Analyse der Stiftungsdaten



1. Tschechien

Die Daten für Tschechien teilen sich auf in zwei Quellen (jeweils zum Stand April 1999):

  • Angaben der Association of Liberated Political Prisoners
  • Angaben der Union of Citizens Subjected to Forced Labour During World War II
  • Die erste Quelle umfaßt 5098 Daten, die zweite 60.000. Im Gegensatz zur ersten Quelle, die über alle Fragestellungen explizite Zahlenwerte liefert, werden bei der zweiten Quelle Schätzungen bzw. Hochrechnungen angegeben.

    Wenngleich es sich damit bei einem Großteil der Angaben um Schätzungen handelt, deren Grundlage nicht bekannt ist, handelt es sich bei diesen Zahlen um absolut seriöse Angaben. Diese Daten stimmen absolut mit allen verfügbaren Angaben überein:


     

    2. Ehemalige Sowjetunion
     

    a) Stiftung "Verständigung und Aussöhnung" der Ukraine

    Als fragwürdig sind die Zahlen der ukrainischen Stiftung zu bezeichnen. Bei den Angaben der ukrainischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung" gibt es an mehreren Stellen erhebliche Glaubwürdigkeitsprobleme:

    In der Arbeit von Spoerer (1999) wird folgende Altersverteilung der ukrainischen Nationalen Stiftung zitiert:
     
     

    Tabelle 1: Altersverteilung der ukrainischen Nationalen Stiftung


    Geburtsjahrgang
    Überlebende 1997 (abs.)
    Überlebende 1997 (in %)
    Vor 1908
    2.873
    0,5
    1908 bis 1912
    9.874
    1,7
    1913 bis 1917
    23.352
    4,1
    1918 bis 1922
    114.433
    19,9
    1923 bis 1927
    392.290
    68,2
    1928 bis 1932
    19.548
    3,4
    Nach 1932
    13.009
    2,3
    Summe
    575.379
     

    Quelle: Spoerer, M. (1999)

      Der Versuch von Spoerer, auf das Jahr 1945 zurück zu rechnen, kann aufgrund fehlender statistischer Angaben nicht erfolgen (siehe gesondertes Planspiel)
     
     

    Tabelle 2: Für das Jahr 1997 ermittelte bedingte Überlebenswahrscheinlichkeiten
    (in %) für ausgewählte ukrainische Altersgruppen, die das Jahr 1945 erlebt haben (nach Spoerer, 1999)


    Geburtsjahrgang
    Weibliche Bevölkerung
    Männliche Bevölkerung
    Vor 1908
    1,2
    0,3
    1908 bis 1912
    2,7
    0,8
    1913 bis 1917
    8,3
    3,0
    1918 bis 1922
    24,2
    10,3
    1923 bis 1927
    44,3
    22,3
    1928 bis 1932
    60,7
    35,0
    Nach 1932
    73,9
    48,3

    Quelle: United Nations

      Zwar kann statistisch keine konkrete Verteilung für das Jahr 1945 ermittelt werden, dennoch lassen sich hieraus Schlüsse ziehen, die zeigen, daß diese Daten Probleme bereiten:

    Wären diese Daten wahr, so müßte - bei Zugrundelegen der UN-Sterbetafeln - im Jahr 1945 mindestens 240.000 ukrainischer Zwangsarbeiter vor 1908 geboren sein, es hätte gleichzeitig aber weniger als 27.000 Zwangsarbeiter aus den Jahrgängen nach 1932 gegeben und weniger als 56.000 Zwangsarbeiter aus den Jahrgängen 1928 bis 1932. Legt man die vielfach genannte Zahl von ca. 1,6 Mio. ukrainischen Zwangsarbeitern zugrunde, so wären weniger als 6% zum Kriegsende jünger als 18 Jahre gewesen, gleichzeitig wäre ein Sechstel der Zwangsarbeiter älter als 38 Jahre gewesen. Diese Aussage steht aber im Widerspruch zu der in vielen historischen Quellen geäußerten Behauptung, gerade die sowjetischen Zwangsarbeiter seien außerordentlich jung gewesen.

    Diese offenbar schwer nach zu vollziehenden Ergebnisse lassen die Frage aufkommen, wie viele Zwangsarbeiter bei diesen unglaubwürdigen Zahlen 1945 eigentlich gelebt haben müßten, um die von der ukrainischen Stiftung genannten Zahlen im Jahr 1997 zu erzeugen. Mit Hilfe der linearen Optimierung läßt sich eine Mindestanzahl von mehr als 3 Millionen ukrainischen Zwangsarbeitern im Jahr 1945 ermitteln, also mehr als die anerkannte Anzahl an Zwangsarbeitern aus der gesamten Sowjetunion.
     
     

    Die Tatsache, daß die Zahl der ukrainischen Zwangsarbeiter im Jahr 1945 verdoppelt werden müßte, um die Stiftungszahlen im Jahr 1997 zu erhalten, sollte nicht zu dem Trugschluß führen, daß nur die Hälfte der von der Stiftung benannten Zwangsarbeiter das Jahr 1997 erlebt haben. Vielmehr lassen die oben genannten Ausführungen erkennen, daß einerseits, nämlich in der Klasse der älteren Jahrgänge deutlich zu viele Antragsteller aufgeführt sind, andererseits in den jüngeren Jahrgängen viele zu erwartende Berechtigte nicht aufgeführt sind.

    Auch die offiziell von Niethammer zusammengestellten Angaben der Ukrainischen Nationalen Stiftung vom 29.06.1999 unterstreichen diese Problematik.
     
