Die Zumutungen des Herrn Hankel

 

Prof. Dr. Nikolaus K.A. Läufer
Universität Konstanz

 

 

 

Der "Experte" Hankel

Dass die Einführung des Euro Ängste auslöst, ist nicht weiter überraschend. Überraschend ist vielmehr, wie diese Ängste bewältigt werden. Von einem besonderen Fall zeugt eine neue Veröffentlichung, die vor kurzem unter dem Titel ``Der Kampf um den Euro: Wie riskant ist die Währungsunion?'' erschienen ist. (Hg. Hans-Ulrich Jörges, Hoffmann und Campe). Darin schreibt Wilhelm Hankel unter dem Titel ``Europa wird am Euro scheitern'': ``Die Arbeitnehmer gehen mit dem Euro schweren Zeiten entgegen. Der Euro bedroht ihren Status und ihre Zukunft gleich mehrfach.''

Wer ist Herr Hankel? Die Autoren-Beschreibung klärt uns auf. Herr Hankel ist heute Professor für Währungs- und Entwicklungspolitik in Frankfurt. Aufgrund seiner Tätigkeit im Bundeswirtschaftsministerium, u.a. als Leiter in der Abteilung Geld und Kredit, zählt sich Herr Hankel zu den wichtigsten Mitarbeitern Karl Schillers. Später war er ein Jahr lang Präsident der Hessischen Landesbank. Herr Hankel ist, nach seiner Biographie zu schliessen, offensichtlich ein Experte.

Wir werden im folgenden der Frage nachgehen, wie Herr Hankel als Experte über den Euro denkt. Herr Hankel liebt Einseitigkeiten, die man wohlwollend und verschleiernd auch Asymmetrien nennen kann. Ich gebe gleich eine noch harmlose Kostprobe. Dass Frankreich einen eigenen Kandidaten für die Position des Chefs der Europäischen Zentralbank vorgeschlagen hat, nennt Herr Hankel ``Frankreichs Griff nach der obersten Gewalt in der EZB'' (S. 142). Gleichzeitig wehrt sich Herr Hankel (S. 143) dagegen, dass man von ``Währungshegemonie'' durch die Deutsche Bundesbank oder gar von einem ``DM-Imperialismus'' spricht. Dies wäre nach Herrn Hankel nicht nur sachlich falsch, sondern auch uneuropäisch, weil antideutsch.

Merke: Kritik an der Deutschen Bundesbank ist antideutsch und daher uneuropäisch. Kritik an Frankreich ist proeuropäisch.

Herr Hankel pflegt als Experte eine militärische Perspektive. Die Einführung des Euro führt nach ihm zu einem Zwei-Fronten-Krieg. Kriegführend ist die EZB. Im Inneren der EWU liegt die Heimatfront. Alle Welt rechnet nach Herrn Hankel damit, dass es dort früher oder später ``krachen'' wird. Für Herrn Hankel ist der Euro aber auch von aussen bedroht (S. 142). Die Bedrohung von aussen besteht nach Herrn Hankel darin, dass der Euro eine neue, geschichts- und traditionslose Währung ist, die sich ihre Anerkennung durch die Märkte erst noch erwerben muss. Herr Hankel übersieht, dass es nicht zu den Vertragszielen von Maastricht gehört, den Euro zu einer internationalen Währung zu machen.

Mehr Arbeitslosigkeit durch den Euro

Um dieses (vertraglich gar nicht festgelegte) Ziel der EZB an der Aussenfront zu erreichen, müsse die EZB die Zinsen attraktiv (sprich höher als sonst) gestalten. In einem solchen Verhalten der Zentralbank sieht Herr Hankel eine ``Provokation'' zu der es aber gar nicht kommen wird. Denn wahrscheinlicher ist, nach Herrn Hankel, dass die EZB gar keinen Krieg führen wird, sondern den Euro zu einer weichen, schlappen Währung verkommen lässt, der Exporte und der Arbeitsplätze wegen.

Inflationäre Geldpolitik ist für Herrn Hankel beschäftigungsfreundlich. Wenn die Geldpolitik sich aber am Beschäftigungsziel orientiert und nicht an der Preisstabilität, warum soll das dann schlecht sein für die Arbeitnehmer?

Merke: Die Arbeitnehmer leben nicht von ihrem Einkommen, sondern von Preisstabilität. Das nennt man Stabilitätskultur.

