Wirtschaftsethik
Süddeutsche Zeitung, 29/30. Juni 2002, Büschmann-2002_Gier-Wirtschaftsethik.wpd

THEMEN DER WOCHE

Lohn der Gier
Karl-Heinz Büschmann

Seit dem Vietnam-Krieg hat nichts mehr Amerika in seinem Selbstbewusstsein so erschüttert
wie Enron & Co, jene Serie spektakulärer Pleiten, Bilanzmanipulationen und skandalöser Fälle der Selbstbereicherung von Konzernbossen. Nicht nur mächtige Chefs stehen vor Gericht oder wandern ins Gefängnis, ganze Firmen stehen unter Anklage. Die alte Regel, nach der gut für Amerika ist, was der Wirtschaft nützt, wirkt nur noch zynisch. Konzerne wie Enron, Worldcom oder Tyco galten einst als Symbole für den Erfolg amerikanischer, kapitalmarktgetriebener Methoden der Unternehmensführung. Jetzt sind sie Symbole für Betrug, Niedergang und den Verfall von Sekundärtugenden. Weder Gesetze noch moralische Normen verhinderten, dass Bürger um ihre Ersparnisse und um ihr Vertrauen in Recht und Anstand gebracht wurden.


Was kommt noch?

Erschrocken fragen sich Bürger, Politiker, Aktionäre, Wissenschaftler, Journalisten und Manager wie es passieren konnte, dass Riesenkonzerne ihre Bilanzen ungestört so frisierten, dass sie als hochprofitabel erschienen, obwohl sie praktisch pleite waren. Was kommt noch alles zum Vorschein? Welcher Firmenzusammenbruch wird als nächster die Börse erschüttern? Am Freitag wurde bekannt, dass auch der angesehene Bürogerätehersteller Xerox zu den Übeltätern gehört. Die ökonomische Weltmacht hat sich selbst in dem Moment entscheidend geschwächt, als sie dazu ansetzen wollte, dem Rest der Welt ihre Überlegenheit zu beweisen, zum Beispiel mit seinen Bilanzierungsnormen. Es muss für Präsident George W. Bush schon befremdlich gewesen sein, als Russlands Staatschef Wladimir Putin auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Kanada vor den Gefahren warnte, die dem Rest der Welt von diesem Großdebakel drohen.
Die Vorfälle schockieren die Länder, die dem Vorbild Amerikas nachstrebten. In einigen Führungsetagen dort waren die Grenzen zwischen kreativer Buchführung und Kriminalität
fließend. Und offenbar haben alle versagt, die die Spitzenmanager eigentlich hätten kontrollieren müssen. Die Mitglieder in den Aufsichtsräten haben ihre Kontrollfunktion sträflich vernachlässigt.
Der einst honorige Stand der Wirtschaftsprüfer, die die Korrektheit einer Bilanz bescheinigen
müssen, fiel als Warner aus. Die Bilanzfüchse ließen sich von den phantasievollen Buchhaltern in manchem Boom- Konzern überlisten oder zum Wegschauen überreden. Auch Regierung und Behörden eigneten sich kaum als Wachhunde. Sie waren wohl zum Opfer der politischen
Doktrin geworden, die mit Präsident Ronald Reagan vor zwanzig Jahren zu neuen Ehren kam.
Der überzeugte Liberalisierer glaubte an alles, was den Unternehmen nützte und er schien damit Recht zu haben. Amerika erholte sich und erlebte dann unter Bill Clinton den längsten Boom seiner Geschichte. Wer sollte in diesem Klima des „Alles geht" einem dynamischen Topmanager in den Arm fallen, nur weil der eine Firma nach der anderen kaufte? Warum sollte ein Boss nicht viele Millionen verdienen, wenn dabei auch seine Aktionäre immer reicher wurden?
Doch wenn die Gesellschaft den Erfolg nur noch in Geld misst, ist der Weg zur Gier nicht mehr weit. Bosse, die von Aktienoptionen profitieren, brauchen hohe Aktienkurse. Da liegt ein starkes Motiv die Bilanzen zu fälschen. Das untere Management zieht mit. Wer wird sich seinem Chef entgegenstellen, der an der Börse für Furore sorgt? Die Wirtschaftsprüfer haken die getürkten Bilanzen ab, weil sie auch in Zukunft an ihrem lukrativen Prüfmandat und den damit verbundenen Beratungsaufträgen verdienen wollen. Analysten von Investment-Banken empfehlen die auf falscher Grundlage hochfliegenden Papiere wider besseres Wissen und sorgen dafür, dass ihre Bank an der Bonanza mitverdient.

Chefs hinter Gittern

Jetzt suchen eifrige Politiker nach schnellen Lösungen, um die Wiederholung solcher Exzesse zu verhindern. Zwar gab es bisher in den Vereinigten Staaten schon Gesetze und Vorschriften für Unternehmensführung (Corporate Governance) oder Bilanzierung. Doch es ist noch jede Menge Raum für Verbesserung. Unternehmenschefs müssen persönlich für Fehlentscheidungen haftbar gemacht werden und, wenn es sein muss, hinter Gitter wandern. Gleiches gilt für Aufsichtsräte, die ihre Pflicht vergessen. Bei Wirtschaftsprüfern reichen die Anstandsregeln nicht mehr, die die Branche sich selbst gibt. Ohne staatliche Aufsicht dieser sensiblen Branche geht es nicht. Es müsste zur Vorschrift werden, dass Konzerne den Wirtschaftsprüfer regelmäßig wechseln. Der katastrophale Bilanzpfusch bei Worldcom war erst aufgeflogen, als ein neuer Prüfer ins Haus kam.
Mit Gesetzen, die das persönliche Risiko von Firmenmanagern bei Fehltritten dramatisch erhöht, hat Amerika eine Chance, seine Vorbildrolle zurückzugewinnen. Doch wie es aussieht, stehen die Chancen für einen Neuanfang schlecht. Die meisten Bosse sind dagegen. Aber gerade sie haben in der Wirtschaftsmacht Nummer eins immer noch den größten Einfluss.

(c) 2002 Süddeutsche Zeitung