Rudolf Schlögl, Universität Konstanz

Wenige Aufgaben stiften mehr Orientierungslosigkeit in den Anfängen eines Studiums als die Anmerkung im wissenschaftlichen Text. Dabei sind es weniger formale Fragen nach der Gestaltung bibliographischer Nachweise, die Verwirrung stiften. Dafür gibt es Regelsysteme des Zitierens - wenn auch mehrere und sehr unterschiedliche. Die eigentlichen Probleme sind vorgelagert und ergeben sich aus der Frage: Wann merkt man wie etwas an? Der lapidare Hinweis in Einführungen und Tutorien, dass Anmerkungen dazu dienen, die Herkunft fremder Gedanken und Ideen zu dokumentieren, erweist sich dabei nach aller Erfahrung als wenig hilfreich, weil in den Anfängen eines Studiums stets sehr plastisch vor Augen steht, dass noch die einfachsten Ideen und Gedanken eine Herkunft haben, und sie meist kurz bevor man sie in Hausarbeiten niederschreibt aus Handbüchern oder anderen Hilfsmitteln zusammengetragen wurden. Wie soll man sich in dieser Situation behelfen?

Ersichtlich hängen diese Fragen erneut mit dem Problemkomplex Wissenschaftlichkeit zusammen. Orientierung können deswegen Überlegungen in zwei Richtungen geben. Die erste bezieht sich auf die Hausarbeit und ihr Verhältnis zur Wissenschaft, die zweite auf die Anmerkung und ihr Verhältnis zur Wissenschaft.

Was haben Hausarbeiten mit Wissenschaft zu tun? Wenn Wissenschaft darin besteht, neue Erkenntnis hervorzubringen, dann wird es im Regelfall erkennbar schwierig, die Hausarbeiten der ersten Semester darunter zu subsumieren, weil sie doch im Entstehungsprozess wie im Ergebnis mehr mit dem Nachvollzug vorhandener wissenschaftlicher Texte zu tun haben als mit der Hervorbringung neuer (wissenschaftlicher) Erkenntnis. Dies hat allerdings seine völlige Richtigkeit, da Hausarbeiten ja Stationen auf dem Weg sind, in dessen Verlauf man sich lernend und übend die Fähigkeit erwirbt, schließlich doch (am Ende eines Studiums) Texte zu verfertigen, in denen neue (wissenschaftliche) Erkenntnis zu einem Thema nachzulesen ist.

Dabei sind offenkundig Lernprozesse auf zwei Ebenen miteinander verkoppelt: Ein Studium besteht darin, nach und nach Wissensinhalte zu akkumulieren und darin, gleichzeitig zu verstehen, wie solche (wissenschaftlichen) Wissensinhalte hervorgebracht werden, wie man also Wissenschaft betreibt. In Hausarbeiten macht man sich mit Inhalten vertraut, aber es wird auch geübt, wie man wissenschaftlich arbeitet. Man simuliert in ihnen (zu Lern- und Übungszwecken) Wissenschaftlichkeit. Hausarbeiten operieren demnach in einem ‘Als-ob-Modus’: Sie werden in jeder formalen Hinsicht so gestaltet, als ob sie auch schon dem Inhalt nach eigenständige wissenschaftlich Arbeiten wären. Soviel zur Wissenschaftlichkeit von Hausarbeiten.

Graphik: Hausarbeit und Wissenschaft

Die Frage nach dem Verhältnis von Anmerkung und Wissenschaft muss im Grunde aus der anderen Richtung formuliert werden: Warum kommen wissenschaftliche Texte nicht ohne Anmerkung aus? Es wurde schon im Kapitel Exzerpieren darauf hingewiesen, dass Wissenschaft sich durch die Hervorbringung von Erkenntnisgewinn auszeichnet, der in Bezug zum bisherigen Wissen zu setzen ist. Damit sich Wissenschaft in dieser Weise vollziehen kann, müssen Texte so gestaltet werden, dass sie adressierbar sind und man muss (in Gestalt der Anmerkungen) eine Technik der Adressierung entwickeln. Beides ist nicht selbstverständlich, sondern muss als soziale Praxis entwickelt werden. Die moderne (wissenschaftliche) Anmerkung hat also eine Geschichte, deren Kenntnis für das Verständnis von Sinn und Zweck des Anmerkens einigermaßen instruktiv ist.

 

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