Philip Hoffmann, Universität Konstanz

Die historische Statistik und quantitative Verfahren haben in der Geschichtswissenschaft mit dem Aufstieg der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte seit den 1960er Jahren stark an Bedeutung zugenommen.

Quellengrundlage der historischen Statistik sind Daten, also quantitative bzw. quantifizierbare Informationen, die mit Hilfe von bestimmten statistischen Verfahren bearbeitet und analysiert werden. Im folgenden wird es nicht um Daten im allgemeinen gehen, sondern um einen Sonderfall hiervon: die Statistiken.

Unter Statistik versteht man zuerst einmal die Lehre von der Erhebung, Messung und Auswertung (quantitativer) Daten. Die statistische Verfahrensweise vollzieht sich dabei grundsätzlich in zwei Schritten: zuerst werden Einzeldaten anhand bestimmter Kriterien und Kategorien erhoben. In einem zweiten Schritt wird dieses Urmaterial mit Hilfe von statistischen Verfahren aufbereitet und analysiert. Das Endprodukt dieses Verfahrens bezeichnet man selbst als eine Statistik. Solche Statistiken nun können zu Quellen für den Historiker werden. Sie sind, betrachtet man sie unter quellenkundlichen Gesichtspunkten, immer Sekundärquellen, da sie auf der Grundlage von anderen Quellen (dem ursprünglichen Datenmaterial) entstanden sind.

Nun ist die Bedeutung von Statistiken als Quelle und ihr Erkenntniswert für den Historiker je nach Epoche ganz unterschiedlich. Um dies einschätzen zu können, bedarf es einen Blick in die Geschichte der Statistik. Obwohl es Statistiken – zumindest in einfachen Formen - schon lange gegeben hat, unterscheidet man zwischen einer vor- bzw. frühstatistischen Zeit bis ca.1800 und einem darauf folgenden „statistischen Zeitalter“. Denn erst im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurden immer weitere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens mit Hilfe von statistischen Erhebungen systematisch untersucht, womit Statistiken zu einer Massenquelle geworden sind. Heute sind Statistiken in den unterschiedlichsten Formen zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Alltags geworden.

Wochenrechnung Baumeisteramt

Auszug der Wochenlöhne aus der Jahresrechnung des Baumeisteramtes vom 17. Juli 1700, Stadtarchiv Nürnberg, Sign. B1/III Nr.34.

Das Aufkommen von Statistiken als einer wichtigen Möglichkeit, Informationen über die Gesellschaft zu gewinnen, ist eng verknüpft mit der Ausbildung des institutionalisierten Territorialstaates mit seiner zentralisierten und rationalisierten Verwaltung seit dem 17. Jahrhundert. Für die Staatstätigkeit wurde die Erhebung von zentralen Daten zur Bevölkerung, Wirtschaft und anderen sozialen Bereichen zu einer wichtigen Aufgabe. Denn die Lehre des Merkantilismus bzw. Kameralismus hatte die Vermehrung des Reichtums und der ökonomischen Fähigkeiten zu einem zentralen Staatszweck erhoben. Um politische Entscheidungen treffen zu können, die in diese Richtung wirkten, benötigte man genauere Informationen über den inneren Zustand des Staatswesens, wobei sich im 18. Jahrhundert diese „Statistiken“ – Statistik bedeutete damals noch Staatenbeschreibungen - hauptsächlich auf qualitative und weniger auf quantitative Untersuchungen stützte.

Der Weg zur modernen Statistik war ein mühsamer Lernprozess: so waren im 18. Jahrhundert, als die ersten großangelegten, zentral vom Staat organisierten statistischen Erhebungen entstanden (v.a. in Preußen), die Verfahren bei der Erhebung und Auswertung der Daten noch weitgehend uneinheitlich, unsystematisch und nicht standardisiert, da man noch kaum Erfahrungen mit der Durchführung von groß angelegten Datenerhebungen besaß. Dies änderte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts, als Statistiken eine zunehmende Bedeutung zukam. Wichtig dabei sind hierfür die folgenden Faktoren:

    1. Es kam zur allmählichen Institutionalisierung einer amtlichen Statistik in Deutschland. Die Vorreiterrolle nahm Preußen ein, wo 1805 das Statistische Bureau in Berlin eingereichtet wurde; ähnliche Ämter wurden in den folgenden Jahren auch in anderen deutschen Ländern gegründet. 1872 wurde das Kaiserliche Statistische Amt ins Leben gerufen, das nun für das gesamte Deutsche Reich zuständig war und das die Vorläuferin des Statistischen Bundesamtes darstellt. Erst ab diesem Zeitpunkt kam es zu großangelegten gesamtdeutschen Datenerhebungen, z.B. in Form von Volkszählungen.

    2. Die Statistik etablierte sich als Wissenschaftsfach; dies ist von großer Bedeutung, da dadurch die statistischen Methoden und Verfahren vereinheitlicht und standardisiert wurden und es zu einer Professionalisierung kam.

    Beide Faktoren wirkten dahin, dass Daten zu zentralen Aspekten des Wirtschafts- uns Sozialbereichs in zunehmenden Maße nun regelmäßig, systematisch und zentral organisiert erhoben und ausgewertet wurden. Außerdem kam es zu einer Zunahme der erhobenen Datenmengen, zumal auch nicht-amtliche Institutionen und Organisationen (v.a. im Wirtschafts- und Wissenschaftssektor) verstärkt statistische Untersuchungen durchführten.

    3. Hinzu kommt, dass seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend Statistiken (v.a. die amtlichen) auch veröffentlicht wurden (bis dahin hatte der Staat die gesammelten Informationen als Geheimwissen behandelt). Es entstanden eigene Publikationsorgane wie z.B. statistische Jahrbücher, aber auch die Zeitungen und andere Publikationsorgane griffen vermehrt auf Statistiken zurück.

