Kathrin Enzel, Universität Konstanz

Das „Handbuch des Archivpflegers“, die für die Verzeichnung kommunaler Archive maßgebliche Richtlinie der Verzeichnung von Archivgut unterteilt das in Archiven aufzufindende Schriftgut in drei große Gruppen:

    - Urkunden
    - Akten
    - Bände.

Hieraus werden zwei Dinge ersichtlich: Zum einen, dass Urkunden und Akten einen sehr großen Teil archivalischer Schriftquellen bilden, also mit die häufigsten Quellentypen sind, mit denen der Historiker in einem Archiv konfrontiert wird. Zum anderen wird hier schon das hiermit verbundene Problem der Kategorisierung deutlich, auf das später noch genauer einzugehen sein wird.
Eben weil es sich bei den Kategorien „Urkunden“ und „Akten“ um archivalisch übergeordnete Ordnungskategorien handelt, nach denen zusammen mit den Kategorien „Bände“, „Karten“ und „Sachquellen“ Archive geordnet werden, können sich hinter den Begriffen sehr unterschiedliche Quellentypen und Schriftstücke verbergen.
Um einen Vorgeschmack auf die Problematik zu geben, sei nur darauf verwiesen, dass in einigen Archiven , gerade im kommunalen Bereich, die „Bände“ (hierzu zählen beispielsweise Kaufbücher, Urbare, Grundbücher, Steuerbücher etc., aber auch Chroniken und literarische Handschriften) keine eigene Kategorie bilden, sondern zu den Akten gerechnet werden. Dennoch soll im folgenden versucht werden, einen Einblick in die unter den Kategorien „Urkunden“ und „Akten“ zu erwartenden Schriftstücke und die damit verbundenen Probleme der Quellenkritik und der Quelleninterpretation zu geben.

Entwicklungsgeschichtlich sind die Urkunden, mit denen im folgenden dann auch begonnen werden soll, vor den Akten einzuordnen. Sie stellen einen der wichtigsten Quellentypen des Mittelalters, die Akten den wichtigsten der Neuzeit dar, weshalb auch zwischen dem „Urkundenzeitalter“ Mittelalter und dem „Aktenzeitalter“ Neuzeit unterschieden wird. Urkunden und Akten zusammen stellen dabei den Niederschlag der wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Geschäftstätigkeit ihrer Zeit dar.

Beide Quellentypen sind dabei abhängig von der Verbreitung von Schriftlichkeit einer Zeit, also der Bereitschaft, Rechtsakte und andere politische und wirtschaftliche Handlungen zu verschriftlichen. So kannte die sehr stark schriftgeprägte Spätantike bereits beide Dokumentationstypen, während im Mittelalter vor allem Urkunden gebräuchlich waren. Dies hat auch damit zu tun, dass Akten, die einen ganzen Geschäftsvorgang, nicht nur einen einzelnen Rechtsakt festhalten, neben der Schriftlichkeit die Ausprägung eines gewissen Grades an Verwaltung als Voraussetzung haben.
Wegen der Wichtigkeit der Quellentypen Akten und Urkunden und auch wegen der recht vielfältigen Formen, die jedes Zeitalter für diese Typen ausgeprägt hat, ist es erforderlich, sehr ausführlich auf diese beiden Quellentypen einzugehen. Dies umso mehr, als beide Typen nicht aus dem den Historikern vertrauten Bereich der Geschichtsschreibung stammen, sondern Erzeugnisse der Verwaltung und des Rechtslebens ihrer jeweiligen Zeit sind.
Beim Umgang mit Urkunden und Akten ist es deshalb immer erforderlich, dass sich der Historiker auch mit den Strukturen der Regierung und Verwaltung der jeweiligen Zeit und Örtlichkeit, aus der die Quellen stammen, vertraut macht, um bei der Beurteilung und Einordnung der Quellen nicht Fehleinschätzungen zu unterliegen.

a) Urkunden:

