Ich habe fünf Jahrzehnte auf vielen Ebenen unterrichtet, vom Kindergarten bis zur Universität, und ich habe mehrere Jahre Lehrer und Lehrerinnen ausgebildet und beobachtet. Als Bildungsforscher und Lernpsychologe habe ich auch viele Experimente und Studien analysiert, die uns helfen, das Lernen zu verstehen.

Hier sind einige Merksätze für gutes Unterrichten. Alle schauen einfach aus, aber einige brauchen etwas Übung, vielleicht mit der Hilfe eines freundlichen kollegialen Supervisors.

Georg Lind

Was ist ein guter Lehrer / eine gute Lehrerin?

"Ein guter Lehrer wird nicht geboren, er entwickelt sich."

Norman Sprinthall, Pädagoge und Psychologe, North Carolina State University

Am Gelingen des Lernens in der Schule sind Viele und Vieles beteiligt. Aber: Die Qualität der Lehrerbildung ist der einzige Faktor, auf den die Politik direkt Einfluss nehmen kann.

Wenn Lehrer gut ausgebildet sind, können sieviele Defizite ausgleichen, die Kinder in die Schule mitbringen, aber nicht alle Defizite, die Kinder durch extreme Armut, durch Krankheit oder schlechte Erfahrungen erworben haben. Hier sind noch andere Maßnahmen und Professionen gefragt.

Ein guter Lehrer muss nicht nur etwas von seinem Fach verstehen. Er kann sich daran erinnern, wie er so wenig wusste wie die schlechtesten Schüler in seiner/ihrer Klasse. GL
... hält ständig Augenkontakt mit allen Schülern, vor allem aber mit den langsameren, und richtet danach die Geschwindigkeit seines Unterrichts aus. GL
... vermeidet alles, was Schüler ängstigt oder demütigt. Angst und Demütigung sind die größten Feinde des Lernens. GL
... kontrolliert seine/ihre Körpersprache (mittels Videoaufnahmen), um den Schülern keine Nachrichten zu schicken, die er/sie gar nicht schicken will. GL
... spricht eine einfache Sprache (kurze Sätze, bekannte Begriffe, keine Anspielungen und Ironie ...), keine akademische Sprache, die zwischen ihm und den Schülern eine Barriere aufbaut.

Was Lehrer nie sagen sollten

"Das ist eine sehr leichte Aufgabe!"

Vorsicht Falle! Das Selbstbewusstsein der Schüler kann daran Schadennehmen: Wenn man die Aufgabe schafft, kann man nicht stolz sein, weil sie ja "leicht" war. Wenn sie nicht schafft, muss man sich für sehr dumm halten.

Besser: z.B. "Die Aufgabe ist nicht ganz einfach!"

"Wer hat noch eine Frage?"

Besonders gemeine Frage, wenn sie mit einem ungeduldigen Unterton gestellt wird.

Besser: Warten und den Schülern durch Körpersprache zu verstehen geben, dass man bereit ist, zuzuhären

"Wer hat das noch nicht verstanden?"

Wer weiß, was er oder sie nicht verstanden hat, weiß schon sehr viel.

Besser: Hier ist eine Aufgabe. An der Lösung merkt Ihr, ob es noch Fragen gibt. Je mehr Fehler Ihr macht umso besser. Nur so wisst Ihr, ob Ihr das Richtige gelernt habt.

 
 

Was ist gute Bildungspolitik?

"Poverty must not be a bar to learning, and learning must offer an escape from poverty."

Lyndon B. Johnson (US Präsident), 1964

Was ist guter Untericht?

"Entia non sunt multiplicanda sine necessesitate" (Begriffe sollten nicht ohne Not vermehrt werden.)

Wilhelm von Ockham, 1290 - 1350

"Es ist eine sehr einfache Philosophie: Verzichte auf alles, was vom Wesentlichen ablenkt."

Monte Hellman, Regisseur, 2004, S. 16

Das Wissen wird so dosiert, dass möglichst wenig beim Eintreffen im Kopf der Schüler verloren geht: Vor und nach jedem neuen Begriff mache ich als Lehrer eine Pause von ca. 3 Sekunden (auch 1 Sekunde ist schon sehr wirksam).

Die erste Pause dient der Fokussierung der Aufmerksamkeit aller Schüler in der Klasse, die zweite Pause dient der Verarbeitung (Vernetzung) des neuen Wissens in den bestehenden kognitiven und affektiven Strukturen. Nur dadurch wird neues Wissen nachhaltig und nutzbar. (Wartezeitregel) GL