Last revision: 29.1.2006

 

Vortragsreihe Macht und Moral *

Vortrag

Prof. Leoluca Orlando

Mein Kampf gegen die Mafia

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Bilder vom Vortrag

Der Mann, der Palermo veränderte

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Konstanz

Niemals allein gegen die Mafia

Zivilcourage und Bürgersinn...

Bücher & Internet von Leoluca Orlando

 

Ankündigung


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10.01.2006 | Georg Lind holt Leoluca Orlando nach Konstanz

Der Mann, der Palermo veränderte

Konstanz (gro) Leoluca Orlando, der Mann, der Palermo ein neues Gesicht gegeben hat, ist am Donnerstag, 12.Januar, im Stefanshaus einen Abend lang zu Gast in Konstanz. Mit seiner Zivilcourage, die zeitweise selbstmörderische Züge hatte, gelang es Orlando als Bürgermeister der sizilianischen Metropole, den Einfluss der scheinbar allmächtigen Cosa Nostra entscheidend zurückzudrängen. So konnte sich die Bürgerschaft, die Jugend vor allem, die eigene Stadt zurückerobern. Nach Konstanz geholt wird Orlando von Uni-Professor Georg Lind („Moral ist lehrbar“). Orlando spricht um 20 Uhr im Saal des Stefanshauses.

Passt in die Landschaft

Der Auftritt des Sizilianers passt exakt in die hochschulpolitische Landschaft. Denn am Donnerstag wird an der Universität eine dreitägige Tagung deutschsprachiger Moralforscher eröffnet. Besonders gefördert wird die Veranstaltung von der Sparkasse Bodensee, unterstützt von der Buchhandlung Homburger & Hepp, von Konstanzer Richter- und Staatsanwaltsverein, von der Universitätsgesellschaft und vom Hotel Barbarossa.

Couragierte Politiker haben für Georg Lind, der sich „Moral- und Demokratie-Psychologie in Bildung und Weiterbildung“ als Arbeitsbereich ausgesucht hat, das Potential idealer Begegnungen. Ende Mai 2005 hatte Lind für ein Treffen mit Antanas Mockus gesorgt, einem ähnlich mutigen und kreativen Politiker von akademischen Graden, der eine Zeitlang Bürgermeister von Bogotá war und dieses Jahr für das Präsidentenamt in Kolumbien kandidieren wird.

Einst jüngster Rechtsprofessor Italiens

Zurück zu Leoluca Orlando, der Europa-weit bekannt wurde wegen seines Engagements gegen die organisierte Kriminalität und gegen Korruption. Heute gehört Orlando, 58, zu den meistdekorierten Persönlichkeiten unserer Zeit. Seine berufliche Laufbahn hatte er nach seinem Jurastudium, das er unter anderem in Heidelberg absolvierte, als jüngster Rechtsprofessor Italiens an der Universität Palermo begonnen. Er wurde Berater der OSZE in Paris und ein enger Mitarbeiter von Piersanti Matatarella, dem damaligen Ministerpräsidenten der Region Sizilien, der 1980 von der Cosa Nostra in Palermo ermordet wurde.

Es war eine politische Revolution

Im selben Jahr wird Orlando als Mitglied der Democrazia Cristiana ins Stadtparlament von Palermo gewählt, das ihn 1985 zum Bürgermeister macht. Es war damals eine landesweit beachtete, politische Revolution, als Orlando eine Koalition schmiedete, die auch die Linken mit einbezog. Doch es gelang Orlando, in der 800.000 Einwohner zählenden Stadt eine Politik in Gang zu setzen, die die angestammte und scheinbar zementierte Vetternwirtschaft mit all ihren gegenseitigen Abhängigkeiten beendete und den Bürgern den „Frühling von Palermo“ bescherte.

Jede Nacht an einem anderen Ort

Seit Orlando damals die vermeintlich unantastbaren mafiösen Geschäftsverbindungen der Cosa Nostra mit der Stadtverwaltung entscheidend einschränkte und teilweise ganz kappte, steht er auf der Abschussliste der Verbrecherorganisation. Es gab Zeiten, da übernachtete Orlando jede Nacht an einem anderen Ort, mit Vorliebe in Kasernen der Carabinieri, der uniformierten italienischen Bundespolizei. Die ganz heiße Zeit, die mit der Ermordung der beiden populären Palermitanischen Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahr 1992 ihren grausamen Höhepunkt fand, ist mittlerweile überstanden. Doch auf Polizeischutz und bodyguards kann Orlando bis heute nicht verzichten.

