1.1

Studienanfängerinnen und Studienanfänger, die vor der Aufgabe stehen, eine Proseminararbeit zu verfassen, haben das Recht, konkretere Ratschläge zu erwarten. Man könnte dabei von dem Unterschied zwischen wissenschaftlichem und ‘normalem’ Schreiben ausgehen. Bei einem angeblich vertrauten vor-wissenschaftlichen Schriftgebrauch pädagogisch anzusetzen, wäre indessen etwas wirklichkeitsfremd. Die Epoche der privaten Schreibkultur, als man sich in wohlgesetzten Worten dem Briefpapier und dem Tagebuch anvertraute, dürfte vorüber sein. Der Unterricht der gymnasialen Oberstufe wiederum vermittelt in jenem günstigen Fall, den die Universität voraussetzen muss, Techniken sprachlicher Darstellung, die in der Tendenz bereits wissenschaftlich sind. Wissenschaftliches Schreiben setzt die Beachtung jener konventionell vereinbarten und wissenschaftsmoralisch abgesicherten Grundregeln voraus, die an anderen Stellen dieses Tutoriums ausführlicher erläutert werden: Wesen wissenschaftlicher Texte, Fragestellung, Rezeption wissenschaftlicher Texte, Exzerpieren, Bibiographieren, Zitieren, Aufbau des Textes..


  • Sämtliche Aussagen über historische Sachverhalte müssen so formuliert werden, dass sie grundsätzlich aus der Empirie der Geschichtswissenschaft, den Quellen, überprüfbar sind. Anders gesagt: Selbst dann, wenn der Autor einer Proseminararbeit nicht selbst in Archiven gewühlt hat, muss eine Aussage über historische Sachverhalte für eine solche mögliche Überprüfung offen sein. Dies ist ein ‘Abgrenzungskriterium’ im Sinne der Wissenschaftstheorie.
     
  • Sämtliche Aussagen über die Aussagen Anderer – in der Regel anderer Historiker, auch von Verfassern von Forschungs- oder ‘Sekundär’-Literatur in Nachbarfächern – müssen, vor der eigenen Kritik daran, den referierten Standpunkt korrekt und ‘fair’ wiedergeben.
     
  • Man muss sich, möglichst durch frühzeitige und breit ausgreifende Benutzung von Nachschlagewerken (auch solcher aus Nachbardisziplinen), einen gut durchdachten Werkzeugkasten von definierten Grundbegriffen zusammenstellen. Dieses begriffliche Instrumentarium muss dann stringent angewendet werden. Anders gesagt: Man darf Begriffen nicht unter der Hand neue Bedeutungen beilegen. Die Verwendung der Begriffe soll bewusst und kontrolliert erfolgen, also nicht intuitiv und ‘aus dem Bauch’. Eigene Neuprägungen bedürfen besonders sorgfältiger Begründung.
     
  • Die Darstellung muss sich um das Gerüst eines Schritt für Schritt entwickelten Gedankengangs, also einer Argumentation, ranken. Eine solche Argumentation muss vor der eigentlichen Niederschrift konstruiert werden. Narrative Elemente, etwa Schilderungen von Ereigniszusammenhängen oder Charakterisierungen einzelner Personen, unterliegen dem Vorrang der Argumentation vor der Erzählung.
     
  • Begründete Urteile sind von moralischen Wertungen und bloßen Meinungen zu unterscheiden. Wissenschaftliches Schreiben dient der Darlegung von Urteilen (etwa über den Stand der Forschung zu einem Spezialproblem). Moralische Wertungen (Abscheu, Begeisterung) müssen sparsam verwendet und als solche kenntlich gemacht werden. Meinungen (‘Stammtisch’-Ansichten) haben in einer wissenschaftlichen Arbeit nichts zu suchen.
     
  • Historiker sollen sich um Erklärungen bemühen. Zuvor sind sie aber Spezialisten für möglichst genaues Beschreiben. Dazu gehört die möglichst präzise, immer jedoch bewusst kontrollierte Verortung von Aussagen im Koordinatensystem von Zeit und Raum. “Wenige Jahre später” gehört nicht in eine historische Arbeit; man sollte nicht “England” schreiben, wenn man “Großbritannien” meint; usw

Diese Basisregeln verbürgen noch kein gelungenes Schreiben. Mit schönem Stil haben sie nichts zu tun. Ohne ihre Beachtung wird aber die größte sprachliche Kunstfertigkeit nicht zu brauchbarer Geschichtswissenschaft führen. Die Regeln sind notwendige, aber noch nicht notwendige und hinreichende Bedingungen für wissenschaftlichen Schreiberfolg.

Was muss hinzukommen? Das bei Didaktikern beliebte Bild vom ‘weißen Blatt’ oder ‘leeren Bildschirm’, vor dem die Studentin/der Student mit steigender Verzweiflung sitzt, ist wenig realistisch. Tritt diese Situation ein, ist die Lage schon ziemlich verfahren. Das Niederschreiben einer Arbeit ist die vorletzte Phase – die letzte wäre die Überarbeitung der zunächst entstandenen Rohfassung – eines kontinuierlichen Schreibprozesses. Wissenschaftliches Schreiben ist kein riskanter Ausnahmeakt, sondern eine Konsequenz aus der alltäglichen Arbeitshaltung wissenschaftlichen Auf-Schreibens. Nur wer unentwegt exzerpiert, eigene Gedanken schriftlich festhält, Zwischenergebnisse provisorisch formuliert, vielleicht sogar (wie manche amerikanischen Lehrer akademischer Techniken empfehlen) ein Arbeitsjournal führt, wird ohne Panik und heroische Kraftanstrengung gute Seminararbeiten schreiben. Die Arbeit – also der Vorzeigetext – ergibt sich dann als organische Kristallisation einer gewohnheitsmäßigen Schreibpraxis.

Ganz konkrete Stil- und Darstellungsregeln halten sich irgendwo in der Mitte zwischen Sprachnorm und Geschmack. Darüber, was gutes Deutsch sei, lässt sich - in bestimmten Grenzen - streiten. Es gibt auch eine umfangreiche Literatur. Man vermeidet aber Unheil, wenn man sich folgende Regeln zu Herzen nimmt:

  • Das Wort “ich” hat in einer wissenschaftlichen Arbeit nichts zu suchen.
     
  • Bei der Erörterung von Sekundärliteratur und von theoretischen Zusammenhängen sowie bei Quellenkritik ist die Zeitform des Präsens angemessen. Das ‘historische Präsens’, ein alter Trick zur angeblichen Steigerung der Spannung, sollte bei der Darstellung vergangener Sachverhalte jedoch gemieden werden. Richtig ist das Imperfekt.
     
  • Verzichte auf die leere Floskel “Es kam zu ...”. Überhaupt: Aktive Formulierungen sind passiven vorzuziehen. Selbst Historiker, die sich eher für überindividuelle Strukturen und Kräfte als für einzelne Subjekte interessieren, sollten sich um genaue Angaben über Akteure und Ursachen bemühen.
     
  • “Des Weiteren” ist ein schreckliches Wort, bei Studierenden erstaunlich beliebt. Völlig überflüssig ist das ebenso schauerliche wie verbreitete “zweifelsohne”. Mit “nichtsdestotrotz” ist “trotzdem” gemeint.


Schließlich: Bemühen Sie sich so früh wie möglich um Schreibkompetenz im Englischen und, wenn es irgend geht, in einer weiteren Fremdsprache!

 

Wissenschaftliches Schreiben