Statistische Hochrechnung überlebender Zwangsarbeiter aus Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges im Deutschen Reich (Konstanzer Modell)


Zugrunde gelegt werden als Verteilung für 1945 die von Herbert (1986) genannte Aufteilung von Zwangsarbeitern.

In diesem Zusammenhang ist auf eine wichtige Erfassung des Statistikers Wagenführ (Die Deutsche Industrie im Kriege 1939-1945, 1955) hinzuweisen.

Wagenführ, der während der Erstellung der Studie als Abteilungsleiter beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung arbeitete, gilt als ausgewiesener Experte der amtlichen Statistik, wie seine spätere Tätigkeit als Generaldirektor des Statistischen Amtes der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft unterstreicht. Seine Studie ist während des Krieges im Auftrag des Reichswirtschaftsministeriums und des Planungsamtes entstanden. Veröffentlicht wurde sie allerdings erstmals 1955, so daß in Anbetracht der Person Wagenführs als einem der bedeutendsten seinerzeitigen Vertreter im Bereich der amtlichen Statistik eine ideologische Prägung auszuschließen ist.

In seiner Studie bestätigt Wagenführ die von Herbert in mehreren Studien (siehe etwa 1986) veröffentlichte Aufteilung von Zwangsarbeitern, die auf Mitteilungen des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz im Deutschen Reich zurückzuführen ist.

Tabelle 1: Verteilung der Kriegsgefangenen (KG) und Zwangsarbeiter im Dritten Reich (Stand 30.09.44 bzw. 15.08.44)
 

Nation
Männer
Frauen
Zusammen
KG
KG+ZV
Summe Westarbeiter
1319003
129985
1448988
1164901
2613889
Summe Ost nicht an Verhandl.
110481
36826
147307
89359
236666
Tschechien
252825
61065
313890
0
313890
Polen gesamt
1088540
573796
1662336
28316
1690652
davon poln. VT
903181
472636
1375817
0
1375817
davon ukr. VT
148401
86791
235192
0
235192
davon sonst. VT
36958
14369
51327
0
51327
Ehem. Sowjetunion
1090957
1128486
2219443
631559
2851002
davon SU ohne Baltikum
1062507
1112137
2174644
631559
2806203
davon Baltikum
28450
16349
44799
0
44799
Sonstige
124500
60209
184709
15952
200661
Insgesamt
3986306
1990367
5976673
1930087
7906760

(Quelle: Der Arbeitseinsatz im Großdeutschen Reich 10/44 und 11-12/44)

Bemerkungen:

Man beachte, daß die polnischen Kriegsgefangenen bereits früh in großer Zahl als zivile Zwangsarbeiter geführt wurden. Dementsprechend ist der Anteil der zivilen Zwangsarbeiter gegenüber den Kriegsgefangenen im Vergleich zu den sowjetischen Aufteilungen hoch.

Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden nur auf die Staaten Weißrußland, Rußland und die Ukraine aufgeteilt, nicht jedoch anteilsmäßig auf die baltischen Staaten. Um etwaige Verzerrungen zu vermeiden, sollte mehr Gewicht auf die kumulierten Zahlen der Sowjetunion gelegt werden.

Zu den tschechischen Zwangsarbeitern muß ggf. eine Größenordnung von knapp 40.000 Zwangsarbeitern hinzugerechnet werden, die in der obigen Aufstellung der Tabelle .... unter der Kategorie "Sonstige" geführt werden. Diese würden in der späteren Hochrechnung für das Jahr 1999 eine zusätzliche Anzahl von ca. acht bis neun Tausend zusätzliche Zwangsarbeiter ausmachen.

