Konstanz - Kunstwissenschaft


  Dargestellte Architektur - Teil 2


Felix Thürlemann, Professor für Kunstwissenschaft/Kunstgeschichte, Universität Konstanz


Aufriß der Fassade
4 Domenico Barrière (nach F. Borromini), Aufriß der Fassade des Oratoriums, aus: Fioravante Martinelli, Roma ricercata nel suo sito, Rom 1658

Eine Vorstellung von der Art und Weise, wie Borromini den Baukomplex der Oratorianer mit den Mitteln der Druckgraphik dargestellt wissen wollte, geben - neben der von Domenico Barrière geschaffenen Tafel 5 - drei Stiche, die der gleiche Kupferstecher 1658 für die dritte Auflage des Romführers Roma ricercata nel suo sito schuf (Abb. 4-6). Der Autor des Führers, Fioravante Martinelli, war mit Borromini befreundet, und alle drei Stiche zum Baukomplex der Oratorianer müssen - wie es Martinelli für einen von ihnen (Abb. 6) in seinem Text ausdrücklich bezeugt - nach Zeichnungen hergestellt worden sein, die Borromini selber als Stichvorlagen für die Buchpublikation geschaffen hat. Es sind idealisierte Darstellungen der fabbrica, die Elemente zeigen, die damals entweder noch nicht realisiert waren oder solche, die von der gebauten Wirklichkeit teilweise stark abweichen. Letzteres wird bei der Wiedergabe der Oratoriumsfassade besonders deutlich. Die Fassade erscheint 1658 in der dritten Ausgabe von Martinellis Romführer (Abb. 4) - und ähnlich auf der ebenfalls von Barrièe, wahrscheinlich etwas später gestochenen Tafel des Opus architectonicum - wie eine freistehende Kirchenfassade: als sieben Joche breites autonomes Gebilde, das durch ein zusätzliches Nebenportal auf der linken Flanke eine perfekt symmetrische Gestalt gewinnt. (Abb. 4, Tafel 5) Die Verbindung zum Rest des Baukörpers und zur Kirche S. Maria in Vallicella ist mit dunkel schraffierten Flächen seitlich bloß angedeutet. Die Fassade ist mit den im Oratoriumsbau auch sonst verwendeten Emblemen - Sternen, Flammenvasen, ein brennendes Herz - bekrönt. Diese für die Fassadenwirkung wichtigen Akrotere wurden jedoch nie realisiert.

Glockentrumfassade
5 Domenico Barrière (nach F. Borromini), Glockenturmfassade des Wohntrakts der Oratorianer, aus: Fioravante Martinelli, Roma ricercata nel suo sito, Rom 1658

     Das Blatt der Albertina (Abb. 7), der entsprechende, in das Opus architectonicum aufgenommene Stich Barrièes und jener in Martinellis Romführer (Abb. 4) - sie gehen alle direkt oder indirekt auf Borromini zurück - haben eine besondere Darstellungsform gemeinsam: den perspektivischen Aufriß. (Vergleich A) Diese Form der Architekturzeichnung, die Elemente des maßstabgetreuen Aufrisses mit Elementen der perspektivisch-verkürzten Ansicht verbindet, gelangte in der Epoche des Hochbarock bevorzugt zur Anwendung. Sie entspricht dem subjektiven Raumkonzept, zu dessen Ausbildung gerade Borromini wesentlich beigetragen hatte. In Borrominis Schaffen kann das architektonische Werk nicht mehr als ein wohlproportioniertes Gebilde für sich allein definiert werden. Es ist dialogisch konzipiert: Die ästhetisch relevante Form entsteht aus der Interaktion zwischen dem realisierten Baukörper und dem Betrachter, der sich vor ihnen meist in einem eng bemessenen Areal bewegt.

     Das berühmte, in der Albertina in Wien aufbewahrte Blatt, das früher fälschlicherweise als architektonischer Entwurf aufgefaßt worden ist (Abb. 7), entstand - wie Joseph Connors überzeugend dargelegt hat - erst um 1660. Wahrscheinlich diente es Borromini als Vorstudie für die verlorene Stichvorlage, nach der Domenico Barriére die von Giannini in seine Publikation von 1725 übernommene Kupfertafel schuf. (Abb. 7, Tafel 5)

6 Domenico Barrière (nach F. Borromini), Gartenhof im Wohn- trakt der Oratorianer, aus: Fioravante Martinelli, Roma ricercata nelsuo sito, Rom 1658
7 Francesco Borromini, Idealisierte Darstellung der Oratoriumsfassade, um 1660. Wien, Albertina, 291

      Die Überraschung des Jahres 1612, als das nach Plänen von Carlo Maderno errichtete Langhaus von St. Peter den Gläubigen auf dem Petersplatz den Blick auf die Kuppel Michelangelos verstellte, schärfte bei den zeitgenössischen Architekten das Bewußtsein für die Ortsgebundenheit der Wahrnehmung architektonischer Gebilde. Es war vor allem der Maderno-Schüler Borromini, der das Phänomen der Betrachterbezogenheit ins Positive wendete und als zentrales Element der Formfindung für den Entwurfsprozeß fruchtbar machte.
     In den Tafeln 4 und 5, die die Oratoriumsfassade im perspektivischen Aufriß wiedergeben, fehlen im Gegensatz zu fast allen übrigen Stichen Gianninis Angaben zum Maßstab. (Tafeln 4, 5) Die gemischte Darstellungsform erlaubt keinen meßbar-kontrollierten Bezug zur gebauten oder geplanten architektonischen Wirklichkeit. Sie dient dazu, die Wirkung des Gebäudes auf den Betrachter, der die Fassade aus geringer Distanz und in Untersicht wahrnimmt, zu simulieren. In den Stichen von Domenico Barrièe, und mehr noch in der originalen Albertina-Zeichnung (Abb. 7), ist die komplexe Reliefwirkung der konkav eingeschwungenen Fassade mit dem konvex vortretenden Mittelteil über die realen Gegebenheiten hinaus verstärkt. (Vergleich A) Alle drei Darstellungen, die Originalzeichnung und die beiden nach einer Vorlage Borrominis geschaffenne Stiche, verdeutlichen die vom Architekten entsprechend seinem subjektiven Architekturkonzept realisierte plastische Wirkung der Fassade. Die drei Blätter bilden diese nicht objektiv ab; sie zeigen, wie sie gesehen werden will. Mit ihren Übertreibungen haben die perspektivischen Ansichten den Charakter eines ästhetischen Manifestes und eröffnen so, besser als jede andere Darstellungsform, den Zugang zur Architektursprache Borrominis.


8 Fassaden des Oratoriums und der Chiesa Nuova. Aufnahme aus zu großem Betrachterabstand mit fehlender Reliefwirkung
Fassaden Oratorium und Chiesa Nuova
9 Rom-Plan der Direzione del Censo (1829). Detail mit eingezeichnetem Verlauf des 1885 angelegten Corso Vittorio Emmanuele

 

 

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© Felix Thürlemann



geändert am 17. Februar 2000