Der Euro werde weich, so fürchtet Herr Hankel. Er erhöhe die inneren Preis-, Kosten- und Zinserhöhungsspielräume. Der Euro ``nimmt somit an inneren Realeikommenszuwächsen weg, was er einer Handvoll exportorientierter Welt-Unternehmen als Bonus (oder Exportsubvention) gewährt. Die Wenigen gewinnen, die Vielen verlieren.''

Das sind von Herrn Hankel drei Zumutungen auf einmal: 1. Der Export liegt in einer Handvoll Unternehmen. (Das soll für ganz Europa gelten, ungeachtet der Tatsache, dass beispielsweise in Deutschland (z.B. Baden-Württemberg), aber auch in Italien (z.B. Lombardei) mittelständische Unternehmen für den Export überaus wichtig sind.) 2. Wirtschaften ist nach Herrn Hankel ein Nullsummenspiel. (Was der eine gewinnt, verliert der andere). Die Ökonomen behaupten jedoch mit guten Gründen etwas anderes. 3. Wenn die Beschäftigung steigt, weil die Exportindustrie expandiert, dann sinken nach Herrn Hankel die realen Einkommen der Arbeitnehmer. Warum das so sei, sagt er nicht und kann er auch nicht sagen.

Die EZB stehe vor einem Dilemma, d.h., sie muss nach Herrn Hankel wählen zwischen einem stabilen Euro mit Weltgeltung einerseits und einem instabilen und damit beschäftigungsfreundlichen Euro andererseits (S. 144). Die Statuten der EZB erlauben aber eine solche Wahl gar nicht. Die Statuten legen das Ziel der Preisstabilität fest und sonst gar nichts. Von Weltgeltung ist nirgendwo die Rede.

Zugegeben die EZB ist auch angehalten, die Beschäftigungs- und Wachstumsziele der Gemeinschaft zu verfolgen, aber nur soweit es mit dem Ziel der Preisstabilität vereinbar ist. Eine solche Priorität des Ziels der Preisstabilität hat es nicht einmal in der BRD beim Stabilitätsgesetz gegeben, durch welches auch die Deutsche Bundesbank auf die Ziele Preistabilität, Wachstum, Vollbeschäftigung und Zahlungsbilanzausgleich festgelegt wurde.

Wie immer aber sich die EZB in diesem angeblichen Dilemma auch entscheide, der Effekt sei, so Herr Hankel, letzlich derselbe. Es komme so oder so zu höheren Geld- und Realzinsen (S. 145) und damit zu Beschäftigungsrückgängen. Ich frage mich deshalb: Wenn die Effekte die gleichen sind, wo bleibt dann das Dilemma?

Wir wollen gerne wissen, warum es zu höheren Zinsen kommt, obwohl man daran angeblich nichts ändern kann.

Zinserhöhungen durch den Euro

Der Fisher-Effekt wird vernachlässigt

Nach Herrn Hankel wird es bei einem harten Euro einen politisch gewollten Zinsruck nach oben geben. (Die Euro-Zentralbanker schnallen die Gürtel enger und drehen den Geldhahn zu.) Das bedeutet, die Stabilität des Euro wird über geldpolitische Setzung höherer Zinsen erreicht. Aber bleiben die Markt-Zinsen dann wirklich hoch bzw. oben, wenn ein harter Euro bedeutet, dass eine niedrige Inflationsrate gewählt wird? Herr Hankel meint offensichtlich ja, denn er spricht von Zinserhöhung und nicht davon, dass die Zinssätze eventuell nur vorübergehend ansteigen werden.

(Dabei vernachlässigt Herr Hankel den sog. Fisher-Effekt und zeigt, dass er als Ökonom nicht auf der Höhe der Zeit ist. Der Leser möge berücksichtigen, dass folgende Überlegung zum Standard der heutigen Ökonomik gehört. Die erwartete Infaltionsrate wird von den Wirtschaftssubjekten dem realen Zinssatz zugeschlagen und führt dementsprechend zu höheren nominellen Zinsforderungen, die der Markt honorieren muss, wenn er den Finanz-Investoren das Geld aus der Tasche locken will. Wenn die Zentralbank zu einer kontraktiven Geldpolitik übergeht, welche die Inflationsrate senkt, dann kommt es anfangs zu einer Erhöhung des nominellen Zinssatzes, die sich aber später wieder zurückbildet, weil der Rückgang der tatsächlichen Inflation auch zu einem Rückgang der erwarteten Inflationsrate und damit der nominellen Zinssätze führt. Mit anderen Worten, wenn die Finanz-Investoren sehen, dass es die Zentralbank mit der Reduktion der Inflationsrate ernst meint, dann werden sie ihre nominellen Zinsforderungen zurückschrauben.)

