder auf deutschem noch auf schweizerischem Gebiet aus. Der Kreuzlinger Bezirksstatthalter sah deshalb keinen Anlass, das schweizerische Gemüse vernichten zu lassen. Nachdem die Werte gesunken waren, wurden die Messungen eingestellt, die deutschen Bauern erhielten eine angemessene Entschädigung für das vernichtete Gemüse. Monate später haben schweizerische Freunde im Offiziersrang mich endlich darüber aufgeklärt, warum die schweizerischen Geräte keine Werte anzeigten. Das Ergebnis war verblüffend: ln der Schweiz sind die Messgeräte so geeicht, dass sie erst dann ausschlagen, wenn das Maß dessen überschritten ist, was ein schweizerischer Soldat aushalten muss. Diese Erkenntnis gab natürlich sehr zu denken und rückte unsere vorangegangenen Maßnahmen in ein neues Licht. Zunächst aber war die Bevölkerung dankbar und sah die Tätigkeit der Professoren der Universität in positivem Licht.

Schlussbemerkung

Große Genugtuung erfüllt den Pensionär, wenn er an 1959 zurück denkend unsere "Boden­see-Universität" heute betreten darf. Er tut dies mit Freude im Blick zurück und zuversichtlich in die Zukunft. Die Gegenwart bietet das Bild eines einmaligen Erfolg-"Modells", das weltweit im höchsten Ansehen steht, als Exzellenz-Universität, die in nationalen und internationalen Rankings Spitzenstellungen einnimmt. Die von Beginn an gesetzten Ziele der Reform wer­den, auch gegen anfängliche Widerstände, erfolgreich umgesetzt und praktiziert. Die Zahl der Studierenden ist viermal höher als geplant. Aus 100 Ländern kommen sie nach Konstanz an den Bodensee. Die Universität kooperiert mit etwa 300 Universitäten und Hochschulen, Fachbereichen und Forschungsinstituten in der ganzen Welt.

Diesen einmaligen Weg von außen in wenigen aktiven Schritten mitgegangen zu sein, macht glücklich und zufrieden. Die Uni Konstanz bleibe exzellent, noch viele Jahre!

[1] Bruno Helmle: Erinnerungen und Gedanken eines Oberbürgermeisters, Verlag Stadler, 1990, S. 85 bis 92

[2] Kreisarchivar Dr. Franz Götz: Kreiskommunales Geschehen 1954 bis 68, Selbstverlag des Landkreises 1968, S. 95

[3] Robert Maus, in: Zwischenbilanz-Festschrift für Lothar Späth anlässlich der Fertigstellung des Mischkreuzes der Universität Konstanz, Universitätsverlag Konstanz, 1988, S. 103

[4] Horst Sund: Die Konstanzer Symposien, in: Erinnerungen an die ersten 25 Jahre der Universität Konstanz, Konstanz 2016

[5] Die vier Bodenseeforen wurden veröffentlicht, 1988/89, die ersten beiden im Universitätsverlag, die beiden anderen im Eigenverlag

[6] Horst Sund: Planung und Gründung des Technologiezentrums Konstanz, in: Erinnerungen an die ersten 25 Jahre der Universität Konstanz, Konstanz 2016

[7] Anlage 2 -Veröffentlichung im Südkurier vom 5. Mai 1986, Ausgabe R

Dr. jur. Robert Maus

Dr. Robert Maus, geboren 1933, war nach seiner Tätigkeit im Justizdienst von 1970 bis 1973 Bürgermeister von Gottmadingen, anschließend bis 1997 Landrat des Kreises Konstanz, von 1972 bis 1996 Mit­glied des Landtags von Baden-Württemberg und von 1991 bis 2004 Präsident des Internationalen Bodenseerates (zusammen mit Professor Horst Sund Gründer des Boden­seerates und der Euregio Bodensee). Robert Maus ist Ehrensenator der Universität Konstanz, Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes, der Staufermedaille in Gold, des Montfortordens in Silber des Lan­des Vorarlberg und der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg.

Anonymus

500 Jahre Humboldt-Universität am Bodensee – die ersten fünf Jahrzehnte

(Auszug aus der Online-Enzyklopädie „ Terra Academia“, Ausgabe 2466 n. Chr.)

Die Universität Konstanz wurde 1966 als „Reformuniversität“ gegründet. Für kurze Zeit indes existierte schon im 17. und 18. Jahrhundert in Konstanz eine Universität als Ableger der Freiburger Universität (1686–1698 und 1713–1715).


Weiterführender Text

Der Terminus „Reformuniversität“ war zur Gründungszeit der Konstanzer Universität nicht neu; bereits im späten 17. und 18. Jahrhundert bezeichneten sich neugegründete Universitäten (z. B. in Halle 1694 und Göttingen 1737) als Reformuniversitäten, um vor allem ihre neuen Lehrkonzepte – in Abgrenzung zur Wissen nur reproduzierenden Praxis der „alten“ Universitäten – zu unterstreichen. Auch die Humboldt-Universität zu Berlin, 1810 durch Friedrich Wilhelm III. gegründet und neben Konstanz zu den wenigen Universitäten gehörend, die bis heute fortbestehen, verwendet den Begriff, wenn sie auf das Humboldtsche Leitmotiv „Bildung durch Wissenschaft“ und die daran geknüpften Merkmale rekurriert: Einheit von Forschung und Lehre und unbedingte akademische Forschungs-, Lehr- und Lernfreiheit.

Von „Reformuniversitäten“ sprach man bis ins 22. Jahrhundert hinein aber vor allem dann, wenn sich die Universität einer breiten Population junger Menschen öffnete, ohne dass der Zugang von individuellen wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Gegebenheiten limitiert wurde, und wenn universitäre Disziplinen, traditionell in voneinander abgegrenzte „Fakultäten“ zusammengefasst, diese Grenzen überwanden. „Reformuniversität“ implizierte schließlich alternative Lehrkonzepte vor allem dialogischen und partizipativen Charakters.

Viele weitere Entwicklungen waren kennzeichnend für eine „Reformuniversität“. Die Bildungsexpansion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte dazu, dass das Abitur als „Hochschulzugangsberechtigung“ alsbald von allen Angehörigen eines Jahrgangs erworben werden konnte (ab 2054 wurde es automatisch zuerkannt und bereits in der Geburtsurkunde vermerkt), so dass sich eine Generation nach dem Schulabschluss jeweils für etwa 20 Jahre regulär auf der Universität aufhielt und diesen Lebensabschnitt regelhaft mit der Promotion abschloss. Diese Entwicklung wurde erst Mitte des 21. Jahrhunderts gestoppt, als das Handwerk kurz vor dem Aussterben stand und Massenproteste habilitierter Taxifahrer zu einer gesellschaftlichen Kehrtwende führten.

Die meisten der entsprechenden Neugründungen von Universitäten fielen in die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, also in diese Zeit der allgemeinen Öffnung der Universitäten. Oft waren auch äußere Merkmale für eine „Reformuniversität“ charakteristisch, wie etwa der Campus mit konzentrierten Gebäuden, einer Kommunikation und Begegnung fördernden Architektur sowie mit Bibliotheken („Buch“), Rechenzentren („Computer“) oder Mensen als „Zentraleinrichtungen“. Zu den Reformuniversitäten in diesem Sinne gehörten neben Konstanz beispielsweise die Universitäten Bielefeld, Kassel, Oldenburg, die Technische Universität Darmstadt oder – mit geistes- und sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt – die Universität Erfurt. Oft entstanden sie aus Zusammenlegungen mit früheren Pädagogischen Hochschulen, die der Lehrerbildung dienten, Ingenieurhochschulen, Fachhochschulen oder auch medizinischen Akademien.

1966 nahm die Universität in einem Trakt des Konstanzer Inselhotels, einem ehemaligen Dominikanerkloster, ihre Arbeit auf. Eine Rekonstruktion der damaligen Gründe für diese Ortswahl ergab, dass man mit Absicht in einem Hotel begann, das ursprünglich ein Kloster war: um Obhut und Service auf der einen Seite sowie Bildung und Gemeinschaft auf der anderen zu assoziieren.

Die Universität in Konstanz zählte nach der Jahrtausendwende knapp 12.000 Studenten. Sie hat in diesen Jahren so bekannte Wissenschaftler wie Hubert Markl, Jürgen Mlynek, Lord Ralf Dahrendorf oder Jürgen Mittelstraß hervorgebracht. In zeitgenössischen Überlieferungen bezeichnete sie sich lange Zeit als die „südlichste Universität“ Deutschlands. Bis heute ist ungeklärt, warum das „Südlichste“ oder „Nördlichste“ in dieser Epoche so viel reizvoller als die Superlative der verbleibenden Himmelsrichtungen war.

Zum Reformgeist der Konstanzer Reformgründung gehörte auch eine neue Aufteilung der Fächer innerhalb der Universität. An die Stelle der als „klassisch“ geltenden Fakultätsgliederung und ihre Unterteilung in Institute traten 13 „Fachbereiche“, die als weitere Untergliederung lediglich „Professuren“ kannten. Deren Aufgabe bestand darin, „Lehre aus Forschung zu entwickeln“. Schon über die ersten Jahre des Bestehens der Universität ist offenbar die Begrenzung dieses Modells deutlich geworden, denn 1999 wurden die bisherigen Fachbereiche und Fachgruppen in drei große Sektionen integriert, die ihrerseits die Aufgaben von Fakultäten (im Sinne des Hochschulgesetzes im damaligen Land Baden-Württemberg) übernahmen. Letztlich handelte es sich um eine naturwissenschaftliche, eine geistes- bzw. sozialwissenschaftliche und eine rechts- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät. Inspirator dieser Entwicklung war der noch heute vielgelesene Konstanzer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß.

Ähnliche Reformdebatten wurden seinerzeit auch an der Humboldt-Universität zu Berlin geführt, die sich im Rahmen ihres Zukunftskonzepts in der „Exzellenzinitiative“ (s. u.) verpflichtet hatte, eine „Fakultätsreform“ durchzuführen, um einen Ausweg aus der Abgrenzung und Selbstbezogenheit ihrer kleinen und kleinsten akademischen Einheiten zu finden. Den überlieferten Quellen zufolge war das gerade in Berlin eine schwerfällige, die Universität fast zum Zerreißen bringende Debatte, die nach übereinstimmenden Quellen den damaligen Präsidenten (Jan-Hendrik Olbertz) in den Wahnsinn getrieben hat. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre gemeinsam mit vier weiteren Präsidenten von „Exzellenzuniversitäten“ in einem auf Spätwirkungen der Initiative spezialisierten Sanatorium auf der Insel Rügen.

Im Verlaufe der nachfolgenden Jahrhunderte wurde diese neue Unterteilung in Konstanz insgesamt achtzehn Mal wieder aufgegeben und kurze Zeit darauf mit wenigen Modifikationen erneut eingeführt. Die Begründungen dafür lauteten stets entweder, die Fächer hätten sich zu weit auseinanderentwickelt oder ihre Eigenständigkeit sei zu stark eingeschränkt.

Berühmt und über die Grenzen Deutschland hinaus bekannt wurde die Konstanzer Universität durch ihre wiederholt erfolgreiche Teilnahme an einem besonderen Projekt der damaligen deutschen Regierung und der 16 Länder, die seinerzeit die „Bundesrepublik Deutschland“ bildeten: der bereits erwähnten „Exzellenzinitiative“ zur Förderung der Spitzenforschung. Dabei handelte es sich um einen nationalen Wettbewerb um millionenschwere Fördermittel, um die sich die Universitäten in drei Förderlinien bewerben konnten: sogenannte „Exzellenzcluster“ (interdisziplinäre Forschungsplattformen einer bestimmten thematischen Ausrichtung) , Graduiertenschulen (für die Ausbildung von Doktoranden) und schließlich – als eine Art „Königsklasse“ – „Zukunftskonzepte“, die sich auf die Profilierung der jeweiligen Universität im Ganzen bezogen.

Die „Exzellenzinitiative“ ging auf gemeinsame Regierungsbeschlüsse von Bund und Ländern zurück. Deutschland war damals eine Bundesrepublik und bestand aus 16 sogenannten „Bundesländern“, voneinander abgegrenzten Kleinstaaten, die aus den Ländereien, also Fürsten- und Herzogtümern, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hervorge-gangen waren. Diese eigentümliche Ordnung existierte noch bis spät in des 23. Jahrhundert hinein fort, ehe sie über eine kurze Periode der Wiedereinführung des Nationalstaates von der heutigen Europaregion Deutschland (EuDeu) abgelöst wurde.

Die Exzellenzinitiative spülte eine Menge Geld in die damals weitgehend ausgehungerten deutschen Universitäten (nach heutigem Wissen waren elf Universitäten daran beteiligt). Immerhin spielte sich diese Entwicklung in einer Zeit ab, als die Mehrzahl der deutschen Landesregierungen die Bedeutung von Wissen und Bildung für die Zukunft der Gesellschaften geringschätzte. Unter Historikern gab es lange Streit darüber, ob auch die kleine Bodenseeuniversität in Konstanz zur Gruppe der hier erfolgreichen Universitäten gehörte oder nicht – neueste Quellen aber, so ein kürzlich aufgefundenes Jubiläumsmagazin zum 50. Geburtstag der Universität, belegen zweifelsfrei, dass die Konstanzer Universität tatsächlich schon vor 450 Jahren zu den deutschen „Elite-Universitäten“ zählte.

Im Rahmen dieses Wettbewerbs muss die kleine Universität zur allgemeinen Überraschung sowohl 2007 als auch 2012 in allen drei Förderlinien erfolgreich gewesen sein. Denn sie wurde seitdem nicht nur als südlichste, sondern auch als kleinste Exzellenzuniversität Deutschlands bezeichnet. Aber auch in anderen damals üblichen, weltweiten Rankings konnte sie beachtliche Ränge belegen, so z. B. im THE-Ranking „The 100 under 50“, das nur Universitäten berücksichtigte, die nach 1962 gegründet wurden. Hier errang Konstanz 2016 als beste deutsche Universität den siebten Platz. In späteren Rankings baute sie ihre Position stetig aus, so u. a. 2350 mit Rang 3 im SMUNWILAO (Smallest Universities With Largest Output).

Die Exzellenzinitiative war zugleich ein Wettbewerb um die besten Köpfe, denn ein Professor oder eine Professorin, die etwas auf sich hielten, bewarben sich zu dieser Zeit vorzugsweise an einer dieser „Exzellenzuniversitäten“. Sie trieben dort die Preise um die höchsten Gehälter und besten Ausstattungen in teils astronomische Höhen. Das Bild der „besten Köpfe“ rührte daher, das man zu dieser Zeit noch mit dem Kopf dachte, lange bevor die heutigen Systeme künstlicher Intelligenz dies zu Beginn des 22. Jahrhunderts überflüssig machten. Bis dahin erwuchsen Ideen aus individuellem Nachdenken, und Texte wurden „geschrieben“, anstatt sie anlassbezogen automatisch zu generieren. Aber es wurde in dieser Epoche auch noch gelesen, so dass die analoge Textproduktion tatsächlich einem Bedürfnis der (später rasch abnehmenden) Gruppe der „Lesenden“ folgte.

Das Zukunftskonzept der Universität hatte den Titel „Modell Konstanz – towards a culture of creativity“. Für ihre Bewerbung formulierte die Universität auch ihr Leitbild neu. In der Präambel zum Zukunftskonzept bekannte sie sich seinerzeit zur Grundidee einer Universität, die wissenschaftliche Erkenntnis aus der engen Verbindung von Forschung und Lehre entwickelt. Damit nahm sie auf das Wilhelm von Humboldt zugeschriebene neue Universitätsprinzip Bezug, dessen Gültigkeit bis heute nicht in Frage gestellt ist. Der Grundsatz der Unabhängigkeit von Forschung und Lehre sollte sicherstellen, dass die Universität einen Beitrag zur „Selbstaufklärung“ der Gesellschaft leisten kann. Damit verbunden war die ethische Reflexion der Wissenschaft über ihre Methoden und die Folgen ihrer Ergebnisse für den Menschen und seine Welt. Der Ansatz, das Studium als eine Verbindung von Wissensvermittlung und Persönlichkeitsbildung zu gestalten, rückte sie in die Nähe der Gründungsidee der Berliner Universität Unter den Linden, die seit 1946 die Namen der Gebrüder Humboldt (Wilhelm und Alexander) trug. Damit kann sie bis heute als Humboldt-Universität am Bodensee bezeichnet werden.

Die Wirkungen der Exzellenzinitiative an den beteiligen deutschen Universitäten waren höchst unterschiedlich und keineswegs durchweg von der Politik dieser Zeit intendiert. Auf der einen Seite führte sie dazu, dass wissenschaftliche Fragestellungen oder Themen nicht mehr aus Neugier oder Wissensdrang formuliert wurden, sondern aus dem Motiv, ein Höchstmaß von Konformität mit einem der drei Förderformate herzustellen. Das veränderte die Wissenschaft in damals einschneidender Weise. Eine Fragestellung galt dann als adäquat, wenn man mit ihr im Wettbewerb reüssieren und zu Geld gelangen konnte. So wurden Themen formuliert, die zur Ressourceneinwerbung tauglich waren. Dasselbe galt für wissenschaftliche Netzwerke. Disziplinen erfanden Anlässe, sich zusammenzutun, damit ein „Cluster“ entstehen konnte, denn Cluster gehörten damals zu den normativen Erwartungen staatlicher Geldgeber. So entstanden kunstvolle Fächergebilde ohne Bezug zu tatsächlichen Bedürfnissen der Wissenschaft. Auf der anderen Seite bildete diese Praxis jedoch auch den Rahmen für ernsthafte wissenschaftliche Arbeit, indem sie deren formale Ermöglichungsstruktur bildeten. Infolge dieses paradoxen Effekts blühten viele der beteiligten Universitäten auf: Während man auf der Bühne der damaligen Wissenschaftspolitik so verstandene Forschung virtuos inszenierte, wurde mit Hilfe der generierten Einnahmen hinter den Kulissen erfolgreich wissenschaftlich gearbeitet. Im Schnittpunkt dieser beiden Seiten einer „festivalisierten“ Wissenschaft (eine Bezeichnung, die auf den damals bekannten Berliner Historiker Jörg Baberowski zurückgeht) war wissenschaftliche Arbeit von Rang möglich, sofern man bereit war, kreative Subversivität darauf zu verwenden, die Mittelgeber zufrieden zu stellen. So konnte man deren eigenwilliges Wissenschaftsverständnis legitimieren, das eigene jedoch davon unberührt lassen. Nur so lässt sich erklären, dass dieses Zeitalter trotz der Dominanz wissenschaftsfremder Organisationsformen von Wissenschaft zu einer der ergiebigsten Epochen der Wissenschaftsgeschichte wurde. Vernunftgeleitete und konzentrierte wissenschaftliche Arbeit erfolgte gleichsam „verdeckt“ und fiel erst am Ende durch Ergebnisse auf, die internationales Erstaunen auslösten.

