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Der erste Schritt ist der ökonomisch ausschlaggebende. Dadurch dass Wechselkurse unwiderruflich festgelegt werden, verändern sich die beteiligten Währungen. Sie werden vollständige Substitute. Der zweite Schritt ist ökonomisch unbedeutend. Er ist eine Frage der Benennung von Objekten. Nachdem im ersten Schritt bisher verschiedene Objekte zu vollständigen Substituten geworden sind, entfällt eine Begründung für ihre unterschiedliche Benennung. Warum soll man ein und dieselbe Sache unterschiedlich bezeichnen. Name ist Schall und Rauch, hat Goethe gesagt. Und von Goethe sollten wir lernen.
Das ist aber noch nicht alles. Es gibt eine weitere Veränderung. Mit der EWU werden die nationalen, voneinander unabhängigen Zentralbanken abgeschafft und durch eine für alle Mitglieder einheitlich zuständige, europäische Zentralbank ersetzt. Die bisherigen nationalen Zentralbanken werden zu ausführenden Organen der neuen europäischen Zentralbank.
Bei der Umstellung der nationalen Währungen auf die europäische Währung werden die Geldbestände der Bürger nicht entwertet. Sie werden umbenannt. Das gleiche passiert mit den Preisen und Werten. Durch diesen Umstellungsvorgang verliert und gewinnt niemand. Die Währungsunion ist also keine Währungsreform.
Es wird nicht eine Währung, die durch hohe Inflationsraten in Verruf geraten ist, durch eine neue Währung, für die man Stabilität verspricht, ersetzt. Vielmehr werden mehrere, vergleichbar stabile Währungen durch eine einheitliche, stabile Währung ersetzt. (Gegner der EWU und Pessimisten würden es vielleicht anders formulieren: Sie würden mit Bezug auf die BRD sagen, dass die Einführung der EWU die herkömmlichen Währungsreformen auf den Kopf stellt. Während bei einer herkömmlichen Währungsreform eine instabile Währung durch eine stabile ersetzt werden soll, wird mit Einführung der EWU eine stabile Währung durch eine instabile Währung ersetzt. Ich sehe das nicht so, d.h. ich bin ein Befürworter der EWU und Optimist.)
Während man bei einer herkömmlichen Währungsreform eine zerrüttete Währung durch eine stabile Währung ersetzt, wird beim Übergang zur EWU eine Reihe vergleichbar stabiler Währungen durch eine einzige stabile Währung ersetzt. Das führt natürlich sofort zur Frage "Wozu ist das gut?"
Ich will zunächst zeigen, dass der Übergang zur EWU die Lösung eines grundlegenden Problems darstellt. Ich werde dann anschliessend zeigen, dass es andere Lösungen des Problems gibt und dann der Frage nachgehen, welche Vor- und Nachteile die gewählte Lösung im Vergleich zu den verbleibenden Lösungsmöglichkeiten besitzt.
Mit festen Wechselkursen werden Wechselkursrisiken ausgeschaltet. Bei flexiblen Wechselkursen können sich die tatsächlichen Wechselkurse ganz anders entwickeln als man erwartet hat. Das ist für Wirtschaftszweige, die exportieren oder importieren, ein ökonomische Gefahr. Feste Wechselkurse werden daher von den Produzenten und Konsumenten in der Wirtschaft vorgezogen.
Freie Kapitalbewegungen erlauben es den Märkten, die ökonomischen Ressourcen in die optimalen Verwendungen zu lenken. Der gemeinsame Markt in Europa sieht deshalb freie Kapitalbewegungen vor. Der SEA (=Single European Act) verbietet daher Beschränkungen auch des kurzfristigen Kapitalverkehrs.
Mit einer unabhängigen nationalen Geldpolitik kann jedes Land sich die Inflationsrate auswählen, die seinen Vorlieben entspricht. Die Deutschen könnten sich für eine Null-Inflationsrate entscheiden und Italien könnte versuchen, die Geldbestände der Mafia und die Profite der Untergrund-Ökonomie durch eine positive Inflationsrate zu besteuern.