Bis zum 01.01.1945 gab es der Studie von Wagenführ zufolge einen Zuwachs auf etwa 6 Millionen männliche und etwa 2 Millionen weibliche Zwangsarbeiter. Ob diese ca. 300.000 zusätzlichen Zwangsarbeiter in größerem Maße aus den Ostgebieten stammen, bleibt fraglich. Unterstellt man diesen 300.000 Zugängen, von denen bekannt ist, daß etwa 200.000 Frauen waren und die restlichen, die zwar aller Wahrscheinlichkeit nach Kriegsgefangene waren (in der nachfolgenden Aufstellung allerdings dennoch den zivilen Zwangsarbeitern zugerechnet werden), gleiche Proportionen im Zugang wie im vorherigen Vierteljahr, so müßten 46,7% Ostarbeiter aus der ehem. SU gewesen sein (2,7% Baltikum und 44% aus der restlichen Sowjetunion) sowie insgesamt 9% Polen (8% mit polnischer Abstammung sowie 1% ukrainischer Abstammung).

Das bedeutet einen Zuwachs von insgesamt 164.100 Ostarbeitern, die der Aufstellung von Herbert in entsprechender Zahl hinzugefügt werden.

Die Abgänge nach Wagenführ in Höhe von 50.000 weiblichen und 200.000 männlichen Zwangsarbeitern, sind den einzelnen Nationen anteilsmäßig addiert worden. Damit ist von folgender korrigierter Verteilung zum Jahresbeginn 1945 auszugehen:

Tabelle 2:

Nation
Männer
Frauen
Zusammen
KG
KG+ZV
Summe Ost nicht an Verhandl.
116024
37751
153775
89359
243134
Tschechien
265510
62599
328109
0
328109
Polen gesamt
1152154
606210
1758364
28316
1786680
davon poln. VT
956495
500509
1457004
0
1457004
davon ukr. VT
156847
90971
247818
0
247818
davon sonst. VT
38812
14730
53542
0
53542
SU
1190692
1250235
2440927
631559
3072486
davon SU (ohne Baltikum)
1159815
1228075
2387890
631559
3019449
davon Baltikum
30877
22160
53037
0
53037
Sonstige
130746
61722
192468
15952
208420
Insgesamt
2855126
2018517
4873643
765186
5638829

 

Es liegt nahe, die Daten der Tabelle 2 als Ausgangsverteilung für die Hochrechnung der 1999 überlebenden Zwangsarbeiter zu verwenden. Eine Betrachtung der sogenannten "Displaced Persons (DP’s)" ist wie - auch Spoerer unterstreicht - problematisch, da zum genannten Stichtag zum einen ehemalige Zwangsarbeiter bereits in eigener Regie auf dem Heimweg waren und zum anderen auch Flüchtlinge vor der Roten Armee, die nicht Zwangsarbeit geleistet haben, erfaßt wurden.
Da die Verteilung in Tabelle 2 nicht nachAlter strukturiert ist, wird über den Multiplikationssatz der Wahrscheinlichkeitsrechnung die Altersverteilung des Datenbankprogramms "Zwangsarbeiter während des zweiten Weltkrieges in Reutlingen - Erfassung und Auswertung der Ausländer-Meldekartei" des Stadtarchivs Reutlingen eingearbeitet. Dieser Datensatz stellt zwar keine repräsentative Stichprobe der Zwangsarbeiter im Großdeutschen Reich dar, die Verzerrung dieses Datensatzes führt jedoch eher zu einer Unterschätzung des Alters und damit zu einer Überschätzung der Überlebenden. Als Referenzstichprobe wurden im Konzernarchiv der DaimlerChrysler AG die dort verfügbaren Daten über Zwangsarbeiter im Werk Untertürkheim analysiert mit dem Ergebnis, daß die Daimler Benz AG offenbar ihren Einfluß geltend gemacht hat, um vorzugsweise gelernte Arbeiter als Zwangsarbeiter zu beschäftigen, und diese waren aufgrund ihrer Ausbildung deutlich älter, so daß bei Zugrundelegung von derartigen Datensätzen die Überlebenden deutlich unterschätzt würden.
 