So stieß die Universität Konstanz u. a. mit ihrem im Rahmen der Exzellenzinitiative aufgebauten „Zentrum für wissenschaftlichen Nachwuchs“ auf besonderes öffentliches Interesse und wurde von zeitgenössischen Medien als „Mini-Harvard am Bodensee“ bezeichnet. Die Parallele zu Harvard (2315 wegen mangelnder Effektivität geschlossen) war damals eine außerordentliche Ehre.

Im Rahmen ihres Zukunftskonzepts griff die Universität viele weitere, heute oft eigenwillig anmutende gesellschaftliche Themen auf und integrierte sie in ihr Entwicklungsprogramm. Dazu gehörten u. a. Gleichstellung, Familienförderung und Diversity. Man ging zu dieser Zeit z. B. von der Annahme aus, es gäbe – in völliger Überschätzung der Rolle der Chromosomen – nur zwei Geschlechter und teilte entsprechend die Welt in „Frauen“ und „Männer“ auf. Begünstigt würde diese Sichtweise durch die seinerzeit noch natürliche, „analoge“ Reproduktion der Menschen, indem Männer den Nachwuchs „zeugten“ und Frauen ihn – ebenso analog – „empfingen“ und nach neun Monaten „gebaren“. Diese heute unvorstellbare, archaische Form der menschlichen Reproduktion führte dazu, dass im unmittelbaren Anschluss an die „Geburt“ eine durch Konvention geprägte gesellschaftliche Zuschreibung des einen oder des anderen Geschlechts erfolgte (als Geltungs- und Rollendefinition einer auf „Zweigendrigkeit“ aufbauenden Kultur). Dass dies zu vielfältigen Diskriminierungen führte, liegt auf der Hand, abgesehen davon, dass Zeitweiligkeit und Wechsel innerhalb einer geschlechtlichen Bandbreite zur Gründungszeit der Konstanzer Universität noch fremdartige Vorstellungen waren. An der Berliner Humboldt-Universität indes begann man in dieser Zeit eine erste Ahnung davon zu entwickeln.

Um die daraus resultierenden Spannungen abzubauen, wurden Gleichstellungsbeauftragte eingesetzt, Trans- und Genderreferate errichtet und z. T. abenteuerliche Sprachformen entwickelt, die die geschlechtliche Differenz zu neutralisieren suchten. Dies waren frühe Formen des Aufbrechens eines überlieferten kulturellen Grundirrtums. Auch in dieser Hinsicht erwiesen sich damals Universitäten wie die Konstanzer oder Berliner als frühe Vorreiter für unsere heutige, von solchen Vorstellungen befreite Gesellschaft. Seitdem gehört es zum gesicherten Allgemeinwissen, dass die früher ausschlaggebende Kategorie „Geschlecht“ nur eine soziale Konstruktion war, die auf das Alte Testament und daraus abgeleitete, heute überwundene männliche Dominanzansprüche zurückging.

Daneben herrschte in dieser Zeit innerhalb der Universitäten eine akademische „Selbstver-waltung“, in der Alles von Allen entschieden wurde, während die Verantwortung für die Folgen Einzelnen vorbehalten war. Zeitgenössische Kritiker verglichen diese Situation mit einem Schiff, auf dessen Brücke die gesamte Mannschaft versammelt war und dem Kapitän die Sicht versperrte. Als problematisch wurde das erst empfunden, wenn es zu spät war, einem Riff auszuweichen. Für jede drängende Entscheidung wurden Kommissionen und Ausschüsse gebildet, die nach langen Debatten meist zu dem Schluss kamen, dass keine Entscheidung die beste Lösung sei. Die Konstanzer Universität trat diesem Trend mit dem damals provokanten Ansatz entgegen, Hierarchien seien funktional notwendig und hätten ihren guten Sinn, solange sie sich durch Leistung und Verantwortung legitimierten. Diese Haltung stand damals zahlreichen Petitionen der Selbstverwaltungsgremien gegenüber, die Hierarchien abschaffen und a priori allgemeine Gleichheit einführen wollten.

Die meisten deutschen Universitäten folgten allerdings diesem Modell und verlangsamten notwendige Reformprozesse, bis sie an den Rand ihrer Existenz gerieten und sich auflösten. Nur wenige – darunter die Universtäten Konstanz und Berlin – haben das überlebt und sind im letzten Augenblick zu rationalen, wissenschaftsgeleiteten Steuerungsprozessen und Entscheidungswegen zurückgekehrt.

Eine Besonderheit in Konstanz war auch der Ausschuss für Forschungsfragen (AFF); dieses sektionsübergreifende Gremium ermöglichte einen hochschulinternen Wettbewerb um Forschungsgelder: Jedes promovierte Mitglied der Universität konnte beim AFF für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren Sach- und Personalmittel beantragen. Sie dienten der Anschubfinanzierung von Drittmittel-Forschungsvorhaben, und während der Exzellenzinitiative wurde im AFF auch über einen Großteil der zusätzlichen Mittel entschieden.

Ein besonderer Anspruch der Universität Konstanz war ihre internationale Vernetzung. Im Rahmen des Erasmus-Programms unterhielt sie Kontakte zu rund 220 Partnerhochschulen. Besonders intensiv waren ihre Beziehungen zu Schweizer Nachbarhochschulen, so zur damaligen Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG) in Kreuzlingen oder zu den Thurgauer Forschungsinstituten für Biotechnologie bzw. für Wirtschaftswissenschaften.

2006 wurde an der Universität das Konstanzer Wissenschaftsforum gegründet, das als „Plattform für Wissenstransfer und Wissenschaftskommunikation“ diente. Als „Schnittstelle zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“ richtet es bis heute an verschiedenen Orten der Welt Tagungen und Foren aus, die Themen rund um Forschung und Hochschule behandeln. Einige der frühen Dokumentationsbände sind erhalten geblieben und berichten von Themen wie „Kreativität“,„Projekt Europa“ oder „Macht und Wissenschaft“.

Dieser kurze Überblick über die Universität Konstanz beschränkt sich auf die ersten fünf Jahrzehnte ihres Bestehens, in denen der Grundstein für die inzwischen 500 Jahre erfolgreiche Universität gelegt wurde. In diesen Jahren erfolgten jene Weichenstellungen, die es der kleinen Universität am Bodensee ermöglichten, den Widerwärtigkeiten der nachfolgenden Epochen der deutschen Bildungspolitik zu trotzen, dabei acht weitere Exzellenzinitiativen unterschiedlichen Zuschnitts nicht nur zu überstehen, sondern beträchtliches Zukunftskapital daraus zu schlagen. So konnte sie das internationale Ansehen erwerben, das sie heute genießt.

Franz Oexle

Die Uni sucht sich ihr Zuhause

Impressionen aus der Gründungszeit der Universität Konstanz

Jene Redaktionskonferenz im August 1959 in der „Kapelle“ im einstigen Verlagsgebäude des SÜDKURIER an der Konstanzer Marktstätte ist mir noch in lebendiger Erinnerung. Die tägliche Blattbesprechung am späten Vormittag dauerte die übliche halbe Stunde. An diesem Tag wurde sie vom damaligen Chefredakteur geleitet. Alfred Gerigk war tags zuvor zu einem politischen Hintergrundgespräch in die Landeshauptstadt gereist und berichtete nun uns Redakteuren über die Begegnung mit dem Ministerpräsidenten. Kiesinger war kein medienscheuer Politiker. So habe Kiesinger - nach Gerigks Erzählung - von ihm wissen wollen, wie man in Konstanz seine Idee aufgegriffen habe, hier eine Universität zu gründen. Natürlich diskutierten wir darüber und waren unterschiedlicher Meinung.


Weiterführender Text

Der Chefredakteur war von Anfang an begeistert von Kiesingers Plan. Im Kreis der das Blatt gestaltenden und schreibenden Kollegen gab es über Tage hinweg eine Debatte zu den mit einer Uni-Gründung verbundenen Problemen. Eine neue Universität? Ausgerechnet in einer topographisch benachteiligten Stadt  in Deutschlands „letztem Zipfele“, wie viele Konstanzer ihren Wohnort sehen? Und als politisch kundige Zeitungsleute fragten wir auch gleich, ob Kiesinger seinen kühnen Plan überhaupt werde durchsetzen können. Der Lokalchef unserer Redaktion bemerkte süffisant: „Die neue Uni vielleicht in die Niederburg, oder ans Hörnle“. Konstanz verfüge für ein solches Projekt einfach über kein Gelände. Mir war bewusst, dass noch viel gedacht und im Zweifel gekämpft werden müsse, um eine Lösung zu finden, falls der wagemutige Regierungschef in Stuttgart mit dem Konstanz-Projekt im Landtag durchkomme. Fritz Treffz-Eichhöfer, unser Stuttgarter Korrespondent, ein Freund von mir, sagte am Telefon: „Täusch’ dich nicht, der Kiesinger schafft das, er mag Konstanz ...“

Ja, er mochte Konstanz und schlug sich für seinen, von einigen Besserwissern belächelten, im Grunde aber kühnen Plan. Er glaubte an die versteckte Strahlkraft des Bodenseegebiets mit seinen einstigen Impulsquellen – so Reichenau und St.Gallen –, die im Lauf von tausend Jahren in Vergessenheit geraten waren. Der Schwabe Kiesinger wusste vom alten Herzogtum mit jenem Namen, vom Konzil zu Konstanz und einem der größten Bistümer nördlich der Alpen, das der Vatikan nach dem Wiener Kongress als erledigt erklärt hatte, so wie der Bodenseeraum national zerstückelt worden war. Kann eine nun geplante deutsche Universität da etwas grundlegend ändern, oder neue Horizonte sichtbar machen? Oder wollte der „Landesvater“ letztlich nur ein Geschenk machen für eine sich zurecht vernachlässigt fühlende Landschaft, die noch ganz andere Leistungen benötigte als eine vermutlich sehr teure neue Hochschule? Jetzt war sehr viel Überzeugungarbeit gefordert.

Im Sommer 1965 war ich nach mehrmonatiger Abwesenheit, die mir der Verlag verordnet hatte, nach Konstanz zurückgekehrt. Auf meinem Schreibtisch lag die Berufung zum Chefredakteur der in Konstanz gemachten Zeitung, wo Tage zuvor der Grundstein für die Universität in feierlichem Rahmen gelegt worden war. Dem Redaktionsteam und mir war sofort bewusst, da kam einiges auf die Stadt, auf die Region und natürlich auch auf unsere Zeitung zu. Ich war entschlossen, das Universitäts-Thema ganz nach vorne zu stellen, vor die anderen ungezählten Aufgaben, die auf einen Neuen an der Spitze einer nicht gerade kleinen Redaktion zukommen. Und ich wusste, dass ich meinen Verleger Johannes Weyl in Sachen Universität in vollem Engagement neben mir hatte. An einigen Treffen mit dem einen oder anderen der neuen Professoren – sie wurden im März 1966 nach Konstanz berufen – war auch Johannes Weyl dabei. Einmal landeten wir zwei von der Zeitung zusammen mit Waldemar Besson und Ralf Dahrendorf nach einem langen Arbeitsgespräch über Südkurier und Universität erschöpft in einem Abendlokal in der Altstadt. Selbst mit dem von einem riesigen Pensum heimgesuchten ersten Konstanzer Rektor Gerhard Hess traf ich immer wieder zu Blitz-Begegnungen zusammen.

Die Anfänge der gerade gegründeten Universität glichen einer riesigen, kaum zu überblickenden Baustelle. Die Ereignisse überschlugen sich: Die ersten Vorlesungen in den Räumen des vom Land erworbenen einstigen Dominikanerklosters, dem Insel-Hotel, erste Seminare in den container-artigen Bauten  auf dem Sonnenbühl hinter einer Anhöhe des Vororts Petershausen, die endgültige Festlegung des späteren Standorts auf dem Gießberg. Die abgeschlossenen Verhandlungen mit Graf Lennart Bernadotte, dem Eigentümer des Mainauwalds. Das Ringen von Stadt, Landkreis und Land Baden-Württemberg um Details. Einiges war beschlossen, vom Landesparlament bewilligt, anderes musste erst durchgesetzt werden. Und damit einher ging die endlose Diskussion um den Charakter dieser Neugründung einer deutschen Universität, ob herkömmlich, an die alten traditionsreichen Universitäten anknüpfend, oder eher im Stil einer Campus-Universität englisch-amerikanischer Art. Über all das galt es die Leser unserer Zeitung zu unterrichten.

In der Redaktion ging es um die Frage: Wie nimmt die Bevölkerung, das heißt unsere Leserschaft, das „Himmelsgeschenk“ Universität auf, das zunächst nicht von allen Konstanzern als solches gesehen worden war?

Gewiss, der Oberbürgermeister war ein glühender Bewunderer von Kiesingers Leistung für Stadt und Bodenseeregion. Aber es gab natürlich, wie stets bei großen Vorhaben, die Bedenkenträger und Zweifler. Würde die Stadt nicht eine elektrifizierte Bahnverbindung oder gar einen Autobahnanschluss viel dringender nötig haben? Nun kam es anders. Das Kind war geboren, nun musste es gedeihen und zu etwas werden. Und so ging ich mit den Journalisten-Kollegen daran, Mittel und Wege zu suchen, um die Universität, so wie sie jetzt entstand, mit den Lesern vertraut zu machen, sie am Ende den Bürgern näher zu bringen. Für die meisten Menschen war vor einem halben Jahrhundert eine Universität mehr oder weniger eine Terra incognita. Auch die Redaktion einer Tageszeitung setzte sich mehrheitlich nicht aus Hochschulabsolventen zusammen. Wie war also vorzugehen bei dem Projekt Integration der neuen Universität in Stadt und Region, dem ich mich verschrieben hatte?

Aus dem Kreis der Professoren der neuen Universität wurde mir Unterstützung zuteil. Auf zwei von ihnen bin ich gleich zugegangen, auf den Politikwissenschaftler Waldemar Besson und den Soziologen Ralf Dahrendorf. Wir kannten uns bereits. Ich machte einen von Verleger Weyl unterstützten Vorschlag und fragte die beiden, ob es sie nicht reizen könnte, im SÜDKURIER in Erscheinung zu treten. Mein Gedanke war, sie als Repräsentanten der jungen Universität unserer großen Leserschaft in Stadt und Region vertraut zu machen. Der Weg war  vorgegeben: Besson und Dahrendorf sollten in der Leitartikel-Spalte zu Wort kommen. Dass dies ein Wagnis sein könnte, war mir bewusst. Wer sich auf der ersten Seite einer Tageszeitung äußert und das Geschehen dort kommentiert, muss in seinen Darlegungen schließlich mit Richtung und Grundlinie des Blattes mehr oder weniger übereinstimmen, also auf einer Wellenlänge liegen. Das Experiment ging für beide Seiten gut aus.

An meine Zusammenarbeit mit Besson denke ich noch sehr gern zurück. Anlässlich eines kurzen Treffens oder bei einem Telefonkontakt besprach ich mit meinem Gast-Leitartikler das Thema. Am Freitagmorgen rief mich Besson an und las mir seinen Text für den Samstag-Artikel vor. Einmal unterbrach ich ihn „Herr Professor, Sie brauchen mir doch nicht den kompletten Wortlaut vorzutragen, ich kenne doch Ihre Ansichten zu dem Thema“. Und Besson gab mir zurück: „Das muss so sein; denn Sie als Chefredakteur müssen dafür gerade stehen für das, was ich schreibe.“ Es waren etliche Beiträge von diesem Verfasser auf der ersten Seite des Blattes, und einige davon waren als Meinung zu Politik und Zeitgeschehen nicht gerade wachsweich. Bessons Meinung und Kritik hatte Stil – gleich ob es sich um Kiesinger, Wehner und den Kressbronner Kreis in der damaligen Großen Koalition drehte, oder um de Gaulle oder die Amerikaner in Vietnam. Als der allzu früh verstorbene Freund Waldemar Besson im Sommer 1971 aufgebahrt in der Litzelstetter Friedhofkapelle lag, verspürte ich den Schmerz eines ganz großen Verlustes.

Von anderer Art war die Beziehung zu Ralf Dahrendorf. Von Anfang an haben wir uns verstanden. Auch er wollte in die Region hinein wirken, dort gehört werden. Er hielt zwar keine Festreden bei Stadtjubiläen wie Besson, doch er zielte darauf, politisch wahrgenommen zu werden – nicht nur als Universitätsprofessor in Konstanz, was er bis 1969 war, sondern auch im bürgerlichen Betrieb der Parteien. Auf seiner Planung stand Wirken als Abgeordneter im Landtag, längerfristig auch in Bonn. Dazu bedurfte es eines Parteipolsters, und das fand er bei den Liberalen. Es wurde dann aber zu keinem Höhenflug in der deutschen Politik. Bei der FDP im Bund hatte er zu viele Neider. Er ließ mich oft an seinen Sorgen teil haben, schrieb bald auch keine Leitartikel mehr in Konstanz. Immerhin war er ein Vorzeige-Liberaler geworden, was ihm im Bundesaußenministerium, gleich danach bei der EU in Brüssel bedeutende Funktionen einbrachte. Doch ich spürte, dass er dort nicht heimisch werden wollte. Im Jahre 1974, es war an einem Sonntagmorgen, rief er mich zuhause an, um mich zu einer Tasse Kaffee in das damalige Hotel „Krone“ einzuladen. Er teilte mir mit, er sei an die London School of Economics berufen worden. Mich bat er um Unterstützung bei seinem Wunsch, an der Universität Konstanz eine Art „Liegeplatz“ behalten zu dürfen. Wir zwei blieben uns für immer verbunden. Er schrieb mir noch als Mitglied des britischen Oberhauses.