Andererseits werde, so Herr Hankel, bei einem weichen und beschäftigungsfreundlichen Euro der Zinsanstieg importiert: über Kapitalflucht, Abwertung, Inflationsbeschleunigung (S. 145).

Zunächst einmal können wir festhalten, dass man nicht importieren kann, was im Ausland gar nicht existiert. Woher soll aber der Zinsanstieg im aussereuropäischen Ausland kommen, der angeblich importiert wird? Will Herr Hankel uns sagen, dass der weiche Euro mit niedrigen Zinssätzen im europäischen Inland zu einem Anstieg des Zinssatzes im Ausland führt, der dann importiert werden könnte?

Asymmetrien und Einseitigkeiten als dubioses Prinzip

Damit sind wir bei der ersten gravierenden Einseitigkeit von Herrn Hankel angelangt. Wenn, wie Herr Hankel meint, beim schwachen Euro mit geldpolitisch niedrigen Zinssätzen, hohe Zinssätze aus dem (aussereuropäischen) Ausland importiert werden, warum werden dann nicht bei stabilem Euro mit geldpolitisch hohen Zinssätzen auch niedrige Zinssätze aus dem (aussereuropäischen) Ausland importiert?

Um zu erläutern, was wir unter Symmetrie (Abwesenheit von Einseitigkeit) verstehen, verwenden wir folgendes Beispiel aus der Physik des täglichen Lebens. Wenn wir die Temperatur erhöhen, dann dehnt sich ein Metallgehäuse aus. Wenn wir die Temperatur senken, dann schrumpft ein Metallgehäuse. Hier herrscht Symmetrie. In einer Welt, die dem Denken von Herrn Hankel entspricht, herrscht Asymmetrie. Wenn die Temperatur steigt, dann dehnt sich das Metallgehäuse aus, wenn die Temperatur abnimmt, bleibt das Gehäuse unverändert.

Herr Hankel würde jetzt sicher sagen, dass in der Ökonomik nicht gelten muss, was in der Physik als gültig angenommen wird. Das wäre aber kein ernstzunehmender Einwand. Denn auch die Ökonomen gehen in der Regel von solchen Symmetrien aus, es sei denn sie haben einen besonderen Grund für das Gegenteil. Einen solchen Grund müsste Herr Hankel nennen. Er würde ihn aber im vorliegenden Fall gar nicht nennen können.

Jenseits aller Polemik möge der Leser jedoch beachten, dass die Frage der Symmetrie oder Asymmetrie von Effekten keine Spitzfindigkeit, sondern ein konstitutives Element seriöser Wirtschaftswissenschaften ist. Während in den Wirtschaftswissenschaften die Symmetrie-Annahme das Normale ist, geht Herr Hankel durchgehend von Asymmetrien aus. Solange Herr Hankel für diese Abweichung von der Norm keine Begründungen liefert, ist sein Vorgehen wissenschaftlich unhaltbar. Wie verlaufen die Zinseffekte wirklich?

Nomineller Zinssatz

Betrachten wir den durchaus realistischen Fall, dass durch Einführung des Euro der Zinssatz auf dem Weltmarkt nicht steigen wird. Dann kann es zwar immer noch zu einem Zinsanstieg im Euro-Gebiet kommen und zwar über eine Inflationserhöhung. Es macht dann aber keinen rechten Sinn von Zinsimport zu sprechen. Unter solchen Umständen (im aussereuropäischen Ausland) führt eine Inflationsbeschleunigung im europäischen Inland zunächst zu einer Reduktion der realen Verzinsung von bereits emittierten inländischen Wertpapieren, bei deren Emission man diesen Inflationsanstieg aus Unkenntnis der Zukunft noch nicht in Rechnung stellen konnte. Die Anleger werden sich von solchen Anlagen zu trennen versuchen, damit einen Druck auf die Wertapierkurse ausüben und dadurch den realen Zinssatz (Ertragssatz) dieser Papiere wieder auf die ursprüngliche von ihnen geforderte Höhe treiben. Neu emittierte Papiere werden von vornherein eine nominelle Verzinsung bieten müssen, welche gegenüber der bisherigen Rate um den Anstieg der nominellen Inflationsrate nach oben korrigiert ist. Bei einem Euro mit einer Inflationsrate, die höher ist als die Inflationsrate vor seiner Einführung, wird es also zu einem Anstieg des nominellen Markt-Zinssatzes in Höhe dieser Differenz (Beschleunigung) der Inflationsraten kommen. Bei einem stabilen Euro, d.h. ohne Anstieg der Inflationsrate, wird dieser Zinsanstieg jedoch ausbleiben. Für das nominelle Zinsniveau ist es also nicht egal, ob der Euro stabil ist oder nicht.

