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SFB 485

Prekäre Figuren - Politische Umbrüche

Universität Konstanz
Tagungsplakat

Exposé zur Abschlusstagung "Prekäre Figuren – Politische Umbrüche" des Kulturwissenschaftliches Forschungskolleg / SFB 485 "Norm und Symbol" (26. - 28.11.2009, Konstanz)

Das Tagungsthema "Prekäre Figuren – politische Umbrüche" greift aktuelle Debatten um das "neue Prekariat", um die "Überflüssigen", "Ausgeschlossenen" und "Ent- koppelten" auf und verbindet sie mit der Frage nach politischen Umbrüchen, Krisen und Transformationen, die einen Schwerpunkt der Forschungsarbeit des Kultur- wissenschaftlichen Kollegs / SFB 485 "Norm und Symbol. Die kulturelle Dimension sozialer und politischer Integration" in den letzten Jahren bildet. Beide Begriffe – "prekäre Figuren" wie "politische Umbrüche" – sind auf Fragen der sozialen und politischen Integration und Desintegration bezogen. Sie markieren dabei einerseits empirische Phänomene und Problemlagen und stellen andererseits epistemische Figurationen dar. In diesem Spannungsverhältnis zwischen phänomenologischer und epistemologischer Ebene sollen sich auch die Beiträge und Diskussionen der Tagung bewegen.

Der Begriff "prekäre Figur" oszilliert entsprechend zwischen zwei Referenzen: Zum einen zielt er auf Personen und Personengruppen, zum anderen auf diskursive Figu- rationen. Mit "prekär" wird ein Zwischenzustand beschrieben, der eine Art Niemands- land zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss, Inklusion und Exklusion bildet, und zwar im Sinne von Robert Castels "Zone der Verwundbarkeit" und der "Entkopplung" aus sozialen Bindungen – eine Zone, die durch ihre "prekäre Unentschiedenheit" (Heinz Bude) und durch eine Situation des Weder-Noch gekennzeichnet ist und die insofern einen paradoxen gesellschaftlichen Ort der Ort- und Orientierungslosigkeit markiert. Prekäre Positionalität bezeichnet eine soziale Existenz, für die der Zufall, nicht zuletzt der biographische Zufall, eine besondere Rolle spielt, in der das Kontingente und Fragile sozialer Ordnungen unmittelbar erfahrbar wird und sich entsprechend Ausdruck verschafft.Gerade bei prekären Figuren wird man deshalb eine besondere und häufig auch hochreflektierte ‚Kontingenz-Kompetenz’ erwarten können. Wer sich in dieser Zone des Prekären befindet, changiert zwischen An- schluss- und Erfolgshoffnungen einerseits und beständiger Erwartungsenttäu- schungen andererseits; Projektionen in die Zukunft gewinnen ein großes Gewicht; insofern sind "Projektemacher" typisch für dieses Milieu. Zugleich handelt es sich um einen Ort, an dem im besonderem Maße Prozesse der Subversion, der Ordnungs- störung und Umwertungsdynamiken in Gang gesetzt werden. Beispiele für solche prekären Figuren wären Propheten, Häretiker, Reformatoren, politische Dissidenten oder auch Untergrundliteraten (den "frondeurs littéraires"), wie sie Robert Darnton für das vorrevolutionäre Frankreich beschrieben hat.

An dieser Stelle wird der Zusammenhang zwischen "prekären Figuren" und "sozialen Umbrüchen" deutlich. Im personalen wie im epistemischen Sinn bilden solche Figuren und die von ihnen geschaffenen Milieus eine Art Gärstoff; sie bringen diffuse soziale Spannungslagen mit den zündenden Ideen in Verbindung, die für die Ent- stehung revolutionärer Dynamiken notwendig sind. Das gilt für die von Darnton beschriebenen Pamphletisten und Pornographen am Vorabend der Französischen Revolution ebenso wie für (vor)revolutionäre Diskurse in späterer Zeit – etwa in Russland vor 1917, in den 1920er Jahren in Deutschland oder in Afrika und Latein- amerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht zu vergessen sind aber auch all jene visionären Gestalten, die ihrer Zeit gleichsam voraus sind und zunächst als Verrückte und Spinner abgetan werden, weil sie sich in ideologischen oder religiösen Phantasien ergehen, die erst später zum Ferment gesellschaftlicher Umstürze werden. Ohne solche Figuren ist etwa die Geschichte der Nationalismen des 19. und 20. Jahrhunderts kaum zu schreiben. Es scheint hier einen wieder- kehrenden Mechanismus zu geben, dass neue soziale Formationen sich der Vor- leistung zumal von statusunsicheren Intellektuellen bedienen, die unter normalen Umständen ignoriert oder als borderline cases ausgegrenzt werden.

Allerdings würde der hier umrissene Problemzusammenhang verkürzt, wenn man sich nur auf Individuen oder Gruppen beschränkt, die aus ihrer prekären Positionalität heraus als Vorläufer, Träger oder Verbreiter "revolutionärer Ideen" wirksam werden. Auch der umgekehrte Fall ist zu beobachten: dass nämlich politische Umbrüche ihrerseits zu einer Prekarisierung von Bevölkerungsgruppen führen, die dann, aus der Gegenwart ausgeschlossen, ihr Heil im Austräumen von Utopien oder religiöser Erlösungshoffnungen suchen. Schließlich kann Prekarisierung ein Weg ins Verstummen und in das Bedeutungsloswerden seman- tischer Ressourcen sein; zu denken wäre hier etwa an die Situation von Funktions- trägern und marxistischen Wissenschaftlern der DDR nach 1989.

Wenn man solcherart den Begriff des Prekären in eine Perspektive der longue durée rückt, fällt eine Besonderheit der aktuellen Diskurse um das "neue Prekariat" auf: nämlich gerade das Abgeschnittensein von einer politischen oder sozialrevolu- tionären Dimension. Es ist also nach den spezifischen Bedingungen zu fragen, unter denen Prekarisierung Effekte ‚semantischer Überproduktion’ auslöst und Protest- bzw. Utopiepotenziale freisetzt oder unter denen das Gegenteil der Fall ist. Insofern kann die Tagung Gelegenheit bieten, um die aktuelle Begriffskarriere des Prekariats vor einem breiten historischen und kulturwissenschaftlichen Hintergrund auf ihre spezifische diskursive Logik und politische Relevanz hin zu reflektieren.