     

    Tabelle 3: Anzahl der ukrainischen Zwangsarbeiter nach Angaben der Ukrainischen Nationalen Stiftung (Stand: 29.06.1999).
    Geburtsjahrgang
    Anzahl der Zwangsarbeiter
    absolut
    prozentual
    Jahrgang vor 1920
    61.214
    10,3
    1920-1927
    463.870
    77,9
    1928 und später
    70.129
    11,8
    Zwischensumme
    595.213
    100,0
    Andere Haftart ohne Deportation 
    (alle Jahrgänge)
    436
    Summe
    595.649

     

    Wenn beide Datenangaben stimmen und darüber können sich nur die beiden zitierten Historiker äußern so stellt sich zudem die Frage, warum gerade die ältesten Jahrgänge, die 1997 bis 1999 um etwa ein Viertel bis ein Drittel gesunken sein müßte, zahlenmäßig stark vertreten ist..
     

    b) Stiftungen für "Verständigung und Aussöhnung" Rußland

    Aussagen über die Angaben aus Rußland sind kaum möglich, da keine detaillierten Angaben über die Altersverteilung zur Verfügung stehen.
     

    c) Stiftungen für "Verständigung und Aussöhnung" Weißrußland

    Die 2.112.144 registrierten Ostarbeiter zum Stand 15.08.1944 (nach Arbeitseinsatz im Großdeutschen Reich, 1944) teilten sich auf in 34,7 % für den landwirtschaftlichen Bereich (inklusive dem eher vernachlässigbaren Bereich Forst- und Jagdwirtschaft, Fischerei) sowie 65,3 % nicht landwirtschaftlichen Sektor, d.h. grob etwa im Verhältnis 1:2. Innerhalb des landwirtschaftlichen Sektors waren die Geschlechter in 45,1 % männliche und 54,9 % weibliche Zwangsarbeiter aufgeteilt, im nicht landwirtschaftlichen Sektor in 51,2 % männliche und 48,8 % weibliche Zwangsarbeiter.

    Da die Angaben von allen Stiftungen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion die Proportionen zugunsten des landwirtschaftlichen Bereiches verschieben, muß davon ausgegangen werden, daß im landwirtschaftlichen Bereich deutlich jüngere Zwangsarbeiter eingesetzt worden sein müssen als im industriellen Sektor, denn die unterschiedlichen Geschlechtsproportionen können dafür allein nicht ausschlaggebend gewesen sein.

    Betrachtet man nun die Angaben der weißrussischen Stiftung für den industriellen Sektor, so fällt dort der Anteil von etwa 52 % Frauen auf. Da sich der Anteil gegenüber den Proportionen im Jahr 1945 nur unwesentlich geändert hat, müssen in diesem Bereich entweder wenige Frauen gearbeitet haben oder sie waren deutlich älter als die männlichen Zwangsarbeiter, sonst hätte die höhere Lebenserwartung von Frauen zu einem deutlich höheren Frauenanteil führen müssen. Da der nicht landwirtschaftliche Sektor bei den Angaben der weißrussischen Stiftung vergleichsweise gering ausfällt, kann dieser Effekt dort nicht ausgeglichen werden.

    Das heißt, entweder ist der Frauenanteil bei den weißrussischen Angaben zu gering, oder aber die ehemaligen Zwangsarbeiter, die heute in Weißrussland leben, sind im Vergleich zu den Zwangsarbeitern anderer Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion älter. Dann allerdings wäre die Gesamtzahl der von der weißrussischen Stiftung gemeldeten Zwangsarbeiter zu hoch.
     

    3. Polen

    Die Daten der polnischen Stiftung wirken insgesamt als zu hoch angegeben. Im Gegensatz zu den Daten aus der Ukraine sind Manipulationen jedoch nicht so offensichtlich, die Differenzen liegen in dem Bereich, daß sie statistisch jedenfalls in der vorliegenden Form nicht angreifbar wären. Dieses würde sich jedoch ändern, wenn eine genauere Alters- und Geschlechtsverteilung vorliegen würde.

    Im Arbeitspapier von Spoerer werden Angaben über die polnische Stiftungsinitiative gemacht. Darin heißt es, für das Jahr 1992 seien 497.300 zivile Zwangsarbeiter bei der Stiftung verzeichnet gewesen. Diese Zahl sei bis 1999 auf gut 400.000 gesunken. Die zu Grunde liegende Sterberate ist zwar nicht konstant, dennoch sei der Deutlichkeit halber darauf hingewiesen, daß dieser Abgang lediglich einer durchschnittlichen Sterberate von weniger als 3 % entspricht. Dieser Abgang in der Population läßt allerdings, unter Zugrundelegung von Sterbetafeln der UNO wie auch der amtlichen polnischen Statistik, auf ein deutlich geringeres Alter schließen als dieses in der Aufstellung von Niethammer der Fall ist und entspricht nur der altersmäßigen unteren Grenze der dort aufgeführten polnischen Zwangsarbeiter.

    Tabelle 4: Anzahl der polnischen Zwangsarbeiter nach Angaben der Stiftung "Deutsch-Polnische Aussöhnung" (Stand 07.05.99)


     
    Geburtsjahrgang
    Anzahl der Zwangsarbeiter
    absolut
    prozentual
    Jahrgang vor 1920
    133.160
    23,4
    1920-1927
    224.600
    39,4
    1928 und später
    211.940
    37,2
    Zwischensumme
    569.700
    100,0
    Kriegsgefangenschaft, Kriegs-gefangene (Stalags)
    20.500
    Andere Form der Gefangen-schaft in der Heimat (ohne Deportation )
    2.900
    Summe
    593.100
     
    Copyright 2000, Dr. Roland Jeske