Ja, sie haben richtig gehört. Eine wesentliche Eigenschaft einer Inflation ist, dass sie wie eine Steuer auf Geldbestände wirkt. Und solange jemand über Geldbestände verfügt, ist er bei einer positiven Inflationsrate dieser Steuer unterworfen. Die Steuerlast besteht im Wertverlust der Geldbestände durch Inflation. Die Steuerlast entspricht dem Produkt aus Inflationsrate und Geldbestand. Die Inflationsrate ist der Steuersatz. Der Geldbestand ist die Steuerbasis. Die sogenannte Flucht in die Sachwerte, die man bei anhaltenden Inflationen beobachten kann, ist nichts anderes als eine Steuerflucht.
Lassen Sie mich noch etwas sagen: Wer der Auffassung ist, dass wir in Europa eine Inflationsrate von null haben sollten, der ist der Meinung, dass die Mafia und überhaupt die Untergrund-Wirtschaft steuerfrei davonkommen sollte.
Wo liegt nun das Problem, von dem ich sprach? Das Problem besteht darin, dass man diese drei wünschenswerten Dinge nicht gleichzeitig verwirklichen kann. Sie sind nicht miteinander verträglich. Sie schliessen sich gegenseitig aus. Das ist nicht nur so auf der theoretisch-logischen Ebene, sondern auch im Bereich der Erfahrungen.
Das Bretton-Woods-System, also das Währungssystem, das nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert wurde, ist an diesem Problem gescheitert. Am Anfang des Bretton-Woods-Systems war Kapital beschränkt mobil. Die unüberwindbaren Probleme begannen als man die Beschränkungen des Kapitalverkehrs abschaffte. Das Problem wurde 1973 dadurch aus der Welt geschafft, dass die BRD und andere Länder im Widerspruch zu internationalen Verträgen und Abmachungen zu flexiblen Wechselkursen übergingen.
Ein weiteres Erfahrungs-Beispiel ist das Europäische Währungssystem. Das EWS funktionierte recht gut, solange der Kapitalverkehr unter den europäischen Ländern kontrolliert und beschränkt war.
Im Zuge der Verwirklichung des Binnenmarktprogrammes (Single-Market-Programmes) wurden die Kapitalverkehrsbeschränkungen bis 1990 abgeschafft und es dauerte nur zwei Jahre bis die ersten gravierenden Probleme im EWS auftraten und nur ein weiteres Jahr bis danach das EWS 1993 durch Übergang zu praktisch flexiblen Wechselkursen zusammenbrach. (Ich betrachte die Versechs- bis Versiebenfachung der Bandbreiten von +/-2,25% auf +/-15% praktisch als einen Übergang zu flexiblen Wechselkursen und den Übergang zu flexiblen Wechselkursen als einen Zusammenbruch des EWS.)
Wie diese Beispiele zeigen, ist die Frage der Konsistenz des oben genannten Wunschkatalogs kein akademisch-ästhetisches Problem, sondern eine Frage der Vermeidung realer ökonomischer Katastrophen.
Die Katastrophen treten zwangsläufig dann auf, wenn man sich auf ein inkonsistentes System einlässt und nach Ablauf einer gewissen Zeit gezwungen wird, das System zu ändern, indem man eines der inkonsistenten System-Elemente aufgibt. Im Bretton-Woods-System und im EWS waren es die festen Wechselkurse, die aufgegeben wurden.
Die EWU kann man nun interpretieren als eine Veranstaltung, bei der die Verträglichkeit der System-Elemente dadurch hergestellt wird, dass man nicht die festen Wechselkurse aufgibt, sondern das Element der nationalen, unabhängigen Geldpolitiken. So gesehen verkörpert die EWU eine ganz bestimmte Problemlösung.
Es gibt rein logisch natürlich auch die Möglichkeit, das Problem dadurch zu lösen, dass man die Freiheit des Kapitalverkehrs wieder abschafft. Das wäre aber unvereinbar mit dem Ziel des gemeinsamen Marktes und abzulehnen aus Gründen der ökonomischen Effizienz.
