4.3 Was ist Oral History?

Jens Murken, Landeskirchliches Archiv Bielefeld

Oral History stellt in den Geschichtswissenschaften eine hermeneutische Methode zur Produktion und Bearbeitung mündlicher Quellen dar. Sie kann Teil einer methodisch umfassenderen historischen Forschung sein, wird aber ebenso als eigene Forschungsrichtung mit spezifischen Inhalten verstanden. 

Der zentrale Gegenstand der Oral History ist die subjektive Erfahrung einzelner Menschen, die mit Hilfe von Erinnerungsinterviews abgefragt wird, die aber auch in anderen autobiographischen Zeugnissen (z.B. Tagebücher) niedergelegt sein kann. Aufgrund ihrer methodischen Vielfalt wird die Oral History mitunter als ‘Erfahrungsgeschichte’ oder ‘Erfahrungswissenschaft’ bezeichnet. Ihr geht es um die Untersuchung von Verarbeitungsformen historischer Erlebnisse und die Veränderungen der Selbstdeutungen von Menschen in der Geschichte.

Das Bewusstsein von der Wandlungsfähigkeit der menschlichen Selbstkonstruktion verweist auf die Besonderheit der Oral History im Kontext der Basisoperationen der Historischen Methode (Heuristik, Kritik, Interpretation):

Mikrofon

Ebenso wie alle anderen Quellen gehört auch das Erinnerungsinterview dem Zeitpunkt sowie den Bedingungen seiner Entstehung und nicht dem des berichteten Ereignisses an, ist für den Historiker somit ein äußerst junges und zudem unter eigener Beteiligung entstandenes Dokument der Gegenwart.

Durch das erfahrungsgeschichtliche Erkenntnisinteresse können im retrospektiven Interview neben der aktuellen Selbstdeutung eines Zeitzeugen auch Wertewandlungen sowie Stereotypen in seinen Deutungsmustern aufgezeigt werden, wenn sich nämlich die gegenwärtigen Verarbeitungsmöglichkeiten zu den individuellen Erfahrungen und erinnerten Handlungsräumen nicht deckungsgleich verhalten.

Dazu das Beispiel eines 1924 geborenen Zeitzeugen:

Während der Jugend durch den NS-Staat geprägt, denkt und beschreibt der Mann das "Dritte Reich" – abgekoppelt von seinem Unterdrückungs und Vernichtungspotential – gleichsam als einen sozialen und wirtschaftlichen Wohlfahrtsstaat und versucht seine Deutung u.a. mit dem Hinweis auf das Schicksal seines langzeitarbeitslosen Vaters zu belegen. Er rühmt reflexartig eine über Jahrzehnte kolportierte, doch vermutlich nie reflektierte Vorstellung von der vermeintlich ‘mutigen’ Beschäftigungspolitik der Nationalsozialisten, die seinen seit 1929 erwerbslosen Vater wieder in ein festes Arbeitsverhältnis bringen konnte – allerdings erst im Jahre 1938, also nach mehr als fünf weiteren Jahren der Arbeitslosigkeit unter der (nun auch längst nicht mehr) neuen, nationalsozialistischen Regierung!

 

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