Die Verbindung zur jungen Universität blieb vor allem dank eines weiteren Professors jener ersten Jahre lebendig. Beim Zusammensein in einer Wohnung im Konstanzer Vorort Egg begegnete ich Horst Sund und Peter Hemmerich, beides Naturwissenschaftler. Sund erklärte sich bereit, bei Veranstaltungen meiner Zeitung seinen Wissenschaftsbereich sichtbar und erlebbar zu machen. Mit Hemmerich dagegen geriet ich rasch in eine Kontroverse über Probleme der Konstanzer Lokalpolitik. Er meldete sich dazu nicht bei unserer Zeitung zu Wort, sondern nahm sich in der Hamburger Wochenschrift DIE ZEIT reichlich undifferenziert, aber sprachlich geschliffen, gleich ganz Konstanz vor, was für ihn einfach hinterwäldlerisch war - mit allem Drum und Dran. Die Brücke zu Peter Hemmerich war nun abgebrochen, doch die freundschaftliche Verbundenheit mit Horst Sund hält an bis in unser beider hohes Alter.
Die neue Hochschule am Bodensee bestand im Sommer 1968 gerade drei Jahre. Man zählte schon einige hundert Studenten, die sich mit ihren Professoren freuten, demnächst vom Sonnenbühl auf den Gießberg umzusiedeln, in das im Aufbau begriffenen Universitätsgelände von heute. Doch nun gab es Ärger und ernste Besorgnis. In Land und Bund hatte sich politisch einiges erheblich verändert, und wirtschaftlich zeigte die Wachstumskurve nicht mehr nach oben. An der Universität fuhr man ehrgeizig fort mit reformerischer Arbeit, um hier einen neuen Universitäts-Typ zu entwickeln. Jetzt gab es Querschüsse aus Stuttgart, wo nicht mehr Kurt Georg Kiesinger regierte, sondern Hans Filbinger, der sich bis dahin und fortan nicht als besonderer Freund und Gönner von Konstanz zeigte. Im Landtag wurde um die Finanzierung neuer Hochschulen gerungen. Gewiss nicht in offener Rede, aber in den Wandelgängen fiel schon einmal das böse Wort vom „Luxusartikel“ am Bodensee. Ich verfasste im Juli 1968 einen Leitartikel mit der Überschrift „Diese lästige Universität Konstanz“. Darin wertete ich es als Trauerspiel, dass man in der Landesregierung nicht wahrgenommen hat, welche national und über die deutschen Grenzen hinaus gewürdigte bildungspolitische Pionierarbeit in Konstanz bereits geleistet worden war.

Wie also sollte es weiter gehen in Konstanz? Mein Verdacht fiel früh auf Kultusminister Wilhelm Hahn, auf den geborenen Balten, Theologen und Wissenschaftler, der zwar von Kiesinger noch in sein Amt geholt worden war, aber immer skeptisch mit dessen Lieblingsprojekt am Bodensee umgegangen ist. Im dritten Jahr der Existenz der jungen Universität gab es immer noch keine klare Verfassung, sondern heftig umstrittene Details für eine vorläufige Grundordnung. Das aus der Distanz als grotesk empfundene Gezerre dauerte, rückblickend gesehen, ganze acht Jahre. Dann jedoch gab es keinen Durchbruch, sondern die Einsetzung eines „Staatskommissars“, dem man in Stuttgart natürlich den edleren Titel „Landesbeauftragter“ gab. Immerhin wurde da wider Erwarten eine glückliche Wahl getroffen. Theopont Diez, Singens einstiger Oberbürgermeister, nahm den Auftrag an. Und es wurde zum Glücksfall für die Universität. Ich kannte ihn vom „Hohentwiel-Kreis“, der in den frühen und mittleren 60er Jahren zusammen kam und wo wir Teilnehmer uns in langen und interessanten Gesprächen darüber unterhalten hatten, wie „unsere Uni“ einmal aussehen sollte.
Nach der schwierigen und konfliktreichen ersten Hälfte der 1970er Jahre führte Horst Sund  die Universität Konstanz nach seiner Wahl zum Rektor 1976 aus einer Katastrophensituation heraus, die zu ihrem vorzeitigen Ende hätte führen können. 
Mitte der 1970er Jahre keimte bei mir die Hoffnung, Theopont Diez und vor allem Horst Sund könnte es gelingen, aus Kiesingers kühnem Projekt am Bodensee am Ende doch noch einen großen Wurf werden zu lassen. Und das ist es dann ja auch wirklich geworden.

Dr. phil. Franz Oexle

Dr. Franz Oexle, geboren 1922, war im Zweiten Weltkrieg vier Jahre Soldat, er studierte in Tübingen, Basel, Freiburg i. B. und Eugene/Oregon (USA). Ab 1951 war er beim SÜDKURIER zuerst als politischer Redakteur, dann Chef vom Dienst und ab 1966 bis 1987 als Chefredakteur tätig, anschließend war er Lehrbeauftragter für Mediensoziologie an der Universität Konstanz.

Dirk Pette

Eine neue Biologie am Konstanzer Sonnenbühl

Die vom Gründungsausschuss der Universität Konstanz 1965 formulierten Aussagen zum damaligen Stand der Biologie und der daraus abgeleiteten Vorgaben für eine neue Biologie in Konstanz waren klar und eindeutig: Im Gegensatz zu anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen sei die Biologie weniger durch ihre Methoden als durch ihren Gegenstand definiert. Ihre stürmische Entwicklung sei Folge einer zunehmenden Durchdringung mit Erkenntnissen und Methoden anderer naturwissenschaftlichen Disziplinen, vor allem der Physik und der Chemie. Andererseits seien unter dem Einfluss biologischer Fragestellungen neue Arbeitsgebiete und Disziplinen entstanden, wie Biophysik, Ultrastrukturforschung und Biochemie. Dadurch sei das Spektrum der biologischen Wissenschaften in vielfältiger Weise aufgefächert und über Fachgrenzen hinweg bis hin zur Medizin erweitert worden.


Weiterführender Text

Der Gründungsausschuss trug dieser Entwicklung Rechnung, indem er der Biologie, flankiert von Physik und Chemie, die Rolle eines Schwerpunktes zuwies. Zur Ausgestaltung dieses Schwerpunktes finden sich im Bericht des Gründungsausschusses noch folgende Anmerkungen: „Das weite Spektrum der biologischen Problemkreise erfordert die Vertretung durch eine große Zahl von Lehrstühlen. Dennoch kann auch innerhalb der Biologie keine Vollständigkeit angestrebt werden. Jedenfalls sollen die modernen, zukunftsreichen Arbeitsgebiete vor den klassischen deskriptiven und sammelnden Richtungen den Vorrang haben. (…) Im Einzelnen wird es von den Forschern, die gewonnen werden können, abhängen, welche Arbeitsrichtungen aufgenommen werden. (…). Keiner der genannten Themenkreise kann durch eine einzelne Lehrstuhlbezeichnung hinreichend charakterisiert werden."

Chemiker, Mediziner und Physiker als erstberufene Biologen

Die Umsetzung dieser Vorgabe bei der Berufung der ersten Professoren war ein absolutes Novum, denn damit wurden in Konstanz Professoren nicht auf einen Lehrstuhl für ein bestimmtes Fach, sondern auf einen Lehrstuhl in einem bestimmten Fachbereich berufen. Mit der Berufung von Peter Hemmerich, Wolfgang Pfleiderer und Horst Sund war im April 1967 die Naturwissenschaftliche Fakultät gegründet worden. Sie gliederte sich in vier Fachbereiche: Biologie, Chemie, Mathematik und Physik. Ein weiteres und geradezu revolutionäres Novum war die Liste der bis zum Jahresende 1967 in den Fachbereich Biologie berufenen Professoren: Keiner von ihnen war, was Ausbildung und Arbeitsrichtung betraf, Biologe im klassischen Sinn. Zwei waren Chemiker (Peter Hemmerich: Bioanorganische Chemie; Horst Sund: Enzymologie und Proteinchemie), der dritte Mediziner (Dirk Pette: Biochemie des Zellstoffwechsels) und der vierte (Eberhardt Weiler) Immunologe. Mit Ernst Florey (Arbeitsrichtung: Neurophysiologie) gewann der Fachbereich Biologie im folgenden Jahr einen ersten Zoologen und mit der Berufung des Physikochemikers Peter Läuger einen Vertreter der modernen Biophysik. Damit waren 1968 die für die Biologie in der ersten Aufbaustufe vorgesehenen sechs Lehrstühle besetzt. Was noch fehlte war eine Arbeitsgruppe für Ultrastrukturforschung. Mit Wolrad Vogell, einem Physiker, der in Marburg in der Medizinischen Fakultät den Lehrstuhl für Elektronenmikroskopie innehatte, konnte diese Lücke 1969 geschlossen werden. Sein Lehrstuhl in Konstanz war jedoch vorübergehend im Fachbereich Physik angesiedelt. Nach seiner Berufung an die Universität Düsseldorf, wurde als Nachfolger Helmut Plattner auf einen dem Fachbereich Biologie zusätzlich zur Verfügung gestellten Lehrstuhl berufen. Wolrad Vogell war übrigens der einzige der ersten Generation Konstanzer Biologen, der einen Ruf an eine andere Universität annahm. Die Gruppe der erstberufenen Professoren im Fachbereich Biologie ist der Universität Konstanz treu geblieben – trotz verlockender Angebote, die ihnen im Laufe der Jahre gemacht wurden.

Mit drei Biochemikern, einem Biophysiker, einem Immunologen und einem Neurophysiologen bot der Fachbereich Biologie 1968 ein im Sinne der traditionellen Biologie unkonventionelles Spektrum. Doch die „Konstanzer Biologen“ sahen sich bestens aufgestellt, um in Forschung und Lehre das Konzept einer in allen Richtungen grenzüberschreitenden modernen Biologie voranzutreiben. Nach dem im Januar 1968 erfolgten Bezug der kurz zuvor fertig gestellten Laboratorien am Sonnenbühl füllten sich die verschiedenen Arbeitsgruppen rasch mit Diplomanden, Doktoranden bzw. wissenschaftlichen Mitarbeitern. Sie waren den nach Konstanz berufenen Professoren gefolgt oder kamen von anderen Universitäten. Einer von ihnen war Werner Rathmayer, der zuvor bei Ernst Florey an der University of Washington in Seattle gearbeitet und sich in Frankfurt für das Fach Zoologie und Neurobiologie habilitiert hatte. Auf Empfehlung von Peter Läuger kam auch Gerold Adam nach Konstanz. Er hatte zuvor bei Max Delbrück in Pasadena gearbeitet.

Die Labors am Sonnenbühl als Brutstätten einer neuen Biologie

Die bestens ausgestatteten Labors am Sonnenbühl boten hervorragende Arbeitsmöglichkeiten, ebenso die damals noch im Aufbau begriffene, aber bereitsreichhaltig bestückte zentrale Universitätsbibliothek. Ihr Hauptbestand befand sich in einem alten Fabrikgebäude, nur wenige Zeitschriften und Bände waren am Sonnenbühl als „Handapparate“ verfügbar. Für die Biowissenschaften stand in der zentralen Bibliothek ein breit gefächertes Sortiment führender Fachzeitschriften, Sammelbände und Monographien zur Verfügung. Es deckte nicht nur alle Teilgebiete der Biologie, Biochemie und Biophysik ab, sondern teilweise auch der theoretischen und klinischen Medizin. Etliche der wichtigsten Zeitschriften, wie z.B. das Journal of Biological Chemistry oder die Biochemische Zeitschrift waren vollständig vorhanden, d.h. aus Antiquariatsbeständen rückwärts bis zu den ersten Bänden ergänzt worden. Üppig sprudelnde Finanzmittel hatten solche Anschaffungen ermöglicht, aber sie waren auch dem Einsatz eines kompetenten Fachreferenten der Bibliothek (Hartmut Ern) zu verdanken.

Die Aktivitäten des Fachbereichs Biologie waren zunächst auf Forschen beschränkt, denn Räumlichkeiten für die Lehre standen den experimentellen Naturwissenschaften nicht zur Verfügung. Seminarräume in den einzelnen Etagen der Laborhäuser dienten den Arbeitsgruppen für Vorträge und Diskussionen im kleinsten Kreis. Der einzige größere Hörsaal am Sonnenbühl konnte gelegentlich für größere Vortragsveranstaltungen des Fachbereichs genutzt werden, war aber zumeist durch Lehrveranstaltungen der Geistes- und Sozialwissenschaften belegt. In ihm fanden frühabends auch die öffentlichen Antrittsvorlesungen der neu berufenen Professoren statt. Er war stets überfüllt, denn in der Stadt war das Interesse groß und ebenso bei den Wissenschaftlern der Universität, die nach dem Umzug aus dem Inselhotel am Sonnenbühl angesiedelt waren. Hier kamen die Bürger der Stadt in Kontakt mit ihrer neuen Universität und die Kollegen der drei Fakultäten in Kontakt mit ihnen bzw. miteinander. Jeder besuchte, falls möglich, jede dieser Veranstaltungen, und so formte sich am Sonnenbühl fakultätsübergreifend eine vielseitig aufgeschlossene akademische Familie.

Auch die erstberufenen Biologie-Professoren hatten zunächst in Räumen des Inselhotels gearbeitet, von wo aus sie die Einrichtung und apparative Ausrüstung der noch im Bau befindlichen Laborhäuser am Sonnenbühl planten. Anfang Januar 1968 wurden die Labors bezogen und schon nach wenigen Tagen in Betrieb genommen. Professoren, die den Hocker am Labortisch dem Sessel am Schreibtisch vorzogen, bevölkerten die Labors zusammen mit wissenschaftlichen Mitarbeitern und „Aufbau-Studenten“ (Diplomanden, Doktoranden). Nach Art einer Familie bildeten sie eine klassenlose Gemeinschaft – ohne das sich damals an einigen Universitäten herbeigeredete Gruppenbewusstsein. Bezeichnend für den am Sonnenbühl in der Biologie herrschenden Geist war die Wahl eines wissenschaftlichen Assistenten mit medizinischer Ausbildung (Jürgen Nolte) zum Fachbereichsprecher.

Überall herrschte Aufbruchsstimmung, nicht nur im wissenschaftlichen Bereich, sondern in allen Segmenten der Universität, wie zentrale Verwaltung, Bibliothek, Hausdienst, technische Werkstätten etc. Eine Besonderheit der neuen Universität waren hochwertig ausgerüstete zentrale Werkstätten – ein Novum in der Universitätslandschaft der damaligen Zeit. Helmut Dressler, der unvergessene erste Technische Direktor der Universität, hatte sie konzipiert. Für experimentell forschende Naturwissenschaftler eröffneten sich hier durch Zusammenarbeit mit kompetenten Spezialisten des Apparatebaus und der Elektronik ungeahnte Möglichkeiten für neue und zuweilen bahnbrechende Entwicklungen.

Dies alles und der Pioniergeist der Universität, die einem Ondit zufolge von Ralf Dahrendorf als "Klein-Harvard" bezeichnet worden war, machten Konstanz bald zum Anziehungspunkt für Wissenschaftler aus dem In- und Ausland. Im Fachbereich Biologie wirkten Spitzenforscher als Gastprofessoren: Helmut Beinert (Institute for Enzyme Research, University of Wisconsin), Sir John Eccles, australischer Neurophysiologe und Nobelpreisträger, und Max Delbrück (Pasadena, California Institute of Technology), Molekulargenetiker und späterer Nobel-Laureat. Hinzu kamen Humboldt-Stipendiaten und Gastforscher aus mehreren europäischen Ländern, Israel und den USA.

1969 organisierte Horst Sund ein internationales Symposium zum Thema Pyri- dine-Nucleotide Dependent-Dehydrogenases, ein Gebiet auf dem er selbst wichtige Beiträge geleistet hatte. Weil die Veranstaltung u.a. aus einem NATO- Fonds finanziert wurde, argwöhnten einige Studenten Kriegsforschung im Sund'schen Labor. Lautstark versuchten sie, die Eröffnung des Symposiums zu vereiteln. Geduldig wurden sie von Hans Krebs, dem 1933 aus Deutschland vertriebenen Biochemiker (und Nobel-Laureaten) und anderen prominenten Teilnehmern besänftigt und über die friedliche Natur von Sunds Forschungen aufgeklärt. Der Fachbereich Biologie hatte sich damit erstmals, wenn auch mit einer rein bio-chemischen Thematik, auf internationaler Ebene vorgestellt und zudem erste Erfahrungen im Umgang mit kritischen Studenten sammeln können. Und bei diesen Erfahrungen blieb es, denn die Atmosphäre in den Labors war entspannt, und die damals im Großen Senat der Universität zum Teil heftig geführten Diskussionen über Grundordnung, Gruppen-Universität, Drittelparität etc. wurden in den Labors allenfalls aus der Ferne wahrgenommen.

Ein neues Curriculum

Während des stufenweisen Ausbaus der Universität war die Naturwissenschaftliche Fakultät über Jahre hinweg gegenüber den beiden anderen Fakultäten deutlich unterrepräsentiert. Bis zur Aufnahme des regulären Studienbetriebs verharrte der Fachbereich Biologie personell auf dem Niveau von 1967 und darum war ein Studium der Biologie erst ab Studienjahr 1972/73 möglich. Zuvor war es erforderlich, einen Studienplan für eine neu definierte Biologie zu entwickeln und dem entsprechend die Erweiterung des Lehrpersonals zu planen.

Die "Sonnenbühl-Ära" der Konstanzer Biologie war also keineswegs auf ein Forschen im Elfenbeinturm beschränkt. Man stand vor der Aufgabe, die vom Gründungsausschuss vorgeschlagene Bildung eines Forschungsschwerpunktes zu konkretisieren, ein Curriculum für das Biologie-Studium in Konstanz zu erarbeiten und dafür neue Lehrformen zu entwickeln. Dafür existierten keine Vorlagen und auch keine Modell-Studiengänge an anderen Universitäten. Auch waren wichtige Bereiche der "Wissenschaft vom Leben" in Konstanz bisher nicht vertreten.

Mit der Etablierung der ersten Biologen-Generation am Sonnenbühl hatte sich bereits ein erster Schwerpunkt abgezeichnet: eine biochemisch-biophysikalisch orientierte Zellbiologie. Er bildete die Grundlage für die Erstellung eines strukturierten Lehrplans für das viersemestriges Grundstudium. Hauptstücke waren Semester überspannende "große" Vorlesungen mit Themen wie molekulare und strukturelle Muster zellulärer Funktionen; Wechselwirkungen zwischen Zellen und Geweben; Organe und Organismen; Wechselwirkungen zwischen Organismen. Die Vorlesungen sollten von mehreren Dozenten, mit einem von ihnen als Koordinator, gehalten werden. Sie sollten Grundlagenwissen vermitteln und die Studenten bereits im Grundstudium mit möglichst vielen Dozenten des Fachbereichs und deren Forschungsthemen bekannt machen. Kleingruppenunterricht in Form von Seminaren, an denen sich Dozenten und wissenschaftliche Mitarbeiter zu beteiligen hätten, sollte der Vertiefung des Wissens und der individuellen Betreuung dienen. Für das nach der Vordiplomprüfung beginnende Hauptstudium wurde eine neue Lehrveranstaltung, der sog. Kompakt-Kurs (siehe unten), entwickelt. Vier obligatorische Kompakt-Kurse sollten die Hauptelemente des vertiefenden Studiums sein. Sie sollten Hauptgebiete wie Mikrobiologie, Pflanzenphysiologie und Tierphysiologie behandeln und zusätzlich spezielle Teilgebiete, die Gegenstand der Forschung im Fachbereich waren, erschließen. Die obligatorischen Kurse der Hauptgebiete sollten so durch ein breites Angebot von frei wählbaren Kompaktkursen mit spezieller Thematik ergänzt werden. Letztere waren als mögliche Einstiege in eine Diplomarbeit gedacht.

