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Fabio Crivellari, Universität Konstanz

Da einzelne Quellengattungen in den folgenden Kapiteln ausführlich vorgestellt werden, sollen hier einige einführende Bemerkungen zum Gegenstandsbereich genügen.

Als ‘Quelle’ gilt in der Geschichtswissenschaft mittlerweile alles, was über die Vergangenheit befragt werden kann.
Diese zunächst recht allgemeine und undifferenzierte Feststellung basiert auf der Einsicht, dass ‘Quelle’ keine Objektklasse wie Tier oder Auto ist. Vielmehr beschreibt die Metapher ‘Quelle’ eine Funktion. Voraussetzung dafür ist, dass der Historiker einen Gegenstand zur ‘Quelle’ erklärt, indem er dessen informationellen Wert durch gezielte Befragung nutzt.
Dieser Wert oder Mehrwert zeigt sich beispielsweise in der Untersuchung von Ratsprotokollen und Gerichtsakten. Sie können zunächst als Ergebnisprotokolle wahrgenommen und gelesen werden und erteilen damit weitgehend objektiv Auskunft über die in einem Rat gefällten Beschlüsse. Sie können aber auch, sofern der Text es zulässt, als literarische Gattung und Verlaufsprotokolle gelesen werden und erzählen damit indirekt über das Zustandekommen von Beschlüssen bzw. über die Sitzungs- und Kommunikationskultur im betreffenden Gremium. Dieser Informationsgehalt ist ein Mehrwert, der über die instrumentelle Funktion als Beschlussprotokoll hinausgeht. Um diesen Mehrwert zu gewinnen, müssen bisweilen noch weitere Quellensorten herangezogen werden, um sich einem historischen Phänomen aus der vernetzten Perspektive verschiedener Quellentypen zu nähern.
Dabei ist längst nicht gesichert, dass dieser investigative Zugriff immer gelingt. Längst ist nicht alles quellenmäßig greifbar, was der Historiker erfahren will. Aber auch die Erkenntnis, dass über das eine oder andere Problem keine quellenbasierten Aussagen möglich sind, ist eine Erkenntnis, wenngleich eine Negativ-Erkenntnis. Sie ist aber für weitere Forschungen wertvoll, denn sie gibt vor, dass andere Fragen gestellt und alternative Forschungswege beschritten werden müssen.
Ein anderes Beispiel, dass die Abhängigkeit des Quellenwertes von der Fragestellung zeigt: Singuläre Reisebeschreibungen aus früherer Zeit, die in ihrem Wahrheitsgehalt nicht überprüft werden können, teilen oft mehr über die Textgattung, den Schreiber, seine Kultur und sein Weltbild mit als über das beschriebene Land oder über die beschriebene Kultur..

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Quellen entspringen also dem Frageinteresse des Historikers (siehe :  ’Fragen schaffen Quellen’). Ideale Voraussetzung ist allerdings, dass die zu untersuchenden Objekte dokumentierbar und die Untersuchung damit nachprüfbar ist. Gerüche und Gase beispielsweise sind demnach allenfalls Quellen für Unwohlsein oder für zeitgenössische Beschreibungen. Als Quellen im historisch-wissenschaftlichen Sinn taugen sie hingegen nicht.

Die Diskussion und die Einschätzung des Informationswertes einer Quelle nennt man auch
Quellenkritik. Jeder Quellenstudie sollte eine entsprechende Quellenkritik vorangehen. Sie zeigt dem wissenschaftlichen Leserkreis, ob und wie der Autor die wissenschaftliche Qualität der Quellen, ihre Authentizität und Glaubwürdigkeit sowie ihre Intentionen beurteilt hat. Quellenkritik steht neben der Offenlegung der eigenen erkenntnisleitenden Theorie als Offenlegung der eigenen Vorgehensweise.

Neben diesen allgemeinen Aussagen über Quellen gibt es Versuche, Quellen zu kategorisieren. So werden Quellen vor allem daran unterschieden, ob sie
1) absichtlich für die Nachwelt aufbereitet wurden, oder ob sie unabsichtlich auf spätere Zeiten gekommen sind.
Eine weitere Unterscheidung sucht danach, ob die Quelle
2) direkt oder indirekt zur Fragestellung informiert. Beide Unterscheidungen sind bisweilen ineinander verschränkt und sollen kurz angesprochen werden.

