4.3.2

Die Oral History erfreut sich in der Zeitgeschichtsforschung zunehmender Beliebtheit. Doch auch hier gilt: Der Einsatz eines methodischen Instrumentariums hat sich nach Erkenntnisinteresse und Fragestellung zu richten. Vielfach zahlt sich der hohe Aufwand, den die Durchführung von Zeitzeugengesprächen mit sich bringt, nicht aus. Im Vorfeld sollte daher sorgfältig abgewogen werden, wie relevant Interviews für die Lösung der eigenen Forschungshypothese sind.
Reflektiert werden müssen zudem die unterschiedlichen Voraussetzungen und Erwartungen, mit denen die Gesprächspartner in ein lebensgeschichtliches Interview hineingehen. Der Erfolg der Oral History hängt daher zu einem guten Teil bereits davon ab, auf welche Art und Weise die Zeitzeugengespräche zustande gekommen sind.

Trotz der vom Historiker ausgehenden Initiative, ein Zeitzeugengespräch anzubahnen, geschieht die Kontaktierung der Zeitzeugen meist indirekt: Die potentiellen Gesprächspartner reagieren auf den Interviewwunsch des Historikers, der sie in Form einer Annonce oder eines persönlichen Anschreibens erreicht hat.
Nur wer meint, etwas zu sagen zu haben, sieht sich vom Aufruf dahingehend angeregt, den Kontakt zum Historiker herzustellen, was wiederum Rückschlüsse auf den Charakter und die Selbsteinschätzung des Antwortenden zulässt.

Gesprächszene

Oral History Untersuchungen galten in der historischen Zunft nicht nur aufgrund angezweifelter wissenschaftlicher Relevanz und aus Misstrauen gegenüber den menschlichen Erinnerungsleistungen als fragwürdig, sondern auch, weil der Historiker am Prozess der Produktion seiner eigenen Quellen beteiligt ist, die erforderliche intersubjektive Überprüfbarkeit der Ergebnisse mithin unsicher erscheint. Insbesondere aus diesem Grund ist es notwendig, dass Zeitzeugengespräche gründlich geplant und dokumentiert werden.

Das vorwiegende Interesse von alltagsgeschichtlichen Zeitzeugeninterviews gilt meist nicht historischen Informationen, sondern dem persönlichen Erleben, Wahrnehmen und Verarbeiten von vergangenen Strukturen und Ereignissen im Lebenskreis der befragten Zeitzeugen.

Bereits durch die Schwierig- und Möglichkeiten der Transkription wird die Macht deutlich, die der Historiker über ‘seine’ Quellen besitzt. Diese Oral History-Quelle wirkt in einer doppelten Funktion: als Erzählung und als Interpretation ihrer selbst. Als Interpretation beansprucht sie lediglich Laienstatus und unterscheidet sich von der gleichnamigen geschichtswissenschaftlichen Forschungsoperation, die einerseits als ein intersubjektiv überprüfbares Verfahren gelten kann und deren Aussagen andererseits den Regeln der Quellenkritik standhalten müssen. Einer solchen qualitativen Interpretation können auch die Zeitzeugeninterviews unterzogen werden, wenn es darum geht, ihre Geschichte auf den historischen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.