Folgt man der Definition bei Ahasvar von Brandt, so handelt es sich bei der Urkunde um „ein unter Beobachtung bestimmter Formen ausgefertigtes und beglaubigtes Schriftstück“. Diese relativ streng gefasste Definition, die die Urkunde als Erzeugnis des Rechtslebens festhält, hat mittlerweile in der Geschichtswissenschaft, die hier dann auch mit der Rechtswissenschaft übereinstimmt, allgemeine Anerkennung gefunden. Ungenaue Begriffsfassungen wie etwa der Bezeichnung „Urkunde“ für jedes historische Zeugnis, die außerdem vom Rechtsfaktor der Geschichte ablenken, gibt es nur noch in  einzelnen Nachbardisziplinen. Ausschlaggebend für die Bedeutung der Urkunden (wie auch der Akten) für die historische Forschung ist die Erkenntnis, dass alles menschliche Gemeinschaftsleben auf Rechtsakten aufgebaut ist: Die staatliche Verfassung, Rechtssprechung und Verwaltung beruht ebenso auf Rechtshandlungen wie die Regelungen des Zusammenlebens in Städten, Genossenschaften und kommunalen Gemeinschaften oder im Privatleben die

Urkunde über den Verbleib des Herzens von Fürst Lichnowsky, Frankfurt a.M. 1848.

rechtsgeschäftliche Beziehungen zu anderen Privaten durch Testamente, Eheschließungen, Verkäufe u.a.m. Diese Rechtsakte vollziehen sich entweder in mündlicher Form, oder aber durch die schriftliche Fixierung oder Durchführung des Rechtsaktes in Form einer Urkunde. Ohne hier den (bei Brandt S. 83ff ausführlich beschriebenen) Entwicklungsweg der Rechtsakte von der mündlichen Form über die Urkunde als schriftlicher Beweisform für einen vollzogenen Rechtsakt zur dispositiven Urkunde, mit der dann Recht erst gesetzt wurde, nachzeichnen zu wollen, sei darauf verwiesen, dass dieser letztgenannte Urkundentypus von den Gesellschaften einen starken Grad an Abstraktion verlangte, in dem der Schrift rechtssetzender Charakter zugestanden wurde.

Nach dem Bedeutungsverlust der Urkunde nach dem Spätmittelalter wuchs die Bedeutung während des Mittelalters wieder an, bis im 13. Jahrhundert wieder die Stufe der dispositiven Urkunde erreicht wird: Die durch das Siegel beglaubigte Urkunde wird nicht mehr nur als Beweismittel eines vollzogenen Rechtsaktes, sondern als rechtsschaffend anerkannt.
Seitdem bestehen im Rechtsleben beide Formen der Urkunden nebeneinander, weshalb es für den Historiker, der es mit Urkunden als Quellen zu tun hat, immer wichtig bleibt, zu klären, ob er es mit einer Beweisurkunde oder dem dispositiven, also rechtsschaffenden Urkundentypus zu tun hat, da diese beiden Typen einen unterschiedlichen Quellenwert haben.

Liegt eine Urkunde vor – etwa ein Kaufbrief oder die urkundliche Bestätigung einer Belehnung oder eines ergangenen Gerichtsurteils -, die die urkundliche Sicherung eines bereits geschaffenen Rechtszustandes darstellt (eine Beweisurkunde also), so ist mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Umsetzung des Rechtsinhaltes der Urkunde auszugehen, der so historische Wirklichkeit wurde.

Bei Urkunden hingegen, die ein Gesetz, eine Norm oder eine Regelung beinhalten und dadurch erst Recht setzen, muss mit der „Spanne zwischen Verordnung und Wirklichkeit“ gerechnet werden. Eine Umsetzung der in der Urkunde enthaltenen Verordnung in die historische Wirklichkeit ist also keineswegs sichergestellt, selbst eine rechtlich unanfechtbare Regelung wird nicht unbedingt zur historischen Tatsache. Die häufige Wiederholung bestimmter Verordnungen kann hierbei als Indikator für die geringe Durchsetzbarkeit gesehen werden. Ein sehr gutes Beispiel für dispositive Urkunden stellen die in den meisten frühneuzeitlichen Städten und Territorien zu findenden Bettelverordnungen dar, mit denen fremde und starke Bettler aus den Städten und Ländern ferngehalten werden sollten und die Versorgung der in den Städten und Landschaften lebenden Armen geregelt wurde. Von der geringen Durchsetzbarkeit dieser Verordnungen zeugen die Klagen der Obrigkeiten, der Bettel sei nicht einzugrenzen und die Tatsache, dass die Bettelordnungen an manchen Orten nahezu jährlich erneuert wurden. Ähnliche Durchsetzungsschwierigkeiten gab es auch bei anderen dispositiven Urkunden, dies zum Teil bis in die neueste Zeit hinein.

