5.3

In der Praxis beginnen die Probleme mit der Anmerkung meist – ohne dass dies sofort direkt bemerkbar würde – an einer anderen Stelle. Da die Anmerkung zunächst ja nur Ort des Nachweises ist, vollzieht sich ein wesentlicher Teil des Bezuges auf andere Quellen- und Forschungstexte im entstehenden wissenschaftlichen Text selbst. Dort müssen deswegen laufend Entscheidungen darüber getroffen werden, wie man diese fremden Texte im eigenen Text in Erscheinung treten lässt und wo dies dann zu stehen kommt.

Auf andere Texte kann man sich generell in unterschiedlichen Modi beziehen, die gleichzeitig fortschreitende Stufen ihrer verarbeitenden (oder interpretierenden) ‘Aneignung’ darstellen:

  • man kann sie wörtlich zitieren,
  • man kann sie paraphrasieren und
  • man kann sie in den für den eigenen Zusammenhang relevanten Aspekten in ihrem Sinn- und Informationsgehalt synthetisch in Beziehung zu eigenen oder anderen Gedanken setzen, so dass sie als Elemente eines neuen Sinngewebes auch eine vielleicht ursprünglich nicht vorhandene Bedeutungsdimension bekommen.

Aus den Methoden- und Wissenschaftsnormen lässt sich als genereller Gesichtspunkt zunächst ableiten, dass neue Erkenntnis aus der interpretierenden Verarbeitung von Quellen und Forschungstexten hervorgeht. Deswegen tendiert der wissenschaftliche Umgang mit anderen Texten zunächst zu ihrer möglichst weitgehenden interpretierenden und synthetisierenden Aneignung. Dem steht jedoch auf der anderen Seite gegenüber, dass der eigene Text für weitere Leser geschrieben wird, die wiederum (als Wissenschaftler) die Möglichkeit haben sollen, dessen Argumente und Erkenntnisse nachzuvollziehen und sie auf ihre Wahrheitsfähigkeit hin zu überprüfen. Dies verpflichtet tendenziell darauf, die Bezugstexte möglichst direkt für den Leser verfügbar zu halten.

In Abwägung dieser beiden gegeneinander laufenden Prinzipien lassen sich zwei grobe Orientierungslinien für den Umgang mit Quellen und Forschungstexten geben.

Für Quellen folgt aus ihrer methodologisch zentralen Stellung, dass je höher ihr Belegwert, je ‘gewagter’ und voraussetzungsvoller ihre Interpretation, je schwieriger die Probleme der Quellenkritik, d.h. insgesamt je belasteter der an ihre Interpretation gebundene Wahrheitsanspruch ist, desto mehr spricht für das wörtliche Zitat der einschlägigen Stellen.

Bei Forschungstexten folgt aus der wissenschaftslogischen Norm, eigene Erkenntnis von anderer abzugrenzen und andere Erkenntnis (in relevanten Gesichtspunkten) auf ihren Wahrheitsanspruch hin zu überprüfen, zweierlei:

Je deutlicher die kritische Distanzierung von anderen Texten, desto genauer (und roher) müssen sie dem Leser geboten werden, damit er die Möglichkeit erhält, das eigene Urteil nachzuvollziehen; je näher die eigene synthetisierende oder auch bloß bestätigend aufgreifende Formulierung am Bezugstext liegt, desto höher ist die Nachweispflicht. Direkte Übernahmen in der Formulierung müssen in jedem Fall als wörtliches Zitat erfolgen.

Ob diese Zitate oder Paraphrasen aus Quellen und Forschungstexten von Fall zu Fall jeweils in den eigenen Text eingebaut werden oder sie in den Anmerkungen erscheinen, lässt sich generell nicht entscheiden. Wichtig ist, dass ein lesbarer Text entsteht, der dem Leser erlaubt, die eigenen Argumente nachzuvollziehen, sie ihm auch in Maßen illustriert und verdeutlicht, ihn aber nicht mit überflüssigen und für den Argumentations- oder Interpretationszusammenhang unnötigen Informationen belastet.