Man hat also grundsätzlich die Wahl zwischen folgenden drei Alternativen:
Nicht einmal die Gegner der EWU wollen den gemeinsamen Markt und damit den freien Kapitalverkehr aufgeben. Denn wenn man den freien Kapitalverkehr aufgibt, dann fällt man im Güterhandel auf das Niveau der ineffizienten Bilateralität oder des bürokratischen Dirigismus zurück. Und im Bereich der Portfolio- und Direktinvestitionen tritt ebenfalls an die Stelle der Marktfunktionen die Willkür der Bürokraten.
Bleibt also nur die Alternative zwischen flexiblen Wechselkursen einerseits und der koordinierten Geldpolitik bei festen Wechselkursen, d.h. der EWU, andererseits.
Die Entscheidung für oder gegen die EWU kann man nun als eine Abwägung von Kosten und Erträgen formulieren. Zu den Kosten der EWU gehören die Vorteile der flexiblen Wechselkurse. Zu den Erträgen der EWU gehören die Nachteile der flexiblen Wechselkurse und die Vorteile monetärer Kooperation.
Man kann hier schwer auf die Vergangenheit verweisen. Schliesslich waren in den meisten Ländern (z.B. in Frankreich, England, und Italien u.a.) die Zentralbanken bisher vom Staat abhängig. Wenn die bisherigen Zentralbankleitungen nach Massgabe der Gesetzte ihren Staat bei der Haushaltsfinanzierung unterstützen mussten, heisst das noch lange nicht, dass sich dies auch in der Zukunft bei nunmehr unabhängigen Zentralbanken im Eintreten für eine instabile europäische Währung auswirken wird. Im künftigen europäischen Zentralbankrat wird es vielmehr unter den Ratsmitgliedern, zu denen auch die Präsidenten der nationalen Zentralbanken gehören, einen professionellen Ehrgeiz zur Erreichung gesamteuropäischer Preisniveaustabilität geben, hinter dem das Feilschen um nationale Sonderwünsche zurückstehen wird.
Wechselkursänderungen könnten nun die fehlende Mobilität der Arbeiter ausgleichen. Im vorliegenden Beispiel könnte eine Abwertung der DM gegenüber dem französischen Franc die Nachfrageverschiebung zwischen Audis und Renaults erstens abschächen und zweitens bei anderen Produkten eine Nachfrageverschiebung zugunsten deutscher Produkte induzieren. Die Arbeiter von Audi könnten dann wenigstens in Deutschland bleiben, wenn auch vielleicht nicht in der Automobilindustrie.
In welchem Ausmass diese beschäftigungsstabilisierenden Wirkungen flexibler Wechselkurse wirklich auftreten hängt entscheidend davon ab, ob sich die nominellen Wechselkursänderungen auch als reale Wechselkursänderungen erweisen. Das wird zunehmend weniger der Fall sein, je stärker die internationale Verflechtung einer Volkswirtschaft ist, m.a.W. je offener eine Volkswirtschaft ist, und je stärker deshalb die Gewerkschaften Veränderungen der Preise importierter Güter in ihren Lohnforderungen berücksichtigen.
Manche Gegner der EWU sehen im Verlust dieses Anpassungsmechanismus ein Haupt-Argument gegen die EWU. Ich selbst beurteile diesen Verlust nicht so dramatisch und zwar aus folgenden Gründen:
Weil ihre Wirkungen nur vorübergehender Natur sind, gestatten nominelle Wechselkursveränderungen nur einen Aufschub für anderweitig notwendige Anpassungen. Nominelle Wechselkursänderungen stellen keine endgültige Problemlösung dar, sie schaffen lediglich Zeitgewinn für endgültige Lösungen. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben.
Flexible Wechselkurse können aber noch in einem anderen Sinne dazu beitragen, den internationalen Transfer von (asymmetrischen) monetären Schocks zu verhindern. Wenn in einem Land aufgrund eines monetären Schocks alle Preise sich gleichmässig verändern und der nominelle Wechselkurs konstant bleibt, dann bedeutet das eine reale Wechselkursänderung mit realen Konsequenzen für den internationalen Güter-Handel, die Beschäftigung, das Sozialprodukt im In- und Ausland. Bei flexiblen Wechselkursen kann die internationale Übertragung des monetären Impulses abgeschwächt und im Extremfall sogar verhindert werden. Voraussetzung für den Extremfall ist aber, dass Löhne, Güterpreise und Wechselkurse nicht nur flexibel, sondern sogar gleichmässig flexibel sind. Wenn diesbezügliche Marktunvollkommenheiten bestehen, dann schaffen die flexiblen Wechselkurse diese Abschottung nicht. In der Realität ist diese gleichmässige Flexibilität zumindest kurzfristig nicht gegeben.
