Zahlen über Zwangsarbeiter häufig falsch

Statistische Mängel / Bei Korrektur wären höhere Zahlungen möglich

JJ. FRANKFURT, 28. Februar. Nach Ansicht der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft sind die in den Verhandlungen über die Zwangsarbeiter-Entschädigung vorgelegten Schätzungen osteuropäischer Stiftungen weitgehend falsch, mit Ausnahme der tschechischen Angaben. Die Bundesregierung, aber auch die Industrie selbst habe versäumt, vor Beginn der Verhandlungen genau festzustellen, wie viele der ehemaligen Zwangsarbeiter noch am Leben seien, sagte der Sprecher der Stiftungsinitiative, Wolfgang Gibowski. Die Stiftungsinitiative kann auf Untersuchungen des Statistikers Roland Jeske verweisen, der am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Konstanz arbeitet. Er wendet sich mit seiner Arbeit methodisch und inhaltlich gegen eine Hochrechnung des Historikers Mark Spoerer (Universität Hohenheim), welche die Vertreter der Bundesregierung zu Grunde legen.

Jeske wirft Spoerer statistische Irrtümer und methodische Fehler vor. Durch die bewusste oder unbewusste Anwendung dubioser Verfahren, die den Titel "statistische Hochrechnung" keinesfalls rechtfertigten, seien in dem Gutachten fragwürdige Daten kritiklos übernommen worden. Das habe dazu beigetragen, dass die Bundesregierung die von den Opfervertretern vorgelegten Daten nie in Frage gestellt habe. Während Spoerer - mit ausdrücklichen Vorbehalten allerdings - auf rund 1,5 Millionen Anspruchsberechtigte (KZ-Häftlinge und Zivilarbeiter) kommt und unter Einschluss der zur Zwangsarbeit befohlenen Kriegsgefangenen auf 1,7 Millionen, schätzt Jeske die Gesamtzahl auf rund 1,1 Millionen. Durch eine entsprechende Korrektur der Zahlen könnten nach Meinung des Statistikers die im Gesetz festzulegenden individuellen Entschädigungssummen erhöht werden, über die derzeit gestritten wird.

Aus einer Reihe von Gründen, die mit den Quellen des Datenmaterials, den Schwierigkeiten der Erfassung und den Verfahren der Bevölkerungsstatistik zusammen hängen, hält der Konstanzer Statistiker die von der Nationalen Stiftung Verständigung und Aussöhnung der Ukraine vorgelegten Zahlen für vollkommen falsch. Bei den Angaben der russischen und weißrussischen Stiftungen seien Aussagen kaum möglich, da keine detaillierten Angaben über die Altersverteilung zur Verfügung stünden und der Frauenanteil zu gering erscheine. Die Daten der polnischen Stiftung wirkten zu hoch und widersprächen amtlichen Daten der Bevölkerungsstatistik. Jeske kommt zu dem Schluss, dass verschiedene osteuropäische Stiftungen nach oben verfälschte Daten vorgelegt haben.

In dem statistischen Streit geht es nicht um die zugesagten 10 Milliarden DM, sondern um die Aufteilung unter den Opfergruppen, über die es harte Auseinandersetzungen gibt. Wenn einige der Zwangsarbeiterzahlen osteuropäischer Stiftungen tatsächlich zu hoch sind, würden nicht nur die eigenen Zwangsarbeiter benachteiligt, weil ihnen das Geld vermutlich nicht zugute käme, sondern auch die anderen Gruppen, deren Angaben korrekt erscheinen. Die heute noch lebenden jüdischen Zwangs- und Sklavenarbeiter können statistisch nicht hochgerechnet werden, da eine verlässliche Datenmenge fehlt. Die Vertreter der osteuropäischen Staaten wollen 9 Milliarden DM allein für Entschädigungen, während die Jewish Claims Conference nur 8 Milliarden DM für Zwangsarbeiter vorsehen will, sowie eine Milliarde DM für Vermögensschäden. Die deutsche Industrie will außerdem den so genannten Zukunftsfonds mit einer Milliarde DM oder weniger dotieren. 100 Millionen DM sind im Gespräch für Anwaltshonorare. Die nächste Verhandlungsrunde soll Anfang März stattfinden.
Dr. Roland Jeske