Urkundentypologisierung nach Beglaubigung und Dauer des Rechtsinhalts:

Rechtskraft gewinnt eine Urkunde durch ihre Beglaubigung. Dabei lassen sich auch an den üblichen Bräuchen der Beglaubigung gesellschaftliche Entwicklungen ablesen: War in der Spätantike die Unterschrift des Ausstellers oder des Schreibers das üblichste Beglaubigungsmittel, setzte sich im Laufe des Mittelalters das Siegel des Ausstellers oder einer zur Beglaubigung herangezogenen mächtigen Person – in manchen Fällen ergänzt durch die Siegel der als Zeugen genannten Personen – durch. Im Laufe der Frühen Neuzeit kam dann die Unterschrift wieder dazu, so dass Urkunden bis heute durch Siegel und Unterschrift beglaubigt werden (so beispielsweise die Zeugnisse der Schulen und Hochschulen, die neben dem Siegel der ausstellenden Institution die Unterschrift eines Beauftragten der Institution tragen, eine moderne Urkunde, mit dem jeder schon einmal in Berührung gekommen ist). Zu anderen mittelalterlichen Beglaubigungsformen für Urkunden vgl. Brandt, S. 87ff.

Von der Qualität der Beglaubigung war dann jeweils die öffentliche Rechtskraft der Urkunde abhängig. Zunächst besaßen im Mittelalter nur die Urkunden der Inhaber der höchsten weltlichen und geistlichen Macht, sprich des Kaisers und des Papstes sowie der von diesen beauftragter Personen uneingeschränkten öffentlichen Glauben bis hin zur Nichtanfechtbarkeit vor anderen Rechtsinstanzen.
Mit der Ausbreitung des (Siegel-)Urkundenwesens im Verlauf des Mittelalters übernahmen die Urkunden anderer Aussteller nicht nur die Form der Kaiser- und Papsturkunden, sondern konnten im Laufe der Zeit auch deren öffentlich-rechtliche Glaubwürdigkeit für sich beanspruchen. Voraussetzung war, dass diese Urkunden eine „staatlich“-behördliche Garantie vorweisen konnten, also eine Person oder eine Institution dahinter stand. So gewannen namentlich in Deutschland die Urkunden geistlicher und weltlicher Territorialherren, in beschränkterem Ausmaß die der Städte solche öffentliche Glaubwürdigkeit.

Die Urkundenlehre als historische Hilfswissenschaft unterscheidet dennoch die drei Spezialdisziplinen Kaiser- und Königsurkunden, Papsturkunden und als drittes „Privaturkunden“. Dies liegt darin begründet, dass die mittelalterliche Urkundenlehre an den Urkunden der Zeit entwickelt wurde, als Kaiser, Könige und Päpste noch die alleinigen Inhaber der öffentlichen Gewalt waren, und sich die übrigen Urkunden in Aufbau und Form an den Urkunden der Kaiser und Könige orientierten. Deshalb ist zu beachten, das die Beschreibungskategorie „Privaturkunde“ eine ex-negativo gebildete ist (Nicht-kaiserliche und nichtpäpstliche Urkunden), aber sehr unterschiedliche Urkundentypen in sich vereint.