Realer Zinssatz

Der Leser sollte mit der Definition realer Zinssätze vertraut sein. Der (erwartete) reale Zinssatz wird von Ökonomen definiert als Differenz zwischen nominellem Zinssatz und (erwarteter) Inflationsrate.

Herr Hankel verbindet mit dem Begriff des weichen Euro die Vorstellung niedriger nomineller Zinssätze, solange es nicht zu dem von ihm unsinnigerweise behaupteten Import höherer Zinssätze gekommen ist. (Diese Vorstellung sinkender Zinssätze kollidiert jedoch mit dem oben genanten Fisher-Effekt. Ich lasse das Problem der Nichtbeachtung des Fisher-Effekts im folgenden zunächst beiseite.) Dann bleiben in den Hankelschen Aussagen noch genügend Probleme zurück. Ich beginne mit folgender Feststellung. Wenn bei Herrn Hankel der nominelle Zinssatz fällt, weil der Euro weich ist, und die (erwartete) Inflationsrate steigt, weil der Euro weich ist, dann muss die Differenz zwischen beiden, d.h. der reale Zinssatz nach der obigen Definition fallen. Dass der reale Zinssatz steigen wird, wie es Herr Hankel unter seinen Annahmen behauptet, ist daher logisch gar nicht möglich. Herr Hankel widerspricht sich also. Um diesen Widerspruch zu vermeiden, muss er entweder die Annahme sinkender nomineller Zinsen aufgeben oder sich von der Aussage trennen, dass der reale Zinssatz steigt.

Würde Herr Hankel sich von der Annahme sinkender nomineller Zinssätze trennen (in Übereinstimmung mit seiner unsinnigen Hypothese des Imports höherer nomineller Zinssätze), dann würde die Annahme eines Anstiegs der realen Zinssätze nicht auf einen logischen Widerspruch hinauslaufen. Er müsste dann aber immer noch begründen, warum der reale Zinssatz ansteigt.

Für die Behauptung, dass der reale Zinssatz in der EWU steigt, gibt Herr Hankel selbst keinerlei Begründung.

Eine mögliche Argumentation würde jedoch wie folgt lauten: Der Euro werde nicht nur die Inflationsrate ansteigen lassen, sondern auch die Instabilität der Inflationsrate erhöhen. Die Schurken der EZB (das EZB-Direktorium in französischer Hand) treiben in dieser Sicht nicht nur ein böses Spiel (durch eine stärker inflationäre Geldpolitik), sie sind auch noch unzuverlässiger. Sie kündigen nicht nur schlechtere geldpolitische Ziele als die Bundesbank an, sondern erlauben sich auch noch stärkere Abweichungen nach oben und unten (Schlampereien) bei der Zielerreichung. (Ein positiver Zusammenhang zwischen der Höhe der durchschnittlichen Inflationsrate und der Inflationsunsicherheit (Inflationsvarianz) lässt sich empirisch nachweisen.) Damit würde sich das Anlegerrisiko vergrößern und dies triebe den realen Zinssatz, indem auch eine Risikoprämie steckt, nach oben. Der nominelle Zinssatz würde noch stärker steigen, weil sowohl die (erwartete) Inflationsrate als auch die Risikoprämie zunimmt. In dieser empirisch fundierten Sicht werden die Zinsen aus geldpolitischen Gründen nicht ansteigen, ohne dass die Inflationsrate bei Einführung des Euros zunimmt.

