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Niels P. Petersson, Universität Konstanz

Die Aufgabe, eine wissenschaftliche Arbeit über eine auch noch selbst entwickelte Fragestellung anzufertigen, erzeugt zunächst vermutlich ein Gefühl der Ratlosigkeit. Aus der Lehrveranstaltung haben Sie vielleicht noch im Ohr, dass der Sinn wissenschaftlicher Texte darin besteht, die Kommunikation im Fach zu ermöglichen, Forschungsergebnisse bekannt zu machen, einzuordnen, zu bewerten, zu kritisieren, zueinander in Beziehung zu setzen. Was aber kann ausgerechnet Ihre Proseminararbeit zu diesen sicher hehren, aber doch recht abstrakten und hochgesteckten Zielen beitragen? Ist nicht alles, was sich in der Reichweite der Studierenden der Anfangssemester – also in der Bibliothek – befindet, der Fachwelt bekannt und von Historikern bereits vielfach diskutiert und verwertet worden?

Schreibszene

Als Verfasser(in) einer Proseminar-Hausarbeit befinden Sie sich in der Tat in einer künstlich geschaffenen Situation – Sie sollen Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens einüben bzw. demonstrieren, dass Sie diese Techniken beherrschen. Die Unsicherheit, die sich in dieser künstlichen Situation einstellt, lässt sich aber überwinden, wenn Sie sich einmal nicht auf die Unterschiede, sondern auf die Gemeinsamkeiten zwischen Ihrer Situation und derjenigen aller wissenschaftlich Arbeitenden konzentrieren. Forschen heißt immer, selbstgestellte und selbst entwickelte Fragen zu beantworten, indem das verfügbare Material aufgesucht und im Hinblick auf die Fragestellung ausgewertet wird. Anschließend werden die Ergebnisse der Auswertung in einer durch die Konventionen des Faches bestimmten und daher jedem Fachwissenschaftler leicht zugänglichen Form festgehalten.

Auch Sie tun in Ihrer Hausarbeit nichts anderes, als eine Frage zu beantworten. Daß andere die Antwort bereits kennen, unterscheidet Ihre Arbeit möglicherweise von der des fortgeschritteneren Forschers; wichtig ist hier aber zunächst, dass Sie die Antwort noch nicht kennen, sich das Material suchen, mit dessen Hilfe Sie die Antwort geben können, und diese Antwort dann finden und darlegen. Auf diese Weise lernen Sie, selbständig forschend Antworten auf Fragen zu finden.

Das können Fragen sein, die sich Ihnen aus reinem Interesse an der Sache stellen, aber auch solche, die Ihnen gestellt werden oder die Sie zur Erreichung eines von außen vorgegebenen Ziels beantworten müssen – möglicherweise ist Ihr Berufsziel ja nicht dasjenige des unter den Bedingungen der Freiheit von Lehre und Forschung arbeitenden Wissenschaftlers, sondern eine Tätigkeit in Wirtschaft, Verwaltung, Medien oder Fortbildung, wo ebenfalls von Ihnen verlangt werden wird, selbstständig Fragen zu erkennen, deren Beantwortung wichtig ist, und Antworten auf diese Fragen zu suchen.

Beim Abfassen der ersten Hausarbeit geht es also darum, sich in die Rolle des wissenschaftlich Arbeitenden zu versetzen und die dafür nötigen Arbeitstechniken und Verfahrensweisen anzunehmen. Der Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens wird an anderer Stelle ausführlich behandelt. Doch schon jetzt, am Anfang Ihrer Arbeit, sollten Sie  sich kurz über die Form informieren, in der die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit präsentiert werden.

 

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