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Konstanz - Kunstwissenschaft |
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| Dargestellte Architektur
- Teil 3 Felix Thürlemann, Professor für Kunstwissenschaft/Kunstgeschichte, Universität Konstanz |
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Bei vielen modernen Fotografien (vgl. Abb. 8) kann die von Borromini intendierte Reliefwirkung kaum wahrgenommen werden, da sie aus zu großer Distanz oder oberhalb der Augenhöhe des sich auf dem Erdboden bewegenden Betrachters aufgenommen worden sind. Borromini rechnete bei der Konzeption der Fassade mit einem Vorplatz von bescheidener Tiefe als möglichem Bereich der Wahrnehmung. Als im Jahre 1885 der Corso Vittorio Emmanuele ins Weichbild der Vallicella-Gegend geschlagen wurde und dabei die Palazzi gegenüber Oratorium und Chiesa nuova abgerissen wurden, vergrößerte sich der maximale Betrachterabstand im Vergleich zum ursprünglichen um mehr als das Doppelte (vgl. Abb. 9). Die Architekten der hochbarocken Epoche standen, was die flächigen Darstellungsmittel betrifft, vor einem Dilemma. Der Gegensatz zwischen den Tafeln 4 und 5 einerseits und der Tafel 6 andererseits, die in den Grundzügen den gleichen architektonischen Gegenstand wiedergeben, macht dies augenscheinlich. (Vergleich B) Die ersten beiden Tafeln können die intendierte Reliefwirkung auf den Betrachter sichtbar machen; sie erlauben es aber nicht, einen numerisch geregelten Bezug zur realisierten oder zu realisierenden architektonischen Gestalt herzustellen. |
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Der dritte Stich ermöglicht - kombiniert mit dem Grundriß - die Herstellung eines solchen Bezugs, verfehlt aber die intendierte Raumwirkung auf den Betrachter. Mit einer einzigen zeichnerischen Darstellungsform kann die hochbarocke Architektur nicht mehr erfaßt werden. Der perspektivische Aufriß spielt bei Borromini auch innerhalb des Entwurfsprozesses eine wichtige Rolle. Als ein Beispiel kann ein früher Entwurf für die Fassade des Konventsgebäudes der Trinitarier von San Carlo alle Quattro Fontane angeführt werden, der sich in den Sammlungen der Albertina erhalten hat (Abb. 10). Das Blatt ist zuerst in Bleistift als reine Aufrißzeichnung konzipiert, in die der Architekt der Renaissance-Ästhetik entsprechend in einfachen Maßverhältnissen wohlproportionierte Tür- und Fensteröffnungen eingetragen hat. Über diesen Aufriß hat Borromini nachträglich mit Tinte eine prima idea-Skizze für die Portalrahmung gesetzt, die in einer für ihn typischen Art das Türrechteck und ein darüberstehendes Oval, vermittelt durch eine von zwei Voluten gerahmte Cherubfigur, zu einem einheitlichen plastischen Gebilde zusammenfaßt. Im Gegensatz aber zur orthogonalen Fassadendarstellung ist die Portalrahmung perspektivisch konzipiert, so daß das Blatt als Ganzes den Charakter eines perspektivischen Aufrisses bekommt. In einem von Domenico De Rossi in seinem Studio d'Architettura civile 1707 publizierten Stich ist das gleiche Portal nach seiner Realisierung in einem maßstabgetreuen orthogonalen Aufriß wiedergegeben (Abb. 11). In dieser objektiven Darstellungsform ist jedoch das skulpturale Gebilde, wie es von Borromini geschaffen wurde, nicht erfaßbar. Nur in Untersicht, aus einer subjektiven Betrachterposition heraus (vgl. Abb. 12), kann die für Borromini charakteristische komposite Form des Giebels, bei dem ein überhöhter Halbbogen von zwei Dreiecksspitzen gerahmt wird, wahrgenommen werden. Auch Sebastiano Giannini hatte nur noch wenig Verständnis für das subjektive Architekturkonzept, das Borromini hundert Jahre zuvor praktiziert hatte. Die perspektivische Darstellung findet in den von Giannini nach neuen Bauaufnahmen geschaffenen Stichen nur noch für die Wiedergabe komplexer Profilbildungen Verwendung, und zwar in der besonderen, teilweise maßstabgetreuen Form der Axonometrie. (Tafel 24) Das plastisch bewegte Gebilde des Glockenturms hingegen, das aus geraden und runden, konvexen und konkaven Formverläufen zusammengesetzt ist, kann in Gianninis orthogonalen Aufrissen - anders als in Barriéres Stich (Abb. 5) oder in einer aus Untersicht aufgenommenen Fotografie (Abb. 13) - nicht erfaßt werden. (Vergleich C) |
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Wie sehr sich in den zwei Generationen
zwischen Borromini und Giannini, im Übergang vom Hochbarock zum Spätbarock,
die Raumauffassung verändert hat, zeigt die panoramaartige Darstellung
der isola mit dem Oratorium und der Chiesa nuova im großen doppelseitigen
Stich, der den Band abschließt. Er zeigt den Baukomplex herausgelöst
aus der Enge des urbanistischen Kontextes in künstlicher Isoliertheit
und falscher Majestät. (Tafel 67) |
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14
Lieven Cruyl, Vedute der Piazza della Chiesa Nuova, 1665. The Cleveland
Museum of Art, P. Allen Fund. (Die Stichvorlage ist hier seitenverkehrt
reproduziert.)
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