1) Während die unwillkürlichen Quellen als Relikte oder Überreste bezeichnet werden, kann man die willkürlichen als Traditionsquellen zusammenfassen. In der Praxis finden diese Begriffe jedoch so gut wie keine Anwendung. Die strikte Trennung kann mittlerweile sogar als überholt gelten. Ein Grabstein aus dem 19. Jahrhundert beispielsweise ist zumindest für die unmittelbaren Nachfahren bzw. die Sozialgemeinschaft des/der Toten eine Traditionsquelle, die sehr gezielt in Schrift und Bild Auskunft über die Toten geben will und damit kollektive Identität und Kontinuität stiften will. Für spätere Generationen oder Wissenschaftler aus anderen Sozial- oder Kultursystemen kann der Grabstein ein Relikt sein, dass sich gewiss nicht an die kollektive Identität der Beobachter richtet, aber hinsichtlich der Medialität des Steins und seiner Chiffren zum Forschungsgegenstand selbst – diesmal eben als Überrest – werden kann. Die Frage danach, wie die betreffende historische Gesellschaft ihre Toten bestattete, mit welchen Symbolen sie dabei operierte und welche gesellschaftliche Funktion diesen Ritualen zukamen, sind Beobachtungen zweiter Ordnung, die sich über diese Reste machen lassen.

Die genannte Unterscheidung macht deshalb nur insofern Sinn, als man quellenkritisch nach der konkreten Überlieferungsabsicht fragen kann. Es ist beispielsweise für die Interpretation der Goebbels-Tagebücher nicht unerheblich, zu wissen, ob der NS-Propagandaminister seine Gedanken und Ansichten für ein späteres Publikum oder nur für sich selbst notierte. Je nach Adressatenkreis ändert sich nämlich der Wert der Quelle als Auskunftei über die Vergangenheit. Wenn man also annehmen muss, dass Goebbels in seinen Tagebüchern auch für ein späteres Publikum schrieb, liegt es nahe, dass es sich hierbei um keine allzu kritische und offene  Selbstbetrachtung handelt. Vielmehr dürften die Informationen durch den Filter des politischen Kalküls gelaufen sein. Für eine Rekonstruktion der Ereignisse um den Propagandaminister während seiner Jugendjahre und seiner Amtszeit taugt diese Quelle allein nicht. Sie muss mit anderen Texten aus der Zeit verglichen werden, die mittlerweile in einer umfangreichen Forschungsliteratur und in Editionen aufbereitet wurden oder in Archiven direkt greifbar sind.

2) Wer sich jedoch mit der Selbstinszenierung der Person Goebbels befasst, für den sind die Tagebücher gerade wegen ihrer Außenorientierung als indirekte Quelle von besonderem Interesse. Insofern geben sie durch die Stilistik und Sprache sowie durch die spezifische Perspektive der Notizen indirekt über die Person Goebbels und seine Form der Selbstinszenierung Auskunft.

Es zeigt sich erneut, dass Quellen in Abhängigkeit von einer Fragestellung entstehen und ihren Wert entwickeln.
So treten neben die große Familie der Texte mit Urkunden, Memoiren, Briefe auch literarische, philosophische oder wissenschaftliche, schließlich auch Gebrauchstexte wie Werbung, Theaterprogramme oder auch Speisekarten als mögliche Quellentypen von je eigener durch Quellenkritik zu bestimmender Aussagekraft. 
Daneben gewinnen Bildträger wie Karten, Embleme, Portraits und Malereien, Photos, Filme, Kompositionen und weitere Trägermedien zunehmend an Bedeutung für die Geschichtswissenschaft, die sich in den vergangenen Jahren verstärkt so genannten kulturwissenschaftlichen Fragen geöffnet hat und dabei untersuchte, wie sich Individuen und soziale Gruppen mit ihrem natürlichen und sozialen Umfeld arrangieren und dieses Umfeld dabei konstituieren.
Im Zuge dieser Fragestellungen öffnete sich der bis in die frühen achtziger Jahre hinein auf Textsorten verengte Quellenbegriff zunehmend einem interdisziplinären Blick auf kunstgeschichtliche, literatur- und wissenschaftsgeschichtliche sowie technikgeschichtliche und archäologische Quellengattungen und deren fachspezifische Quellenkritik.

Goebbels, Joseph: Tagebücher 1924 - 1945, (ed. Reuth,Ralf G.) München 2000.

Angesichts des medialen Wandels im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert wird aller Voraussicht nach diese Auffächerung der Quellengattungen weiter Bestand haben, auch wenn noch längst nicht alle Fachvertreterinnen und -vertreter davon überzeugt sind, dass Kunstwerke über mehr Auskunft geben können als über ihren ästhetischen oder poetischen Aspekt.

 

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