Neben der Unterteilung des Urkundenstoffes nach der Beglaubigung ist bereits im Mittelalter (und auch in der Urkundenlehre) die nach der Dauerhaftigkeit und Qualität des Rechtsinhalts der Urkunde üblich. Hier unterscheidet man die einen Dauerwert beanspruchenden Rechtshandlungen und Satzungen von grundsätzlicher und besonders zu sichernder Bedeutung in der Form des Diploms (oder Privilegs) von schlichten Geschäftsurkunden, die meist in Form von Mandaten die rechtliche Regelung und schnelle Erledigung eines „Alltagsgeschäfts“ beanspruchen.

Diplome sind immer besonders feierliche Willensbekundungen der Inhaber öffentlicher Gewalt, z.B. Privilegien aller Art, Schenkungs- und Belehnungsurkunden o.ä. In diesen Diplomen erscheint der vollständige, klassische Formenapparat der stark formalisierten Urkunden (auf den hier nicht genauer eingegangen wird, vgl. Brandt S. 90f), an ihnen hat die Urkundenlehre sich entwickelt und ihre Kriterien zur Beurteilung von Urkunden gewonnen.

Das Mandat dagegen, in dem Regelungen von Alltagsgeschäften festgehalten sind, verzichtet auf weite Teile des Formenapparats und ist meist in Briefform ausgefertigt, weshalb es auch litera genannt wird. Ursprünglich die klassische Form vor allem der „Privaturkunden“, drang diese schlichte Form mit dem zunehmenden Bedarf der Inhaber öffentlich-rechtlicher Gewalten nach der raschen Regelung auftretender Probleme auch in deren Beurkundungstätigkeit ein und wurde schließlich auch für dauerhafte Verbriefungen benutzt. Der Inhalt konzentriert sich in diesen Urkunden auf das rechtlich unbedingt Notwendige. Der Unterschied zum eigentlichen „Brief“ besteht nur noch in der Rechtserheblichkeit der Urkunde. Die Masse der spätmittelalterlichen und späteren Urkunden, vor allem der Privaturkunden, die ja auch den größten Teil der Urkunden darstellen, folgt also der schlichten Form der litera oder Mandate. 

Bei der Interpretation der Urkunden ist auf jeden Fall der formalisierte Charakter zu beachten. Hinter den Formeln verschwindet doch einiges und sie können einen irreführen. So wäre es beispielsweise falsch, aus der sehr stark formalisierten narratio so etwas wie eine „Motivlage“ des Ausstellers ablesen zu können. Betrachtet man aber bestimmte Urkundentypen, die massenhaft vorkommen und sehr stark formalisiert sind, wie beispielsweise Testamente, so hat sich gezeigt, dass die Methoden der empirischen Sozialforschung es tatsächlich möglich machen, in der Auswertung der Narratien so etwas wie einen „Mentalitätswandel“ herauszuarbeiten. Für mittelalterliche Urkunden ist darauf zu achten, ob sich in einer spezialdiplomatischen Betrachtung so etwas wie ein „Kanzleibrauch“ beobachten lässt. In den meisten Fällen wurden Urkunden in den sogenannten „Kanzleien“ der Aussteller geschrieben, worunter man sich aber keine Behörde im modernen Sinne vorstellen darf, sondern einen Ort, an dem Rechtshandlungen aufgezeichnet und beglaubigt wurden. Sehr früh entstanden in diesen Kanzleien Formelbücher, an denen man sich beim Abfassen bestimmter Texte, vor allem Urkunden orientierte (vgl. Brandt S.93ff).

b) Akten

Akten sind der Niederschlag schriftlicher Geschäftsführung einer Gesellschaft. In ihnen wird dokumentiert, was geschehen ist, gehandelt wurde (acta). Dabei wird schon durch die Neutralität des Wortes „Akten“ bereits angezeigt, dass es sich hier um einen Sammelbegriff handelt, unter den sehr unterschiedliche Formen gefasst werden können. Außerdem wird durch die Mehrzahl der pluralische Charakter der Akten deutlich: Während jede Urkunde für sich ein autarke Einheit darstellt, bilden bei den Akten mehrere Schriftstücke, die Gesamtheit eines Akteninhalts, nicht das einzelne Schriftstück innerhalb der Akte eine autarke Einheit.

