5.4

Sie bietet die ‘Adressen’ der Bezugsstellen.

Sie kann der Ort sein (und sie ist es gewöhnlich), an dem sich die Auseinandersetzung mit der übrigen Forschungsliteratur vollzieht. Je nach Stellenwert für den eigenen Argumentationsgang kann dies vom bloßen Hinweis auf die Differenz bis zur detaillierten Widerlegung gehen.

Fußnote

Grafton, S. 14.

Sie kann der Ort sein für kleinere Exkurse und Ergänzungen. Erkenntnisse, die man glaubt dem Leser nicht vorenthalten zu dürfen, die jedoch etwas abseits des eigenen Argumentationsganges liegen oder sich im Aufbau des Textes nicht unterbringen lassen, haben ebenfalls in der Anmerkung ihren richtigen Platz.

Fußnote

Grafton, S. 110.

Anmerkungen erbringen in ihrer Summe den Nachweis, dass der Wissenschaftler sich in ausreichender Intensität und Breite mit der verfügbaren Literatur und den zugänglichen Quellen zu einem Thema auseinandergesetzt hat. Sie bieten daher eine tendenziell erschöpfende Bibliographie zum gewählten Thema – was freilich bei Abhandlungen (wie bei Hausarbeiten) auch bedeutet, dass die intensivere Auseinandersetzung auf die für die eigene Fragestellung einschlägigere Literatur konzentriert werden kann.

Fußnote

Grafton, S. 14.

Gelegentlich dient die Anmerkung auch dazu, auf einen nicht völlig ausgearbeiteten Aspekt der eigenen Argumentation hinzuweisen. Wer die wissenschaftliche Literatur sorgfältig studiert, wird bemerken, dass im genau entgegengesetzten Sinne Anmerkungen auch der Ort sind, an dem Texte gegen Kritik immunisiert werden, indem man Behauptungen abschwächt, oder die zu erwartende Kritik vorwegnimmt und sie gleich zu entkräften sucht. Ob die Doppelbödigkeit von Texten im Sinne ihrer Wissenschaftlichkeit ist, kann allerdings mit guten Gründen bezweifelt werden.

Da Wissenschaft sich nicht nur als bloßes Geistesphänomen vollzieht, sondern sich als strukturiertes soziales System in Organisationen realisiert, in denen es um Macht und Einfluss, Eitelkeiten, Hoffnungen und Ansprüche geht, sind Anmerkungen auch der Ort, in dem soziale Beziehungsnetze aufgebaut und dargestellt werden. Man zitiert, wen man kennt oder zu wem man sich zählt und gehören möchte, man übergeht diejenigen, von denen man sich abgrenzt. Auch auf diese Weise werden wissenschaftliche Positionen bezogen – ohne sie allerdings wirklich zu formulieren und sie damit der Kritik zu stellen. Solange man Wissenschaft allerdings im ‘Als-ob-Modus’ betreibt, kann dies ein ebenfalls virtuelles Problem bleiben.

Anmerkungen sind der sichtbare Ausdruck dafür, dass jeder Wissenschaftler bei der Suche nach neuer Erkenntnis als Zwerg auf den Schultern von Riesen steht und er gerade deswegen weiter sieht als diejenigen, die vor ihm schrieben. Jedenfalls glaubt jeder Wissenschaftler fest daran. Gerade deswegen darf man jedoch auch die eigenen Aussichtstürme nicht leichtfertig in ihrer Statik schwächen oder sie völlig demontieren. Dies führt in der Praxis dazu, dass neue Erkenntnis immer nur dann zu gewinnen ist, wenn man das bekannte Wissen nur in den Teilen infrage stellt, in denen man es wirklich zu verbessern beabsichtigt. Im Wissenschaftsalltag kondensieren solche Wissensbestandteile, auf die sich die augenblicklich diskutierten Problemzusammenhänge beziehen, meist in der einen oder anderen Form und werden in Überblicksdarstellungen oder Handbüchern jedenfalls zeitlich vorübergehend quasi-kanonisiert. Meist betrifft dies den größten Teil der für eine wissenschaftliche Untersuchung einschlägigen Kenntnisse. Sie brauchen im Regelfall nicht ausgewiesen und auch nicht problematisiert werden. Da in Hausarbeiten Wissenschaft ‘simuliert’ wird, gilt dies auch für Hausarbeiten. Auch dort kann Handbuchwissen, auf dem das Thema und die gewählte Problemstellung aufruhen, vorausgesetzt werden – außer man hat eben vor, ein Handbuch an bestimmter Stelle zu verbessern.