Als es nach einer Änderung der Wahlgesetze 1993 in Italien zur Volkswahl der Stadtoberhäupter kommt, wird Leoluca Orlando mit überwältigenden 75 Prozent der Stimmen in seinem Amt als Stadtoberhaupt bestätigt. Da hat er sich bereits von der Democrazia Cristiana losgesagt und die Anti-Mafia-Bewegung La Rete (das Netz) ins Leben gerufen.

Palermo ist nicht wiederzuerkennen

Nun setzt er radikale Reformen in Gang, die das Leben in Palermo stellenweise regelrecht umkrempeln. Heute ist die Altstadt von Palermo, in deren dunkle Gassen sich bis dahin am Abend und in der Nacht kaum jemand traute, eine Ansammlung von Treffpunkten für jung und alt, mit Hunderten von neuen Lokalen und einem pulsierenden Leben. Kirchen und Paläste, die Jahrzehnte lang wegen Baufälligkeit geschlossen waren, wurden wieder zugänglich gemacht, restauriert und ins öffentliche Leben einbezogen.

Orlandos Amtszeit als Bürgermeister (einen „Ober“bürgermeister kennt man in Italien nicht), endete im Jahre 2000. Da war Orlando bereits ins Europaparlament gewählt und Mitglied verschiedener EU-Kommissionen. 2001 zog er mit einem triumphalen Ergebnis als Oppositionsführer in den Normannenpalast ein, das von Berlusconi-Anhängern (noch) dominierte Sizilianische Regionalparlament.

Engagiert und kreativ

Leoluca Orlando kommt, wie man hört, direkt aus Palermo nach Konstanz. Am Tag darauf wird er in Zürich erwartet,bevor er zurück fliegt nach Palermo. Er ist ein gefragter Mann, auch als Präsident des s Istituto per il Rinascimento Siciliano (Institut für die Sizilianische Wiedergeburt). Für die Kreativität des Sizilianers, der politisch engagierte, aber auch erbauliche Bücher schreibt, spricht unter anderem der italienische Fernsehfilmpreis, der ihm 1994 „als bestem Schauspieler im besten Film des Jahres“ zuerkannt wurde (in Gorni contati, „Gezählte Tage“).

Blick auf die Auszeichnungen

Für seine Verdienste um eine humanere und gerechtere Gesellschaft wurde Orlando unter anderem von König Juan Carlos in Madrid mit dem Gran Croce al Merito Civile ausgezeichnet, in Weimar mit der Goethe-Medaille, vom Europäischen Parlament mit dem Europäischen Bürgerpreis und in Mexico City mit dem Preis Legion de Libertad. Das kolumbianische Palermo machte Orlando zum Ehrenbürgermeister auf Lebenszeit, die Solkan-Saba-Universität in Tiflis zum Ehrenprofessor, und in St. Petersburg erhielt er den Puschkin-Preis dafür, dass er aus Palermo ein internationales Zentrum für Bühnenkunst gemacht hat.

Meldung vom 12.01.2006, 16:18 Uhr
http://www.konstanz.de/stadtinfo/rathausnachrichten/?txtid=1965 (Abruf am 14.1.2006)

Leoluca Orlando trägt sich ins das Goldene Buch der Stadt Konstanz ein

Im Rahmen eines Konstanz-Besuchs hat sich Leoluca Orlando, ehemaliger Bürgermeister von Palermo, Europaabgeordneter und Oppositionsführer im sizilianischen Parlament, am Donnerstag, 12. Januar 2006, in das Goldene Buch der Stadt Konstanz eingetragen. Oberbürgermeister Horst Frank brachte im Gespräch mit Orlando seine Bewunderung mit dem Mafia-Widerstandskämpfer zum Ausdruck: "Leoluca Orlando hat nie den Mut aufgegeben; sein Handeln war stets von Zivilcourage geprägt". Eine Zivilgesellschaft, so Oberbürgermeister Frank weiter, müsse, wenn sie fortbestehen will, immer verteidigt werden. Eine Zivilgesellschaft sei nicht wie häufig bei uns angenommen selbstverständlich wie das Beispiel Sizilien zeige. Deshalb könne nicht hoch genug eingeschätzt werden, wofür sich Leoluca Orlando in seiner Heimat engagiert habe: Die Wiederentdeckung des Gemeinschaftssinns, die Funktionalität des öffentlichen Lebens und somit ein Stück weit die Wiederkehr von Normalität in den Alltag der Bürger und Bürgerinnen Siziliens.

