Patrick Oelze, Universität Konstanz

1. Zur Geschichte der Fotografie:

In den ersten Jahrzehnten ihrer Entwicklung, die in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts einen ersten großen Schub erfuhr (Daguerreotypie), war die Fotografie eine Angelegenheit professioneller Fotografen und weniger ambitionierter Amateure. Der technisch anspruchsvolle Bearbeitungsprozess, den die Fotoplatten vor und nach der Aufnahme durchlaufen mussten, war der Grund dafür. Die schweren Plattenkameras machten das Studio zum bevorzugten Ort des Fotografierens. Porträt- und Repräsentationsfotografien waren besonders beliebt.

Erst die Entwicklung von kleinen, leichten Kameras und des Rollfilms sowie des Systems der Übernahme der Filmentwicklung durch den Hersteller des Films ebnete der Fotografie zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Weg zum Massenphänomen und markierte den Beginn der Amateurfotografie. Verbunden ist diese Entwicklung vor allem mit George Eastman (Kodak).

Mit der Entwicklung zum technisch einfach zu handhabenden und relativ preiswerten Medium im 20. Jahrhundert differenzierten sich die unterschiedlichsten Funktionen und Formen der Fotografie heraus. Ausgehend von den aufgenommenen Dingen lassen sich beispielsweise Porträt-, Landschafts-, Architektur-, Industrie- und Sachfotografie unterscheiden.

Vom Zweck der Aufnahme her lässt sich unter anderem von Werbe- und Modefotografie, wissenschaftlichen fotografischen Verfahren, experimenteller oder künstlerischer Fotografie, journalistischer Fotografie und reiner Privataufnahmen sprechen.

http://www1.uni-bremen.de/~andree/Foto/node8.html#SECTION00035000000000000000

Negativ der Frauenkirche in München, April 1839.

2. Geschichte der Fotografie als historische Quelle:

Ende 1999 wurde die vielbeachtete und vieldiskutierte Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht des Hamburger Instituts für Sozialforschung zur Überarbeitung und Korrektur zurückgezogen. Kritiker der Ausstellung hatten vor allem die Präsentation des Fotomaterials und die dazugehörigen Bilderklärungen bemängelt. Die wiedereröffnete Ausstellung erhielt aus diesem Grund einen eigenen Bereich zum Thema „Foto als Quelle“. Dem waren intensive Diskussionen über dieses Thema in der Geschichtswissenschaft vorausgegangen, die deutlich machten, dass der Umgang mit Fotografien für Historiker keineswegs so einfach und selbstverständlich ist, wie die weitverbreitete Vorstellung von Fotografien als einer Quelle von großer Wirklichkeitsnähe oder gar als Abbild der Wirklichkeit glauben machen könnte. Das Beispiel zeigt auch, das die auf Texte konzentrierte Geschichtswissenschaft bis heute über kein angemessene Instrumentarium zur Analyse und Interpretation von Fotografien bzw. von Bildern allgemein verfügt. Dass macht die für den Historiker notwendige Distanzierung von Fotografien als Produkte eines Interpretation- und Verzerrungsprozesses nicht einfacher. (Dazu mehr im folgenden Abschnitt.)

Als eigenständige Quellengattung werden in den einschlägigen allgemeinen Einführungen in die Geschichtswissenschaft oder speziellen Einführungen in die Zeitgeschichte Bilder bzw. Fotografien bisher entweder gar nicht oder nur am Rande erwähnt. Ebenfalls nur am Rande der zahlreichen historisch-kritischen Quelleneditionen erscheinen solche fotografischen Materials. Als vorbildlich wird in diesem Zusammenhang vor allem der von Gerhard Schoenberner 1960 herausgegebene Sammelband „Der gelbe Stern“, eine Dokumentation der Judenverfolgung in Europa 1933-1945, genannt.

