Die Zwangsarbeiter-Zahlen (Leserbrief F.A.Z., erschienen am 3.3.2000)

Wenn man als wackerer F.A.Z.-Leser und braver Staatsbürger morgens lesen darf, dass man quasi über Nacht zum Berater der (deutschen) Bundesregierung in Sachen Zwangsarbeiter im Nationalsozialismus geworden ist, wächst man geradezu um ein paar Zentimeter. Da macht es dann auch nicht viel aus, dass einem methodische Fehler vorgehalten werden, die man nicht gemacht oder bereits vor Monaten ausgemerzt hat ("Zahlen über Zwangsarbeiter häufig falsch", F.A.Z.-Wirtschaftsteil vom 29. Februar). Tatsächlich bin ich außer einem Mini-Gutachten nicht für die deutsche Bundesregierung tätig gewesen; vielmehr habe ich Mitte Januar ein Gutachten über die Anzahl der ehemals auf heute österreichischem Territorium arbeitenden, mutmaßlich noch lebenden Zwangsarbeiter in der Zeit des Nationalsozialismus bei der Historikerkommission in Wien abgeliefert, die von der österreichischen Bundesregierung eingesetzt worden ist. Inwieweit sich die deutsche Bundesregierung auf meine quasi privaten, von keiner Seite finanzierten Schätzungen für Deutschland in den Grenzen von 1941 stützt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die Kritik, die der Konstanzer Statistiker Roland Jeske offenbar in einem Gutachten für die Stiftungsinitivative der Wirtschaft an meinem methodischen Vorgehen der deutschen Schätzung äußert, ist schon etwas kurios. Zunächst bezieht er sich auf ein ausdrücklich als vorläufig gekennzeichnetes Arbeitspapier vom August letzten Jahres, das methodisch längst verfeinert worden ist (übrigens mit nur sehr geringfügigen Änderungen in den Ergebnissen). Aber selbst dieses vorläufige Papier ging explizit davon aus, die Anzahl der überlebenden Zwangsarbeiter im Deutschen Reich eben nicht auf Basis der möglicherweise interessegeleiteten Zahlenangaben der ost(mittel)europäischen Versöhnungsstiftungen zu schätzen, sondern aufgrund historischer und demographischer Daten. Dieser Vorwurf Jeskes ist daher vollkommen unhaltbar. Auch das Gutachten für die (alte) österreichische Regierung, das methodisch und in Abstimmung mit einem Demographen wesentlich weiterentwickelt worden ist, basiert in keiner Weise auf Angaben der Überlebendenstiftungen.

Ein bisschen merkwürdig ist auch der Stil: Ich habe Anfang November Roland Jeske mein Arbeitspapier auf seine Anfrage hin postwendend zugeschickt, wie das unter Wissenschaftlern üblich ist, auch in der Hoffnung auf interdisziplinäre Zusammenarbeit. Hätte er mir seine methodischen Bedenken persönlich mitgeteilt, hätten sich einige Missversändnisse ausräumen lassen. Aber das kann er immer noch tun; letztlich ist es erfreulich, dass die wichtige Frage der Anzahl der überlebenden Zwangsarbeiter endlich auch wissenschaftlich diskutiert wird.

Dr. Mark Spoerer, Tübingen