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Caroline Haupt
[caroline.haupt@uni-konstanz.de]
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KollegiatInnen
Koordinator
HochschullehrerInnen


Kontingenz und Risiko.
Der Unfall und die literarische Moderne (1880–1930)

Projektskizze

Durch die moderne Technisierung und ihre mechanisierten Produktionsabläufe erfahren Eisenbahnunglücke und Arbeitsunfälle im Zuge der Industrialisierung zunehmend kulturelle Präsenz. Als ‚säkularisierte Form des Übels‘ (F. Ewald) wird der technische Unfall in der literarischen Moderne im Zeitraum von 1880 bis in die 1930er Jahre immer wieder zum beliebten Sujet unterschiedlichster Textgattungen. Auffällig ist hierbei, dass die Unfall-Texte von einem inneren Spannungsverhältnis geprägt sind: denn obwohl der Unfall als genuin modernes Phänomen gilt, der erst durch die ‚Fehlabläufe‘ des modernen Verkehrs- und Transportwesens hervorgebracht wird, bedienen sich die literarischen Texte Mythisierungsverfahren, die ihrerseits als spezifische Erzählschemata erfasst werden können. Der ‚Unfall-Mythos‘ – so die Arbeitshypothese – bildet im genannten Untersuchungszeitraum unterschiedliche Mythenstrukturen aus, die im Projekt ermittelt und analysiert werden sollen:
Während der Unfall in den realistischen Balladen anlässlich des Einsturzes der Firth of Tay-Brücke (1879) noch als Kulminationspunkt einer immanenten Gefahr im Sinne des religiös kodierten ‚Unglücksfall’ (casus fortuitus) inszeniert wird und seine negativen Folgen betont werden, kommt es mit der Erfindung des Automobils um die Jahrhundertwende zu einer positiven Umbesetzung des Unfalls in der Historischen Avantgarde: Im Gründungsmanifest des Futurismus von Filippo Tommaso Marinetti wird der Autounfall zum Ausgangspunkt der Proklamation der avantgardistischen ‚Lebenskunst‘. Im Zuge eines sich verändernden Normalitätsverständnisses, das vor allem der Institutionalisierung des modernen Versicherungswesens geschuldet ist, fungiert der Unfall in den Texten der ‚Klassischen Moderne‘ (Kafka, Musil) zum einen als ‚Zwischenfall‘ bzw. ‚Störer‘, womit seine modernen Bewältigungspraktiken (von Recht, Medizin und Versicherungswesen) reflektiert und zumeist kritisiert werden. Zum anderen steht in einigen Novellen und Märchen (Mann, Bierbaum) sein Ereignischarakter im Vordergrund, womit der Unfall stärker in fiktionale Erzählkontexte eingebettet wird und gattungstheoretische Implikationen mit sich bringt.
Das Forschungsvorhaben möchte sich den genannten literarischen Darstellungsweisen (als Mythen und Narrative) widmen wie auch die symbolischen Repräsentationen des Unfalls (als Kollektivsymbol) in Augenschein nehmen. Aus epistemologischer Sicht entzieht sich der Unfall seiner syntagmatischen Abbildbarkeit und lässt sich erst durch die zerstörten Entitäten und durch gestörte (Verkehrsstörungen) bzw. fehlerhafte Abläufe (psychischer und religiöser Art) dechiffrieren. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass der Unfall über symbolische Topiken (‚Totalität‘, ‚Formation‘) verfügt, die in den Texten unterschiedlich akzentuiert werden und im Vordergrund der Analyse stehen sollen.