Schon das wissenschaftliche Spektrum der ersten Biologen-Generation am Sonnenbühl ließ Grenzüberschreitungen in verschiedene Richtungen erkennen, z.B. den im Bericht des Gründungsausschusses angedeuteten Bezug zur theoretischen Medizin. Eine 1968 zwischen der Universität Konstanz und der ebenfalls neu gegründeten medizinischen Hochschule in Ulm getroffene Vereinbarung hat diesen Bezug festgeschrieben. Sie eröffnete Konstanzer Studenten die Möglichkeit der Promotion zum Dr.med. in Ulm. Eine Besonderheit des Konstanzer Studienplans war, dass das Grundstudium Wissensgebiete einschloss, die sonst im medizinischen Grundstudium behandelt wurden, z.B. Biochemie, Endokrinologie und Immunologie. Auf diese Weise bestanden breite Überlappungen mit Gebieten der theoretischen Medizin. Später in den Fachbereich Biologie berufene Wissenschaftler (Claudia Stürmer, Volker Ullrich, Albrecht Wendel) haben diesen Grenzbereich zur medizinischen Grundlagenforschung noch erweitert, was dazu beigetragen hat, dass Absolventen des Konstanzer Biologie-Studiums leicht in Positionen der medizinischen bzw. auch der pharmazeutischen Grundlagenforschung zu vermitteln waren.

Kompaktkurse als Lehre aus der Forschung

Bei der Planung des Diplomstudiengangs Biologie orientierten sich die am Sonnenbühl angesiedelten Biologen an der Vorgabe des Gründungsausschusses, dass nämlich "die in der Forschung und Lehre vertretenen Arbeitsrichtungen von den Forschern bestimmt werden, die für Konstanz gewonnen werden können". Bestimmend war außerdem das Motto "Lehre aus Forschung", d.h. Studenten sollten frühzeitig in die Forschung einbezogen werden. Diese Überlegungen führten zur Entwicklung eines neuen Typs von Lehrveranstaltung, dem am Sonnenbühl aus der Taufe gehobenen Modell des "Kompaktkurses". Ganztägige, auf sechs Wochen bemessene Kompaktkurse sollten die an anderen Universitäten üblichen zoologischen bzw. botanischen Großpraktika ersetzen.

Das Konzept des Kompaktkurses sah vor, dass Studenten bereits während des Hauptstudiums in die Forschung eingeführt werden und unter individueller Anleitung von Wissenschaftlern an laufenden Projekten mitarbeiten. Die experimentellen Arbeiten sollten durch Vorlesungen begleitet und in Seminaren durch Lektüre einschlägiger Veröffentlichungen theoretisch vertieft werden. In einem abschließenden Seminar sollte schließlich jeder Student mit Protokoll und Vortrag über das Ergebnis seiner Arbeit berichten. Diese Art eines Kurses, der Praxis und Theorie verbindet, wurde in den folgenden Jahren zu einem oft kopierten Erfolgsmodell.

Das neu erarbeitete Konzept wurde unverzüglich und mit Begeisterung in einem ersten "Probelauf" am Sonnenbühl in die Tat umgesetzt. Zur Verwirklichung des Probelaufs mussten zunächst Mittel beantragt, das Programm bekannt gemacht und Studenten angeworben werden. Die VW-Stiftung stellte großzügig die für Reise und Aufenthalt der Studenten benötigten Mittel bereit. Durch direktes Anschreiben biologischer Institute anderer Universitäten und Anzeigen in der Wochenzeitung DIE ZEIT wurde das Programm bekannt gemacht und interessierte Studenten aufgefordert, sich als Teilnehmer des Probelaufs zu bewerben. Das Echo war groß und im Sommersemester 1971 fand bereits ein erster Kompaktkurs am Sonnenbühl statt. Jede der Arbeitsgruppen hatte dafür aus laufenden Forschungen eigene Kursprogramme ausgearbeitet. Begleitende Vorlesungen und Seminare und die tägliche Zusammenarbeit im Labor begeisterten Lernende und Lehrende in gleicher Weise. Das Experiment war geglückt und Kompaktkurse verschiedenster Thematik wurden später, während des Hauptstudiums, zu zentralen Lehrveranstaltungen des Diplomstudienganges. Kompaktkurse und der damals ausgearbeitete, straff gegliederte Studienplan haben wesentlich dazu beigetragen, das Biologiestudium in Konstanz kurz zu halten. Die durchschnittliche Studiendauer (ohne Diplomarbeit) lag bei neun Semestern.

Sonderforschungsbereich 138

Die Planungen der Biologen am Sonnenbühl erhielten wesentlichen Impetus durch eine 1971 gegründete Forschergruppe und dem daraus hervorgegangenen Sonderforschungsbereich (SFB). Bereits 1969 hatten Wolrad Vogell und Eberhardt Weiler die Einrichtung einer Forschergruppe initiiert. Die ab 1. April 1971 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Forschergruppe "Biologische Grenzflächen und Spezifität" war das Ergebnis. Mit gleicher Thematik ging diese Forschergruppe in den ab 1. Juli 1972 von der DFG finanzierten SFB 138 über. Die von Gerhard Hess, dem Gründungsrektor der Universität, angeregte Gründung eines Sonderforschungsbereichs wurde unter Federführung von Eberhardt Weiler innerhalb kürzester Zeit beantragt. Zum Sprecher wurde 1973 Dirk Pette gewählt.

Als Antragsteller von elf wissenschaftlichen Teilprojekte des SFB 138 zeichneten: Gerold Adam, Ernst Florey, Peter Hemmerich, Peter Läuger, Dirk Pette, Werner Rathmayer, Horst Sund, Wolrad Vogell und Eberhardt Weiler. Trotz aller Vielfalt der Forschungsvorhaben waren bereits bei der Formulierung des Finanzierungsantrags gemeinsame Ziele für ein langfristiges wissenschaftliches Programm erarbeitet worden. Im Vordergrund stand die Charakterisierung zellulärer Prozesse, die an molekularen oder supramolekularen Grenzflächen ablaufen bzw. durch spezifische Strukturen und Eigenschaften von Membranen vermittelt oder getrennt werden. Das Zusammenspiel von Enzymproteinen in supramolekularen Komplexen oder das Zusammenwirken von Rezeptormolekülen, Poren, Transportkanälen, Lipiden und Proteinmolekülen in und an Membranen waren ebenso Gegenstand der Forschung wie Synthese und Abbau von Membran-Bausteinen bzw. Veränderungen in Abhängigkeit vom Entwicklungs- und Funktionszustand der Zelle bzw. ihrer Organellen, z.B. bei der Impulsübetragung an Synapsen, der Entwicklung von Muskelzellen, ihrer Fusion zu Fasern oder ihrer Transformation unter dem Einfluss spezifischer neuronaler Impulsmuster.

Mit dieser Thematik war das Programm des SFB 138 optimal auf das am Ort vorhandene wissenschaftliche Potential abgestimmt. Der Fachbereich Biologie erhielt damit ein solides Fundament für die angestrebte Schwerpunktbildung. Sein weiterer Ausbau erfolgte in enger Abstimmung mit dem Sonderforschungsbereich, der mit dem thematischen und personellen Zuwachs auch im Hinblick auf die bevorstehende Aufnahme des Lehrbetriebs im Studienjahr 1972/73 große Bedeutung gewann. Nach Fertigstellung neuer Gebäude am Gießberg, so zunächst des Chemie- und dann des Biologie-Gebäudes, stand schließlich Raum für neu hinzugekommene Arbeitsgruppen zur Verfügung. Zusätzlich waren folgende Gebiete im Fachbereich Biologie vertreten: Physiologie und Biochemie der Pflanzen durch den Botaniker Peter Böger, molekulare Genetik durch Rolf Knippers (von Hause aus Mediziner) und Mikrobiologie durch Winfried Boos (von Hause aus Chemiker). Mit dem Zoologen Hubert Markl folgte 1974 die Ethologie und später mit dem Biologen Dieter Malchow die Entwicklungsphysiologie bzw. mit dem Mediziner Ernesto Bade die Zell- und Tumorbiologie. Mit der 1972 erfolgten Eingliederung des in Konstanz-Egg ansässigen Limnologischen Instituts der Universität Freiburg in die Universität Konstanz war schließlich auch diese Wissenschaft mit einem Lehrstuhl (Max Tilzer) im Fachbereich Biologie vertreten.

Die Bedeutung des SFB 138 für die Konstanzer Biologie kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Durch zusätzliche Mittel für Personal (wissenschaftliche und technische Angestellte, Doktoranden, studentische Hilfskräfte), Investitionen (Geräte und Großgeräte), Verbrauchsmaterialien und zusätzliche Mittel für die Bibliothek erfuhren die Forschungsaktivitäten einen starken Anschub und eine erhebliche Ausweitung. Erst durch den Sonderforschungsbereich hatten die biologischen Arbeitsgruppen personell und materiell "kritische Masse" gewonnen. Die zahlreichen im Rahmen des Sonderforschungsbereich veranstalteten Vorträge, Seminare und Symposien hatten Außenwirkung, so dass der SFB 138 bald zum zentralen Forum der Konstanzer Biologie wurde. Das galt vor allem für die im Semester wöchentlich veranstalteten "Jour fixe-Vorträge". In ihnen wurden Ergebnisse laufender Arbeiten vorgestellt und kritisch diskutiert. Für die Mitarbeiter galt – jedenfalls theoretisch – eine vom Sprecher verhängte Präsenzpflicht. Die Jour fixe-Vorträge wurden auch von Wissenschaftlern besucht, die dem Fachbereich nicht angehörten, so auch von Lehrern, Wissenschaftlern ortsansässiger Industrieunternehmen und interessierten Bürgern. Sie zählten zu den bestbesuchten Veranstaltungen der Konstanzer Biologie.

Der SFB 138 endete 1983. In Absprache mit der DFG wurde 1983 ein neuer Sonderforschungsbereich, der SFB 156, gegründet. Seine Thematik "Mechanismen zellulärer Kommunikation" entsprach dem inzwischen erweiterten Spektrum der im Fachbereich Biologie vertretenen Arbeitsgruppen. Er erwies sich als so erfolgreich, dass seine Laufzeit 1993, auf Vorschlag der DFG, um weitere drei Jahre, d.h. von 12 auf 15 Jahre verlängert wurde.

Abschied vom Sonnenbühl

Mit dem Umzug fast aller am Sonnenbühl angesiedelten Biologen in die inzwischen fertiggestellten Gebäude am Gießberg gerieten die Labors am Sonnenbühl allmählich in den Schatten. Der größte Teil der Labors wurde vom Fachbereich Physik übernommen, und nur noch zwei biologische Arbeitsgruppen verblieben dort, die Lehrstühle Helmut Plattner und Volker Ullrich bzw. nach deren Emeritierung, die Lehrstühle Alexander Bürkle (Molekulare Toxikologie) und Christof Hauck (Zellbiologie). Die vier Laborhäuser am Sonnenbühl waren sichtbar dem Verfall ihrer Bausubstanz ausgesetzt und wurden im Jahr 2013 abgerissen, um Platz für neue Wohnungsbauten zu schaffen. Für den Fachbereich der Biologie waren sie mehr als nur eine Durchgangsstation, sie waren Geburtsort einer neuen, einer Konstanzer Biologie.

Prof. Dr. Dr. h.c. Dirk Pette

Prof. Dr. Dr. h.c. Dirk Pette, geb. 14.02.1933 in Hamburg. Abitur 1951, Medizinstudium in Hamburg und Genf; 1958 Approbation u. Promotion zum Dr. med.; 1963 Habilitation für Physiologische Chemie an der Universität Marburg; von 1967 bis 1999 Ordentlicher Professor im Fachbereich Biologie der Universität Konstanz mit den Fachgebieten Stoffwechsel- und Muskel-Biochemie sowie Enzymologie. Dirk Pette war von 1973 bis 1983 Sprecher des Sonderforschungsbereichs 138; von 1984 bis 1998 Sprecher des Sonderforschungsbereichs 156. Dr. h.c. sci. der University of Waterloo, Ontario, Kanada (2000); er erhielt 1972 den Robert-Feulgen-Preis der Deutschen Gesellschaft für Histochemie, 2005 den Duchenne-Erb-Preis der Deutschen Gesellschaft für Muskelkrankheiten.

Jürgen Schlaeger

Erinnerungen an einen besonderen Anfang

Fachbereich Literaturwissenschaft

Herbst 1967. Mein Lehrer und Mentor Wolfgang Iser, bei dem ich in Würzburg angefangen hatte, Anglistik zu studieren, und dem ich nach einem Jahr in der mittelfränkischen Provinz nach Köln gefolgt war, hatte mir, wie das so seine Art war, informell, aber bindend eine „Stelle avisiert“, falls ich von meinem zweijährigen Stipendium zum Studium in Oxford einen „vernünftigen“ Abschluss mitbringen würde.


Weiterführender Text

Das hatte ich irgendwie hingekriegt, zu seiner und meiner Zufriedenheit, und folgte seinem Lockruf nach Konstanz, wohin er inzwischen berufen worden war. Aller Anfang ist bekanntlich und war dann auch schwierig, nicht zuletzt, weil die Verwaltung erst einmal Schluckbeschwerden bei meiner Einstellung hatte. Ein Abschluss aus Oxford war irgendwie nicht im deutschen System vorgesehen. „Internationalisierung“ war noch kein Leitbildmotto und so, wie die Oxforder erst einmal nicht so recht wussten, was sie mit dem Erstbegünstigten ihres neuen Stipendien-Programms anfangen sollten, denn es gab im dortigen Abschlusssystem nichts für einen Ausländer, der für zwei Jahre nur da sein sollte und wollte, so hatte eine Baden-Württemberger Universitätsverwaltung bürokratisches Magengrimmen mit der „Eingruppierung“ eines solchen Unikats. Andere Länder, andere Sitten.

Einige Interventionen Isers und einige zusätzliche Unterlagen aus Oxford später war die Sache dann in trockenen Tüchern, und ich konnte mit üppigen ca. DM 800 netto im Monat beginnen, meine Zukunft zu gestalten. Das hektographierte und ausgefüllte Einstellungsschreiben holte ich mir im Inselhotel ab, dort wo die Universitätsverwaltung notgedrungen die Vorteile einer noch nicht allgemein in Mode gekommenen Großraumbüro-Philosophie ausprobieren musste. Rektor Hess und Kanzler Schlensag, die Großprofessoren Dahrendorf und Besson und andere Gründungsväter schienen mir aber erst einmal und noch für längere Zeit eher wie Säulenheilige in einer im Aufbau befindlichen Wissenschafts-Architektur als wie Menschen aus Fleisch und Blut. Es dauerte, bis ich sie als erfahrene, kluge und von Sendungsbewusstsein beseelte Persönlichkeiten kennen lernen durfte.

Wenn mir Universität als institutionelles Gebilde in den drei Jahren, die ich in Deutschland studiert hatte, jenseits der von mir wahrgenommenen Lehrangebote ein Begriff gewesen wäre, dann hätte ich vielleicht größere Anpassungsschwierigkeiten in Oxford gehabt und zwei Jahre später das Neugeborene in Konstanz vielleicht sogar als abschreckend sonderlich wahrgenommen. Aber mein jugendlicher Hunger war auf das „Was“ und nicht auf das „institutionelle Wie“ gerichtet. Das „Was“, die Art, wie Literaturwissenschaft in Konstanz betrieben wurde, war ganz anders als in Oxford mit seiner Bindung an ein College und der Rhythmisierung des Studiums durch die allwöchentlich zu verfassenden Essays für die Tutoren.

Ganz und gar nicht vergessen waren aber die Vorlesungen und Seminare Isers in den drei Jahren Studium bei ihm in Würzburg und Köln. Das fand ich dann in Konstanz wieder – jedoch in den intellektuellen Herausforderungen noch einmal mindestens eine Stufe anspruchsvoller, aufregender, irgendwie durch die Aufbruchsstimmung, von der alle erfasst waren, aber auch durch die Nähe und Unmittelbarkeit der Kontakte mit den Protagonisten im Fachbereich Literaturwissenschaft auf produktive Weise kompetitiver.

Man konnte verschiedene Denkstile und Herangehensweisen ohne größere Anstrengung miteinander vergleichen, sich mit allen in seiner Altersgruppe und seinem fachlichen Umfeld messen und sich als Teil einer Anstrengung verstehen, die von keiner geringeren Ambition getragen war als der, die Literaturwissenschaft neu zu erfinden. Das machte jedes Fachgruppen-Kolloquium, jede Diskussionsveranstaltung zum Erlebnis. Das war eine Denkschulung, wie ich sie in meiner nunmehr 50-jährigen Lehr- und Forschungstätigkeit nur ganz selten anderswo in solcher Intensität habe erfahren können.

Zu den anspornenden Faktoren gehörten bald auch die Impulse, die als frühe Früchte des Konstanzer Mythos der Elitegründung von allen als besonders motivierend verstanden wurden, aber auch als eine Art Universallizenz, immer wieder ungewohnte Wege zu gehen. Schließlich gab es auch die für „academic tribal communities“ nicht seltene Einbildungseffekte einer besonderen Adelung durch Zugehörigkeit zu dem, was ISER oder JAUSS oder PREISENDANZ und später auch das internationale Gütesiegel KONSTANZER LITERATURWISSENSCHAFT repräsentierten.

Aber zurück zu den Anfängen: Irgendwie hatte ich die Massenveranstaltungen von Iser in Würzburg und vor allem in Köln noch im Hinterkopf: Proseminare und Vorlesungen sowieso im Audimax; durch selektiven Zugang streng reglementierte Ober- und Hauptseminare mit 50 bis 60 Teilnehmern. Dann als Kontrastprogramm Isers erste Lehrveranstaltungen im Andachtsraum des evangelischen Studentenheims der Fachhochschule vor einem schütteren Häuflein an Gefolgsleuten und weniger als einer Handvoll von Studenten und Studentinnen mit einem Professor, der in Gestik und Mimik noch das große Publikum vor Augen hatte.


Das war kurios, aber erledigte sich schnell dadurch, dass andere, dieser Situation angemessenere Formen des Austausches erfunden wurden, z.B. der „Kurs“ als Kombination von Vorlesung und Seminar, aber auch die Praxis, reihum privat von allen gelesene Texte, in der Regel fachfremde Schlüsselpublikationen, zu diskutieren und dann diese Abende weiterdiskutierend bei Speis und Trank erst weit nach Mitternacht zu beschließen. Insbesondere hier durften wir unseren Lehrer als Suchenden erleben, dessen Fähigkeit, immer wieder neue Möglichkeiten der Applikation des Gelesenen zu eröffnen, noch heute sagenumwoben ist.

Das war nun meine neue geistige Heimat, und sie war erwartungsgeladen wie kaum etwas, das ich bis dahin hatte kennenlernen dürfen.

