Kultivierung seltener Pflanzen aus dem Bodenseeraum

im Botanischen Garten der Universität Konstanz

 

 

Der Botanische Garten hat verschiedene Pflanzensippen in Kultur genommen, deren letzte Vorkommen im Bodenseeraum von übergeordnetem Schutzinteresse sind. Diese Ex-Situ-Kulturen (= Kultivierung außerhalb des Lebensraumes) dienen der Bestandssicherung und ermöglichen eine Wiederansiedlung oder Bestandstützung, falls es bei den kleinen empfindlichen Beständen zu Aussterbeerscheinungen kommt. Vorrangig bleibt selbstverständlich der Schutz der Bestände vor Ort. Da sich die einzelnen Freilandpopulationen genetisch mehr oder weniger unterscheiden, wird bei der Anzucht darauf geachtet, dass die verschiedenen Herkünfte innerhalb der Arten sich nicht durchmischen (z.B. mit Gazehauben während der Blütezeit).

 

Die in Kultur genommenen Arten / Sippen stammen vor allem aus dem Uferbereich des Bodensees, nämlich dem Strandrasen und den Riedwiesen. Einige weitere Arten kommen aus den Trockengebieten des Hochrheins und des Hegaus.


Arten des Bodenseestrandrasens

Der Bodenseestrandrasen zählt zu den bundesweit gefährdeten Pflanzengesellschaften und beherbergt einige sehr seltene Pflanzenarten, die ausschließlich in dieser Pflanzengesellschaft angesiedelt sind. Vor über 10 Jahren wurden die seltenen Charakterarten dieser Vegetation in Kultur genommen, um sie dem Publikum zu zeigen und sie für spätere Aussiedlungsprogramme zu vermehren. Diese Erhaltungskultur ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz einzigartig. Die Kulturen sind in enger Zusammenarbeit mit der "Arbeitsgemeinschaft Bodenseeufer" (AGBU) etabliert worden. Näheres zu diesem Projekt finden sie hier: pdf-file Publikation.
 
Ex-Situ-Kulturen bestehen von folgenden Bodensee-Endemiten:

- Strandschmiele (Deschampsia littoralis)
- Bodensee-Vergißmeinnicht (Myosotis rehsteineri)
- Ufer-Hahnenfuß (Ranunculus reptans)
- "Bodensee-Strandnelke" (Armeria purpurea)

sowie anderen seltenen Arten der kiesigen Uferzone:

- Strandling (Littorella uniflora)
- Gottes-Gnadenkraut (Gratiola officinalis)
- Bunter Schachtelhalm (Equisetum variegatum)

- Salz-Bunge (Samolus valerandi)

- Stumpfkantige Hundsrauke (Erucastrum nasturtiifolium)

 

Schon mehrere mal wurde auf unsere Erhaltungskultur zurückgegriffen um eine Wiederansiedlungen oder Bestandsstützungen am Bodenseeufer vorzunehmen. Von besonderer Bedeutung ist die....

Wiederansiedlung der Bodensee-Strandnelke

Die Bodensee-Strandnelke (Ameria purpurea) gab es in den 1960er Jahren noch mit vier Vorkommen am Untersee. Das auf Überdüngung zurückzuführende Grünalgenwachstum hat der endemischen Art / Sippe in den 1970er Jahren dann den Garaus gemacht (Algenwatten überlagerten die Restbestände). Diese Standnelke gilt seitdem als weltweit ausgestorben. Den Herbarien war kein brauchbares Samenmaterial mehr zu entnehmen. Unerwartet wurde im Jahr 2000 ein kleiner Restposten kultivierter Pflanzen im Botanischen Garten Bern "entdeckt". Die Sensation sprach sich herum und der Botanische Garten in Konstanz bekam 2003 ein paar Ableger für eine Erhaltungskultur dessen Ziel es sein sollte, die Art am Bodensee wieder anzusiedeln. Nach reichlicher Vermehrung konnte ein erster Wiederansiedlungsversuch 2010 am Untersee (Gnadenseegebiet) gestartet werden. Leider schlug dieser fehl, da ein langes Hochwasser die jungen Pflanzen absterben ließ. Mit verbesserter Kulturtechnik wurden dann stabilere Pflanzen erzeugt. Eine zweite Wiederansiedlung erfolgte im Herbst 2013 auf der Schweizer Uferseite westlich Steckborn. Die Projekte wurden maßgeblich von der Arbeitsgemeinschaft Bodenseeufer e.V. betreut.

 

 

Pressespiegel zum Projekt:

"Nach 30 Jahren auferstanden" (Wiederentdeckung der Strandnelke im Botanischen Garten Bern)

"Kampf um eine seltene Art", "Riednelke: Ein kurzes Gastspiel" und "Die Riednelke blüht in diesem Jahr nicht mehr" (zur ersten Wiederansiedlung und ihren Scheitern)

"Reise zur raren Riednelke" (zum zweiten Wiederansiedlungsversuch am Schweizer Seeufer)

 

 

Schaubecken zum Strandrasen

Im 7 x 4 m großen Schaubecken wird der Bodenseestrandrasen in seiner typischen Ausprägung gezeigt. Neben den oben erwähnten Charakterarten Strandschmiele, Bodensee-Vergißmeinnicht, Ufer-Hahnenfuß und Strandling werden auch wichtige "Begleiter" ausgestellt wie Alpengliederbinse (Juncus alpino-articulatus), Späte Gelbsegge (Carex viridula), Südlicher Schachtelhalm (Equisetum x meridionale) sowie Schnittlauch (Allium schoenoprasum). Sumpf-Löwenzahn (Taraxacum palustre), Quellgras (Catabrosa aquatica) und Nadelbinse (Juncus articulatus) sind geplant.


Im Becken wird der Strandrasen im Ufergradient dargestellt: Unterhalb des Strandrasens schließt sich eine Wasserpflanzenvegetation aus Armleuchterlalgen, oberhalb ein Flutrasen. Der Wasserstand des Beckens wird künstlich dem des Sees nachempfunden.

 

 

Pflanzen des Wollmatinger Rieds

 

Neben den Strandrasen sind die Riedwiesen insbesondere des Untersees von herausragender botanischer Bedeutung. Sie sind geprägt durch einen wechselnden Grundwasserstand (der vom Bodenseepegel und der Schüttung flächiger Quellhorizonte beeinflusst ist) einen hohen pH-Wert (7,5 und mehr) und eine extensive Wiesenbewirtschaftung.

 

In Kooperation mit den Naturschutzbund Reichenau (Nabu) ist die Ex-Situ-Kultur seltener Arten eingerichtet:

- Wanzenknabenkraut (Orchis coriophora): Kultivierung seit April 2007

- Kugelblume (Globularia punctata)

- Sumpfgladiole (Gladiolus palustris)

 

Schaubecken zu den Riedwiesen

 

Neben dem Strandrasenbecken befindet sich das Riedbecken, in dem drei Wiesengesellschaften des Wollmatinger Riedes ausgestellt sind. Diese unterscheiden sich vornehmlich in ihrem Abstand zum mittleren Grundwasserlevel (von feucht nach trocken): Kopfbinsenried (Schoenetum), typische Pfeifengraswiese (Molinietum) und Halbtrockenrasen (Mesobrometum). Das Becken von 7 x 3,5 m beherbergt ca. 35 Pflanzenarten.

 

Weitere seltene Pflanzen aus der Region

 

- Kriechender Sellerie (Apium repens)

- Grasnelke (Armeria purpurea): Herkunft Benninger Ried

 

 

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