Der Transfer realer Schocks wird durch flexible Wechselkurse ebenfalls behindert. Flexible Wechselkurse schliessen also eine Volkswirtschaft monetär ab und wirken tentenziell als Schockabsorber.
Wir sehen also, dass flexible Wechselkurse einen Anpassungsmechanismus bei realen Störungen der Wirtschaft darstellen, dass sie ferner einen internationalen Transfer monetärer und realer Störungen zwar nicht völlig ausschliessen, aber doch abschwächen können.
Die Wechsel-Gebühren oder Transaktionskosten sind volkswirtschaftlich als Verlust zu buchen. Die Ressourcen, die die Banken für den Geldwechsel einsetzen, könnte man sinnvoller woanders verwenden. Der Umfang der Transaktionskosten wird unterschiedlich beurteilt. Die Schätzungen der Kommission in Brüssel sind eher konservativ. Sie spricht von 0,4 % des Brutto-Inlandsproduktes (GDP) der EG jährlich. Im Jargon der Deutschen Bank sind das allerdings Peanuts.
Durch wirklich fixe Wechselkurse, wie sie mit der EWU verbunden sind, werden diese Risiken ausgeschaltet.
In der Diskussion um Wechselkursrisiken begegnet man dem Hinweis, dass die negativen Wirkungen der Wechselkursrisiken auf das Volumen des internationalen Handels und die internationalen Investitionen sich nicht eindeutig nachweisen liessen. Die Schwierigkeiten sind bekannt. Die ökonometrischen Untersuchungen leiden unter der vereinfachenden Gleichsetzung von Wechselkurs-Variabilität und Wechselkurs-Unsicherheit. Das sind aber grundsätzlich zwei verschiedene Dinge, die nicht miteinander korreliert sein müssen.
Der Wechselkurs eines Landes kann nach den empirischen Beobachtungen in einem Zeitabschnitt völlig fest d.h. ohne jede Veränderung gewesen sein, und trotzdem kann ständig hohe Unsicherheit über den künftigen Wert des Wechselkurses geherrscht haben. Solange man Variabilität der Wechselkurse und Unsicherheit der Wechselkurse nicht separat misst, sind solche Untersuchungen nicht überzeugend. Umfrageergebnisse bestätigen dagegen die Aversion der Unternehmer und Investoren gegen Wechselkursrisiken.
In der Diskussion um flexible Wechselkurse begegnet man ferner dem Argument, dass sich durch fixe Wechselkurse die Risiken einer Wirtschaft, die sich in Form von Wechselkursrisiken bemerkbar machen, nicht wirklich beseitigen liessen, sondern sich nur verlagern liessen. Dahinter steht die Idee, dass es in jeder Wirtschaft ein unvermeidbares Risiko-Volumen gebe, das man nicht durch Wahl des Wechselkurssystems verändern könne. Durch die Entscheidung über das System der Wechselkurse lege man lediglich fest, wo sich diese Risiken in der Wirtschaft sichtbar niederschlagen.
Nach dieser Vorstellung verschwinden die Wechselkursrisiken durch Übergang zu festen Wechselkursen nicht wirklich, sondern tauchen u.U. als erhöhte Zinsrisiken wieder auf.
Ich bin nicht dieser Ansicht. Ich halte das für reine Spekulation. Es gibt keine empirischen Untersuchungen, die dies belegen.
Es gibt aber empirische Untersuchungen, aus denen hervorgeht, dass im Falle der EWU der Übergang zu festen Wechselkursen dazu führt, dass Risiken vernichtet werden. Ich selbst habe festgestellt, dass die Europäische Geldnachfragefunktion aufgrund eines Portfolio-Diversifikations-Effektes deutlich stabiler wird und zwar stabiler sein wird als im Land mit der stabilsten Geldnachfragefunktion. Zu den Ländern mit der stabilsten Geldnachfragefunktion gehören in Europa Holland und Deutschland. Die europäische Geldnachfragefunktion wird also stabiler sein als die deutsche Geldnachfragefunktion.