Lebensweltlich musste man sich an einiges erst einmal gewöhnen: An den alemannischen Dialekt der Vermieterin am Salzberg und auch sonst überall, auf den Straßen, in den Weinstuben; an das -le als favorisierte Endung aller Substantive, „warme Seelen“ nicht als heißlaufende Christenmenschen, sondern als Gebäckspezialität und „e Viertele schlotze“ nicht als Ausdruck der Mäßigung im Trinken, sondern des Gegenteils; auch und vor allem an die Gesetztheit einer eingeborenen, durch und durch bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer Seeverliebtheit, ihrem liberalen, aber tiefsitzenden Katholizismus; an die Grenzsituation, die den Sprachraum in zwei distinktive Varianten des Deutschen zerschnitt und ganz allgemein an die Selbstverständlichkeiten eines Provinzbiotops, das sich als vom Schicksal begünstigt empfand.

Da war deren Reaktion auf die neue, universitäre Welt mit ihren eigenen Ritualen, Selbstverständnissen, Geltungsansprüchen und Verhaltensformen erst einmal respektvoll verhalten, aber auch immer mit einer Prise abwartenden Misstrauens gegenüber dem Neuen gewürzt. Man schien stolz auf den Neuerwerb, der ein wenig den Glanz der Stadt zu Zeiten des Konzils wieder zu beleben versprach, aber doch auch leicht verstört angesichts einer Welt, in der Titel die Regel und nicht die Ausnahme waren, und Fähigkeiten privilegiert wurden, von denen man selbst viel Respekt, aber keine genau Vorstellung hatte. Erst richtig brisant wurde es, als die neue Universität einen links-liberalen Aktionismus in die Landschaft spülte, der die alteingesessenen Machtverhältnisse mit soliden CDU-Mehrheiten und ebenso verlässlich-konservativen Freien Wählerschaften zu bedrohen schien.

Auch war ja die Universität auf fluide Weise, anfangs und für längere Zeit noch, nur vorläufig behaust, hatte also nicht einmal eine architektonische Festigkeit und Berechenbarkeit aufzuweisen, sondern war Baustellen am Sonnenbühl und am Gießberg, also alles von Vorläufigkeit geprägt und auf Zukunft gebaut, dadurch unter den Alteingesessenen eine Atmosphäre der Unruhe und Änderungsbereitschaft fördernd, die denen schon ein wenig unheimlich war. Da war der erste Schritt für den Fachbereich Literaturwissenschaft in die betongraue Bauklötzchen-Architektur des (späteren) Studentenheims am Sonnenbühl schon ein erster Schritt ins Dauerhafte.

Im dominanten Regionalblatt, dem Südkurier, mischten sich bald in den anfänglichen Enthusiasmus über die neue Bedeutsamkeit Stimmen der Skepsis, ob man nicht doch vielleicht die Rechnung ohne den Wirt, d.h. die „linken Studenten“ gemacht hatte.

Aber das und die sich daraus entwickelnden Konflikte bis hin zur Annullierung der vorläufigen Verfassung der Universität, dem konsequenten Rücktritt des Gründungsrektors, Vollversammlungen in Serie, der Einsetzung von Theopont Diez als Amtsverweser mit weitgehenden Vollmachten und schließlich Wahl eines neuen Rektors mit knapper Mehrheit war noch ein langer Prozess, der insbesondere die jüngeren Universitätsangehörigen zusätzlich mit Energie und Kampfesmut gegen die „etablierten Verhältnisse“ erfüllte – immer aber letztlich doch nur in einer der Bodensee-Idylle angemessenen, gelegentlich sogar skurrilen Friedfertigkeit.

Da gab es „Sit-ins“ und „Demos“, von den Fachschaften organisierte Seminare für Marxisten (expressis verbis nicht für “Marxologen“), Plakataktionen gegen oder für; eine Fülle von jugendlicher Unbotmäßigkeit auf der einen Seite und bürgerlicher Entrüstung über „Kommunischte und langmähnigen Gammler“ auf der anderen, aber gemessen an dem, was die anderen alten Universitäten und ihre bürgerlichen Umfelder auszuhalten hatten, war das junge Konstanz doch immer auch und immer nur eine Art Salon-Revolution-Aufführung und die vielfältigen Aktionen und unendlichen Diskussionen immer auch Teil der Selbstfindungsversuche einer Universitätsgemeinschaft, die ja schließlich gegründet worden war, um nicht alles so zu machen wie die etablierten Universitäten in Freiburg, Heidelberg, Tübingen oder sonst wo in der Republik. Praktizierter Aufbruch war es, der einen CDU-nahen wortgewaltigen Waldemar Besson ebenso vertrug wie einen im weißen Mercedes-Coupé den Bodenseewahlkreis bewerbenden Ralf Dahrendorf oder einen SPD-Rektor Naschold.

Jenseits des zeittypischen öffentlichen Schlachtengetümmels gab es aber auch für den akademischen Nachwuchs eine ganze Reihe wichtiger und für den eigenen Lebensweg entscheidender Weichenstellungen im Auge zu behalten. Da standen, bald und für den persönlichen Lebensweg immer wichtiger als alles andere, die Dissertation oder die Habilitation im Mittelpunkt. Und das hieß, man musste Forschungsfragen entwickeln und methodisch wie theoretisch Entscheidung treffen, die in den Generalplan einer Erneuerung der Literaturwissenschaften passten. Nebenbei mussten auch Freundschaften gepflegt, Netzwerke gesponnen und das Leben so gelebt werden, dass der Anstrengung und Energie, die das eigene wissenschaftliche Vorankommen erforderte, nicht die Triebkraft ausging.

Prägend war bei allem, und das nicht nur im verklärenden Rückblick, das intellektuelle Klima, das die neuberufenen Professoren zu erzeugen wussten und von dem sie selbst getrieben waren. Es herrschte die Vision einer Utopie, die sich in erstaunlich kurzer Zeit als Konstanzer Spezifikum in den Köpfen der meisten Universitätsangehörigen festsetzte. Das bedeutete immer ein entscheidendes Quäntchen mehr an Leistungsbereitschaft und intellektueller Kreativität, gesellschaftlich vergleichbar mit einem „Newcomer“, der besondere Leistungsbereitschaft zu zeigen hat, wenn er seinen Platz unter den Etablierten finden will.

In der Fachgruppe Literaturwissenschaft waren es die Vertreter der verschiedenen Philologien, Jauß, Iser, Preisendanz, Striedter, Fuhrmann, die sich in Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Fächer aus anderen Universitäten in der Forschergruppe Poetik und Hermeneutik ein Netzwerk für den interdisziplinären Austausch geschaffen hatten, in thematischen Tagungen neue Wege der Forschung skizzierten und auf den Weg brachten. Es ging im Grunde um nichts weniger als eine längst überfällige Modernisierung der Literaturwissenschaften, und als junger Wissenschaftler dabei gewesen zu sein, das war für alle, die dieses Privileg hatten, eine prägende Erfahrung. In diesem Prozess hat sich die Konstanzer Literaturwissenschaft nicht nur weltweit als Konstanzer Schule der Wirkungs- und Rezeptionstheorie einen Namen gemacht, sondern hat auch die Erneuerung der Geisteswissenschaften in Deutschland durch die „Produktion“ einer Vielzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dieser „Konstanzer Prägung“ in erheblichem Maße befördert.

Es ist aus der Rückschau schon erstaunlich, wie viele der Forschungsthemen, Projekt- und Diskussionsformate, institutionellen Neuerungen und Gründungsideen Schule gemacht haben – nicht unmittelbar und nicht, wie beabsichtigt, als direkt wirksames Vorbild für den Abbau des Innovationsstaus an den reformunwilligen alten Universitäten, aber über die Jahre hinweg doch und weithin sichtbar, zumal in den Exzellenzinitiativen der letzten Jahre. Schon aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass die Universität Konstanz in der Exzellenzinitiative so glänzend bestanden hat. Für diejenigen, die das Glück hatten, ihre wissenschaftliche Prägung in den frühen Jahren der Bodenseeuniversität zu erhalten, ist ein Déjà-vu angesichts der Veränderungen im heutigen Wissenschaftssystem deshalb keine Seltenheit und macht auch, trotz mancher Moden und Getriebenheiten, keine Angst vor dem, was kommt, wie anders es auch sein mag. Im Gegenteil, was auch immer die oft erzwungenen Innovationsschübe des heutigen Wissenschaftssystems an Problemen und Widrigkeiten mit sich bringen, wer in Konstanz jung gewesen ist, kann sich im Vertrauen auf das glänzende Resultat der damaligen Anstrengungen aus eigener Erfahrung optimistisch zeigen und, wenn er oder sie will, und der Kopf mitmacht, irgendwie ewig jung bleiben.

Prof. Dr. Jürgen Schlaeger

Prof. Dr. Jürgen Schlaeger ist Senior Professor für Literatur und Kultur Großbritanniens am Centre for British Studies der Humboldt-Universität zu Berlin. Er studierte Anglistik, Slawistik und Geschichte an den Universitäten Würzburg und Köln sowie Englisch in Oxford. 1967 kam er als Assistent von Wolfgang Iser nach Konstanz, wurde dort 1970 promoviert, und habilitierte sich 1975 mit einer Arbeit über "Problemhorizonte funktionsgeschichtlicher Literaturbetrachtung". Dort wirkte er von 1976 bis 1995 als Professor für Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft. Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte führten ihn bis nach Kalifornien und Shanghai. Für seine Verdienste als Direktor des Großbritannien-Zentrums der Humboldt-Universität zu Berlin wurde er von der britischen Königin Elisabeth II. mit dem Orden „Commander of the Order of the British Empire“ ausgezeichnet.

Karl F. Schumann

Vier Randnotizen

1.

Der Start der Universität Konstanz im Inselhotel war friedlich. Doch nach dem Umzug auf den Sonnenbühl gab es Verwerfungen. Die optimale Betreuung der geringen Studentenzahl durch Professoren und Assistenten, dieses Prä der jungen Universität, wurde irritiert durch Neuimmatrikulierte, die den Funken der Studentenrevolte aus Frankfurt, Marburg oder Berlin weiter tragen wollten. In Konstanz stieß Nachahmung zunächst auf Skepsis. Allerdings wurde der Frieden unter den interdisziplinär forschenden Hochschuldozenten gleichzeitig herausgefordert von der sich formierenden, auf Emanzipation setzenden Assistentenschaft. Doch waren von den Gründungsvätern der Universität Konstanz nur Rudimente der sonst im Lande verbreiteten Ordinarienuniversität vorgesehen. Ich hatte in der ersten Nummer der Konstanzer Studentenzeitung Marginalien auf der letzten Seite einige Limericks veröffentlicht. Nicht von ungefähr war darunter dieser:

Ein Professor in Konstanz war gerade,
was er wurde, geworden. Doch schade,
seine Macht war nicht groß,
und erfühlte sich bloß
wie ein Kind im verschütteten Bade.


Weiterführender Text

2.

Ich kam im März 1967 an die neue Universität, zunächst als wissenschaftlicher Angestellter am Zentrum I Bildungsforschung mit einem projektgebundenen Zeitvertrag. Dann wurde ich Assistent im Fachgebiet Soziologie, betraut mit der Lehre empirischer Methoden. Im Mai /Juni 1968 kamen die Marginalien (laut Brockhaus: Randbemerkungen) heraus. In der Redaktion arbeitete die erfahrene Journalistin Hilke Schlaeger mit, mir aus dem Kolloquium von Ralf Dahrendorf bekannt. Die Beiträge galten der Stellung der Konstanzer Studentenschaft zum VDS, insbesondere dessen politischem Mandat (S.4). Dann der Konstanzer Assistentenordnung, die halbherzig mit dem Problem der Zuordnung zu Ordinarien umging, wie Gabriele Kuby fand (S.5f.). Die Notstandsgesetze waren Thema (S.8f.), aber auch Erfahrungen mit der zögerlichen Umsetzung des Konstanzer Reformmodells, wie der Politologe Wolf-Dieter Narr fand (S.9). Und schließlich – weil auch das Thema Sex damals in keiner Zeitschrift fehlen durfte – schrieb Günter Amendt einen Essay über Sexualaufklärung: „Nun treibt’s mal schön …“ (S.18f.). In dieser Autorenrunde, die ja in späteren Jahren auf unterschiedliche Weise Bekanntheit erlangte, mochte ich nicht fehlen. Wolf-Dieter Narrs Hinweis aufgreifend, wie schwer sich die hehren Ideen der Gründerväter in Zeiten finanzieller Engpässe umsetzen ließen, schrieb ich als zweiten Limerick für die letzte Seite der Marginalien:

Will ein Landtag in heft’gem Begehren
eine Vorzeige-Uni gebären,
und verweigert Piaster
der Minister für Zaster,
kann er leicht gute Hoffnung verwehren.

3.

Die erste Ausgabe der Marginalien war noch voller Hoffnung, dass die 68-er-Revolte an den Universitäten auch ihren Weg über die Schwäbische Alb nach Konstanz finden würde. Doch der Enthusiasmus für kommunistische Orientierungen war begrenzt. So traf die Zerschlagung der Reformen in der CSSR, die auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zielten, durch Einmarsch der Truppen der Sowjetunion und ihren Verbündeten 1968 in Konstanz auf tief empfundene Trauer. Bei Demonstrationen kam gar die Idee auf, die Universität solidarisch „Johan-Hus-Universität“ zu taufen. Aber auch die Randlage von Konstanz, seine Rolle als Urlaubsort, das Fehlen einer Arbeiterschaft mit substantieller Größe erschwerten es den K-Gruppen, viele Anhänger zu finden. Zwar mühten sich die Aktivisten redlich, Kritikpunkte, die für Massenuniversitäten zutrafen, auch innerhalb der überschaubaren Gruppenuniversität Konstanz zu finden, aber mit begrenztem Erfolg. So fand ich eines Tages die unter der Tür meines Büros auf dem Sonnenbühl hindurch geschobene Warnung:

SCHUMANN !
DICH SCHEISSPOSITIVISTEN KRIEGEN WIR AUCH NOCH DRAN.
DENK AN TEDDY.
GRÜSS RALFI.
SDS IZMIR

Mit Teddy war Theodor W. Adorno, mit Ralfi natürlich Ralf Dahrendorf gemeint. So geriet ich als die Forschungsmethoden lehrender Assistent in illustre Theoretiker-Gesellschaft. Die Drohung blieb aber folgenlos.

4.

Wenn man also auf die ersten zwei Jahre nach der Universitätsgründung zurückblickt, überwiegt das positive Gefühl der Aufbruchsstimmung, das auch durch Irritationen im Gefolge der andernorts viel einflussreicheren Studentenrevolte nicht getrübt wird. Allerdings geriet man auch auf manche Abwege. Beispielsweise wurde im Fach Soziologie von Studenten durchgesetzt, dass nach Magisterprüfungen gegenüber dem Prüfling nicht nur die vergebene Note für die Diplomarbeit, sondern auch diejenigen für die mündlichen Prüfungsteile im Detail begründet werden mussten. Dadurch sollte der Prüfling dem Prüfer Paroli bieten können, wenn ihn dessen Notenbegründung nicht überzeugte.

Diese Regelung hat möglicherweise mehr geschadet als genützt. Ein Beispiel: einer Studentin, der ich seiner Zeit keine Bestnote geben konnte, begegnete ich in den folgenden Jahren mehrfach. Jedes mal ließ sie mich ihre Ressentiments spüren. Meine Begründung der Bewertung ihrer mündlichen Leistung wurde offenbar von ihr so verletzend erlebt, dass sie mir vorwarf, sie damals als eine Versagerin abgestempelt zu haben. Das Problem, das sich hier zeigt, ist: Die Gutachten zur schriftlichen Examensarbeit steht dem Prüfling vor der Verteidigung zur Verfügung, er kann Kritikpunkte konstruktiv aufgreifen und sich überlegt verteidigen. Wird dagegen die Benotung der mündlichen Leistung direkt nach der Prüfung erläutert, zu einem Zeitpunkt, zu dem sich der Prüfling noch in hoher emotionaler Spannung befindet, kann der Hinweis auf Wissenslücken und Fehler in den mündlichen Leistungen als Kritik der allgemeinen Performance verstanden werden; das kann der Prüfling als Herabsetzung seiner Persönlichkeit mißdeuten. Zum Glück wurde diese „Prüfungsnachlese“ bald wieder aufgegeben.

Andere Ideen aus dieser Zeit, die mit der Ordinarienuniversität brechen sollten, haben sich dauerhaft durchgesetzt. Beispielsweise die studentische Kritik von Veranstaltungen; sie gehört ja inzwischen überall zur Universitätskultur.

1968 waren Veranstaltungskritiken noch so neu, dass mich ein Dozent an einer anderen Bildungsinstitution anschrieb, ich – der Spezialist empirischer Erhebungsmethoden - möge ihm ein Musterexemplar von Fragebögen für Vorlesungskritiken, die eine anschließende statistische Auswertung ermöglichen, zusenden: „mit den dazugehörigen Anleitungen und Auswertungsgrundlagen“ (Brief von Z. Hoffman vom 14. Mai 1968). Soweit möglich erfüllte ich den Wunsch. Wenn Aufbruchsstimmung herrscht, dann reicht man sie gerne weiter. Das gilt auch für die in Konstanz anfangs weitgehend praktizierte Drittelparität. Deshalb lautete ein weiterer meiner in den Marginalien I veröffentlichten „Sonnenbühler Limericks“:

Lehrstuhlinhabers Allmacht ist übel!
Sagt der Uni-Kritiker Fibel.
Der Unter- und Mittel-
bau braucht je ein Drittel!
Denn Dreieinigkeit lehrt nur die Bibel.

Prof. Dr. Karl F. Schumann

Prof. Dr. Karl F. Schumann war von März 1967 bis März 1973 Angestellter am Zentrum I Bildungsforschung bezwihungsweise Assistent am Fachbereich Soziologie. Danach bis September 1976 Wissenschaftlicher Rat und Professor in der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Anschließend war er bis zur Pensionierung 2004 Ordentlicher Professor für Kriminologie am Fachbereich Rechtswissenschaft, Universität Bremen. Er lebt in Berlin.

Klaus von Trotha

Universitätsgründung als Lebensglück
– eine Erinnerung

Gespräch mit Klaus von Trotha, dem ehemaligen Mitarbeiter der Universität Konstanz und ehemaligen Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst von Baden-Württemberg

Herr von Trotha, Sie sind 1967, ein Jahr nach der Gründung an die Universität Konstanz gekommen. Wie kam es dazu?

