Kritik an der Studie von Dr. Mark Spoerer: "Wie viele ehemalige und möglicherweise entschädigungsberechtigte Zwangsarbeiter werden im Jahr 2000 noch leben?"

Zu dem Gutachten von M. Spoerer, auf das sich die Bundesregierung stützt, gibt es einige Kritikpunkte, die unterschiedliche statistische Aspekte betreffen.

1. Kritikpunkt

Die Verteilungen der Ostarbeiter aufgrund des Datenbankprogrammes "Zwangsarbeiter während des zweiten Weltkrieges in Reutlingen Erfassung und Auswertung der Ausländer-Meldekartei" des Stadtarchivs Reutligen konnten so nicht nachvollzogen werden. Nach Analyse dieser Daten und abermaliger persönlicher Überprüfung der Daten wurde in Konstanz eine andere Altersverteilung der polnischen wie auch der sowjetrussischen Zwangsarbeiter ermittelt.

2. Kritikpunkt

An anderer Stelle schreibt Herr Spoerer: "Vielmehr ist der medizinische Fortschritt in den letzten Jahrzehnten sehr bedeutend gewesen und kam vor allem älteren Menschen zugute. Folglich haben sich ihre Überlebenschancen erhöht".
Spoerer verweist hier auf den Artikel "Herleitung der DAV-Sterbetafel für Rentenversicherungen" in den Blättern der Deutschen Gesellschaft für Versicherungsmathematik von Schmithals und Schütz (1995).
Prinzipiell wäre das Heranziehen von Sterbetafeln der amtlichen Statistik für die vorliegende Fragestellung ohnehin ratsamer. Aber wenn auf Ergebnisse von Aktuaren zurückgefriffen wird, so wäre es sinnvoller, Versicherungsmathematiker zu zitieren, die die Sterblichkeit der betroffenen osteuropäischen Länder und nicht die von Deutschland untersuchen. Denn die zitierte Aussage ist zwar zweifelsfrei richtig für Deutschland. Falsch ist sie hingegen für die in der vorliegenden Fragestellung zahlenmäßig nicht wenigen Bürger der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen die Sterberaten fast gleichmäßig in allen Altersklassen angestiegen sind. Dies belegt zumindest die einschlägige Literatur international tätiger Aktuare (vgl. z.B. MacDonald et. al. (1998): "An international comparison of recent trends in population mortality", British Actuarial Journal), die den nachfolgenden Tabellen 1 und 2 zu entnehmen ist.

Zahlen der UNO, die in der Konstanzer Hochrechnung verwendet wurden, berücksichtigen diesen Trend, soweit vorhanden, allerdings nicht so deutlich wie ihn die Versicherungsmathematiker sehen.

Tabelle 1: Sterblichkeitsraten (pro 1000 Lebenden) in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, 1989 und 1993, männlich


 
  Estland Lettland Litauen Russische Föderation Ukraine
Alter 1989 1993 1989 1993 1989 1993 1989 1993 1989 1993
55 - 59 20,3 27,4 21,2 30,0 19,1 24,7 22,0 31,2 19,3 24,6
60 - 64 32,0 38,7 31,8 41,3 26,8 33,4 33,6 44,3 29,7 33,5
65 - 69 43,3 51,6 43,5 53,2 40,5 46,0 47,8 58,1 43,5 48,8
70 - 74 61,1 66,6 62,3 74,1 52,9 67,4 64,9 77,4 59,5 68,5
75 - 79 92,1 97,0 90,2 98,0 76,1 80,8 99,2 111,6 91,8 93,3
80 - 85 139,3 152,3 135,9 150,4 111,4 115,8 146,5 158,1 138,9 148,8
über 85 231,5 247,1 225,1 238,4 207,8 230,1 229,6 239,0 228,5 244,8

Quelle: MacDonald et. al. (1998), British Actuarial Journal


Tabelle 2: Sterblichkeitsraten (pro 1000 Lebenden) in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, 1989 und 1993, weiblich


