Osteuropäische Gewinner und Verlierer bei der Entschädigung überlebender Zwangsarbeiter im Deutschen Reich

Im Zuge der Diskussion um die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter wurde an der Universität Konstanz eine Hochrechnung über die Zahl der das Jahr 1999 überlebenden Zwangsarbeiter des Dritten Reiches erstellt. Diese Hochrechnung umfaßt im wesentlichen die Zwangsarbeiter der Staaten, die mit eigenen Interessengruppen an den Verhandlungen beteiligt waren. Parallel wurden die in einer Gesprächsrunde in Florenz im September 1999 zusammengetragenen Informationen der vertretenen Stiftungsinitiativen aus Polen, der Tschechischen Republik, der Ukraine, Rußland und Weißrußland analysiert mit dem Ergebnis, daß die Angaben der Tschechischen Republik absolut verläßlich sind, die Daten aus Polen und der Ukraine gewisse Glaubwürdigkeitsprobleme aufwerfen, während aus Rußland und Weißrußland keine detaillierten Angaben zur Struktur der überlebenden Zwangsarbeiter vorgelegt wurden.

Betrachtet man diese Ergebnisse im Licht der konkreten Aufteilung der Entschädigung, die in der vergangenen Verhandlungsrunde in Berlin gefunden wurde, so stellt man fest, daß die Parteien, die das unzulänglichste Datenmaterial zur Verfügung gestellt haben, am besten abgeschnitten haben. Selbst die teilweise nicht nachvollziehbaren Angaben der polnischen Stiftung reichen nicht aus, um den polnischen Zwangsarbeitern den ihnen zustehenden Anteil am Gesamtvolumen der 8,25 Mrd. DM zu sichern. Die schlechteste Verhandlungsposition hatten offenbar die Vertreter der tschechischen Stiftungen, deren Zahlenangaben aus Konstanzer Sicht am umfassendsten und glaubwürdigsten waren.

Problematisch ist die Beurteilung der am Verhandlungstisch nicht vertretenen sonstigen Zwangsarbeiter Osteuropas sowie der Sklavenarbeiter weltweit, die sich zusammen eine Summe von 800 Mio. DM teilen müssen. Zwar war ein nicht unerheblicher Teil der Zwangsarbeiter vom Balkan auf österreichischem Territorium beschäftigt und wird damit von Österreich entschädigt. Die nicht hochrechenbare Anzahl der sonstigen Sklavenarbeiter dürfte diese Gruppe von Opfern aber schnell an die Grenzen des eher knapp bemessenen Plafonds bringen.

Es bleibt daher abzuwarten, ob der am vergangenen Donnerstag gefundene Kompromiß auch dann noch tragfähig sein wird, wenn es um die konkrete Auszahlung der Entschädigungsleistungen geht.

Copyright 2000, Dr. Roland Jeske