Eine Fortschreibung der Verteilung von 1945 mit Sterbetafeln der UNO wurde vorgenommen, um die heute noch lebenden Zwangsarbeiter der jeweiligen Staaten hochzurechnen. Soweit verfügbar, wurden Daten der nationalen amtlichen Statistik und der WHO ebenfalls zu Rate gezogen, es konnten jedoch nur marginale Unterschiede festgestellt werden. Zudem lieferten die Sterbetafeln der UNO in den meisten Fällen geringere Sterbewahrscheinlichkeiten, so daß auch in dieser Hinsicht keine Unterschätzung der Überlebenden möglich ist.
 

Sofern ein Trend in der Sterblichkeit nach unten erkennbar war, wurde dieser fortgeschrieben. Trends nach oben in der Sterblichkeit wurden auf dem letzten erhältlichen Stand eingefroren.
 

Mit Ausnahme der baltischen Staaten, für die eine genaue Aufspaltung möglich ist, wurde die Aufteilung auf die Staaten Weißrußland, Rußland und die Ukraine in denselben Proportionen durchgeführt wie inder Arbeit von Spoerer (1999). Eine solche proportionale Aufteilung ist mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten; wenngleich die Gesamtsummen schlüssig sind, kann nicht ausgeschlossen werden, daß sich Anteile unter den einzelnen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjet Union verschieben.

Dieses Modell liefert als Oberschranken folgende Hochrechnungen:

Tabelle 3: Konstanzer Hochrechnung für das Jahr 1999 (auf 1.000 aufgerundet)
 
Nation
weiblich
männlich
Kriegsgefangene
Gesamt
Polen
195.000
167.000
5.000
367.000
Sowjetunion
400.000
238.000
112.000
750.000
Polen ukrainischer Herkunft
39.000
20.000
 
59.000
Ukraine
172.000
144.000
79.000
395.000
Rußland
123.000
47.000
23.000
193.000
Weißrußland
59.000
22.000
10.000
91.000
Baltikum
7.000
5.000
 
12.000
Tschechien
26.000
49.000
 
75.000
Summe
621.000
454.000
117.000
1.192.000

Problematisch erscheint die Hochrechnung derjenigen osteuropäischen Zwangsarbeiter (etwa aus Ungarn, ehemaliges Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien, ...), die nicht durch eigene Stiftungsinitiativen vertreten werden,  da diese Zwangsarbeiter zahlenmäßig im einzelnen deutlich geringer waren und eine Altersstruktur zumindest aus den Reutlinger Daten nicht abzulesen ist.

Die Hochrechnung geht von der politischen Prämisse aus, daß alle 1999 noch lebenden Zwangsarbeiter entschädigt werden und daß die während des letzten Jahres gestorbenen Zwangsarbeiter ihre Ansprüche vererben können. Zur Vergleichbarkeit der Hochrechnungen Spoerer / Jeske sind die Hochrechnungsergebnisse für das Jahr 2000 mit den unterschiedlichen Sterberaten für das Jahr 2000 fortgeschrieben:
 

Tabelle 4: Konstanzer Hochrechnung für das Jahr 2000 (auf 1.000 aufgerundet)
 
Nation
weiblich
männlich
Kriegsgefangene
Gesamt
Polen
180.000
150.000
5.000
335.000
Sowjetunion
360.000
210.000
99.000
669.000
Polen ukrainischer Herkunft
35.000
18.000
 
53.000
Ukraine
155.000
128.000
70.000
353.000
Rußland
110.000
41.000
21.000
172.000
Weißrußland
54.000
19.000
8.000
81.000
Baltikum
6.000
4.000
 