 
  Estland Lettland Litauen Russische Föderation Ukraine
Alter 1989 1993 1989 1993 1989 1993 1989 1993 1989 1993
55 - 59 8,6 9,1 8,4 10,0 7,3 8,6 8,2 10,8 7,7 9,4
60 - 64 12,7 14,4 13,0 14,6 10,9 12,3 13,2 16,5 12,4 13,8
65 - 69 21,3 21,8 20,6 22,3 19,4 19,3 22,9 25,4 21,4 22,9
70 - 74 35,4 37,1 33,9 36,6 30,7 35,3 35,0 41,3 34,6 40,6
75 - 79 59,6 60,0 58,5 61,5 51,7 49,5 62,2 69,1 62,0 63,0
80 - 85 103,6 108,0 99,7 106,0 86,2 97,6 104,0 112,8 103,5 115,1
über 85 199,5 221,3 192,6 206,5 177,9 197,7 195,6 213,8 199,0 215,2

Quelle: MacDonald et. al. (1998), British Actuarial Journal



3. Kritikpunkt

Ein Problem stellen Sterbetafeln für die unmittelbaren Nachkriegsjahre wie auch solche für den aktuellen Rand der Zeitachse dar:

Läßt man für den Moment den oben beschriebenen Kritikpunkt 2 außer Acht, daß sich die Sterbewahrscheinlichkeiten der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion in den letzten Jahren deutlich erhöht haben und folgt man der Argumentation Spoerers, dort habe sich ein medizinischer Fortschritt entwickelt, so ist die Folgerung, daß sich eine Unterschätzung der Sterblichkeit in den Nachkriegsjahren gegen eine Überschätzung der Sterblichkeit am aktuellen Rand aufhebt, problematisch. Vielmehr reagieren beide Zeiträume sehr unterschiedlich sensitiv. Das liegt daran, daß es sich bei den Zwangsarbeitern um eine Population handelt, die keine Zugänge besitzt, sondern nur Abgängen in Form von Todesfällen unterworfen ist und somit die betrachteten Gruppen in beiden Zeiträumen unterschiedlich alt sind.

Dazu ein Beispiel:
Man betrachte etwa einen weißrussischen Mann des Jahrgangs 1925, der das Kriegsende überlebt hat. Setzt man für ihn als bedingte einjährige Überlebenswahrscheinlichkeit (aus Mangel an Datenmaterial) ein Wert von 99,78% für eines der Nachkriegsjahre an (bzw. eine Sterbewahrscheinlichkeit von 0,22%), so unterschätzt man zweifelsohne die Sterblichkeit seiner Kohorte für den genannten Zeitraum. Wäre die Sterbewahrscheinlichkeit in Wirklichkeit doppelt so hoch gewesen, so hätte man ceteris paribus in der Hochrechnung seine Kohorte um einen Anteil von 0,22% zu hoch geschätzt.
Betrachtet man die gleiche Alterskohorte im Jahr 1996, so beträgt die bedingte einjährige Sterbewahrscheinlichkeit 7,28% und damit die bedingte einjährige Überlebenswahrscheinlichkeit 92,72%. Würde man für diese Alterskohorte die entsprechenden Wahrscheinlichkeiten von 6,07% bzw. 93,93% des Jahres 1991 verwenden, so würde dieses Vorgehen die Alterskohorte wiederum ceteris paribus um 1,21% unterschätzen.

Dieser Effekt tritt umso deutlicher auf, je höher man das Alter der betrachteten Kohorte wählt und führt zu den wesentlichen Unterschieden der Hochrechnungen Spoerer und Jeske.
Zwar wird der Effekt für die Nachkriegsjahre mit steigendem Alter auch größer, nur darf man dabei nicht vergessen, daß die älteren Kohorten in der Zwischenzeit ohnehin hohen Absterberaten unterworfen sind, so daß sie aus diesem Grund keinen größeren Einfluß auf die Hochrechnung nehmen.
 
