Fachbereich Philosophie


Wahrscheinlichkeiten als Tendenzen

Eine Untersuchung objektiver Wahrscheinlichkeitsbegriffe unter besonderer Berücksichtigung der Propensity-Theorie

Auf die Frage, was Wahrscheinlichkeitsaussagen bedeuten, worauf sich das Wort „wahrscheinlich“ bezieht, sind sehr verschiedene Antworten gegeben worden. Sie lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Den einen zufolge bedeutet „wahrscheinlich A“, wo A ein geeigneter Aussageinhalt ist, dass mit A stark (aber nicht definitiv) zu rechnen ist, dass A durch die vorliegenden Informationen stark (aber nicht maximal) gestützt wird, oder etwas dergleichen. Dies sind die subjektivistischen oder epistemischen Deutungen des Wahrscheinlichkeitsbegriffs. Das Wort „wahrscheinlich“ bezieht sich bei ihnen auf die epistemische Situation urteilender Subjekte, Wahrscheinlichkeiten sind vernünftige Überzeugungs- oder Bestätigungsgrade. Den anderen zufolge bezieht sich „wahrscheinlich“ auf die diesen Subjekten gegenüberstehende Wirklichkeit. Es wird dadurch eine Aussage über deren Beschaffenheit gemacht, und nicht über die Informationssituation des Sprechers; „wahrscheinlich“ deutet nicht die epistemische Qualifikation eines Aussageinhalts an, sondern ist selbst Teil des ausgesagten Inhalts. Die Wahrheitsbedingungen von Wahrscheinlichkeitsaussagen hängen allein von der Wirklichkeit ab. Solche Deutungen des Wahrscheinlichkeitsbegriffs heißen objektivistisch oder ontisch. Sie sind das Thema dieser Arbeit.

    Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt dabei auf der sog. Propensity-Theorie, nach der Wahrscheinlichkeiten „Neigungen“ oder „Tendenzen“ in der Natur sind. Drei Hauptvarianten dieser Theorie, die jeweils durch einen Autor repräsentiert sind (Karl Popper, Hugh Mellor und David Lewis), werden dargestellt und bewertet. Das Ziel ist es, ein einigermaßen vollständiges Bild von den Möglichkeiten und Grenzen, Vorzügen und Schwächen der Propensity-Auffassung zu zeichnen. Es zeigt sich dabei, dass die aussichtsreichste Theorievariante die Lewissche ist, der zufolge objektive Wahrscheinlichkeiten oder Propensitäten dasjenige an der empirischen Wirklichkeit sind, das bestimmte Überzeugungsgrade (subjektive Wahrscheinlichkeiten) zu den einzig „richtigen“ oder „angemessenen“ macht. Da dies normative Ausdrücke sind, wären Propensitäten Bestandteile der empirischen Wirklichkeit mit einer besonderen normativen Kraft. In diesem Merkmal oder dieser Merkwürdigkeit liegt das Hauptproblem der Propensity-Theorie, es muss – anders als Lewis selber meint – als nicht weiter explizierbar hingenommen werden. Die Propensity-Theorie der Wahrscheinlichkeit steht oder fällt mit der Frage, ob es legitim ist, derartige, in einem irreduziblen Sinne normative Entitäten als Bestandteile der Wirklichkeit anzunehmen.

    Die Konkurrenten der Propensity-Theorie im Spektrum der objektivistischen Interpretationen sind Häufigkeits- und Inhaltsauffassung. Der Häufigkeitstheorie zufolge sprechen Wahrscheinlichkeitsaussagen über relative Häufigkeiten in geeigneten Referenzklassen; die Inhaltsdeutung ist eine Weiterentwicklung der klassischen Konzeption, nach der Wahrscheinlichkeiten Symmetrien in der Natur sind. Diesen beiden Auffassungen ist jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet; sie werden so weit entwickelt, dass ein Vergleich mit der Propensity-Deutung möglich ist und klar wird, wie die Alternativen zu dieser aussehen. Es werden aber nicht alle Aspekte, Probleme und Varianten dieser Alternativkonzeptionen behandelt.