Würde man statt dessen davon ausgehen, dass die französischen Technokraten zwar die falschen Ziele (eine höhere Inflationsrate), diese aber doch mit größerer Präzision als die Bundesbank erreichen wollen und dabei auch Erfolg haben, dann würde die obige Begründung für einen gleichzeitigen Anstieg des nominellen und des realen Zinssatzes zusammenbrechen. Die Veränderung der nominellen und der realen Zinssätze wäre dann nicht mehr gleichgerichtet. Die Höhe der nominellen Zinnsätze würde wegen des Fisher-Effektes aber noch immer von der (erwarteten) Inflationsrate abhängen.

Im Gegensatz zu dem, was Herr Hankel aussagt, spielt es also schon eine entscheidende Rolle, ob der Euro stabil ist oder nicht.

Herr Hankel sieht eine schwierige Wahl zwischen Holzweg und Sackgasse. Ich sehe die Alternative zwischen logisch korrekter und empirisch relevanter Argumentation auf der einen Seite und einer Argumentation, die gegen allen Verstand und ökonomische Vernunft ökonomische Zwänge und Einseitigkeiten konstruiert.

Das Beispiel der Geschichte

Was sagt die Geschichte der Währungsunionen über die Chancen des Euro? Herr Hankel ist nicht allein mit der Behauptung, daß Deutschlands Mark, der Schweizer Franken und der US-Dollar am Ende einer Entwicklung standen, die Krönung eines oft langwierigen politischen Einigungsprozesses und nicht seinen Anfang darstellten. Diese Auffassung ist bekannt unter der Bezeichnung ``Krönungstheorie'', die zahlreiche Anhänger hat. Die Zahl der Anhänger einer Behauptung hat natürlich nichts mit deren Richtigkeit zu tun. Dass die Krönungstheorie nicht zutrifft, zeigt schon das Beispiel der Deutschen Mark, dem wichtigsten Bezugspunkt der Anhänger dieser Theorie. Die Deutsche Mark entstand zwar formal nach der Reichsgründung von 1871. Aber die monetäre Vereinigung Deutschlands im 19. Jahrhundert fand lange vor der politischen Vereinigung Deutschlands statt. Wie der Historiker Holtfrerich überzeugend dargelegt hat, ist die andere Interpretation der Ereignisse ein typisches Beispiel für oberflächliches Lesen der Geschichte, wobei fundamentale Unterschiede in den Bedingungen und Funktionen hinter scheinbar ähnlichen Prozessen und Institutionen vernachlässigt werden.

Dass Herr Hankel den Zusammenbruch der Nordischen Währungsunion mit der Massenarbeitslosigkeit der 30er Jahre begründet, zeigt, dass es noch andere Beispiele für den von Holtfrerich angeprangerten Missstand gibt.

Die Rolle der Fiskalkriterien des Maastricht-Vertrages

Wir haben in Deutschland einen Euro gewollt, bei dem die Staatsdefizite keine Gefahr für die Preisstabilität werden können. Dazu wurden unnötigerweise die Fiskalkriterien in den Maastrichtvertrag eingeführt. (Dass, wie Herr Tietmeyer neulich angedeutet hat, die Franzosen die Zahl drei beim Defizit-Kriterium vorgeschlagen haben, begründet ja noch keine Entlastung der Deutschen von der Mit-Verantwortung für die Fiskal-Kriterien des Maastricht-Vertrages.)

Weil es in der Vergangenheit regelmäßig Haushaltsdefizite des Staates waren, welche zu grossen Inflationen geführt haben, glaubte man, die Fiskalkriterien zur Sicherung der Preisstabilität zu benötigen. Die Meinung der Experten und Finanz-Fachleute orientiert sich an dieser oberflächlichen Betrachtungsweise. Bei näherem Hinsehen ist es die besondere Finanzierung der Haushaltsdefizite durch Zentralbankkredite gewesen, welche die Inflationen verursacht haben. Es hätte also genügt, die Finanzierung staatlicher Defizite durch die EZB zu verbieten, wie im Maastricht-Vertrag auch vorgesehen, und auf die Einhaltung dieses Verbotes durch stabilitätsorientierte Regierungen, Parlamente, Druck der öffentlichen Meinung und Gerichte zu pochen. Deutsche Gründlichkeit wollte mehr. Staatliche Defizite sollten auch begrenzt werden. Durch den Stabilitätspakt sollten ausserdem über Sanktionen Anreize für die Einhaltung der Defizit-Grenzen geschaffen werden. Mir ist nicht bekannt, dass Herr Hankel ein Gegner der Fiskalkriterien des Maastricht-Vertrages und des Waigelschen Stabilitätspaktes ist. Gleichwohl bedauert er es wie ein Keynesianer, dass durch die Einführung des Euros für eine aktive Konjunktur- und Beschäftigungspolitik auf der nationalen Ebene die dafür notwendigen Instrumente nicht mehr zur Verfügung stehen, und lehnt den Euro auch aus diesen Gründen ab.