 

4. Kritikpunkt

Der Versuch, aus Randverteilungen des Merkmals Alter im Jahr 1997 und der Randverteilung des Geschlechtes im Jahr 1945 auf eine gemeinsame Verteilung von Alter und Geschlecht der ukrainischen Zwangsarbeiter im Jahr 1945 zu schließen, kann aus statistischer Sicht nur scheitern, denn ein solches Vorgehen setzt die Unabhängigkeit beider Merkmale voraus. Daß eine solche Unabhängigkeitsannahme nicht sinnvoll sein kann, zeigt ja gerade auch die Stichprobe der Reutlinger Daten in deutlichster Weise. An dieser Stelle wird das eigentliche Problem der statistischen Analyse verkannt. Wären nämlich die interessierenden Merkmale unabhängig voneinander, so bräuchte man Wahrscheinlichkeiten bzw. Häufigkeiten nur miteinander zu multiplizieren, um die Ausgangsverteilung zu beschreiben.

Zu welchen Fehleinschätzungen das Verfahren zur Rückrechnung von Spoerer führen kann, zeigt ein Planspiel auf.

Es bleibt festzuhalten, daß mit der Rückrechnung von Herr Spoerer eine Validierung der Zahlen der Ukrainischen Nationalen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung" nicht möglich ist. Tatsächlich dürfte es aber auch sehr schwer sein, die in der Arbeit von Spoerer genannte Verteilung der ukrainischen Zwangsarbeiter im Jahr 1997 nachzuvollziehen. Diese Daten können aufgrund der Altersverteilung so nicht stimmen.

Würde man aufgrund dieser Verteilung aus dem Jahr 1997 einen Mindestbestand im Jahr 1945 rückrechnen (die wahre Verteilung kann man wie bereits erwähnt aus den Daten nicht bestimmen), so käme man auf eine Zahl von mehr als 3 Millionen von ukrainischen (nicht sowjetischen!) Zwangsarbeitern.
 
 

5. Kritikpunkt

Ein weiterer Anhaltspunkt für Unplausibilitäten in den Stiftungsdaten blieb in der Arbeit von Spoerer in der Fußnote 30 offenbar ebenfalls unbeachtet:

"Die Angaben für die polnischen Überlebenden im Jahre 1999 beruhen auf Daten für Januar 1992. Da nach mündlicher Mitteilung des polnischen Stiftungsvertreters von den 1992 insgesamt erfaßten 497.300 Personen mittlerweile nur noch gut 400.000 am Leben sind, wurde die Anzahl der 1992 lebenden polnischen Zivilarbeiter entsprechend mit dem Faktor 0,8 multipliziert."

Wenn man diesen Angaben Glauben schenken würde, so würde man den 1992 noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeitern für den Zeitraum von 1992 bis 1999 eine durchschnittliche jährliche Sterberate von rund

3 %

unterstellen.

Eine Population von alten Menschen, deren jüngste Mitglieder bereits das 60. Lebensjahr überschritten haben, muß eine weitaus höhere Sterberate besitzen. Entweder die polnischen Zwangsarbeiter im Dritten Reich bestanden nur aus Kindern und Jugendlichen oder aber die genannten Zahlen von Überlebenden sind bei weitem zu hoch angesetzt. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, daß sich die polnische Stiftungsinitiative der oben induzierten Altersverteilung mit ihren neuesten Angaben selbst widerspricht.
Auch die in Verbindung mit einer raschen Entschädigung genannte Sterberate von 10 % paßt nicht zu den obengenannten Zahlen für den Zeitraum 1992 1999. Im Konstanzer Modell liegt die jährliche durchschnittliche Sterberate bei den polnischen Zwangsarbeitern für das Jahr 1997 über 6,5 %.
Copyright 2000, Dr. Roland Jeske