Allerdings hat das Interesse an Fotografien als historischer Quelle seit Ende der 70er Jahre in der Geschichtswissenschaft immer mehr zugenommen. Nicht zuletzt an der Vermittlung von Geschichte im Unterricht besonders interessierte Historiker haben sich mit der Bedeutung und dem Aussagewert von Fotografien für die Erforschung wie für die Darstellung der Geschichte beschäftigt. Dabei lässt sich eine Konzentration auf zwei große Forschungsthemen feststellen. Das eine ist der Holocaust und der Nationalsozialismus. Das andere ist die industrielle Arbeitswelt und das Leben und Arbeiten der einfachen Arbeiter.

Im ersten Fall ging es und geht es vor allem um die Frage, wie und ob Fotografien bei der Aufklärungsarbeit über Holocaust und Nationalsozialismus eingesetzt werden sollen. Dabei spielt auch eine Rolle, dass der Einsatz aber auch die Manipulation von Fotografien in der nationalsozialistischen Propaganda selbst von erheblicher Bedeutung war. Zu diesem Aspekt wie auch zu der Verwendung der Fotografie in der sowjetischen, vor allem stalinistischen Propaganda sind eine Reihe eigenständiger Forschungsarbeiten erschienen.

Im Fall der industriellen Arbeitswelt hängt die Entdeckung der Fotografie als Quelle zusammen mit einem veränderten Frageinteresse innerhalb der Geschichtswissenschaft ab Anfang der 80er Jahre. In den Mittelpunkt rückte statt der Beschreibung übergreifender Strukturen und Umwälzungsprozesse zunehmend der Alltag der einfachen oder „kleinen“ Leute und ihre „Sachkultur“, d.h. die von ihnen im Alltag nicht zuletzt bei der Arbeit verwendeten Gegenstände, ihre Kleidung, Wohnungseinrichtung etc. Das alltägliche Leben und Arbeiten lässt sich über Fotografien wesentlich besser erschließen, als beispielsweise über die Akten und Unterlagen eines Unternehmens oder kommunaler Organisationen, die eine Sicht von „oben“ wiedergeben.

Ganz allgemein ist ein steigendes Interesse an bildlichen Darstellungen und ihrer Auswertung über ihre illustrierende oder schmückende Funktion in wissenschaftlichen Texten hinaus in den letzten zwei Jahrzehnten zu registrieren. Dabei konzentriert sich die theoretische und methodische Auseinandersetzung allerdings innerhalb der Geschichtswissenschaft noch auf das gemalte oder gedruckte Bild. Das hängt wohl damit zusammen, dass diese, auch „historische Bildkunde“ genannte Forschungsrichtung ihre wesentlichen Anregungen aus der Kunstwissenschaft bezieht.

3. Probleme mit der Fotografie als historische Quelle:

Fotografien bilden nicht einfach Wirklichkeit ab. Sie sind immer Ausfluss vielfacher und vielschichtiger Interpretations- bzw. Verzerrungsprozesse.

Erstens ist das auf der Fotografie Abgebildete von den je technischen Möglichkeiten und Produktionsbedingungen der Fotografie abhängig, von der konkreten Produktionssituation. Die Einstellung der Kamera und die Einstellung des Fotografen korrespondieren. Zweitens verhalten sich bzw. posieren auf Fotografien abgebildete Personen häufig unter dem Auge der Kamera in einer bestimmten Weise für die Kamera („Cheese!“). Gegenstände werden arrangiert, Ereignisse inszeniert. Das auf der Fotografie Abgebildete ist also nicht selten für die Kamera so bereit gestellt worden und kein Ergebnis eines unbeobachteten, „natürlichen“ Augenblicks. Drittens geben Fotografien eben immer nur einen Augenblick aus einer möglicherweise längeren Sequenz von Handlungen bzw. Zuständen wieder. Viertens fallen bei Fotografien weitere wichtige sinnliche Formen der Wahrnehmung von Wirklichkeit wie Hören, Riechen, Tasten etc. weg, so dass auch aus dieser Perspektive nicht von einer Abbildung von Wirklichkeit gesprochen werden kann. Fünftens sind Fotografien häufig in einen materiellen Kontext eingebettet, der ihre Wahrnehmung formt: als Teil eines Familienalbums, als Illustration in einem Schulbuch, in einer Werbeanzeige etc. Sie sind also als Teil eines aus anderen Bildern oder erläuternden und eine bestimmte Interpretation des Abgebildeten nahelegenden Texten bestehenden Umfelds. Sechstens werden Fotografien immer auch durch den jeweiligen Betrachter bewusst oder unbewusst vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrung wie kollektiver Prägungen interpretiert. Das gilt auch für den Historiker. So können Fotografien in einen ganz anderen Kontext gerückt und ganz anders verstanden werden, als vom Fotografen beabsichtigt. Siebtens wirken Fotografien selbst wieder zurück auf zukünftige Fotografien. Das geht so weit, dass einzelne Fotografien stilbildend für ein ganzes Genre wirken können und stellvertretend für dieses ganze Genre oder den abgebildeten Sachverhalt stehen.

