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Maria Tittel
[maria.tittel@uni-konstanz.de]
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KollegiatInnen
Koordinator
HochschullehrerInnen


Me tangere.
Versuch über eine Ästhetik der Versehrtheit in der Kunst der Gegenwart.

Projektskizze:

Die Darstellung körperlicher und sozial-gesellschaftlicher Versehrtheit ist Teil zeitgenössischer künstlerischer Praxis. Es wird dabei die (Zer-)Störbarkeit, Unabgeschlossenheit, Prozessualität und Performativität organischer Ganzheit betont. Solche kunstpraktischen Auseinandersetzungen fordern eine theoretische Einbettung, sodass moderne Leit- und Einheitsbegriffe wie Gesellschaft, Identität, Ordnung oder System dekonstruiert und überdacht werden können.
Unter Versehrtheit werden körperliche, d.h. krankheitsbedingte wie auch sozial-gesellschaftliche, Andersartigkeiten verstanden, die sich an der Körperoberfläche im Modus der Darstellung nachweisen lassen. Die Beschäftigung mit dem „versehrten Subjekt“ thematisiert dabei Momente inhärenter Fremdheit sowie deren Ausdrucksmöglichkeiten. Selbstvergewisserungen, situiert zwischen dem Eigenen, Anderen und Fremden, betonen dabei die Plastizität (Vgl. Catherine Malabou) von individueller und kollektiver Identität.
Die Kunstbetrachtung lässt einen Andersblick auf kulturelle Setzungen wie Innen und Außen, Inklusion und Exklusion, Zentrum und Peripherie zu, sodass die Geschlossenheit sowie überhaupt die Möglichkeit geschlossener Systeme infrage gestellt und unter der Denkfigur der Versehrtheit ad absurdum geführt werden kann.

Anklang und Ausgang nehmend am Realen in der Kultur der Moderne können unter dem Aspekt der Versehrtheit in der Kunst der Gegenwart künstlerische Positionen betrachtet werden, die sich mit dem Zwischenraum von Sichtbarem und Unsichtbarem beschäftigen und weithin in das Feld politischer Kunst fallen. Künstlerische Überprüfungen beschreiben dabei sozial-gesellschaftliche Prozesse jenseits der Kategorien von Marginalität, Normalität oder Ordnung und stellen diese Kategorien zur Diskussion. Als Operationsfigur des Projekts wird der Begriff der Versehrtheit als terminus technicus produktiv gemacht. Neben einer theoretischen Fassung wird dezidiert anhand künstlerischer Positionen argumentiert: Von der Kunstbetrachtung einzelner, durch Krankheit versehrter Körper (Christoph Schlingensief, Hannah Wilke, Nicholas Nixon, u.a.) lässt sich das Untersuchungsfeld hin zu gesellschaftspolitisch motivierten Kunstformen (Boris Mikhailov, Pjotr Pawlenski, Christoph Schlingensief, Zentrum für politische Schönheit, u.a.) weiterentwickeln. Photographie und Film, Performance und Kunstaktion sowie Installation stecken medial das Untersuchungsfeld ab und grenzen das Arbeitscorpus ein. Über die Kunstbetrachtung und die Einbettung in einen geistes- und kulturwissenschaftlichen Kontext soll einer Ästhetik der Versehrtheit nachgespürt werden. Hierbei erlaubt das Abstraktum der Versehrtheit den Achsensprung vom Individuum zum Kollektiv, der durch Rematerialisierung zurück zum Körper und somit im Zirkelschluss zur Frage des Realen führt.

Kurzinformation zur Person:

Studium der Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft an der Universität Konstanz und Kunstgeschichte mit Museologie und Theaterwissenschaften an der ENS Lyon. Im Juli 2013 Master of Arts mit einer Thesis zum Thema „‚Folgen Sie mir oder folge ich Ihnen?‘ Zukunftsperspektiven für das Werk Christoph Schlingensiefs: Im Museum, in Afrika und darüber hinaus.“ und anschließend bis März 2014 Research Assistant an den KW Berlin – KUNST-WERKE BERLIN e.V. für die Ausstellung „Christoph Schlingensief“. Ab Sommer 2014 Promotion in der Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaft an der Universität Konstanz und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Betreuung durch Prof. Dr. Bernd Stiegler & Prof. Dr. Reinhold Görling). Von August bis Dezember 2014 Stipendiatin der LGFG der Universität Konstanz (Anschubfinanzierung) und von April 2015 bis April 2016 Stipendiatin des GRK 1678 „Materialität und Produktion“ der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Seit April 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am DFG-Graduiertenkolleg „Das Reale in der Kultur der Moderne“ der Universität Konstanz.

Publikationen:

  • „Hosentaschenschätze“ (zusammen mit Agnes Popp) | Text- und künstlerisch-photographischer Bildbeitrag sowie Lektorat zur Publikation: Transfer. Hrsg. von Heiner Blum und Sven Sappelt, Konstanz 2009.
  • Textbeitrag zu Werken von: Tina Hage, Hans Hansen, Sebastiao Salgado, Jules Spinatsch, Beat Streuli | In: Labour/Arbeit – Set 7 aus der Sammlung des Fotomuseum Winterthur. Hrsg. von Fotomuseum Winterthur 2010.

Vorträge:

  • „HeLa: Speculative Identity – On the ‘Survival’ of Henrietta Lacks in Art“. Internationale Konferenz „Bodily Matters: Human Biomatter in Art. Materials / Aesthetics / Ethics“, 7. –8. Juli 2016, University College London | Institute of Advanced Studies. 
  • Vorstellung des Dissertationsprojektes im Rahmen des Workshops „(Un-)Sinn(lichkeit). Körper, Sprache, Ethik bei Jean-Luc Nancy und Jacques Derrida“, 8.–10. Juni 2016, Université de Fribourg.