 Damit Akten erforderlich werden, die ursprünglich auch dem Zweck dienten, für die damit befassten das Geschehen und die Handlungen durchsichtig und in Erinnerung zu halten, bedarf es für Gesellschaften erst des Erreichens einer bestimmten zivilisatorischen Stufe, die in einem sehr hohen Grad an allgemeiner Schriftlichkeit besteht. Es muss eine so intensive Verwaltungstätigkeit bestehen, dass diese schriftlich geführt werden muss, ein Zustand, der nach der Spätantike erst im Spätmittelalter wieder erreicht wird. Hier wird dann wieder nicht nur das rechtsverbindliche Endprodukt einer Handlung in Form einer Urkunde schriftlich festgehalten, sondern auch der Geschäftsvorgang, der zu diesem Endprodukt führte, also alle Zwischenstadien eines verwaltungsmäßigen oder geschäftlichen Handelns. Die Akten machen es also möglich, Einblick in alle Formen menschlichen Gemeinschaftslebens zu gewinnen, sofern diese schriftlich festgehalten wurden.

Akten können dabei eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Schriftstücke enthalten, die sich in drei Typen untergliedern lassen: Den Eingang (Suppliken, Berichte, Schreiben, Anträge, die bei der Geschäftsstelle eingegangen sind), den Innenlauf (Schriftstücke, Gutachten etc. von innerhalb der Behörde) und den Ausgang (Kopiare, Kopien, etc. von Schreiben, die in den betreffenden Sache durch die Behörde ausgegeben wurden). Im Gegensatz zu den Urkunden, die nur das Ergebnis einer Rechtshandlung oder einen Rechtsakt selber beinhalten, wird in Akten also ein gesamter Geschäftsvorgang aufbewahrt. Hier wird nicht nur das Ergebnis eines Rechtsvorganges festgehalten, sondern auch die Zwischenschritte ablesbar, die zu diesem Ergebnis (das im Zweifelsfall immer noch eine Urkunde ist) führten.
Dabei kann eine Akte alle drei Typen enthalten, oder auch nur zwei oder einen davon. So sind in den Archiven Akten anzutreffen, die nach ganz unterschiedlichen Kriterien geordnet sind. Dabei können auch Urkunden in den Akten enthalten sein, die Akte bleibt aber immer als Bündel aus mehreren Schriftstücken autark. Mit Brandt kann man also definieren: „Akten sind im Zuge laufenden schriftlichen Geschäftsgangs entstandene Aufzeichnungen und Verhandlungen, die auf Rechtsgeschäfte hinführen oder sie ausführen und die jeweils aus mehreren, in sich unselbständigen Schriftstücken bestehen.“ Dabei wird hier wie bei den Urkunden der Begriff des Rechtsgeschäfts insofern weit gefasst, als auch jeder politische oder wirtschaftliche Beschluss als Rechtsgeschäft verstanden werden kann.