Die höhere Stabilität der europäischen Geldnachfragefunktion kann man interpretieren als eine Risiko-Vernichtung durch Risiko-Pooling. Ein solches Pooling ist möglich aufgrund der festen Wechselkurse bzw. der gemeinsamen Währung. Es ist nicht möglich bei flexiblen Wechelkursen. Flexible Wechselkurse verhindern ein monetäres Risiko-Pooling.
Eine stabile Geldnachfragefunktion war und ist eine wichtige Voraussetzung für die geldpolitische Strategie der Bundesbank. Diese Voraussetzung wird also auch für Europa erfüllt sein. Die höhere Stabilität der europäischen Geldnachfragefunktion eröffnet darüberhinaus die Möglichkeit, in Europa niedrige Inflationsraten mit grösserer Zuverlässigkeit zu realisieren als sie in der BRD von der Bundesbank erreicht werden konnten. Ob diese Möglichkeit tatsächlich realisiert wird, hängt vom tatsächlichen Verhalten und der geldpolitischen Strategie der künftigen europäischen Zentralbank ab. Hier sind die Entscheidungen noch nicht gefallen. Der Rat des EWI (Europäischen Währungsinstituts) hat den schwarzen Peter der Festlegung der geldpolitischen Strategie dem kommenden Europäischen Zentralbankrat zugeschoben. (Zwischenzielstrategie mit Geldmenge als Zwischenziel; Endzielstrategie mit Inflationsrate bzw. Preisniveau als Endziel. Gegensatz zwischen der deutschen und der britischen Auffassung.) Mit dem Entschluss Englands, nicht von Anfang an der Währungsunion beizutreten, sind die Chancen gestiegen, dass sich in diesen Fragen die deutsche Auffassung durchsetzt.
Auf jeden Fall gibt es durch die EWU Stabilisierungspotentiale, die vorher nicht bestanden.
Aus diesen Gründen wurden Abwertungen im Bretton-Woods-System nicht gerne gesehen und im EWS wurde die Einseitigkeit von Abwertungen abgeschafft und durch einen Abstimmungsmechanismus ersetzt, der Einstimmigkeit der Teilnehmer des Systems verlangte.
Ich will nicht bestreiten, dass es Situationen gibt, in denen sich die Länder Europas, ohne sich zu entzweien, einmütig auf notwendige Abwertungen einigen könnten.
Die Tatsache, dass von der Abwertungsmöglichkeit im EWS nur zurückhaltender Gebrauch gemacht wurde, ist möglicherweise missverstanden worden. Er war wahrscheinlich weniger Ausdruck eines fehlenden Anpassungsbedarfs, den man über Abwertungen hätte decken könen und sollen, als vielmehr Konsequenz der antizipierten Einigungsprobleme in einem Club, der Einstimmigkeit voraussetzt.
Als mit der Freigabe des Kapitalverkehrs die Möglichkeit dazu geschaffen wurde, hat dann der Markt 1992 und 1993 die notwendigen und bisher unterlassenen Wechselkurs-Anpassungen erzwungen. Dass es den Bedarf dazu gab, ist leicht anhand der unterschiedlichen monetären Entwicklungen (Preisniveauentwicklungen) in den EWS-Ländern nachzuweisen.
In der EWU wird eine einheitliche Geldpolitik betrieben. D.h. die Geldpolitiken Europas nehmen kooperativen Charakter an. Die monetären Entwicklungen in den Mitgliedsländern können nicht mehr zu Spannungen führen, die über Wechselkursveränderungen beseitigt werden könnten oder müssten. Es wird zu einer einheitlichen Trend-Inflationsrate kommen.