10.000
Tschechien
24.000
44.000
 
68.000
Summe
564.000
404.000
104.000
1.072.000


Die Hochrechnungen von Spoerer und Jeske gehen in der Grundverteilung von den bei Herbert (1986) zitierten Daten der Zwangsarbeiter im Großdeutschen Reich aus. Nach Konstanzer Erkenntnisstand werden von deutscher Seite jedoch nur Zwangsarbeiter entschädigt, die im Deutschen Reich der Grenzen von 1937 gearbeitet haben. Der Historiker Niethammer, der die deutsche Bundesregierung bei den Verhandlungen berät und daher einen besseren Einblick in die konkreten Verteilungsmodalitäten besitzen dürfte, zitiert in seinen Zusammenstellungen des Jahres 1999 allerdings stets die Hochrechnungen von Spoerer für das Großdeutsche Reich, also inklusive der auf dem Territorium des heutigen Österreichs beschäftigten Zwangsarbeiter.

Falls nur die Zwangsarbeiter im Deutschland der Grenzen von 1937 entschädigt werden, und das impliziert nach Konstanzer Kenntnis der Geschichtsschreibung den Abzug der auf österreichischem Territorium eingesetzten ehemaligen Zwangsarbeiter, so müßten bei der Konstanzer Hochrechnung für das Jahr 2000 mindestens folgende Anzahlen von überlebenden Zwangsarbeitern in Abzug gebracht werden (für die Kriegsgefangenen ist aus den Quellen der amtlichen Statistik keine Aufteilung in einzelne Territorien des Großdeutschen Reiches möglich):
 

Tabelle 5: In der Hochrechnung enthaltene Zwangsarbeiter, die auf dem Gebiet des heutigen Österreichs gearbeitet haben (auf volle Tausend abgerundet)
 
Nation Überlebende Zwangsarbeiter aus heutigem österr. Territorium
Polen
17.000
Polen ukr. Herkunft
6.000
ehem. Sowjetunion
33.000
Tschechien
9.000
Summe
65.000

Man beachte, daß Tabelle 5 nicht als Hochrechnung aller überlebenden Zwangsarbeiter auf österreichischem Territorium anzusehen ist. Vielmehr handelt es sich um eine untere Abschätzung, da wie erwähnt einige Zwangsarbeiter nicht territorial zuzuordnen sind.
 

Vergleich mit einer vorliegenden Stiftungsangabe

Zwar kann man nicht von einer Validierung des Modelles sprechen, aber es sollte der Versuch unternommen werden, das Modell mit Hilfe von bekannten Angaben zu vergleichen.

Wie in der Arbeit von Spoerer (1999) erwähnt wird, liegt für das Jahr 1992 eine Zahl von knapp 500.000 zivilen polnischen Zwangsarbeitern vor. Das Konstanzer Modell schätzt diese zivilen Zwangsarbeiter für 1992 auf eine Summe von 608.000 (noch ohne Berücksichtigung der polnischen Zwangsarbeiter mit ukrainischer Abstammung), also tendenziell zu hoch. Diese Zahl dürfte in der Spoerer-Hochrechnung in Anbetracht der dort für das Jahr 2000 geschätzten Zahlen allerdings erheblich höher sein.

Das Konstanzer Modell ist wie beschrieben an zahlreichen Stellen bewußt als obere Abschätzung angelegt; viele Unsicherheiten, die statistisch nicht modellierbar sind, wurden bewußt im Sinne der überlebenden Zwangsarbeiter modelliert, so daß die Ergebnisse als Obergrenze aufzufassen sind. Unberücksichtigt blieb etwa eine Sterberate, die gerade bei den Ostarbeitern nicht unerheblich gewesen sein dürfte. Die Aussage eines Lagerarbeiters, der die katastrophalen Lagerzustände der Zwangsarbeiter der Firma Krupp bei den Nürnberger Prozessen schilderte, belegt dies. Andererseits mag die Sterblichkeit aber auch nicht unerheblich durch das Alter der Zwangsarbeiter beeinflußt worden sein, so daß eine einfache prozentuale Fakturierung aus statistischer Sicht problematisch erscheint.
 
 

Copyright 2000, Dr. Roland Jeske