Klaus von Trotha: Eigentlich war es ein Zufall, der mein berufliches Lebensglück begründete. Damals ging man in Bayern sehr verschwenderisch mit der Referendarzeit um. Es dauerte Monate, bis die zahlreichen Klausuren korrigiert waren. In dieser Zeit arbeitete ich für das Reisebüro Studiosus als Reiseleiter. Im Mai 1967 holte ich mein Examenszeugnis ab und las zwischen zwei Reisen in dem Wohnheim des Studentenwerks, dessen Leiter ich war, eine Anzeige. Darin suchte die Universität Konstanz für das gerade erst eingerichtete Zentrum I Bildungsforschung einen Verwaltungsleiter. Eine Woche früher oder eine Woche später hätte ich diese Anzeige, die mein berufliches Leben in völlig unerwarteter Weise beeinflusst hat, wohl nicht entdeckt. In den Zentren sollte thematisch und zeitlich begrenzt Forschung in Bereichen geleistet werden, die bisher gar nicht oder nicht in angemessenem Maß stattgefunden hatte.


 


Weiterführender Text

Beim Zentrum I Bildungsforschung ging die Gründung auf verschiedene damals sehr virulente Veröffentlichungen des Tübinger Soziologen Ralf Dahrendorf zurück. Er forderte ein Recht auf Bildung und rief damit zu einem neuen Bildungsverständnis auf, das eine Neupositionierung dieses Begriffs und Anspruchs zur Folge hatte: Eine Zielsetzung, die den öffentlichen Diskurs vor allem im Hinblick auf die anzustrebende, bis heute nicht ausreichend realisierte Chancengleichheit nach wie vor beschäftigt. Außer aus der Soziologie wurden Professoren der Politischen Wissenschaft, der Erziehungswissenschaft und der Psychologie als Abteilungsleiter für das Zentrum gewonnen.

Trotz einer hohen Zahl von Bewerbungen wurde meine berücksichtigt: Warum weiß ich nicht, kann es also nur vermuten. Ich war ein junger, soeben examinierter Jurist, der als Tutor und Heimleiter Erfahrungen im Umgang mit Studierenden besaß, an Bildung politisch und wissenschaftlich interessiert war. In der Referendarzeit hatte ich ein früher begonnenes Studium der Politischen Wissenschaft wieder aufgenommen. Von Prof. Hans Maier, dem späteren langjährigen bayerischen Minister, war ich als Doktorand angenommen worden. Ich arbeitete an dem von mir vorgeschlagenen Thema „Staat und politische Bildung am Beispiel der Bundeszentrale für politische Bildung“. Bis dahin hatte sich niemand für diese politiknahe und heftig diskutierte Einrichtung interessiert.

Wie sind Ihre Erinnerungen an die Zeit an der Universität Konstanz?

Die Idee einer Universität in Konstanz ging von dem damaligen historisch sehr interessierten und kundigen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger aus. Die Begeisterung darüber hielt sich in der Stadt Konstanz am Anfang durchaus in Grenzen. Man lebte im Bewusstsein einer großen Vergangenheit, einer herrlichen Landschaft und hatte mit Theater, Sinfonieorchester und Wassersportmöglichkeiten eine beachtliche Lebensqualität. Es war aber mehr ein Neben- als ein Miteinander.

Als mir der Politikwissenschaftler am Zentrum, Waldemar Besson, anbot, stellvertretender Leiter bei seinem Forschungsprojekt „Kulturpolische Entscheidungsprozesse in Baden-Württemberg“ zu werden, wechselte ich auf diese Position. Es war ein sehr freundschaftliches Verhältnis, aber leider nur von kurzer Dauer, da Besson, nur 41 Jahre, alt unerwartet starb. Das Projekt, das nicht zuletzt auch mit dem politischen Ehrgeiz Bessons zu tun hatte, konnte nicht weitergeführt werden.

Ein neuer Wechsel stand an, der zugleich ein Themenwechsel war. Ich wurde Fachbereichsreferent in dem bei der Gründung nicht vorgesehenen, dann aber eingerichteten und ziemlich bald renommierten rechtswissenschaftlichen Fachbereich. Diese Position war spannend, da in Konstanz das Modell einer einphasigen Juristenausbildung erprobt wurde.

Ich halte dieses Modell, das in enger Zusammenarbeit mit dem Justizministerium vorangetrieben wurde, nach wie vor gegenüber der klassischen Ausbildung überlegen. Trotz guter Noten der Absolventen wurde es wie auch in Bayern nach Ablauf der Modellzeit nicht weitergeführt. Verkürzt gesagt fehlte es an der dazu notwendigen Bereitschaft der Hochschullehrer, mehr Engagement in der Lehre und der Betreuung aufzubringen, und dem eindeutig höheren Kostenaufwand.

In all den Jahren hatte ich schon eigene Lehrveranstaltungen angeboten. Das verfestigte sich mit der Gründung des ebenfalls ursprünglich nicht vorgesehenen Fachbereichs für Politik- und Verwaltungswissenschaft. In ihrem Rahmen hielt ich dann über ein Jahrzehnt lang Vorlesungen zu den Themen Verfassungsrecht und Allgemeines Verwaltungsrecht. Zudem hatte ich einen langjährigen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, an der ich als einziger Schul- und Beamtenrecht lehrte.

In all diesen unruhigen Jahren hatte ich mit den Studierenden meiner Lehrveranstaltungen keinerlei Probleme, obwohl ich der damals einsetzenden Notengefälligkeit nicht nachkam und inzwischen als CDU-Kreisvorsitzender und Landtagsabgeordneter im politischen Bereich exponiert und entsprechend oft Gegenstand von Auseinandersetzungen war. Angeschnittene Reifen, Blumenkohl, Eier und Tomaten als Wurfgeschosse, nächtliche Anrufe – das galt es ziemlich allein durchzustehen, stärkte aber das Stehvermögen und war lehrreich.

Auch meinen ersten Kontakt zur Landespolitik verdankte ich der Universität Konstanz. Der Landtag hatte sich 1969 an die Universität mit der Bitte gewandt, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter für die Beratungen eines erstmals anstehenden Hochschulgesamtplans vorzuschlagen. Die Universität Konstanz benannte mich. In der CDU-Fraktion gab es Bedenken, weil die Universität ein ziemlich „linkes“ Image hatte, was angesichts der öffentlichen Auffälligkeiten naheliegend war, aber durchaus nicht den virulenten internen Befindlichkeiten entsprach. Mit meiner Vorstellung konnte ich die Bedenken ausräumen. Bei den Mittagessen während der Beratungen saß ich zumeist mit dem FDP-Abgeordneten am Tisch, weil wir die einzigen beiden „Singles“ waren. Dass ich meine Aufgabe 1970 fair erfüllt haben muss, zeigte sich daran, dass der hochschulpolitische Sprecher der SPD mich nach Abschluss der Gesamtempfehlung mit über 60 Leitsätzen bat, für ihn und auf seine Kosten weiterführende hochschulpolitische Zielsetzungen zu formulieren.

Die Tätigkeit für den Landtag hatte mir deutlich gemacht, welche Gestaltungsmöglichkeiten sich in der Politik ergaben, die ich an der Universität nicht haben würde. 1970 wurde ich zum CDU-Kreisvorsitzenden gewählt. Damals waren etwa 80 Prozent der Mitglieder katholisch und zehn Prozent protestantisch. Es war ein großes Glück für mich, dass mein in Konstanz sehr angesehener Konkurrent, der Erste Landesbeamte des Landratsamtes, ebenfalls protestantisch war; sonst hätte ich damals möglicherweise nur eine geringe Chance gehabt.

1972 wurde ich bei der Landtagswahl Zweitbewerber, 1976 Erstbewerber. Seitdem vertrat ich den Wahlkreis Konstanz 25 Jahre lang im Landtag. Nach unterschiedlichen parlamentarischen Ämtern, zuletzt als stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion, wurde ich im Januar 1991 Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst und blieb das bis Juni 2001. Währender der Großen Koalition musste ich vorübergehend die Zuständigkeit für die Kunst abgeben. Dieses Ministerium war stets mein Ziel gewesen, da in keinem anderen die Kompetenzlage und die Möglichkeit der Begegnung mit kreativen, intelligenten und innovativ denkenden Menschen so groß ist.

23 Jahre habe ich für die Universität Konstanz gearbeitet. Elf Jahre war ich ihr als Minister verbunden. Danach gab es noch eine sehr konstruktive und freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem langjährigen Rektor Prof. Horst Sund. Er schlug als Beauftragter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für das Chinesisch-Deutsche Hochschulkolleg an der Tongji-Universität in Shanghai vor, mir die Evaluation dieser Einrichtung 2002 und 2006 anzuvertrauen.

Nach all dieser Zeit ist es für mich beglückend zu sehen, welche große Reputation die Universität Konstanz in der deutschen und internationalen Wissenschaft genießt

Dr. h.c. Klaus von Trotha

Dr. h.c. Klaus von Trotha war von 1967 bis 1990 Mitglied der Universität Konstanz: Zunächst als Verwaltungsleiter des Zentrums I Bildungsforschung, als Fachbereichsreferent im Fachbereich Rechtswissenschaft und anschließend als Mitglied des Lehrkörpers im Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft. Von 1996 bis 2001 vertrat er den Wahlkreis Konstanz im Landtag von Baden-Württemberg. Von 1991 bis 2001 war er Minister für Wissenschaft und Forschung, von 1991 bis 1992 sowie von 1996 bis 2001 auch für Kunst.

Brigitte Weyl

„Eine wichtige Nachricht“

Es geschah an einem sonnigen Freitag morgen. Im Büro von Johannes Weyl2, meinem Vater, hatten sich die Geschäftsführer der Südkurier Unternehmensgruppe zur üblichen Wochenbesprechung eingefunden, und ich durfte gastweise nach längerem Auslandsaufenthalt auch teilnehmen. Da ließ sich plötzlich der Chefredakteur der Zeitung, Alfred Gerigk3, anmelden. Er habe eine sehr wichtige Nachricht zu geben. Gerigk berichtete dann das Folgende:


Weiterführender Text

Ministerpräsident Kiesinger habe ihn, Gerigk, am Vortag um seinen Besuch in Stuttgart gebeten, und dort habe er ihn – unter dem Sigel der Vertraulichkeit – mit der Frage konfrontiert, was man wohl in Konstanz dazu sagen würde, wenn er, Kiesinger, den Vorschlag machte, dort eine neue Universität zu gründen?

Eine Sekunde verblüfften Schweigens in Konstanz, dann im Sommersonnenschein strahlende Gesichter. Alle Anwesenden waren sich einig und klar darüber, dass dies eine schier unglaubliche Chance für die Stadt bedeuten würde.

In den langen Wochen bis zu Kiesingers eigener Äußerung auf dem inzwischen dadurch berühmt gewordenen Landfrauentag auf dem Hohentwiel im September gleichen Jahres wurde selbstverständlich aus dem Hause SÜDKURIER nichts verraten. Aber in den Köpfen kreisten die Gedanken, wie man den Aufbau einer jungen Universität unterstützen könne. Und so konnte im Vorfeld schon vieles in die Tat umgesetzt werden. Zu nennen wäre u.a. die sofortige redaktionelle Begleitung der Gründungsphase in der Zeitung sowie später die Gründung einer „Gesellschaft der Freunde und Förderer der Universität Konstanz“, die schließlich am 1. Februar 1965 erfolgte und zu deren sieben Gründern Johannes Weyl gehörte.

In der Stadt machte derweil der Ausspruch die Runde „Ha wa bruuchet mir en Universidäd?“ Heute, nach Jahrzehnten, dürfte diese Frage beantwortet sein.

Verlagsgründung

Nachdem sich auch der Landtag in seiner Debatte vom 30. Mai 1963 für die Gründung zweier neuer Universitäten in Baden-Württemberg – in Konstanz und Ulm – ausgesprochen hatte, der Grundsatzbeschluss also gefasst war, wurde im Hause SÜDKURIER und seiner Druckerei vorbereitend einiges in die Wege geleitet.

Zuerst wurden die „Konstanzer Blätter für Hochschulfragen“ gegründet, deren erste Nummer vom 1. Oktober 1963 die komplette Landtagsdebatte wiedergab und außerdem einen Blick in die benachbarte Schweiz warf, nämlich nach St. Gallen. Dort stand gerade der Neubau der dortigen Hochschule an, der architektonisch einiges an Sehenswertem versprach. Die redaktionelle Betreuung oblag damals mir – unter Leitung des SÜDKURIER-Chefredakteurs Alfred Gerigk.

Für die Zeitschrift brauchte es natürlich auch einen Verlag, der allerdings erst im Laufe der Jahre seinen heutigen Namen 4 erhielt.

Selbstverständlich wurde dann auch in der Folgezeit – im Einvernehmen mit der inzwischen juristisch existierenden neuen Konstanzer Hochschule – deren Aufbau mit den Möglichkeiten des SÜDKURIER-Medienhauses und seiner Druckerei unterstützt. Als frühe Schriften sind u.a. zu nennen der Bericht des 1964 konstituierten Gründungsausschusses unter dem Titel „Die Universität Konstanz“ (1965) sowie eine Broschüre, die 1976 als Beilage zu den „Konstanzer Blättern für Hochschulfragen“ zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den Ministerpräsidenten sowie weiterer Ehrungen seitens der jungen Universität erschien.

Um den wissenschaftlichen Standard und Reichtum der Universität zu dokumentieren, wurde auf Anregung von Johannes Weyl die Schriftenreihe „Konstanzer Universitätsreden“ begründet, die inzwischen (im Jahre 2016) die Nummer 253 erreicht hat.

Viele weitere Buchreihen und Einzelpublikationen der Universität im heutigen UVK-Verlag zeigen, wie wichtig es war und ist, dass eine Universität verlässliche und potente Partner zu Freunden hat.

Nach den Konstanzer Blättern wurde die „Konstanzer Universitätszeitung und Hochschulnachrichten“ gegründet. Deren erste Nummer, vom Mai 1964, enthält im Wortlaut die Rede, die Ministerpräsident Kiesinger im Konstanzer Konzilgebäude zur bevorstehenden Landtagswahl gehalten hatte. Die Rede nahm ich damals mit meinem Tonbandgerät auf, und sie konnte dann genau so, d.h. ohne allfällige Glättungen, in den Satz gehen. Nicht umsonst trug dieser Politiker den Spitznamen „König Silberzunge“. Wörtlich sagte Kiesinger damals „Konstanz muss sich dieser Entscheidung gewachsen zeigen“, und diese Universität solle „Pionierarbeit leisten, sie soll voranleuchten in dem großen Werk der Hochschulreform“.

In der gleichen ersten Nummer der – kurz genannt – Unizeitung findet sich auch ein Bericht über eine Kundgebung mit Fritz Erler, SPD, in welcher auch er die Bedeutung der neuen Hochschule in Konstanz unterstrich.

Und schließlich kann man hier auch die Debatte nachlesen, die im Konstanzer Gemeinderat am 2. April 1964 zum Thema Universität stattfand und die von der Stadtverwaltung auf Tonband aufgenommen worden war. Oberbürgermeister Dr. Helmle wies damals erneut auf die positiven Gemeinderatsbeschlüsse vom 8. Oktober 1959 und 1. Februar 1962 hin. Der Bericht erstreckt sich nebst Debattenbeiträgen auf über dreizehn Seiten und endet mit einem Foto auf die damals noch unberührte Hügellandschaft des Mainauwaldes, in der die Universität Konstanz einst liegen solle. Die Konstanzer „Universitätszeitung“ hat dann die Entstehungs- und Frühgeschichte unserer Universität bis 1984 begleitet, ehe sie ihr Erscheinen mit der Nummer 100 abschloss, in der sich u.a. der Rechenschaftsbericht des damaligen Rektors, Professor Dr. Horst Sund, findet.

[2] Johannes Weyl (1904-1987) gründete 1945 die Tageszeitung SÜDKURIER. Zuvor Studium der Botanik in München und ab 1926 bis 1944 Tätigkeit im Verlag Ullstein in Berlin. Danach eingezogen als einfacher Soldat in Bad Gastein. Johannes Weyl war einer der ersten sieben Ehrensenatoren der Universität Konstanz.

[3] Alfred Gerigk (1896-1983) war von 1951-1966 Chefredakteur des SÜDKURIER. Zuvor hatte er ein eigenes Pressebüro in Berlin geführt.

[4] Die heutige „UVK Universitätsverlag Konstanz GmbH“ wurde im Jahre 1963 begründet unter dem Namen „Druckerei und Verlagsanstalt Konstanz GmbH – Verlag der Konstanzer Blätter für Hochschulfragen“.

Dr. Brigitte Weyl

Dr. Brigitte Weyl ist Jahrgang 1926, Dr. med., Ehrensenatorin der Universität Konstanz und Ehrenpräsidentin deren Gesellschaft der Freunde und Förderer; nach medizinischer Tätigkeit wechselte sie zum Zeitungs- und Buchverlagswesen, derzeit ist sie u.a. Mitinhaberin des UVK-Verlags (Konstanz und München) und des Südverlags (Konstanz). Sie erhielt zahlreiche in- und ausländische Ehrungen, darunter das Bundesverdienstkreuz I. Klasse, sie ist Officier des französischen Ordre National du Mérite sowie Trägerin der Verdienstmedaille Baden-Württemberg.

Erhard Roy Wiehn

Zum Gründungszeit-Enthusiasmus in Konstanz 1966

Eine Hommage: Die Gründung der Alma Mater Constantiensis anno 1966 war zweifellos ein unikales Ereignis, denn "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" (Hermann Hesse, 04.05.1941/43), "und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewe-sen." (Johann Wolfgang. v. Goethe, 20.09.1792)


Weiterführender Text

Seit ersten Gesprächen über eine mögliche Universität Konstanz im Herbst 1959 und insbesondere seit dem Gründungsbeschluss des Landtags von Baden-Württemberg vom 27. Februar 1964 waren die konkreten Vorbereitungen im Jahre 1965 in ihre „heiße“ Phase gekommen. Da Prof. Dahrendorf als stellvertretender Vorsitzender des Gründungsausschusses wirkte,1 war ich seit Herbst 1963 im Soziologischen Seminar der Universität Tübingen stets recht gut informiert. Seit 1. August 1965 arbeitete ich dort als eine Art geschäftsführender Assistent, und im Herbst jenes Jahres wurde klar, dass ich eingeladen war, zusammen mit den Assistentenkollegen Dr. Wolfgang Zapf, Elisabeth Bindereif sowie weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nach Konstanz zu kommen, was mich natürlich total begeisterte. Der dienstälteste Assistent Dr. Hansgert Peisert war damals gerade habilitiert und konnte bald seinen Dienst als Profes-sor in Konstanz antreten.

Mit den allerersten Angehörigen der Universität Konstanz waren wir im Februar 1966 vor Ort eingetroffen (ich hatte im Litzelstettener Holdersteig bei ei-ner sehr netten Vermieterfamilie eine gemütliche Souterrain-Wohnung gefunden), und das war immerhin einige Monate, bevor überhaupt der Grundstein gelegt wurde. Das vorläufige Rektorat mit Gründungsrektor Prof. Gerhard Hess (1907–1983) und Kanzler Günther Schlensag (1917–1993) residierte in einem eineinhalbstöckigen Wohnhaus an der Konstanzer Friedrichshöhe. Als ich dort zur Vereidigung beim Kanzler erschien, kam mir das Haus ganz unbewohnt vor, sodass ich mich lustigerweise durch lautes Rufen bemerkbar machen musste. Damals gab es in diesem Minirektorat bereits eine sehr nette Mitarbeiterin, die der Universität jahrzehntelang die Treue hielt: Lore Talla, die Sekretärin des Gründungsrektors und folgender Rektoren.

