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Jürgen Osterhammel, Universität Konstanz

Die Sprache ist und bleibt das wichtigste Ausdrucksmedium von Geisteswissenschaftlern, also auch von Historikern. Dass immer mehr erwartet wird, die eigenen Mitteilungen auch zu ‘visualisieren’, ändert nichts am Primat des gesprochenen und geschriebenen Wortes. Stehende und bewegte Bilder sowie graphische Verdeutlichungen, mit denen sich, geschickt angewandt, der Effekt von Vorträgen steigern lässt, bedürfen stets der sprachlichen Interpretation. Schlechte Referenten fliehen zuweilen vor ihrer argumentativen Verantwortung, indem sie suggerieren, ein gezeigtes Bild spreche ‘für sich selbst’. Oft beginnt gerade dann darüber eine Debatte.

Zivilisationsgeschichtlich ebenso wie in der Entwicklung der Person bedeutet Schriftlichkeit eine Stufe über Mündlichkeit hinaus. In der Praxis der Wissenschaft, der Schriftkultur par excellence , verhält es sich häufig umgekehrt. Wer ein Fachpublikum oder auch einen außerwissenschaftlichen Hörerkreis mit den eigenen Gedanken und Ergebnissen vertraut machen will, wird dies so gut wie nie frei mündlich improvisierend tun. Ein ausformuliertes Manuskript (etwa bei einem offiziellen Festvortrag, wo es auf jede Nuance ankommt) oder ein gegliedertes und durch besonders sorgfältig gewählte Formulierungen angereichertes Redekonzept wird in nahezu allen Fällen die Grundlage einer mündlichen Präsentation bilden. Auch für ein Referat im Seminar – das nie wörtlich verlesen werden sollte! – ist eine solche schriftliche Stütze unerlässlich. Im akademischen Bereich beruht mündliche Kommunikation auf vorausgegangener Verschriftlichung.

Die Endprodukte geschichtswissenschaftlicher Bemühung liegen ebenfalls in schriftlicher Form vor, genauer: in der Form von Texten (denn eine mathematische Formel hat selbstverständlich auch schriftliche Gestalt). Die Texte, die Historikerinnen und Historiker herstellen, variieren über ein breites Spektrum der ‘Textsorten’ und Mitteilungszwecke von der Proseminararbeit bis zum klassischen Meisterwerk, das noch nach Jahrzehnten gelesen wird. Beginnen wir mit solchen Meisterwerken! Es ist nicht oft vorgekommen, dass Historiker den Literaturnobelpreis erhalten haben, aber es hat solche Fälle immerhin gegeben. Zuletzt geschah dies 1953. Der Preisträger war Sir Winston Churchill, ein glänzender historischer Schriftsteller, der jedoch auf diese Weise hauptsächlich für seine politische Rolle bei der Niederwerfung der faschistischen Regime ausgezeichnet wurde.

Winston Churchill

Winston Churchill, 1874-1965.

Edward Gibbon

Der zweite Literaturnobelpreis, der überhaupt je vergeben wurde, ging 1902 an Theodor Mommsen. Mommsen, damals ein sehr alter Herr, hatte ein immenses gelehrtes Œuvre aufzuweisen, wurde aber von der Schwedischen Akademie der Schönen Künste für ein Werk ausgezeichnet, das er als junger Professor des römischen Rechts zwischen 1849 und 1854 geschrieben hatte: seine mehrbändige “Römische Geschichte”, die auch heute noch im Buchhandel erhältlich ist. Auch wenn die Forschung der letzten anderthalb Jahrhunderte das Werk in zahlreichen Einzelheiten korrigiert hat, dürfte der literarische Glanz von Mommsens Darstellung des Untergangs der Römischen Republik seine Wirkung auf kaum einen heutigen Leser verfehlen. Gleiches gilt für den vielleicht größten Sprachkünstler unter allen europäischen Historikern, den Engländer Edward Gibbon. Seine monumentale “History of the Decline and Fall of the Roman Empire”, zwischen 1776 und 1788 erschienen, liest sich frisch wie kaum ein anderer Text aus dem späten 18. Jahrhundert; er ist seit kurzem sogar als “Hörbuch” auf CD erschienen.

Edward Gibbon, 1737-1794.

