Axel Jockwer, Universität Konstanz

Das einem Musikstück innewohnende historische Interpretationspotential kann ungeheuer vielschichtig sein, so vielschichtig wie das Medium selbst. Musik gilt als Ausdruck des individuell Emotionalen, kann aber genauso öffentlich zu repräsentativen Zwecken verwendet werden. Auf jeden Fall ist Musik mehr als eine mathematisch analysierbare Aneinanderreihung und Kombination von Tönen. Stellt der Historiker eine Musik in ihren Kontext, so wird klar, wie aussagekräftig sie für ihre Zeit steht.

Musik und Religion gehören in fast allen Kulturen zusammen, Musik ist Teil des sakralen Ritus und sorgt in ihrer emotionalen Spannung für transzendente Atmosphäre und machtvolle Repräsentation.

Die Politik hat sich stets darauf verstanden, Musik zum Zwecke von Machterhalt oder Machterwerb zu nutzen. Auftragswerke absolutistischer Fürsten, eindrucksvolle Hymnen junger Nationalstaaten, preußische Armeemärsche und martialische Kampflieder revolutionärer Bewegungen – stets leistete die Musik ihren Beitrag. Musik gilt Platon u.a. als Vehikel der Machtergreifung, die Gesellschaft wird durch sie ausgerichtet, sozialisiert und zivilisiert.

Auch die Wirtschaft hat das marktwirtschaftliche Potential von Musik erkannt und mit Produktion, Verkauf und Verwertung von populärer Musik eine boomende Industrie geschaffen. Unter dem Schlagwort „Kulturindustrie“ haben Adorno und Horkheimer ihre Kritik an der kapitalistischen Kultur und den modernen Massenmedien formuliert. Mit ihrer Kritik an der herrschaftsstabilisierenden Funktion der Kulturindustrie, der Festlegung der Konsumenten auf „billiges Amüsement“, wobei das Amüsierbedürfnis wiederum weitgehend im Interesse des Kapitals selbst erzeugt und dann unter Berufung auf den Publikumswunsch reproduziert wird, haben die beiden Soziologen die Theorielandschaft auch auf dem Gebiet der Musik bis in die 8er Jahre hinein maßgeblich bestimmt.

http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/organisationen/jugend/objekte.html

Hitlerjunge, Photographie, Joseph Schorer, Hamburg, 1935-1942,DHM, Berlin.

Unter kulturgeschichtlichen Aspekten eröffnet die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik einen sehr viel direkteren Zugang zu bestimmten Themen: In der Musik werden Einflüsse anderer Kulturen ablesbar, neue Musikstile generieren neue Tänze, Musik wird präsent an neuen Aufführungsorten und findet in neuen Aufführungszusammenhängen statt.

Seit dem 20. Jahrhundert scheint der persönlich bevorzugte Musikstil einen wichtigen Stellenwert für die individuelle Lebensdefinition eingenommen zu haben. Populärmusik steht mehr denn je im direkten Zusammenhang mit Kleidung und Habitus und unterliegt als Teil der Modewelt ständigem Wandel. Hier ist es Pierre Bourdieu gelungen, die begriffe „Geschmack“ und „Habitus“ auf solide wissenschaftliche Basis zu stellen: Jeder sozialen Klasse entspricht ein charakteristischer kultureller Habitus, dieser sorgt für stilistische Affinität und konstituiert den Geschmack als Mittel der Abgrenzung gegenüber anderen Lebensstilen.

Das kulturgeschichtliche Interpretationspotential hat sich durch die Popularisierung textierter Musik erheblich erweitert, die Entwicklung vom Volkslied zum Schlager hat eine neue Dimension von Zeitkolorit in der Musik geschaffen.

So kann es durchaus Sinn machen, anhand von Schlagermusik und Schlagertexten Sozialgeschichte wenn nicht zu rekonstruieren, so doch zumindest zu kommentieren

Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, Illustrierte und Karikaturen sind im höchsten Maße aufschlussreich, wenn es um das geistige Momentbild einer bestimmten Zeit geht. Hier können gerade Schlager, seine Texte und seine Musik, eine Quelle der besonderen Art darstellen, wie der „Zeitgeistforscher“ Joachim Schoeps bereits 1959 aufzeigt: „Zwischen ‘Puppchen, du bist mein Augenstern’ von 1906 [sic], dem Inflationsschlager von 1922 ‘Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen’, ‘Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern’ von 1939 bis ‘Die Fahrt zum Mond hat sich gelohnt’ von 1956 liegt jeweils der Abstand ganzer Welten.”1

Zu vermeiden ist jedoch eine allzu naive Herangehensweise, die politische Geschichte und vermeintlich passende Schlagertitel einfach konstruierend gegenüberstellt. Populäre Musik bietet immer ein Angebot von Assoziationen, die jedoch je nach Disposition und Situation des Rezipienten individuell ausfallen kann. Um ein Erfolg zu werden, muss der Schlager latente oder offene Bedürfnislagen des Publikums treffen, Bedürfnisse, die der Schlager nach Adorno mit Ersatzbefriedigung für das real Versagte befriedige.

Der Schlager gibt nicht nur seiner Zeit Ausdruck, er prägt sie so selbst in stabilisierendem Sinne mit: Seine vagen Botschaften bieten eine breite Projektionsfläche für Wünsche, Träume, Sehnsüchte. Nach allen Seiten offen präsentiert sich der Schlager als wertfrei, tendenzlos und unpolitisch und übt die hohe Schule der Anpassung, ohne seine Bedeutung als Zeitzeuge zu verlieren.

"Der deutsche Schlager war immer dann am besten, wenn er in bewegten Zeiten kulturelle, politische und musikalische Neuerungen übernahm. Sein 'goldenes Zeitalter' in den vom amerikanischen Jazz und der Einführung von Rundfunk und Tonfilm geprägten zwanziger Jahren und seine zweite Blüte während des politischen Aufbruchs der sechziger und der gesellschaftlichen Demokratisierung der siebziger Jahre sind bis heute einsame Höhen des ökonomischen und künstlerischen Ausdrucks."2

 1 Schoeps, Hans-Joachim: Was ist und was will die Geistesgeschichte. Über Theorie und Praxis der Zeitgeistforschung, Göttingen 1959, S. 88, dazu auch Klein, Ute/ Goeman, Gerd H.: Schlager im Kreuzverhör. Schlager als Spiegel des Zeitgeistes und die Analyse ihrer Texte, Frankfurt (M) 1968, S.11. Das Lied “Puppchen...” datiert allerdings auf 1912.

 2 Port le roi, André: Schlager lügen nicht. Deutsche Schlager und Politik in ihrer Zeit, Essen 1998, S. 8

Weiterführende Literatur:

Mechthild von Schoenebeck: Was macht Musik populär? Untersuchungen zu Theorie und Geschichte populärer Musik, Frankfurt (M) 1987

Dietrich Helms: „Was die Wellen dir zärtlich erzählen“. Anmerkungen zum Schlager als Quelle historischer Forschung, in: Helmut Rösing / Thomas Phlebs (Hrsg.): Populäre Musik im kulturwissenschaftlichen Diskurs. Beiträge zur Popularmusikforschung 25/26, Karben 2000

Fred K. Prieberg: Musik und Macht, Frankfurt (M) 1991

 

 

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