Die geldpolitischen Vorteile der monetären Kooperation kann man natürlich auch dadurch erreichen, dass man die Geldpolitiken der beteiligten Länder asymmetrisch organisiert. Wenn ein Land in der Geldpolitik der Leader oder Stackelberg-Führer ist und alle anderen Länder Follower sind, dann kann ein konfliktfreies System entstehen. Das EWS hat bis zu einem gewissen Grad so funktioniert. Deutschland war der Stackelbergführer in der Geldpolitik. Jedoch, wenn immer ein Land sich nicht so verhielt, wie es die Rolle eines Followers verlangte, geriet dieses Land in Zahlungsbilanz-Schwierigkeiten. Die Asymmetrie der Stackelbergschen Leader-Follower-Lösung kann man aber den anderen Ländern auf Dauer nicht zumuten. Denn ein Follower zu sein bedeutet, auf die geldpolitische Souveränität zu verzichten, ohne an der geldpolitischen Entscheidung beteiligt zu sein. Das ist anders in der EWU. Hier verzichten die einzelnen Länder auf die geldpolitische Autonomie, sind aber an der kooperativen geldpolitischen Entscheidung beteiligt. Die politisch unzumutbare Asymmetrie der Stackelberg-Lösung wird vermieden.
Ich will jedoch nicht ausschliessen, dass es in der künftigen EWU Situationen oder Voraussetzungen geben kann, in denen das Wechselkursinstrument unstrittig sinnvoll eingesetzt werden könnte zur Erleichterung der realen Anpassungen.
Solche Voraussetzungen sind nicht durch asymmetrische Schocks schlechthin gegeben, sondern durch Asymmetrien derart, dass sich Unterschiede in der Konjunkurlage der Länder ergeben (Asynchronität der Konjunkturverläufe). Wenn man z.B. die europäischen Länder in zwei Gruppen einteilen kann derart, dass in einer Gruppe überall Hochkonjunktur herrscht, während in der anderen Gruppe Rezession herrscht, dann kann eine Aufwertung der Hochkonjunkturwährungen konjunkturdämpfend wirken und die damit einhergehende Abwertung in den rezessiven Ländern stimulierend wirken. Dass die Wechselkurswirkungen nicht dauerhaft sind, ist in diesem Fall eher ein Vorteil und kein Nachteil, denn die Hochkonjunktur und die Rezession sind ex definitione auch nur vorübergehende Phänomene, die mit den Wechselkursänderungen gedämpft werden können. Dass die Wechselkurswirkungen sich nicht sofort einstellen, gilt jedoch weiterhin als Nachteil. Auch das Problem der richtigen Dosierung unter Unsicherheit bleibt bestehen.
Sobald aber diese Gruppenbildung in zwei asymmetrische Konjunkturlager nicht möglich ist, gibt es hier Drittwirkungen, die die Vorteile des Wechselkursinstrumentes wieder in Frage stellen.
Dadurch dass die angenommene Asymmetrie in den Ländern die Lage der ganzen Wirtschaft betrifft, sind die unnötigen Anpassungen, von denen vorhin die Rede war, erheblich reduziert. Problematisch wäre es allerdings wieder, wenn die Konjunkturverläufe innerhalb der einzelnen Ländern gespalten, d.h. nicht homogen, sondern heterogen verliefen.
Der Übergang zu einer EWU ist mit Gewinnen und Verlusten verbunden:
Es müsste im übrigen ein leichtes sein, durch Ausgestaltung der innereuropäischen Fiskalpolitik, die dadurch entstehende Lücke auszufüllen. Wenn sich im Laufe der Zeit dieser Bedarf eindringlich anmelden sollte, dann wird es auch zu den notwendigen institutionellen Veränderungen kommen. Für ein solches Vorgehen sprechen auch historische Vorbilder. Schliesslich gibt es in den USA auch keine flexiblen Wechselkurse zwischen den Einzel-Staaten und die dort operierenden interregionalen Ausgleichsmechanismen waren auch nicht von Anfang an vorhanden und wurden vor allem nicht als Ersatz für fehlende Wechselkursflexibilität eingeführt, sondern sind eine unbeabsichtigte Folge der Einführung des vielgeschmähten Wohlfahrtsstaates (New Deal).
Ich halte die EWU auch für ein Mittel zur Überwindung eines schädlichen Nationalismus, der in Europa noch immer aufrecht herumlaufen darf. Oder will hier jemand behaupten, wir hätten uns die Köpfe noch nicht genug eingeschlagen?
Prof. Dr. Nikolaus K.A. Läufer, Universität Konstanz
Mon Nov 24 10:55:30 MET 1997