Nun wird niemand von Ihnen verlangen, eine Hausarbeit oder vielleicht später auch ein Buch im Stil Theodor Mommsens und Edward Gibbons zu schreiben. Aber Sie sollten sich der literarischen und sprachlichen Ansprüche bewusst sein, die in der europäischen Tradition mit Geschichtsschreibung verbunden waren. Diese Ansprüche erfuhren sogar eine neue Würdigung, als 1973 der amerikanische Ideenhistoriker Hayden White (er hatte eine Professur für “the history of consciousness”) in seinem Buch “Metahistory” die Texte einiger der berühmten Historiker des 19. Jahrhunderts (u.a. Jules Michelet, Leopold von Ranke, Karl Marx, Alexis de Tocqueville und Jacob Burckhardt) mit den Mitteln der Literaturwissenschaft analysierte, das heißt, von ihrem Bezug zur beschriebenen historischen Wirklichkeit völlig absah. So angreifbar ein solches Vorgehen, das Geschichtsschreibung radikal von Geschichtswissenschaft trennt, aus manchen Gründen auch ist - Hayden Whites Hinweis auf die darstellerische Form sollten auch Sie beachten und im Laufe Ihres Studiums Textproben der bedeutenden Historiker der Vergangenheit auf sich wirken lassen.

Hayden Whites Beispiele sind nicht zufällig dem 19. Jahrhundert entnommen, einem Zeitalter, in dem das Erzählen von Geschichte den Höhepunkt seines Ansehens erreicht hatte. Seit der Jahrhundertwende wurde dann der Ruf nach eher analytischen Darstellungsweisen, die überpersönliche Faktoren (Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt, psychologische Regelmäßigkeiten, usw.) stärker betonten und ebenso Ursachen und Wirkungen einander ausdrücklich zuzuordnen versuchten, immer lauter. Damals wurden Kontroversen um die Frage ausgetragen, ob Historiographie eher eine ‘Kunst’ oder eher eine ‘Wissenschaft’ sei. Die Vertreter der Wissenschaftlichkeit trugen dabei den Sieg davon, besonders in Deutschland, wo es mehr als anderswo zum Selbstverständnis des Fachhistorikers gehörte (und immer noch gehört), für ein kleines Spezialistenpublikum zu schreiben, dem es eher auf trockene Präzision als auf schönen Stil ankommt. Dennoch hat es daneben immer Historiker gegeben, die ihre Sorgfalt nicht ausschließlich auf den Inhalt ihrer Texte verwandten, sondern auch deren sprachliche Form beachteten.

Überhaupt wäre es ein Missverständnis, gutes Schreiben nur als Erzählen von Geschichte für möglich zu halten. Die analytische Vorgehensweise ist nicht notwendig mit stilistischer Sorglosigkeit und einem schwer durchschaubaren Jargon verbunden. Elemente erzählender (‘narrativer’) Darstellung lassen sich durchaus in einen vornehmlich analytischen Ansatz einbeziehen. Auch dies kann man sich durch die Lektüre von ‘Klassikern’ verdeutlichen, etwa von Marc Blochs 1939/40 erstmals erschienenem Werk über die Feudalgesellschaft (“La société féodale”) und Veit Valentins “Geschichte der deutschen Revolution von 1848/49” (1930/31 publiziert), oder an den Büchern heute noch aktiver Autorinnen und Autoren wie des Universalhistorikers Eric J. Hobsbawm, des Chinahistorikers Jonathan Spence oder der Frühneuzeitspezialistin Natalie Zemon Davies. Nur in der Originalfassung wird die sprachliche Qualität solcher Arbeit deutlich, doch lässt sich die gemischte ‘Dramaturgie’ von Erzählung und Analyse, von Anschaulichkeit und Argument auch in Übersetzungen erkennen. Abermals: Man lernt eine Menge über die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben, wenn man die Meister dieses Metiers studiert. Es ist übrigens auffällig, dass die besten Beispiele nicht aus der deutschsprachigen Wissenschaft stammen. Besonders in der britischen Historiographie (dort mehr noch vielleicht als in der amerikanischen) wird es Historikern nicht verziehen, wenn sie es an Leserfreundlichkeit fehlen lassen.

Das imperiale Zeitalter

Titel des Originals: “The age of Empire: 1874-1914”.

 

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