Fachbereich Philosophie


Bayesianismus aus naturalistischer Sicht

Der Bayesianismus ist das meistdiskutierte Modell für induktives Schließen in der Wissenschaftstheorie. Der Naturalismus ist eine machtvolle Strömung in der gesamten Philosophie. Deswegen erhebt sich die Frage, wie der Bayesianismus aus naturalistischer Sicht zu beurteilen ist.

Die Bestätigungstheorie hat zwei Aufgaben: Zum einen soll sie eine systematische Beschreibung unserer induktiven Praktiken und Methoden geben, zum anderen soll sie unsere induktiven Praktiken und Methoden begründen. Der zur Zeit meistdiskutierte und meistvertretene Versuch, diese Aufgaben zu lösen, ist der Bayesianismus. Er nimmt an, dass ein ideal rationales Subjekt Glaubensgrade bezüglich der Wahrheit von Aussagen hat (d.h. dass sich die Unsicherheit und das Teilwissen des Subjekts bezüglich der Wahrheit von Aussagen durch Zahlen messen lassen) und dass die Glaubensgrade des Subjekts den Axiomen der Wahrscheinlichkeitstheorie gehorchen.
Bei der Untersuchung, wie gut der Bayesianismus seine Aufgabe löst, lasse ich mich von der naturalisierten Erkenntnistheorie leiten. Wichtige Behauptungen der naturalisierten Erkenntnistheorie sind die Ablehnung von skeptischen Begründungsstandards, die Ablehnung von apriorischen Begründungen und Methoden sowie die Orientierung an der Wissenschaftspraxis. Bei einer kompletten Naturalisierung der Erkenntnistheorie unterscheidet sich die Erkenntnistheorie in ihrem Vorgehen nicht mehr von den Einzelwissenschaften, sondern wird ganz und gar ein Teil von ihnen, wobei auch eine komplett naturalisierte Erkenntnistheorie eine gute Erklärung dafür geben kann, worin der normative Aspekt der Erkenntnistheorie besteht. Wie sich jedoch herausstellt, sind die Behauptungen der naturalisierten Erkenntnistheorie von sehr allgemeiner und programmatischer Natur, weswegen sich aus ihnen selten klare Argumente für oder gegen bestätigungstheoretische Theorien wie den Bayesianismus gewinnen lassen.
In der zweiten Hälfte der Arbeit diskutiere ich einige zentrale Argumente, die für bzw. gegen den Bayesianismus sprechen. Das stärkste Argument für den Bayesianismus ist seine systematisierende Leistung. Es gelingt ihm, viele wichtige Intuitionen und Faustregeln über induktives Schließen aus den Wahrscheinlichkeitsaxiomen herzuleiten und auf diese Weise zu erklären. Des Weiteren kann der Bayesianismus erklären, was der wahre Kern von anderen induktiven Methoden ist, etwa vom Falsifikationismus, von der hypothetisch-deduktiven Methode, usw., und wo deren jeweilige Schwächen liegen. Zudem ist er ein gutes Instrument, um Probleme und Paradoxien der Bestätigung zu analysieren und historische Episoden aus der Geschichte der Wissenschaft zu beschreiben und nachzuvollziehen.

Doch wird auch deutlich, dass sich der Bayesianismus massive Einschränkungen gefallen lassen muss. Diese Modifikationen ergeben sich aus der Diskussion der Rolle des Hintergrundwissens und der Rolle der Plausibilitätsbetrachtungen, welche der Bestimmung der Anfangswahrscheinlichkeiten dienen. Diese Einschränkungen führen dazu, dass der Bayesianismus keine komplette Absicherung induktiven Schließens geben kann. Dadurch wird auch in Frage gestellt, ob die Beschreibung, die der Bayesianismus von induktivem Schließen gibt, wirklich umfassend und allgemeingültig ist. Auch die Diskussion der Konvergenzresultate, die die Annäherung der Glaubensgrade an die Wahrheit zeigen sollen, geschieht unabhängig von der naturalisierten Erkenntnistheorie. Das Ergebnis dieser Diskussion ist, dass die Konvergenzresultate weniger zeigen als gewünscht, weil sie keine Aussagen über die Geschwindigkeit der Annäherung unserer Meinungen an die Wahrheit geben.