5.1

Die Anfänge der Adressierbarkeit von Texten und der Technik der Adressierung mittels Anmerkungen fallen im Grunde mit dem Gebrauch der Schrift in Hochkulturen zusammen. Deswegen kann man den Verweis auf andere Texte, mit deren Autorität eigene Ansichten gestützt werden oder von denen man sich abgrenzen will, bereits seit der Antike finden. Sie treten insbesondere immer dort auf, wo sich Bestände von Texten entwickeln, die mit kanonischer Geltung versehen werden, also mit Verbindlichkeits- und Ausschließlichkeitsanspruch auftreten. Das Römische Recht oder die Dogmatik der Religionen sind Beispiele für solche geschlossenen, aufeinander verweisenden Textsysteme.
Der jetzige Gebrauch der Anmerkung und die Adressierbarkeit von Texten sind allerdings im engeren Sinn Errungenschaften, die mit der Entwicklung der modernen Wissenschaften als soziales System und der Durchsetzung des Buchdruckes als dominierende Form der gesellschaftlichen Wissensaufbewahrung und der Wissensverbreitung direkt verknüpft sind.

Gutenberg-Presse

Nachbau einer Gutenberg-Presse im Gutenberg-Museum in Mainz.

Beide Vorgänge vollziehen sich seit dem 16. Jahrhundert und stehen ihrerseits untereinander in einem sehr engen Zusammenhang. Das sieht man etwa schon allein daran, dass bis ins 17. Jahrhundert hinein es keineswegs selbstverständlich war, Druckwerke mit (den für uns heute selbstverständlichen) Seitenzahlen zu versehen. Wenn es überhaupt solche Angaben gab, dann bestanden sie in der Einteilung und Zählung der Druckbögen, mit denen sich die Drucker bei der Herstellung der Bücher behalfen und die deswegen eigentlich ganz anderen Zwecken dienten. Es fehlte also die nach unserer Auffassung wichtigste Voraussetzung für die Adressierbarkeit von Aussagen in einem Text. Da man immer noch gewohnt war, sich in überschaubaren (kanonisierten) Textbeständen zu bewegen, ersetzte meist die innere Gliederung von Texten, also die Angabe von Kapiteln oder Paragraphen, die für uns gewöhnliche Seitenzahl. Im Falle wirklich kanonischer Texte hat sich dies übrigens bis in die Gegenwart gehalten: die Bibel beispielsweise wird auch heute nicht nach Seitenzahlen zitiert, sondern nach ihrer inneren Einteilung in Bücher, Evangelien, Kapitel und Sätze.

Tusculanae Disputationes

In der Antike wurden Texte in Bücher und Kapitel eingeteilt.

Man sieht dieser Notation von Adressen unmittelbar an, dass sie aus der Zeit vor dem Buchdruck stammt. Sie stellt nämlich in Rechnung, dass Texte in unterschiedlichster Gestalt zirkulieren, wie es sich eben ergibt, wenn Texte dadurch verbreitet werden, dass man sie abschreibt oder sie allenfalls in verschiedenen Wiegendrucken mit kleiner Auflage reproduziert werden. Es dauerte bis ins 18. Jahrhundert, bis der Buchdruck in Technik und Marktzusammenhängen sich soweit entwickelt hatte, dass Texte in ihrem Erscheinungsbild nicht mehr bei jedem Druckvorgang verändert wurden, sondern Nachdrucke und häufig auch schon verschiedene Auflagen (die allerdings ja bis heute unterschieden werden müssen) eine gleiche Seitengliederung des Textes aufwiesen. Mit diesem Vereinheitlichungsprozess konnte die Seitenzahl ihren Siegeszug antreten.

Sie wurde dabei durch die steigende Zahl von Texten, die in der frühmodernen Gesellschaft gedruckt zur Verfügung standen, unterstützt. An die Stelle kanonischer Textkorpora trat in allen Wissensbereichen eine immer größer werdende (Gutenberg-)Galaxis von Texten, deren Expansion spätestens seit Beginn des 17. Jahrhunderts von den Zeitgenossen selbst als irritierend und bedrohlich empfunden wurde. Gleichzeitig stellte sich die Art der Wissensproduktion in der Gesellschaft selbst um. Wesentlich für die Entstehung der modernen Wissenschaft wurde, dass Wissenschaft zunehmend nicht mehr hieß, vorhandenes Wissen immer wieder neu aufzubereiten (und Wahrheit sich in der Übereinstimmung mit der Tradition entschied), sondern man jetzt die Hervorbringung von ‘neuem’ Wissen als Norm setzte, so dass Verweise auf andere Texte eine ganz neue Aufgabe innerhalb von (wissenschaftlichen) Texten bekamen. Ihre Funktion wurde zunehmend, das neue Wissen in seinen Grundlagen (Erkenntnis-Quellen) auszuweisen und es gleichzeitig so zu präsentieren, dass es als Kritik des bisherigen Wissens erscheinen konnte. Die modernen Wissenschaften entfalteten sich auf diese Weise nach und nach sozial als Gelehrtenrepubliken und als Diskurszusammenhänge, in denen inhaltliche Erkenntnisgewinne unter dem Wahrheitskriterium einerseits auf dem vorbehaltslosen Austausch von Wissen und andererseits auf der wechselseitigen Kritik der Erkenntnisse beruhten.

Einen wesentlichen Teil dieser Aufgaben übernahm der Anmerkungsapparat, der seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nach und nach alle diejenigen inhaltlichen und drucktechnischen Formelemente gewann, die uns heute geläufig sind. Für die Geisteswissenschaften kann man sagen, dass die Anmerkung in ihrer bekannten Gestalt 1696 mit dem Dictionnaire historique et critique des Pierre Bayle auftrat. Diese kritische Sichtung traditioneller Wissensbestände durch Bayle, die eine entscheidende Station im Durchbruch der Aufklärung darstellte, hatte insbesondere auch eine Verbesserung der Geschichtsschreibung im Blick. René Descartes hatte ihr kurz vorher nochmals alle Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Sie galt als Kunst und es nahm noch das gesamte 18. und das beginnende 19. Jahrhundert in Anspruch, bis Geschichtsschreibung sich methodisch als Wissenschaft verstand und auch institutionell an den Universitäten entsprechend etabliert wurde.

Pierre Bayle

Pierre Bayle.

Es ist für den hier umrissenen Zusammenhang von Wissenschaftlichkeit und Anmerkungstechnik bezeichnend, dass Leopold von Ranke seit den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts mit seinem Werk die Fußnote endgültig als unverzichtbares Kennzeichen einer Geschichtswissenschaft etablierte, die ihre Erkenntnisse über die Vergangenheit nicht mehr vorrangig aus den alten Schriftstellern zog, sondern sie als Geschichtsforschung aus den Quellen der Archive und Bibliotheken erarbeitete.