Der quellenkundliche Vorteil der Akten für den Historiker liegt auf der Hand: Zwar ermöglicht die Urkunde vor allem in Arrenga und Narratio einen gewissen Blick auf die Vorgänge, die zu ihrer Ausstellung führten, doch wirkliche Prozesse der Entscheidungsfindung, Wege der Rechtsfindung, den Gang von Verhandlungen und überhaupt die Zwischenlinien, die zum Zustandekommen von Rechtshandlungen führten, sind nur in den Akten zu verfolgen. Das Bild der Gesellschaft, das man aus den Akten gewinnen kann, ist also ein wesentlich vollständigeres. Dies jedoch – davor sei gleich gewarnt – nicht immer unbedingt vollständig und in einem Aktenband. Dies auch wegen der sehr unterschiedlichen Kriterien, nach denen je nach Archiv, Stadt, Erhaltungszustand etc. einzelne Aktenfaszikel oder –bände geordnet sein können.
Schon für die Zeitgenossen, die auf die Akten für laufende Geschäftsvorgänge zurückgreifen können mussten, gab es verschiedene Möglichkeiten, die Akten zu ordnen, um den schnellen Zugriff sicherzustellen. Eine davon ist die Verwahrung der Aktenstücke in Form einer „Serie“. Hier werden das einlaufende und das auslaufende Schriftgut, gelegentlich auch der Innenlauf der Behörde, einfach chronologisch zu einem Band zusammengefasst, ein Prinzip, das man in Städten beispielsweise noch in Briefbüchern oder auch in den Ratsprotokollen, in vielen Territorien bezüglich Gesandtenberichten und ähnlichen einlaufenden Briefformen beobachten kann.
Eine andere Möglichkeit, der mit dem starken Anwachsen des Schriftguts seit dem beginnenden 16. Jahrhundert zunehmend der Vorzug gegeben wurde, ist die Bildung sogenannter Sachakten, in denen über einen längeren Zeitraum alle Schriftstücke zu einem bestimmten Thema oder auch einer bestimmten Behörde gesammelt und zusammengefasst wurde. Innerhalb der Registratur oder auch des Archivs, das mit dem Anwachsen des Schriftguts ebenfalls entstand, wurden dann mehrere Akten nach Themen oder Behörden zusammengefasst. Allerdings, dies muss hier als Warnung gesagt werden, ist diese ursprüngliche Sachordnung des Verwaltungsschriftgutes nur in den wenigsten Archiven noch zu beobachten oder zu rekonstruieren.
Archivare des 19. Jahrhunderts, vehemente Verfechter des sogenannten „Pertinenzprinzips“, d.h. des Prinzips der Ordnung der Archivalien nach Sachbetreffen haben hier großen Schaden angerichtet. Die Sachakten wurden in dieser Zeit nach den Kriterien gebildet, die die Historiker, Archivare und vor allem die Verwaltungsfachleute des 19. Jahrhunderts für relevant hielten. Und diese decken sich leider nur in sehr seltenen Fällen mit der zeitgenössischen Ordnung der Archivalien. Mittlerweile wird zwar in den Archiven versucht, dass sogenannte „Provenienzprinzip“ durchzusetzen, also die Akten wieder in der ursprünglichen Ordnung nach der Herkunft aus bestimmten Behörden zu ordnen, doch es ist ein sehr mühsames Geschäft.

c) Literatur:

    Beck Friedrich - Henning Eckhart, Die archivalischen Quellen. Eine Einführung in ihre Benutzung. Weimar: Böhlau 1994.

    Brandt, Ahasvar v.: Werkzeug des Historikers. 13. Aufl. Stuttgart 1992, S.81-118 (hier auch weitere Literatur)

    Bresslau, H., Handbuch der Urkundenlehre für Deutschland und Italien, 2. Aufl. Bd. I, Leipzig 1912, Bd. II,1 1915, II,2 Berlin 1931 (Nachdrucke 1958 u. 1968).

    Dölger, F. - J. Karayannopulos, Byzantinische Urkundenlehre. Erster Abschnitt: Die Kaiserurkunden [Byzantinisches Handbuch im Rahmen des Handbuchs der Altertumswissenschaft, 3.1,1] , München 1968.

    Heuberger, Richard : Allgemeine Urkundenlehre für Deutschland und Italien [Grundriß der Geschichtswissenschaft, hg. v. Aloys Meister, Reihe I, Abt. 2a] Leipzig - Berlin 1921.

    Meisner H.O., Archivalienkunde vom 16. Jahrhundert bis 1918. Göttingen 1969.

    Meisner Heinrich Otto, Urkunden- und Aktenlehre der Neuzeit. Leipzig 21952 .

    Meisner, Heinrich Otto: Aktenkunde. Ein Handbuch für den Archivbenutzer mit besonderer Berücksichtigung Brandenburg-Preußens. Berlin 1935

     

    Internet:

      http://www.uni-bamberg.de/~ba5hh1/hilfswiss/diplomatik.html

      http://www.vl-ghw.uni-muenchen.de/diplomatik.html

      http://www.uni-koeln.de/phil-fak/fs-rwl/infos/tutorium/hilfswis.htm

     

 

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