Bei Betrachtung der Diskussion um den Euro, kommt einem notgedrungen irgendwann der Verdacht, dass da zuerst nach Abschaffung der nationalen Konjunktur- und Beschäftigungspolitik gerufen wurde, um den Euro angeblich akzeptabel zu machen, in Wahrheit um ihn zu verhindern. Und nachdem man zwar die Verhinderung des Euros nicht erreicht, aber die Abschaffung der Instrumente für nationale Konjunkturpolitik durchgesetzt hat, versucht man diese Folge nun als Argument gegen die Einführung des Euros auszuschlachten.

Der Arbeitsmarkt in der EWU

Herr Hankel macht sich Sorgen um den Arbeitsmarkt. Der Euro werde den Arbeitsmarkt europäisieren, sagt Herr Hankel. Dass dies der Euro und nicht die Europäische Gesetzgebung tut, ist für ihn offensichtlich und klar. Der Euro mache das über verstärkte Transparenz, größere Mobilität von Arbeit wie Kapital und wachsenden Beschäftigungsdruck, der so oder so zur Lohnangleichung zwinge.

Die Europäisierung der Arbeitsbedingungen ist für Ihn eine ``Amerikanisierung''. Er sieht eine Rückkehr zu Märkten für ``menschliche Ware'', zu frühkapitalistischen und vor-sozialstaatlichen Zeiten ohne Mindeststandards humaner Arbeitsverhältnisse. Da tut es nichts zur Sache und es wird auch deshalb einfach übergangen, dass die Engländer sich wegen der Sozialcharta aus der EWU heraushalten wollten. Es wird nach Herrn Hankel die wildeste Lohnkonkurrenz geben mit verheerenden Auswirkungen auf die Beschäftigung. So wie der reale Zinssatz steigen wird, egal ob der Euro stabil ist oder nicht, so wird es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommen, unabhängig davon ob der Euro stabil ist oder nicht. Ja sogar unabhängig davon ob man ``Hochlohnland'' ist oder ``Billiglohnland''. Die Mechanik der verwilderten Arbeitsmärkte wird nach Hankel nämlich so funktionieren: In den Hochlohnländern kommt es aufgrund des Zuzugs aus den Billiglohnländern zu Lohndruck und Entlassungen (S. 150). Dass es Arbeitslose sind, die aus den Billiglohnländern abwandern, in den Hochlohnländern Arbeit finden, und dass dadurch die Arbeitslosigkeit in Billiglohnländern zurückgehen wird, zählt für Herrn Hankel nicht. Er spricht nicht einmal davon. Für ihn steht fest, dass die Arbeitslosigkeit in den Billiglohnländern steigt. Hankel meint nämlich: ``In den Billiglohnländern muß man wiederum mit verstärkter Arbeitslosigkeit rechnen, denn die Lohnanpassung nach oben wird, soweit sie nicht durch reale Produktivitäsgewinne unternehmerisch verdient werden kann, alte wie neue Investoren abschrecken'' (S. 150).

Während das Lohnniveau in den bisherigen Billiglohnländern steigen wird, wird es in den Hochlohnländern fallen. Das ist die Angleichung der Lohnniveaus, die auf verstärkte Transparenz und Mobilität des Faktors Arbeit zurückzuführen ist. Soweit herrscht Symmetrie in der Hankelschen Argumentation. Die Symmetrie endet jedoch bei den Folgen dieser Veränderung. Herr Hankel sagt, dass die Lohnanpassung nach oben in den Billiglohnländern die Investoren abschrecke. Wenn es aber in den Hochlohnländern eine Anpassung der Löhne nach unten gibt, dann müssten dort aus Symmetriegründen die Investoren angezogen werden, so wie sie in den Billiglohnländern abgeschreckt werden. Während Herr Hankel den negativen Effekt in den Billiglohnländern herausstellt, dass dort die Lohnanpassung nach oben die Investoren abschreckt, übergeht er den entgegengesetzten Effekt in den Hochlohnländern und kommt so per Saldo zu einer negativen Beurteilung. Herr Hankel lässt also einen Teil einer vollständigen und nicht einseitigen Argumentation ganz einfach weg. Herr Hankel müsste diese Einseitigkeit begründen. Er verliert aber zu dem Problem kein Wort.