Südkurier
14.01.2006 04:55 Frank v. Bebber

Niemals allein gegen die Mafia

Leoluca Orlando: Der früherer Oberbürgermeister von Palermo spricht vor über 350 Zuhörern über sein Leben

Zwei Fragen haben das Leben Leoluca Orlandos verändert. Während seines Jura- und Philosophiestudiums in Heidelberg fragten ihn Kommilitonen: "Woher kommst Du?" Zu Sizilien fiel ihnen die Mafia ein. Ein paar Jahre später fragte ihn eine junge Italienerin: "Was unternimmst Du gegen die Mafia?" Orlando beschloss, er wolle stolz sagen können: "Ich bin Sizilianer." Die Italienerin heiratete er. Es folgte ein Leben, das Orlando als Pendel beschreibt: "Zwischen Lebensfreude und Angst."

Ein Leben, das heute viele Menschen fasziniert: Über 350 Besucher drängen ins Stephanshaus, in dem der 58 Jahre alte Leoluca Orlando von seinem Leben erzählt. Nahezu 300 Menschen finden wegen Überfüllung keinen Einlass mehr. Psychologie-Professor Georg Lind zeigt sich überwältigt.

Er hatte Orlando auf einem Parkplatz der kolumbianischen Hauptstadt Bogota kennen gelernt. Auch in dem Land der Drogenkartelle geht es um Macht und Moral, ein Thema, das den Wissenschaftler Lind und Orlando verbindet. Der Italiener war von 1985 bis 2000 Oberbürgermeister von Palermo und ist bis heute ein Kämpfer gegen die Mafia.

Ein Kampf, der nur gemeinsam gewonnen werden kann, sagt Orlando. Die Mafia habe wenige Waffen gebraucht, um zu herrschen. Denn zuerst habe sie die sizilianischen Tugenden Ehre, Freundschaft und Familie geraubt und pervertiert. Dann hätten sich Millionen Menschen mit dem Verbrechen arrangiert. "Um das zu bekämpfen, reicht Polizei nicht aus", sagt Orlando, der drei Jahre in einer Kaserne leben musste.

Und so kämpfte Orlando um die Herzen und den Mut der Menschen. Er prangerte die Strukturen der Mafia an und bildete ein parteiübergreifendes Bündnis. Als Orlando auf der Todesliste der Mafia ganz nach oben rückte, gingen Mütter zur Polizei, gaben Namen und Adressen an und erklärten: Ihre Kinder seien bereit, im gepanzerten Wagen Orlandos mitzufahren. Natürlich nahm niemand das Angebot an. Doch später erfuhr Orlando, die Mafia-Bosse hatten einen Anschlag auf ihn verworfen, weil sie die Liste der Mütter und Kinder gelesen hatten. "Diese Kinder und Mütter haben mein Leben mehr geschützt als die Waffen der Polizei", sagt Orlando. Die Sizilianer hatten ihre Ehre zurück.

"Die ersten Opfer der sizilianischer Mafia sind Sizilianer", fasst Orlando zusammen und fährt fort: "Die ersten Opfer der chinesischen Mafia sind Chinesen, die ersten Opfer islamischer Terroristen sind Muslime."

Zwei Tage nach den Anschlägen vom 11. September bringt seine Tochter ein Kind zur Welt und gibt ihm einen arabischen Namen. Orlando fragt unter dem Eindruck der Anschläge: "Warum ein arabischer Name?" Seine Tochter antworte ihm: "Nicht alle Sizilianer sind Mafiosi, nicht alle Muslime sind Terroristen." Orlando findet, das war eine gute Antwort. Die Menschen im Stephanshaus klatschen.

Frank van Bebber

Emacs!
Stand auf der Todesliste der Mafia: Leoluca Orlando (r.), früherer Oberbürgermeister
von Palermo. Eingeladen hatte ihn Uni-Professor Georg Lind.


