84. Jahrgang, 2010

Heft 4

 

 


Henrike Manuwald (Freiburg):
 

Das Nibelungenlied als ›moderner Roman‹? Die Wigand’sche Prachtausgabe (1840/41) und ihre Rezeption

 

(Abstract)

Zur Gutenbergfeier 1840 publizierten die Verlegerbrüder Wigand das Nibelungenlied in einer bebilderten Prachtedition, die eine ambivalente Reaktion fand. Vor der Folie dieser Reaktion und des zeitbedingten Entstehungskontexts der Ausgabe wird ihre Konzeption herausgearbeitet, durch die im Nibelungenlied Züge eines Kriemhild-Romans erkennbar gemacht werden.

On occasion of the Gutenberg celebrations in 1840 Georg and Otto Wigand published an illustrated edition of the Nibelungenlied: it met with ambivalent reactions. Against the background of these reactions and the edition’s contemporary context, this paper looks at its underlying concept, which highlights features of a Kriemhild novel.

 

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Robert Schütze (Bochum)

Auf Teufel komm raus. Wie Harsdörffers Seelewig ihren Prätext zerstört

 

(Abstract) 

Dass Georg Philipp Harsdörffers Seelewig-Libretto als eines der ersten geistlichen Schäferspiele deutscher Sprache einer dezidiert allegorischen Gattung angehört, gilt der Harsdörffer-Forschung weithin als unstrittig. Demgegenüber versucht der vorliegende Beitrag zu zeigen, dass der Text ein hermeneutisches Doppelspiel initiiert, dessen Regeln zwar einerseits eine allegorische Entzifferung des Geschehens erzwingen, diese aber zugleich unmöglich machen. In der Projektion dieser Aporie auf den jesuitischen Prätext der Seelewig, zu dem das Schäferspiel eine komplexe Spiegelrelation unterhält, dementiert und demontiert es dessen ›autoexegetische‹ Programmatik ebenso, wie es die Möglichkeit einer bruchlosen Allegorese im Grundsatz in Frage stellt.

 

Among researchers on Georg Philipp Harsdörffer the widely held view persists that his Seelewig-libretto, as one of the first clerical pastorales in German language, ranks among the exponents of a decisively allegorical genre. By opposing this commonplace the following article aims to show that the text initiates a hermeneutic double edged game, whose rules enforce an allegorical decipherment of the plot, yet render it impossible at the same time. In projecting this aporia on the Jesuit pretext of Seelewig, to which the pastoral maintains a complex mirror-relation, it denies both its ›autoexegetical‹ objectives as well as the possibility of a seamless allegoresis in principle.

 

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Joel B. Lande (Chicago/Konstanz)

In Sober Jest: The Emergence of the Comedic Genre in the Age of Enlightenment

 

(Abstract) 

This essay gives an account of the role of the comedic genre in the early Enlightenment theatrical reforms. I argue that generic unity requires the exclusion of comic forms that endanger the internal continuity of the dramatic events. Instead, Enlightenment comedy articulates a model of human fallibility that ensures the concatenation of individual episodes.

 

Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Gattung Komödie als Instrument der frühaufklärerischen Reformbewegung. Im Zuge der Konstitution von generischer Einheit werden diejenigen Erscheinungsformen der Komik ausgeschlossen, die die Kontinuität des dramatischen Verlaufs gefährden. Stattdessen entwirft die Aufklärungskomödie ein Modell der menschlichen Fehlbarkeit, um eine Verknüpfung der einzelnen Episoden zu gewährleisten.

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Orsolya Kiss (Bloomington)

 

Reinventing the Plot: J.C. Gottsched’s Sterbender Cato

 


(Abstract)

J.C. Gottsched’s emphasis on Aristotelian plot, though perhaps the key theoretical accomplishment of its author, is most often viewed as a juvenile misunderstanding. The examination of its science-historical dimension shows that Gottsched’s interpretation is neither arbitrary nor crudely simplistic, but rather a coherent interpretation of the notion. Gottsched’s prepsychological exegesis is representative of its era and is understood here as an important precursor of the modern notion.

 

J.C. Gottscheds Bestimmung des Handlungsbegriffs, die wichtigste theoretische Errungenschaft seines Autors, wird meist als schülerhaftes Missverständnis eingestuft. Eine Untersuchung der wissenschaftsgeschichtlichen Dimension von Gottscheds Wortgebrauch zeigt, dass sein Verständnis vom Begriff weder arbiträr noch grob vereinfachend, sondern in sich stimmig ist. Gottscheds präpsychologische Auslegung ist zeittypisch und wird hier als eine wichtige Vorstufe des modernen Begriffes verstanden.

 

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Chenxi Tang (Berkeley)


Re-imagining World Order: From International Law to Romantic Poetics


 

(Abstract)

This essay investigates the crisis of international law and the turn to poetry to re-imagine world order in early romanticism. Against the background of the crisis of international law from Hobbes to Kant (I), it discusses how the early romantics spurn natural jurisprudence as the foundation for international law and entrust poetry with the task of imagining world order. The invocation of poetry as a remedy for the inadequacy of international law leads to new paradigms of poetics, as exemplified, in widely differing ways, by Schlegel (II-III), Novalis (IV-V), and Hölderlin (VI-VIII).

 

Angesichts der sich zuspitzenden Krise des Völkerrechts wurde um 1800 die Poesie als Möglichkeit entdeckt, die Weltordnung neu zu imaginieren. Vor dem Hintergrund dieser von Hobbes bis Kant sich hinziehenden Krise (I) geht der vorliegende Aufsatz der Frage nach, wie die Frühromantik das dem Völkerrecht zugrundeliegende naturrechtliche Denkmodell verwirft, um der Poesie die Aufgabe anzuvertrauen, die Weltordnung zu imaginieren. Die Hinwendung zur Poesie als Heilmittel gegen das Ungenügen des Völkerrechts führt zu neuen Paradigmen der Poetik, wie dies bei Schlegel (II-III), Novalis (IV-V) und Hölderlin (VI-VIII) auf je unterschiedliche Weise zu beobachten ist.

 

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Sigrid Weigel (Berlin)

Treue, Liebe, Eros. Benjamins Lebenswissenschaft


 

(Abstract)

Der Artikel untersucht Benjamins Bezeichnung der ›Treue‹ als Logos des göttlichen Moments der Ehe in Goethes Wahlverwandtschaften vor dem Hintergrund seiner Kritik an dem zweideutigen Gesetzesbegriff in Kants Ableitung menschlicher Gesetze aus Naturgesetzen und der Auseinandersetzung mit der Dialektik von Lebens- und Todestrieb in Freuds Jenseits des Lustprinzips. Benjamins Begründungen der Ehe aus der Entscheidung zur »übernatürlichen Dauer« der Liebe sowie der »natürlichen Unvollkommenheit« der Liebe aus dem Eros werden in den Kontext seines Lebensbegriffs gestellt: dessen Bezugnahme auf zwei Sphären, das natürliche und das »übernatürliche« Leben.

 

The article analyzes Benjamin’s denotation of ›fidelity‹ as logos of the divine component of marriage in Goethe’s Elective Affinities against the background of his critique of Kant’s equivocal concept of law (deduction of human laws from the laws of nature) and his reading of the Freudian dialectics of life and death drive in Beyond the Pleasure Principle. It discusses Benjamin’s explanations of both marriage based on the decision for a »supernatural duration« of love and the »natural imperfection« of love due to Eros within the greater context of his concept of ›life‹. This is derived from »two realms«: natural and supra-natural life.

 

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