(Übrigens unterscheidet sich hier Herr Hankel von anderen Gegnern des Euro, die an unveränderter Arbeitsmoblilität festhalten. Aber das ist nach Herrn Hankel kein Grund zu Optimismus. Während sich deutsche Urlauber im europäischen Ausland sauwohl fühlen, werden sie nach Herrn Hankel als europäische Binnenwanderer immer Fremde bleiben, wo immer sie sich niederlassen und eher dazu beitragen, noch bestehende Gräben zu vertiefen als solche zuzuschütten. Europa sei auch in dieser Hinsicht nicht Amerika und sollte es nach Herrn Hankel auch nicht werden. Nach Herrn Hankel muss man sich aus dem Weg gehen, um sich wirklich näher zu kommen.)

Der Untergang der Beschäftigungspolitik durch den Euro

Herr Hankel spricht von Euro-Stagflation. Er sieht voraus, dass der Euro die Massenarbeitslosigkeit vermehrt. Beschäftigungspolitik sei angesagt. Die klassische Beschäftigungspolitik früherer Zeiten gehöre mit dem Euro jedoch endgültig der Vergangenheit an. Als hätte es eine solche Politik nach der Abwahl der Sozialdemokraten in Deutschland noch gegeben. Mit dem Euro wird sie nach Herrn Hankel jedoch endgültig begraben. Was soll man davon halten?

Herr Hankel stellt auf S. 151 folgende Frage: ``Woher soll die von zahlreichen Linken erhoffte beschäftigungsreundliche EZB-Politik herkommen, wenn diese sowohl gegen die Stabilitätsgebote von Vertrag und Statut wie gegen die Marktlage verstößt?'' In dieser Frage geht Herr Hankel eindeutig davon aus, dass die EZB für einen harten Euro sorgen wird und dass deshalb keine beschäftigungsfreundliche EZB-Politik zu erwarten sein wird. Wie verträgt sich aber diese Frage von Herrn Hankel mit seiner obigen Annahme, dass die EZB einen weichen Euro schaffen wird? Hier zeigt sich erneut, dass die Einseitigkeiten (Asymmetrien) von Herrn Hankel bei ihm auch zu Widersprüchen führen.

Wenn es um die Zukunft der Beschäftigungspolitik in Europa geht, dann beklagt Herr Hankel ihren Untergang und begründet diesen damit, dass die EZB sich an Vertrag und Statuten halten wird, und dass daher eine beschäftigungsfreundliche Politik der EZB nicht zustandekommen wird.

Wenn es dagegen um die Beurteilung der Preisstabilität des künftigen Euro geht, dann glaubt Herr Hankel an die Verletzung von Vertrag und Statuten durch die EZB. Dies wird mit der beschäftigungspolitischen Orientierung der EZB begründet.

Wenn Herr Hankel ernst genommen werden will, dann darf er sich nicht in solche Widersprüche verfangen. Zugegeben, es ist nicht immer leicht, Widersprüche zu vermeiden. Aber dieser Widerspruch ist so stark und so offensichtlich, dass seine Entdeckung keine besonderen Anstrengungen verlangt. Ihn zu entdecken ist keine Spitzfindigkeit, sondern ein Kinderspiel, so einfach wie die Unterscheidung von Tag und Nacht. Dieser Widerspruch disqualifiziert Herrn Hankel ernsthaft.