    Dieser knappe historische Aufriss zeigt, dass die Bedeutung von und der Umgang mit Statistiken als Quelle für die jeweiligen Epochen der Neueren und Neuesten Geschichte ganz unterschiedlich ausfällt. Während man spätestens seit dem späten 19. Jahrhundert auf umfangreiches und immer differenzierteres statistisches Quellenmaterial zurückgreifen kann und dieses auch zumindest im Bereich der publizierten Statistik relativ leicht zugänglich ist, stellt sich die Quellensituation für die Zeit bis weit ins 19. Jahrhundert hinein als sehr viel düsterer dar. Dies stellt die historische Forschung vor größere Herausforderungen, die umso größer werden je weiter man zurück geht. Zum einen fließen die Quellen in der „vorstatistischen Zeit“ sehr viel spärlicher, v.a. gibt es kaum oder gar kein Datenmaterial, das für statistische Zwecke erhoben wurde. Zum anderen ist das Quellenmaterial stark verstreut, lückenhaft und disparat, da es noch keine oder kaum zentral organisierten, systematisch und regelmäßig durchgeführten statistischen Erhebungen gegeben hat. Und wenn doch einmal solche Erhebungen durchgeführt wurden, dann war die Praxis und das Verfahren äußerst heterogen und wenig systematisch. Gerade die Inkonsistenz des Quellenmaterials vermindert den Wert und die Bedeutung dieser Quelle für die „vorstatistische Zeit“. Es müssen aufgrund der Quellensituation von der Forschung Verfahren entwickelt werden, die es erlauben, trotzdem zu einigermaßen verlässlichen und aussagekräftigen Ergebnisse über wichtige Daten der Wirtschafts- und Sozialgeschichte wie z.B. Preisentwicklung, Einkommensverteilung oder Bevölkerungswachstum zu kommen. Dabei ist man häufig auf Schätzverfahren angewiesen. So finden sich für die Frühe Neuzeit i.d.R. keine Statistiken zur Gesamtbevölkerung einer Stadt oder eines Territoriums, z.T. jedoch Aufstellungen über die Anzahl der Haushalte oder der (steuerpflichtigen) Bürger (also der Gruppe der männlichen Einwohner, die das Bürgerrecht besessen haben; diese stellte nur eine kleinen Teil der Gesamtbevölkerung - ca. 10-20 % - dar). Mit Hilfe von Multiplikatoren (wie z.B. der angenommenen durchschnittlichen Größe eines Haushalts) lassen sich dann ungefähre Werte errechnen, wobei jedoch die Fehleranfälligkeit dieser Verfahren aufgrund der vielen Unbekannten recht groß ist. 

Handelskammerbericht zum Warenverkehr auf Donau und Inn, 1860.

Handelskammerbericht zum Warenverkehr auf Donau und Inn, 1860.

Nun müssen aber auch dann, wenn Statistiken als Quellenmaterial vorliegen, beim Umgang mit dieser Quellengruppe bestimmte Dinge in Betracht gezogen werden.

    1. Auch Statistiken müssen einer Quellenkritik unterzogen werden und die Glaubwürdigkeit bzw. Reliabilität ihrer Angaben überprüft werden. Zwei mögliche Fehlerquellen, die bei der Erstellung von Statistiken auftreten können, sind zu beachten. Zum einen können bei der Erhebung der Daten mannigfaltige Fehler auftreten: die Erhebungskategorien können zu unpräzise und die Form der Erhebung willkürlich und unsystematisch sein oder die Befragten können falsche Angaben gemacht haben.

    Für den Historiker besteht hierbei die Schwierigkeit, dass er im Nachhinein nicht oder nur schwer die Richtigkeit der erhobenen Daten überprüfen kann. Aber auch bei der Auswertung der Daten und ihrer Zusammenfassung zu Statistiken können Fehler und Verzerrungen auftreten. Dies kann unabsichtlich aufgrund von Rechenfehlern geschehen, manchmal wird das Material aber auch bewusst manipuliert, insbesondere wenn man mit einer statistischen Erhebung bestimmte Interessen (politischer oder anderer Art) verfolgt. So sind Statistiken ein beliebtes Mittel der politischen Propaganda. Es ist daher wichtig, sich zu fragen, wer die Daten zu welchem Zweck erhoben und ausgewertet hat und wie sich die Entstehungsbedingungen und der Verwertungszusammenhang von Statistiken darstellen. Um zumindest die zweite Fehlerquelle in den Griff zu bekommen, empfiehlt es sich, wenn möglich auf das Urmaterial zurückzugreifen, zumal wenn man Zweifel an der Reliabilität der Statistiken hat

    2. Der Umgang mit und die Auswertung von Statistiken erfordert ein bestimmtes Spezialwissen, mit denen deren Aussagen verstanden werden können. So muss man wissen, was ein Modus von einem arithmetischen Mittel und vom Median unterscheidet. Dieses Wissen stellt die Statistik bzw. die empirische Sozialforschung zur Verfügung. Wer sich für Bereiche der Geschichtswissenschaft interessiert, in denen quantitative Verfahren eine wichtige Rolle spielen (v.a. Wirtschafts- und Sozialgeschichte), dem sei empfohlen, sich Kenntnisse aus diesem Bereich anzueignen.

Literatur: Wolfram Fischer/ Andreas Kunz (Hg.): Grundlagen der Historischen Statistik von Deutschland. Quellen, Methoden, Forschungsziele (Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin Bd.65), Opladen 1991.

 

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