Prof. Dahrendorf hatte sein erstes bescheidenes Büro zunächst in angemieteten Räumen in einem Sträßchen namens Brotlaube an der Marktstätte in der Konstanzer Altstadt, und wir Assistenten arbeiteten zunächst zu Hause, bevor die Straßen- bzw. Bahnseite des Inselhotels in den Mauern des mittelalterlichen Dominikanerklosters aus dem 13. Jahrhundert Anfang Juni 1966 bezugsfertig war. In der ehemaligen Dominikanerkirche wurden durch „Spanische Wände“ Minibereiche geschaffen und mit Schreibtischen für die Assistenten ausgestattet. Prof. Dahrendorfs Mitarbeiter saßen vorne links in der Ecke des nicht mehr vorhandenen „Seitenaltares“,2 wie es scherzhaft hieß, und zwar unter den von Dominikanermönchen gemalten, originalgetreu restaurierten mittelalterlichen Heiligen-Fresken, in einem gewissen Gegensatz zu unseren hochgemuten säkularen Pioniergefühlen. Das Rektorat und die Professoren haben auf den höher liegenden Etagen ihre Zimmer bezogen; irgendwo in diesem weitläufigen Gebäude waren auch kleine Vorlesungs- und Seminarräume eingerichtet. Die Universitätsbibliothek hatte bereits 1965 in einer etwas abgelegenen früheren Industriehalle in der Bücklestraße ihre Arbeit aufgenommen, im Inselhotel jedoch bald eine Buchausleihe eröffnet. Im Vorraum des neuen Dominikaner-Kirchen-Großraumbüros wurde mittags ein bescheidenes warmes Fertigessen in Aluminiumbehältern angeboten.

Am Dienstag, 21. Juni 1966, fand alsdann die Grundsteinlegung für die neue Universität Konstanz auf dem Gießberg statt, und zwar mit einem Riesenaufgebot an Prominenz,3 wozu natürlich der baden-württembergische Ministerpräsident Dr. Kurt Georg Kiesinger (1904–1988)4 gehörte, der ja als Erfinder der Gründungsidee der Universität Konstanz gilt. Der Festakt begann um 14.30 Uhr im Inselhotel und erreichte bei herrlichem Frühsommerwetter ab 16.45 Uhr mit der Grundsteinlegung auf der grünen Wiese einer Waldlichtung am Gießberg seinen Höhepunkt. Wir Assistenten waren je einem besonders prominenten Gast zugeteilt, den wir zunächst im Inselhotel und später auf dem Gießberg zu sei-nem Platz geleiten mussten bzw. durften. Der Grundstein wurde nicht in die Erde versenkt, sondern auf dem Boden verankert und kann heute noch jenseits der Bushaltestelle zwischen den beiden Vordereingängen der Universität besichtigt werden. Unter dreimaligem Hammerschlag gab Dr. Kurt Georg Kiesingers der Bodensee-Universität den Spruch mit auf den Weg: „Den Ahnen verbunden, der Gegenwart verpflichtet, der Zukunft geöffnet!“ Zum heiteren Ausklang dieses Festtags lud die Landesregierung am frühen Abend (18.30-20 Uhr) im Meersburger Schloss zu einem Empfang, wozu sogar die Assistenten eingeladen waren, seinerzeit keineswegs selbstverständlich, nicht einmal in Konstanz.

Von Prof. Dahrendorf (1929-2009) war ich seit dem Wintersemester 1963/64 in Tübingen fasziniert, dort hatte er seine große Zeit als Soziologe, Publizist und Politikberater. In Konstanz mag ihm die große Bühne gefehlt haben, die er je-doch bald in regelmäßigen TV-Sendungen fand, wo ich ihn manchmal begleiten durfte. Wäre Prof. Dahrendorf länger der Universität Konstanz verpflichtet geblieben, hätte diese in frühen Jahren vielleicht ein noch schärferes Profil entwickelt und wäre wohl auch viel stärker durch die Sozialwissenschaftliche Fakultät geprägt worden. Als Soziologe, akademischer Lehrer und Chef war er ein höchst inspirierender, hin- und mitreißender Mensch, der sich auch leidenschaftlich für Politik interessierte und dahin ja dann auch bald abhanden kam.5 – Neben Prof. Dahrendorf war insbesondere der ebenso hochkarätige wie joviale Politikwissenschaftler Prof. Dr. Waldemar Besson (1929-1971) sehr bekannt und beliebt, der leider schon sehr bald aufgrund eines medizinischen Unglücks mit nur 42 Jahren ganz plötzlich verstarb und tief betrauert wurde. Hätte er länger gelebt und wäre er an der Universität Konstanz geblieben, hätte diese in ihren jungen Jahren eine vielleicht noch prägnantere Entwicklung nehmen können. Auf einer Bronzetafel im Inselhotel bleibt Waldemar Besson verewigt, denn hier hatte er zur Grundsteinlegung am 21. Juni 1966 als Festvortrag die erste Vorlesung über „Die Großen Mächte“ an der gerade eröffneten Universität Konstanz gehalten. Im Sommersemester 1966 gab es ein Kolloquium mit Prof. Dahrendorf und Kommissionsarbeit; im Wintersemester 1966/67 habe ich meine ersten Lehrveranstaltungen an der Universität Konstanz durchgeführt, und zwar für einen eher kleinen Kreis von Studierenden, von denen wir die meisten – gewissermaßen „handverlesen“ – aus Tübingen mitgebracht hatten. Mein Assistentenkollege Dr. Wolfgang Zapf war bereits im Sommer 1967 der allererste Habilitand unserer Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Damals gab es eine ganze Reihe fortgeschrittener Studierender, von denen einige später anderwärts universitäre Karriere machten, so etwa Bernhard Badura, Peter Flora, Hannelore Gerstein, Karl Ulrich Mayer, Walter Müller, Karl Ferdinand Schumann, Gerd Winter u.a. Gleich um die Ecke hinter uns und den „Spanischen Wänden“ saßen die Kolleginnen und Kollegen anderer Fachbereiche, von denen einige der Universität Konstanz treugeblieben sind.

Zweifellos war ich von der damaligen Gründungsatmosphäre in meinem ersten Konstanzer Sommer am Bodensee regelrecht enthusiasmiert. Immerhin gab es eine vielversprechende Gründungsdenkschrift für die neue Modell-Universität, wovon die Studierenden anderer traditioneller Universitäten damals nicht ein-mal träumen konnten. Für kurze Zeit wurde die sogenannte „Drittelparität“ praktiziert, d.h. dass in allen Entscheidungsgremien Professoren, Assistenten und Studierende jeweils ein Drittel der Stimmen besaßen. Wichtig schien die Idee der Forschungszentren, wo Professoren (Professorinnen gab es damals hier noch nicht!) sich zeitweise ganz der Forschung sollten widmen können, und das „Zentrum I für Bildungsforschung“, ein „Lieblingskind“ Prof. Dahrendorfs, hatte sich wohl am längsten halten können.

Auch die insgesamt nur drei Fakultäten stellten etwas Neues dar: Es gab eine Naturwissenschaftliche, eine Philosophische und eine Sozialwissenschaftliche Fakultät, die neben Erziehungswissenschaft, Psychologie, Soziologie und Statistik auch Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft als Sozialwissenschaften umfasste, später sogar noch Informations- und Sportwissenschaft. Diese Fakultät war wohl hauptsächlich Prof. Dahrendorfs Erfindung und aus seiner Sicht so etwas wie das Flaggschiff der Universität. Rechts- und Wirtschaftswissenschaft haben sich später als erste selbständig gemacht, der Rest wurde in der Reformwut späterer Jahre liquidiert, die Psychologie wanderte zur Biologie, der Rest zur „Geisteswissenschaftlichen Sektion“ („Sektion“ scheint mir noch heute das klassische Unwort jener Jahre!). Am allerwichtigsten dürfte seitens der Universitätsgründer jedoch die Wiederentdeckung und Aktivierung der alten Humboldtschen Idee gewesen sein, eine Institution zu schaffen, in der Lehre zumindest wieder etwas direkter aus Forschung erwachsen sollte.6

Ab 1966 wurden am Konstanzer „Sonnenbühl“ im Eiltempo naturwissenschaftliche Laborgebäude und die ersten späteren Studentenwohnheime errichtet, die 1968 aber zunächst der Universität als zweite Unterkunft dienten, womit nach zwei Jahren die Zeit des Inselhotel-Domizils für die Konstanzer Universität endgültig beendet war. Damals studierten bereits etwa 500 Studierende an der Universität Konstanz – manche vielleicht nach dem Motto: „Dort studieren, wo andere Urlaub machen!“7 – Während sich vielerorts in Deutschland gerade zusammenbraute, was sich ab 1968 als sogenannte „Studentenrevolte“ entlud (2016 vor 48 Jahren!), hatte in der Universität Konstanz gewissermaßen die Zukunft schon begonnen, jedoch leider nicht für allzu lange. Wegen der Grundordnung der Universität Konstanz kam es bald zum Konflikt mit der Landesregierung, Gründungsrektor Prof. Gerhard Hess (1907-1983) trat 1972 zurück, Theopont Diez (1908-1993), ehemaliger Oberbürgermeister von Singen und CDU-Politiker, wurde von 1972 bis 1974 als Landesbeauftragter („Staatskommissar“, „Stako“) eingesetzt (mit dem die Konstanzer jedoch großes Glück hatten), die neue Universität gewissermaßen „gleichgeschaltet“, die „gute alte“ konservative Ordnung wieder hergestellt. Damals gab es natürlich auch kleinere studentische „Stürmchen im Konstanzer Wasserglas“, und das verwegenste Spruchband enthielt die famose Frage: „Gibt es ein Leben vor dem Tode?“

Trotzdem war es eine einmalige Pioniererfahrung, im richtigen Alter bei der Gründung dieser neuen Universität dabei zu sein und an ihrem Aufbau unmittelbar mitwirken zu können, für alle (oder zumindest für viele, wenn nicht für die meisten), die damals in Konstanz dazugehörten, zweifellos eine enthusiastische und phantastische Zeit, auch wenn sich eben sehr bald schon gezeigt hat, dass nicht alle Blütenträume reiften. Dennoch sind manche wichtigen Einrichtungen, Strukturelemente und sogar Traditionen trotz oder wegen der nicht wenigen folgenden Reformen und Gegenreformen bis heute erfreulicherweise er-halten geblieben – und es sind vielleicht sogar noch mehr als homöopathische Spuren dessen vorhanden, was man Konstanzer Universitätsgeist genannt hatte bzw. nennen könnte.

Eine Hommage – mit größtem Dank an unsere Alma Mater Constantiensis, die mir so viele Jahre die Möglichkeit bot, in Forschung und Lehre und zuletzt noch in meiner Edition Schoáh und Judaica das zu tun, was ich unbedingt tun wollte, sowie an alle, mit denen ich hier kollegial zusammenarbeiten konnte: Ad multos annos – vivat, crescat, floreat!8 (13.02.2015)

[1] Ralf Dahrendorf, Gründungsideen und Entwicklungserfolge der Universität. Konstanz 2007, S 9.

[2] Foto in: "Wege zur Universität Konstanz", Südkurier (Konstanz), Nr. 139, 21.06.1966, S. 3.

[3] "Konstanz – eine europäische Universität – Begrüßung vieler illustrer Gäste", in: Südkurier (Konstanz), Nr. 140, 22. Juni 1966, S. 4.

[4] Von seiner NS-Vergangenheit sprach damals niemand, obwohl diese noch gar nicht so lange zurück lag: Er war Jurist, seit 1933 Pg der NSDAP, im Auswärtigen Amt; 1958-1966 Ministerpräsident, 1966-1969 Bundeskanzler; de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Georg_Kiesinger. Auch eine SS-Vergangenheit in der Universität Konstanz war seinerzeit kein Thema und ist jedoch 2014/15 mitnichten erledigt; interessanterweise gab es indessen frühberufene jüdische Gastprofessoren.

[5] Damals waren gerade zwei seiner aktuellen Bestseller erschienen, an denen ich noch in Tübingen hatte mitarbeiten dürfen: „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“. München 1965, und: „Bildung ist Bürgerrecht“. Hamburg 1965.

[6] Dabei entstand auch die eine oder andere sogenannte „Schule“, über die schon bald folgender bösartiger Witz kursierte: „Was ist der Unterschied zwischen dem Säntis (nächsthöchster Hausberg in der Schweiz mit ca. 2.500 m) und der Konstanzer Schule für…?“ – „Keiner: Meist sieht man ihn/sie nicht, und wenn man ihn/sie sieht, bekommt man Kopfschmerzen!“

[7] Der launige Bodensee-Seufzer dazu lautet jedoch: „Im Winter Nebel – im Sommer Besuch!“

[8] Weitere Geschichten zur Geschichte der Universität Konstanz finden sich in meinen folgenden Schriften: 1) Deutsch-ukrainische Aktivitäten – Universitärer, humanitärer, publizistischer und menschlicher Brückenbau von Europa nach Europa 1989-2009 (Konstanz 2009); 2) MenschWerden – Dem Leben seinen Sinn geben. Erinnerungen 1937-2012 (Konstanz 2012); 3) NachLese – Aus geschenkter Zeit. Eine Art Tagebuch 2012-2014 (Konstanz 2015); 4) Eine denkwürdige Dienstreise nach Israel – Zum Auftakt der Kooperation der Universitäten Konstanz und Tel Aviv 1987. (Konstanz 2015); 5) InnenAnsichten der Universität Konstanz – Erinnerungen 1966-2016 (Konstanz 2016); 6) SpätLese – Eine Art Archiv aus geschenkter Zeit (Konstanz 2017).

Prof. Dr. Erhard Roy Wiehn

Prof. Dr. Erhard Roy Wiehn ist Jahrgang 1937, er studierte in München, Tübingen und in den USA. Er kam 1966 als Assistent mit Ralf Dahrendorf nach Konstanz und war von 1974 bis 2002 Professor für Soziologie an der Universität Konstanz.

Gerd Winter

Der folgende Text enthält ein Referat, das den Ertrag eines Sommerseminars von 1967 zusammenfasste.

Demokratische Universität und ihre Rolle in demokratischer Gesellschaft

Aus einem Ferienseminar an der Universität Konstanz

In den Sommerferien 1967 fand an der Universität Konstanz auf Einladung des ASTA ein Seminar statt, mit dem Thema „Demokratisierung der Universität und Gesellschaft“. Die zum Teil fluktuierenden durchschnittlich 25 Teilnehmer der insgesamt 14 Sitzungen kamen aus allen Gruppen von Universitätsmitgliedern, aus der öffentlichen Verwaltung, Parteien und der Gesellschaftim übrigen. Die Fragen, die man mitbrachte, und die vorgeschlagene Methode, sie zu beantworten, waren unterschiedlich: in einem historischen Ansatz wollten manche die Ursachen und Folgen des 2. Juni in Berlin erklären, um so die empirischen Voraussetzungen einer Theorie der Demokratie zu schaffen; andere waren von vornherein darauf aus, eine solche Theorie zu entwickeln und zu definieren; und einer dritten Gruppe lag daran, weniger abstrakte Modelle einer demokratischen Universitätsverfassung und Programme der Wirkung der Universität auf die Gesellschaft zu erarbeiten. Alle Ansätze gingen in die Erörterungen des Seminars ein und blieben ungetrennt. Die vorgeschlagenen Ziele und Wege wurden nirgends bis zur vollständigen Klärung verfolgt. Einverständnis ohne abweichende Meinungen gab es nicht. Dennoch gab das Seminar eine gute Basis und vielfache Anregungen zum Fortdenken. In diesem Sinne ist auch das folgende nicht als Referat von Ergebnissen zu verstehen, sondern als selbständige Überlegungen im Anschluss an aufgedeckte und aufbereitete Problemstellungen.


Weiterführender Text

Demokratie in der Universität

Demokratisierung kann in einem formalen Sinn verstanden werden als die Durchsetzung der Möglichkeit, an der Herrschaft alle Personen entscheidend zu beteiligen, die ihr unterworfen sind. Vor diesem Hintergrund erscheinen viele Strukturen (d.h. Verhältnisse zwischen Positionen und Institutionen) in deutschen Universitäten als undemokratisch. Dazu gehören vor allem im Verwaltungsbereich die nur oder fast nur aus Ordinarien zusammengesetzten Senate, Fakultäten und Institute, bei der Arbeit in Forschung und Lehre, soweit es das Personal angeht, die Abhängigkeit der Assistenten von den Ordinarien, soweit es die Studenten angeht, die auf Kritik-Scheu und Irrationalismen nicht kontrollierte Stellung der Ordinarien.

Bevor nach der Demokratisierung dieser Herrschaftsstrukturen gefragt wird, bedarf die oben zunächst einmal angenommene Definition näherer Begründung:

  • Ist Demokratisierung überhaupt richtig?

  • Wenn ja: Muss, wie angenommen, ein Rest Herrschaft bestehen bleiben?

  • Ist Demokratisierung in der Universität richtig?

Die erste Frage ist eine solche der praktischen Philosophie: Soll der Mensch sich selbst bestimmen oder sich beherrschen lassen? Unter Vermeidung der anthropologischen und staatsphilosophischen unverbindlichen Metaphysik genügt es, bescheiden für das „Hier und Jetzt“ zu antworten. Die Antwort soll richtig sein, die im Interesse aller Betroffenen liegt. Sie wird im Wechseln von Gründen und Gegengründen, d.h. durch vernünftiges Argumentieren zu suchen und zu finden sein. „Selbstbestimmung liegt im Interesse aller Bürger eines Staates.“ Dieser Satz scheint auf den ersten Blick begründbar zu sein, denn jeder folgt lieber seinem als fremdem Willen. Doch ist er bereits als Maxime einzuschränken (und nicht erst in der Anwendung hier und da qua Ausnahme zu durchbrechen, s. Baier gegen Kant). Damit wird zugleich, unter Anleihe bei der Soziologie, eine Antwort auf die umseitig gegebene zweite Frage gegeben. Selbstbestimmung aller, fehlende Herrschaft also, setzt zunächst vereinbare Interessen aller voraus. Das ist im Bereich der Universität, auf den es hier ankommt, weit mehr der Fall als in der gesamten Gesellschaft, weil sich hier Personen zu einem begrenzten Zweck zusammenfinden. Dennoch gibt es neben gemeinsamen Interessen (z.B. mehr Geld für die Bibliothek) gegensätzliche (mehr bzw. weniger Vorlesungen aus der Sicht der Lernenden bzw. Lehrenden). Und selbst bei Konvergenz der Interessen muss die allgemeine Einsicht in diese meist erst hergestellt werden; dem steht aber oft und letztlich unvermeidbar ein Mangel an Sachkenntnis, gutem Willen und an Zeit entgegen. Dieselben Hindernisse bestehen bei divergierenden subjektiven Interessen, wenn es darum geht, den Kompromiss des objektiven Interesses zu vereinbaren. Selbstbestimmung findet somit ihren Gegenpol in der Effizienz. Diese macht es notwendig, Willen durch Repräsentation zu bilden und in den Gremien, die entscheiden, Abstimmungen einzuführen. Das bedeutet aber Herrschaft über die Repräsentierten und die Überstimmten. Es gilt, diese Herrschaft maximal (nicht optimal, d.h. in effizientem Verhältnis) zu demokratisieren.