Die Hankelschen Fluchtwege aus dem Euro

Herr Hankel sieht als Konsequenz seines Widerspruchs wieder eine Zwangslage, nämlich die Wahl zwischen einer Flucht nach vorne und einer Flucht nach hinten (S. 152). Flucht nach vorne heisst nach ihm, die Währungsunion nach französischen Vorstellungen durch eine ``Wirtschaftsregierung'' zu komplettieren. Flucht nach hinten heisst bei ihm die Umgehung von Maastricht-Vertrag und Stabilitätspakt, um nationale Stabilitätspolitik nach alten Mustern zu betreiben. Beides seien ungangbare Wege. Die Preise der beiden Alternativen sind nach Herrn Hankel nämlich zu hoch. Die französisch dominierten Eurobürokraten würden Europa weiter ent-demokratisieren und es zunehmend von der Weltwirtschaft abkoppeln. Denn die aussenwirtschaftliche Absicherung solcher Binnenkonjunkturprogramme lege auch eine Einschränkung der Kapitalverkehrsfreiheiten nahe. Aber auch bei der Flucht nach hinten wäre der Preis zu hoch. Es käme ja zu einer Inflations- und Abwertungsspirale bis den Wählern (Sparern) in den Ländern mit Stabilitäskultur der Kragen platze.

So wie es nach Herrn Hankel für die Zinsen egal ist, ob der Euro stabil wird oder nicht, so ist es für Herrn Hankel gleichgültig, ob der Fluchtweg nach vorne oder nach hinten angetreten wird.

Zusammenbruch der EWU

Herr Hankel schert sich nicht um logische Konsistenz und Symmetrie (Vermeidung von Einseitigkeiten). Er nimmt einfach an, dass die Welt asymmetrisch (einseitig) funktioniert. Damit setzt er sich in Gegensatz zur ökonomischen Theorie. Diese geht nicht ohne Begründung von der Symmetrie-Annahme ab. Begründungen für seine Asymmetrien (Einseitigkeiten) bleibt Herr Hankel schuldig. Dort wo die Einseitigkeiten sich logisch widersprechen, sind korrekte Begründungen gar nicht denkbar und daher unmöglich.

Es kümmert Herrn Hankel nicht, wenn die angenommenen Asymmetrien (Einseitigkeiten) sich logisch widersprechen. Im Gegenteil, sie sind für ihn der Anknüpfungspunkt für die Prognose eines Zusammenbruchs der EWU. Nach Herrn Hankel kommt es ``früher oder später'' zum Ausstieg aus der EWU durch die starken Partner der EWU. (Ich will jetzt nicht auf der Einsicht herumreiten, dass die Verwendung der Worte ``früher oder später'', seine Aussage zur Tautologie macht und dass sie dadurch ihre Qualität als Prognose verliert.) Vielleicht fühlt sich Herr Hankel hier mit Karl Marx einig. Dessen Wirtschaftsdynamik basierte ja ebenfalls auf Widersprüchen. Nur besteht hier ein wichtiger Unterschied. Marx hatte nicht logische, sondern gesellschaftliche Widersprüche im Blick. Logische Widersprüche sind Widersprüche im Denken, im Kopf eines einzelnen, vor denen sich eine Gesellschaft schützen muss. Bei logischen Widersprüchen im ökonomischen Bereich ist es Aufgabe der professionellen Ökonomen, diesen Schutz zu liefern.

Zusammenfassung

Wenn ich die Aufgabe hätte, die Argumentation von Herrn Hankel zu würdigen, dann würde ich ihm eine besondere Fähigkeit in der Erzeugung logischer Widersprüche bescheinigen. Das wäre aber eine entscheidende Feststellung aus folgendem Grund.

Nach den Gesetzen der Logik ist aus Widersprüchen jede Schlussfolgerung ableitbar. D.h. nach den Gesetzen der Logik ist mit den Widersprüchen von Herrn Hankel auch eine den Euro befürwortende Position vereinbar. Man kann aus den Argumentationen von Herrn Hankel sowohl ableiten, dass man den Euro akzeptieren soll, als auch ableiten, dass man ihn ablehnen soll. Im Klartext: Die Relevanz der Argumentation von Herrn Hankel für die Beurteilung des Euro ist gleich null.

  Meine Kritik an Hankel wird fortgesetzt in:

  Hankel und kein Ende: Osterweiterung und Euro-Wechselkurs

  Antwort auf einen Leserbrief

  Prof. Hankel - ein Uri Geller (Löffelverbieger) in Sachen Euro: Volksverhetzer oder Trostspender?

 

Weitere Beiträge des Verfassers zum Euro finden sich auf seiner Homepage :


Nikolaus K.A. Laeufer
Wed Feb 18 23:39:21 MET 1998