Leoluca Orlando
Konstanz

Der 58 Jahre alte Leoluca Orlando ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er lebte und studierte einige Jahre in Heidelberg und arbeitete dann als Professor für Regionalrecht an der Universität von Palermo. Von 1985 bis 2000 war er Oberbürgermeister von Palermo. Er vollzog einen harten Bruch mit den politischen Praktiken der Vergangenheit und prangerte die Bedrohung an, die von der mit der Mafia verstrickten Wirtschaft ausgeht. (fvb)

(c) Dornröschen, http://www.dornroeschen.nu/
13.01.2006 | Zum Beispiel Palermo – oder das andere Sizilien

Mit einem Büro in Tijuana

Konstanz (gro) Zivilcourage und Bürgersinn sind die neuesten Exportartikel Siziliens. Und ihr Repräsentant ist Leoluca Orlando, der ehemalige Bürgermeister von Palermo. Als Botschafter seiner immer noch als Mafia-Land verrufenen Heimat lässt er die Welt teilhaben an seinen Erfahrungen im Kampf gegen das organisierte Verbrechen und die Korruption des öffentlichen und privaten Lebens. Der Konstanzer Stefanssaal war brechend voll, als Orlando zum Thema Macht und Moral vom „Sizilianischen Karren“ erzählte, den er nicht müde wird, immer weiter aus dem Dreck zu ziehen.

Gute Überlebenschancen

Professor Georg Lind, der Konstanzer Psychologieprofessor, der Orlando „auf einem Parkplatz in Bogotá“ eher zufällig kennen gelernt und nach Konstanz eingeladen hatte, räumte ein, er habe sich verschätzt. Lind war ebenso verblüfft wie erfreut über das ungeheure Interesse, das vor allem die Jugend dem Mann entgegen bringt, der seit 20 Jahren auf der Abschussliste der Cosa Nostra steht. Orlando hat, wie er selber findet, gute Aussichten zu überleben. Nicht deswegen, weil die Mafia verschwunden wäre, sondern weil sie sich nicht traut, ihn zu erledigen: Viel zu beliebt, viel zu sehr respektiert ist dieser Mann. So lange das so bleibt, ist Orlando einigermaßen sicher. Sein Tod brächte wesentlich mehr Nachteile als Nutzen.

Stützpunkte in Übersee

Seit 1999 bringen Orlando und seine Mitstreiter Erkenntnisse und Erfahrungen beim Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen mit Symposien, Seminaren und Publikationen weltweit unter die Leute, und zwar mit der Stiftung „Rinascimento Siciliano“ (”The Sicilian Renaissance Institute“). Hauptsitz des gemeinnützigen Unternehmens unter der Präsidentschaft Orlandos ist Palermo, es gibt mehrere Stützpunkte in Übersee, auch in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana hat Leoluca Orlando ein Büro.

Die wunderschöne Sizilianerin

Orlando erzählt von seiner Jugend, von seiner Schulzeit bei den Jesuiten in Palermo, wo „in 13 Jahren nicht ein einziges Mal das Wort Mafia fiel“, wie er gegen das Schweigen aufmuckte und schießlich zum todesmutigen Bekämpfer des Systems namens Cosa Nostra wurde. „Eine wunderschöne Sizilianerin“ habe den Anstoß dazu gegeben, eine junge Frau, die ihm ihre „zweite wichtige Frage“ gestellt habe: „…und was unternimmst du gegen die Mafia?“ Orlando hat die Frage überzeugend beantwortet, die Sizilianerin ist seine Frau geworden.

Tugenden werden pervertiert

Die Mafia, sagt Orlando, pervertiere an sich segensreiche Errungenschaften und Haltungen wie Stolz, Freundschaft, Traditionsbewusstsein oder Mut, indem sie diese Tugenden für ihre Zwecke gewalttätig missbrauche. Weil sich die Wertvorstellungen geändert hätten, habe sich auch die Mafia geändert. Inzwischen verfolge die Mafia ihre Interessen, indem sie Erstrebenswertes wie Freiheit, Sicherheit oder Reichtum usurpiere. Und noch eine Änderung habe stattgefunden: „Die alte Mafia war sizilianisch, die neue Mafia ist europäisch, zum Teil weltweit organisiert.“

Wer gegen organisiertes Verbrechen und Korruption angehen will, muss laut Orlando extreme Haltungen vermeiden. Perfekte Legalität gebe es nicht, perfekte Legalität arte zwangsläufig aus in Repression. Zu vermeiden sei ferner das Klischee, die kritiklos vorgefasste Meinung. Und unbedingt nötig sei der persönliche Mut, die Zivilcourage: das Einstehen für seine Überzeugung.

Brutale Konsequenzen

Orlando steht mit solchen Ansichten und Forderungen in der besten Tradition humanistischer und christlicher Tugenden. Hochinteressant wird die Angelegenheit, wenn Orlando, wie im Anschluss an seinen Vortrag geschehen, davon berichtet, wie das in der Praxis aussehen kann. So zum Beispiel in Sachen Cesare Previti, in dem viele einen besonders bösen Geist der gegenwärtigen Regierung Berlusconi sehen.