Die dritte Frage nach der besonderen Situation der Universität entsteht, weil nach einer Auffassung in der Universität nicht nur aus formaler Demokratie rührende Herrschaft, sondern materiale Herrschaft der Lehrenden besteht, die notwendig uneinschränkbar ist. Eine Vereinbarung der Lehrinteressen mit den konfligierenden Interessen der Lernenden sei irreales Streben nach Synthese und führe die Repräsentanten der Beherrschten in Rollenkonflikte oder gar Kollaboration. Schon oben wurde jedoch die Vereinbarkeit vieler Interessen nachgewiesen und allgemein mit dem gemeinsamen Zweck der Universität begründet. Sie lässt sich über das oben gezeigte Beispiel hinaus empirisch nachweisen und entspricht der alltäglichen Erfahrung in der Konstanzer Universitätsverwaltung. Auch im Bereich praktizierter Forschung und Lehre kann die aus Wissensvorsprung und Prüfungsmacht leicht entstehende autoritäre Tendenz des Lehrkörpers durch neue Veranstaltungsformen, Vorlesungskritik, Mitwirkung an dem Vorlesungsplan, Parallel-Lehrstühle und objektivierte Prüfungsmaßstäbe reduziert werden.

Für die unvermeidbaren Herrschafts-Strukturen sind somit (in Konstanz z.T. schon verwirklichte) Vorschläge zur Art und Weise der Demokratisierung gemacht, soweit es die Studenten angeht: Die Stellung der Assistenten, die durch persönliche Abhängigkeit, unkontrollierte Beliebigkeit der Einstellung, Entlassung und Habilitation noch fühlbarer Herrschaft als die Studenten ausgesetzt sind, kann demokratisiert werden, indem die Assistenten durch ein kollegiales Organ des Fachbereichs eingestellt und entlassen, einem Ordinarius als Mitarbeiter in Forschung und Lehre bei- und nicht untergeordnet werden und in einem formalisierten, von irrationalen Einflüssen unabhängigen Ausbildungsgang zur Habilitation gelangen. Die nur aus formalen Gründen notwendige Herrschaft in der Universitätsverwaltung muss u.a. besonders auf zwei Stufen demokratisiert werden:

a) Die Fachbereiche

Sie haben im Wesentlichen Aufgaben der Lehrorganisation1 (generelle Regelung der Studiengänge, Prüfungen, Aufstellung des Kollegplans, Diskussion der Lehrmethodik, Personalfragen). Im Wesentlichen stehen sich Interessen der Lehrenden und Lernenden gegenüber (nur in oben erwähnten Personalfragen der Assistenten sind auch die Interessen der Lehrenden gespalten). Eine hälftige Besetzung des Entscheidungsorgans („Fachbereichsversammlung“) aus Angehörigen des Lehrkörpers und der Studenten würde deshalb naheliegen. Geht man jedoch davon aus, dass es wünschenswert ist, wenn alle Lehrenden Mitglieder der Fachbereichsversammlung sind (Vereinbarung der Veranstaltungen, Vorlesungskritik), so würde die Fachbereichsversammlung bei Hinzunahme einer entsprechenden Anzahl von Studenten aus bis zu 80 Personen bestehen und kaum noch arbeitsfähig sein; auch wäre der Zeitaufwand so vieler Studenten unnötig. Denn, dass eine kleinere Vertretung der Studenten immer überstimmt werden könnte, lässt sich auch dadurch vermeiden, dass ihr ein Vetorecht eingeräumt wird. Andererseits kommt es aber auch darauf an, dass der oder die studentische(n) Standpunkt(e) möglichst breit und begründet zur Geltung kommen; deshalb genügt ein Sitz nicht, sondern es ist eine gruppendynamisch und der Sachkunde der Studenten nach günstige Zahl zu finden, die von mindestens drei an proportional zu den Lehrstühlen bei größeren Fachbereichen wächst. Diese Zahl lässt zugleich eine gegenseitige Kontrolle der Studenten zu. Ihre Repräsentativität setzt allgemeine Wahl über die Fachschaften voraus.

Die Fachbereichsversammlung sollte somit aus dem Lehrkörper des Fachbereichs und einer Studentenvertretung des beschriebenen Umfangs bestehen. Normalerweise werden die Fronten in Diskussion und Abstimmung in vertretenen Gruppen querlaufen (wie auch die Erfahrung an der Universität Konstanz zeigt). Im Fall verhärteter Fronten gilt die Klausel, dass gegen die einhellige Meinung der Studentenvertreter kein Beschluss gefasst werden darf. Die Versammlung kann geschäftsführende und laufend verwaltende Ausschüsse einsetzen. Insbesondere über die Personalfragen ließe sich ein Ausschuss bilden, der der besonderen Interessensstruktur bei ihnen Rechnung trägt.

Die Fachbereichsversammlung gewinnt an Vertrauen, wenn sie öffentlich tagt und auf diese Weise die Studenten in Stand setzt, ihr Studium als solches zu reflektieren und an seiner Regelung mitzuwirken.

Die soeben entwickelte Fachbereichsorganisation hat an der Universität Konstanz begründete Aussicht, verwirklicht zu werden.

b) Das Universitätsparlament

aa) Auch bei der Zusammensetzung des Universitätsparlaments (Großer Senat) muss zunächst von den Aufgaben ausgegangen werden. Es gibt bei den Verwaltungsaufgaben der Universität einen Bereich von übergeordneter Bedeutung, die die Universitätsmitglieder fachlich oder in ihrer sozialen Rolle besonders stark oder nachhaltig berührt: Die Formulierung der grundsätzlichen Politik nach außen und innen, der Aufbau der Struktur von Institutionen, Positionen und Prozessen, die Setzung von Zielen und Regeln für die wiederkehrenden Verwaltungstätigkeiten, Einzelentscheidungen über weitreichende Fragen (z.B. Berufungsvorschläge, Wahl des Rektors) und besonders starke Interessenkonflikte. Diese Aufgaben sollten von einem Organ wahrgenommen werden, in dem möglichst viele Interessen und Meinungen auf gleicher Ebene zu Wort und Abstimmung kommen: dem noch näher zu beschreibenden Parlament.

Die politischen Entscheidungen, wie sie das Parlament fällt, werden als laufende Verwaltung durch den Rektor ausgeführt. Daneben bereitet auch dieser, da er während seiner langen Amtszeit und mit Hilfe seines Verwaltungsapparates die meisten Informationen sammelt, die Beschlüsse des Parlaments vor und setzt im Einvernehmen mit dem Parlamentspräsidenten die Tagesordnung der Sitzungen fest.

Die Entscheidungen in den Aufgaben mittleren Ranges trifft der Kleine Senat, der als Hauptausschuss des Parlaments mit Vorsitz des Rektors konzipiert ist. Solche Aufgaben sind sowohl laufend anfallende, die die Lehr- und Forschungsarbeit unmittelbar und erheblich berühren (z.B. Bewilligung von Forschungsmitteln) und deshalb nicht dem Rektor zustehen, als auch einmalige, die nicht das grundsätzliche Niveau des Parlaments erreichen. Daneben hat der kleine Senat gegenüber dem Parlament die Aufgabe, Beschlüsse vorzubereiten und über den Rektor vorzuschlagen.

Die Zuweisung einer Kompetenz-Kompetenz an ein Organ ist wohl entbehrlich, logisch jedenfalls bleibt durch die Scheidung Grundsatz – Ausführung kein Bereich, der nicht einem Organ zustände. Bei Streitfällen entscheidet schon ex definitione je nach Bedeutung der Sache der Kleine Senat oder das Parlament. Im Normalfall entscheidet der Rektor über die Zuständigkeit, da er die Tagesordnungen festsetzt oder doch vorbereitet.

Dieses vorgeschlagene Organgefüge entspricht nicht ganz dem derzeitigen Zustand in Konstanz. Dort ist der Große Senat für Strukturfragen zuständig, wird de facto weithin aber auch in dem ihm hier zugewiesenen Umkreis tätig.

bb) Die Aufgaben des Parlaments wie auch der genannten anderen Organe gehen alle Universitätsmitglieder an. Z.B. berühren die Berufungsvorschläge auch die Interessen der Studenten. Es gilt, eine demokratische Form der Repräsentation und der Parlamentsarbeit zu finden. Zu berücksichtigen ist insbesondere, dass nicht nur die Interessen der Gruppen (Ordinarien, Studenten usw.) vertreten sein müssen, sondern auch die der verschiedenen Fachbereiche, die den Gruppeninteressen querlaufen können (z.B. der Student oder Ordinarius der Naturwissenschaften plädiert für ein längeres Studium als der der Sozialwissenschaften).

Es ist im Sinne der Politisierung der Universität (zu dem politischen Auftrag der Universität s. weiter unten) wie auch einer offenen Auswahl der Sachverständigsten wünschenswert, wenn die Kandidaten nicht allein unter festem Fach-/oder Gruppenproporz (oder gar wie im Berliner Hochschulgesetzentwurf nur nach letzterem) gewählt werden. Stattdessen sei vorgeschlagen, den größten Teil eines nach seiner Zahl noch arbeitsfähigen Parlaments (etwa 60 Mitglieder) von allen Universitätsmitgliedern frei zu wählen. Die Fachbereiche und Zentren2 könnten als Wahlkreise dienen, ohne dass die Kandidaten aber ihnen angehören müssten. Die Stimmen sind in dieser Weise zu gewichten, dass in dem (an sich nicht wünschenswerten und sicher nicht üblichen) Fall, wenn alle Gruppenmitglieder nur wieder Gruppenmitglieder (z.B. Studenten nur Studenten) wählen, eine Drittelung des Parlaments in Vertreter der Ordinarien, des Mittelbaus einschließlich Assistenten und der Studenten einträte. (Im Normalfall werden Studenten oft ein sachkundiges Mitglied des Lehrkörpers einem Studenten vorziehen.)

Damit unabhängig von dem Wahlausgang in jedem Fall die Interessen der Gruppen und Fachbereiche im Parlament zur Geltung kommen und der Informationsfluss zu ihnen gewahrt bleibt, sollten jeweils wenige Vertreter der Ordinarien (die sich dann zu einem eigenen Organ für ihre Selbstverwaltungsangelegenheiten konstituieren müssten), des Mittelbaus und der Studenten sowie die Dekane der Fakultäten qua Position Mitglieder des Parlaments sein. Die Aufnahme weiterer Personen (z.B. aus Verwaltung und Bibliothek) mag im Einzelnen offen bleiben.

Universität und demokratische Gesellschaft

Wie kann die Universität zur Demokratisierung der Gesellschaft beitragen? Die Frage hat, genau besehen, zwei Bestandteile: Wie kann die Universität undemokratische Strukturen ändern? Und: Wie kann sie so reformierte Strukturen erhalten? Beide Aspekte sind jedoch verschränkt und können gemeinsam behandelt werden.

Demokratisierung der Gesellschaft hebt bereits in der Universität selbst an. Herrscht in dieser, wie beschrieben, gleichberechtigte Selbstbestimmung bei der Arbeit in Forschung und Lehre und in der Verwaltung, dann wird sich ein so entwickeltes freies, kritisches Bewusstsein der Universitätsmitglieder auch jenseits der Universitätspforte Gehör verschaffen. Es wird sich gegen zwei Fronten durchsetzen müssen: Gegen eine bildungshumanistische deutsche Innerlichkeit und gegen eine Mentalität technologischer Rationalität, die beide die dezisionistische Setzung von Zwecken autoritätsgläubig hinnehmen, statt neben den Mitteln auch die Zwecke der Pflicht rationaler Begründung, und d.h. dem Prozess der Selbstbestimmung zu unterwerfen.

Diesen politischen Auftrag des Universitätsmitglieds erteilt der Gegenstand, mit dem es sich beschäftigt: die Wissenschaft, verstanden als eine kritische, die sich selbst als gesellschaftliche Arbeit erkennt und begreift, dass sie das Schicksal ihrer Ergebnisse überwachen muss, will sie nicht genau den Zwängen verfallen, die sie aufgedeckt und verfügbar gemacht hat. Das gilt nicht nur für die Humanwissenschaften, sondern fordert auch die Naturwissenschaften in die Selbstreflektion. Es leuchtet hiernach ein, dass das politische Handeln der Universitätsmitglieder über die Hochschulpolitik hinaus in die allgemeine Politik wirken muss.

Problematisch ist der Träger solchen politischen Verhaltens: Ist es Sache der einzelnen Universitätsmitglieder, Angelegenheit von ständigen oder ad hoc (z.B. Unterschriftensammlung) gebildeten politischen Gruppen oder ist es Aufgabe der Universität als Körperschaft und ihrer Organe?

Es ist selbstverständlich, dass jedes Universitätsmitglied sich als Staatsbürger politisch betätigen kann; wie gezeigt, kommt ihm als Wissenschaft treibendem dabei ein besonderer Auftrag zu. Nichts anderes kann auch für politische Gruppierungen an der Universität gelten, die eigens zu politischen Zwecken geschaffen sind. Jedoch, sind nicht jedenfalls die Vertretungsorgane (Senate, Rektor, Fachbereiche) auf den reinen Wissenschaftsbetrieb beschränkt? Drei Gründe werden dafür geltend gemacht:

a) die Universität als Körperschaft hat sich im Rahmen ihrer Zwecke zu halten, und das heißt, im Rahmen von Forschung und Lehre (Bettermann). Dieses Argument aus dem Recht der öffentlichen Körperschaften ist juristisch stichhaltig. Das Problem ist damit aber noch nicht gelöst. Es wird vielmehr virulent mit der Definition des Wissenschaftsbegriffes, die mit juristischer Auslegungskunst nicht geklärt werden kann, sondern auf eine außerjuristische wissenschaftstheoretische Erörterung verweist. Wie sie zu lösen ist, im Sinne einer kritischen Wissenschaftstheorie nämlich, wurde bereits gesagt.

b) die Organe der Universität repräsentieren nicht nach demokratischen Regeln die verschiedenen Universitätsmitglieder, und, soweit Wahlen stattfinden, haben sie keinen politischen Bezug. Beide Einwände treffen auf die herkömmliche Struktur der Universität (mit Ausnahme der meisten Studentenvertretungen) zu. Jedoch ist damit nicht ausgeschlossen, dass Repräsentation und politisierte Wahl eingeführt werden könnten, etwa in dem oben für die Fachbereich und Senate vorgeschlagenen Organisationsmodell.

c) Universität und Studentenschaft sind Zwangskörperschaften. Wer als Beamter, Angestellter oder Immatrikulierter in Forschung und Lehre tätig ist, ist zugleich Mitglied der Universität. Er wird damit nolens volens von deren Organen vertreten und muss ihre Politik hinnehmen.

Dagegen lässt sich zunächst einwenden, dass etwa auch ein selbständiger Handwerksmeister qua Position Mitglied der Handwerkskammer ist und ihre Politik dulden muss. Zwar ist diese in der Regel weniger allgemein-politisch interessiert, doch liegt der besondere politische Auftrag der Universität eben an deren besonderen Zweck der Wissenschaft und ihren politischen Implikationen. Wer sich einmal auf jene einlässt, ist zugleich in die politischen Schranken gefordert. Es gilt nur, dafür zu sorgen, dass sein Wille ausreichend zur Geltung kommt. Das ist durch eine politisierte Wahl von Repräsentanten gewährleistet. Zudem sind jeweils dissenting opinions in beschlussfassenden Gremien zu veröffentlichen. Auch darf ein Vertretungsorgan nicht über die Vertretenen Aussagen machen, sondern nur für sich sprechen, das Universitätsparlament also nur im eigenen Namen Erklärungen abgeben. Im übrigen ist zu empfehlen, dass nur dann allgemein politische Beschlüsse gefasst werden, wenn sie einer breiten Zustimmung an der Universität gewiss sein können und eine sichere Wirkungschance haben. Die übrige politische Aktivität liegt dem Schwerpunkt nach bei den politischen Hochschulgruppen und spontanen Gruppierungen.

Die Frage nach dem gesellschaftspolitischen Auftrag hat bewusst nicht zwischen Universität als ganzer und Studentenschaft unterschieden. Die Begründung aus dem Wissenschaftsbegriff, trifft sie zu, muss für beide gleich gelten, ebenso wie im übrigen auch für die Assistentenschaft und den Ordinarienkonvent.

Konstanz, den 31.10.1967 – Gerd Winter

[1] Dazu gehört auch die im Lehrangebot inbegriffene Forschung.

[2] (Zentren sind interdisziplinäre Forschungsgruppen, die außerhalb des Lehrbetriebes für längere Zeit ein spezielles Forschungsthema bearbeiten.)

Prof. Dr. Gerd Winter

Prof. Dr. Gerd Winter, geboren 1943 in Diepholz, aufgewachsen in Lüneburg, er studierte Rechtswissenschaft in Würzburg, Freiburg, Lausanne und Göttingen. 1. jur. Staatsexamen 1966. Promotion 1968. 2. jur. Staatsexamen 1971. von 1966 bis 1968 Aufbaustudium der Soziologie an der Universität Konstanz. AStA-Vorsitzender 1967/1968. Lic. rer. soc. 1968. Wissenschaftlicher Assistent im Fachbereich Rechtswissenschaft der Universität Konstanz von 1969 bis 1972. Von 1972 bis 1973 Visiting Scholar Yale Law School. Seit 1973 Professor im Fachbereich Rechtswissenschaft der Universität Bremen, zunächst für Privatrecht, dann für öffentliches Recht. Von 1987 bis 1993 Mitdirektor des Zentrums für Europäische Rechtspolitik (ZERP). 1994 Gründung und seitdem (Ko-)Leitung der Forschungsstelle für Europäisches Umweltrecht (FEU). Forschung vor allem über Umweltrecht mit interdisziplinärem, rechtsvergleichendem und Mehrebenen-Ansatz (http://www-user.uni-bremen.de/~gwinter/veroeffchronol.html.). Beratung der Verwaltungs- und Umweltrechtssetzung in Übergangsstaaten, insbesondere Georgien.