4.3.1

Angelehnt an die ‘Alltagsgeschichte’ sowie die ‘Geschichte von unten’ und deren Anspruch, nicht soziale und politische Systeme, sondern die in diesen Systemen lebenden Menschen zu erforschen, gilt das Erkenntnisinteresse der Oral History der ‘Lebenswelt’ einzelner. Sie thematisiert die Wirkungen von politischen und sozialen Veränderungen auf die Umgangsformen mit alltäglichen Lebens und Arbeitsbedingungen.

Über Erinnerungsinterviews lassen sich subjektive Bewältigungs und Gestaltungsformen in einer modernen, differenzierten Lebenswelt beschreiben. Durch diesen Perspektivenwechsel können nicht nur Verallgemeinerungen in tradierten Geschichtsbildern enttarnt und spezifiziert werden, die Nähe zum Subjekt und zur lokalen Besonderheit offenbart unterschiedliche, eigensinnige Aneignungsformen von Handlungs und Herrschaftsbedingungen, die fortgesetzt ‘für sich’ umgedeutet werden.

Nachdem die Oral History, deren Traditionen in den USA, Polen, Skandinavien und Israel liegen, Ende der siebziger Jahre nach Deutschland ‘importiert’ worden war, entwickelte sie sich im Arbeitskontext der Lokalgeschichte und im Arbeitsraum der ‘Geschichtswerkstätten’ zum wichtigsten Bindeglied zwischen professionellen und Laienhistorikern.

Böttcher

Darstellung aus dem Arbeitsalltag eines Böttchers, Hausbuch der Mendelschen Zwölfbrüderstiftung, 1428.

Ein besonderes Gewicht wird ihr über das Gesagte hinaus bei der Feststellung von Konsens und Dissenselementen einer Gesellschaft zugeschrieben, ebenso wie bei der Untersuchung der Bedeutung von Vorerfahrungen für nachfolgende historische Abschnitte, bei der Bearbeitung der ‘Innenansichten’ sozialer Gruppen, bei der Erforschung nicht nur jener auf Veränderungen in der Selbstdeutung beruhenden Dynamik innerhalb von Biographien, sondern auch zwischen den Generationen sowie – allerdings nur insofern es an herkömmlichen Quellen mangelt – bei der Rekonstruktion von Ereignissen und Abläufen