Orlando hatte sich wiederholt mit Previti angelegt und ihn wegen seiner schweren Verfehlungen eine Schande für Italien genannt. Previti klagte gegen Orlando, der zu 200.000 Euro Schadensersatz verurteilt wurde. Seither stottert der ehemalige Bürgermeister von Palermo monatlich 1681 Euro an Previti ab, die Summe, die sein Existenzminimum übersteigt. Einer Pfändung entging Orlando nur deswegen, weil ihm kaum etwas gehört. Haus und Vermögen sind im Eigentum seiner Frau und seiner beiden Töchter.

Auf alle Fälle frei sein

Orlando hätte den Prozess mit dem Hinweis auf seine Immunität als nationaler Abgeordneter und als Europa-Abgeordneter ohne weiteres abwenden können. Doch er „wollte und konnte das nicht“. Orlando: „Schließlich trete ich mit Nachdruck dafür ein, die Immunität von Abgeordneten abzuschaffen.“ Da zahlt er lieber und bleibt „absolut frei, meine Überzeugung in aller Deutlichkeit zu vertreten“.

Die Verbrechen liegen auf der Hand

Previti einen Verbrecher zu nennen, liegt auf der Hand. Der ehemalige Verteidigungsminister und Intimus von Regierungschef Silvio Berlusconi ist bereits zweimal wegen Richterbestechung verurteilt worden, zuletzt vor eineinhalb Monaten im Mailänder Berufungsprozess, in dem das Urteil der ersten Instanz aus dem Jahre 2003 bestätigt wurde: Fünf Jahre Haft für die Bestechung von Richtern. Jetzt liegt der Fall beim römischen Kassationsgericht. Wegen eines weiteren Bestechungsskandals war Previti bereits zu 14 Jahren Haft verknackt worden. Auch dagegen läuft ein Berufungsverfahren mit einer Heerschar von Anwälten.

Vergebliche Bemühungen

Die Taten liegen zum Teil fast 15 Jahre zurück, so gut ist es Previti gelungen, die Verfahren in die Länge zu ziehen. Wie sehr Previti, selber Anwalt, und seine mächtigen Freunde eine Verurteilung fürchten, bewiesen die Bemühungen der italienischen Mitte-Rechts-Regierung, noch zum vergangenen Jahresende ein Gesetz durchzubringen, das die Verjährungsfrist für Korruptionsdelikte drastisch verkürzt.

Doch da machten die Koalitionspartner Silvio Berlusconis nicht mehr ganz mit. Sie bestanden auf der Streichung bestimmter Passagen, sodass sich die Neuregelung nicht auf bereits begonnene Verfahren auswirkt. Previti kann also nicht von der neuen Regelung profitieren.

Die Kraft der Liebenswürdigkeit

Zu Mut und Konsequenz kommt bei Orlando jede Menge Kreativität, nachzuempfinden in seinen Erzählungen, die in dem Buch „Der sizilianische Karren“ zusammengefasst sind. Hans Helmut Straub, der den Vortrag des Sizilianers mit Kostproben aus dem Buch auflockerte, gab den Geschichten das Leben, das sie verdienen. Was sie am stärksten vermitteln, ist ein ungebrochener Optimismus, gepaart mit einer stolzen Freude an Sizilien und der sicilianitá.

Orlando, der direkt aus Palermo kam, im „Barbarossa“ übernachtete und heute um 15 Uhr schon wieder in Palermo zu einem Vorstandstreffen seiner Partei erwartet wird, wirkte zeitweise müde, niemals aber fatalistisch. Ungebrochen ist sein Charme. Gegen die Liebenswürdigkeit Leoluca Orlandos ist kein noch so mafiöses Kraut gewachsen.

(Siehe auch den Beitrag “Der Mann, der Palermo veränderte” vom 10.01.2006.)

Bücher:

"Ich sollte der nächste sein. Zivilcourage - die Chance gegen Korruption und Terror" von Leoluca Orlando. Herder, Freiburg (Sept. 2002) ISBN: 3451279851 Preis: 19,90 Euro

"Der sizilianische Karren. Geschichten" von Leoluca Orlando. Ammann Verlag, Zürich 2004, ISBN 3250600636, Gebunden, 160 Seiten, 18,90 Euro

Internet-Seiten: http://www.leolucaorlando.it/bio_ger.asp

Interview: Die Zeit 2 / 2003

Universität Trier, Ehrendoktorwürde, 2004

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