Fotografien sind also bei ihrer Herstellung, ihrer Vermittlung und ihrer Wahrnehmung vielschichtigen Interpretations- bzw. Verzerrungsprozessen unterworfen. Fotografien beeinflussen wie alle sich auf der Leinwand, dem Papier, der Stuckdecke oder sonst wo manifestierenden Bilder, wie wir uns einen Ort, eine Sache, ein Ereignis oder eine Person überhaupt vorstellen können. Gleichzeitig reproduzieren Fotografien wie alle Bilder aber auch die virtuellen Vorstellungen dieser Dinge. Insofern stehen die Bilder, die wir uns im wahrsten Wortsinn von etwas „machen“ in einem unauflösbaren Wechselverhältnis mit der Reichweite unserer Vorstellung. Wie oben schon angesprochen, können einzelne Fotografien dabei geradezu einen ikonischen oder symbolischen Status erlangen, indem sie stellvertretend für einen Ort, eine Sache, ein Ereignis oder eine Person stehen. Die Bilder vom zerstörten Atomreaktor in Tschernobyl beispielsweise stehen für die Gefahren der Nutzung der Atomenergie bzw. die ökologische Krise schlechthin und werden in einem solchen Kontext regelrecht „zitiert“.

Dem Historiker stellt sich daher – wie im Umgang mit allen Quellen – das Problem, mit der Fotografie das Ergebnis eines Interpretationsprozesses von Wirklichkeit für die eigene Interpretationsarbeit vor sich zu haben.

4. Möglichkeiten und Interpretationspotential der Fotografie für das geschichtswissenschaftliche Arbeiten:

Fotografien werden von Historikern wie erwähnt bisher sehr häufig lediglich zur „Veranschaulichung“ von „Fakten“ herangezogen, die aus Texten rekonstruiert wurden. Das hat mit einer traditionellen Trennung von Wahrnehmung (Bild) und Verstehen (Text) oder Denken (Text) und Anschauung (Bild) zu tun. Hinzu kommt, dass die Beschreibung bzw. Interpretation von Bildern immer im Medium der Sprache statt finden muss.

http://www.magner-net.de/foto.htm

Preussischer Gardeoffizier, Berlin um 1848

 In den letzten Jahren wendet sich die historische Forschung, angeregt vor allem durch die Semiotik, der Frage zu, wie eine „Grammatik“ von Bildern aussehen könnte und sich von einer Grammatik der Sprache unterscheidet. In diesem Zusammenhang ist auch von einer „visuellen“ oder „fotografischen Sprache“ die Rede, ohne dass diese Sprache oder Grammatik bisher systematisch erfasst worden und über die Möglichkeiten der Übersetzung solcher eher theoretischen Überlegungen auf die Praxis historisch-wissenschaftlichen Arbeitens intensiv nachgedacht worden wäre.

Fotografien können in der Geschichtswissenschaft nicht nur zu illustrativen Zwecken herangezogen werden. Es lassen sich mit Fotografien Aussagen über Orte, Sachen, Ereignisse oder Personen machen, die abgebildet wurden. Es lassen sich aber auch mit Fotografien Ergebnisse in Bezug auf die Rekonstruktion zeitgenössischer Wahrnehmungsmuster und mentaler Einstellungen erzielen, indem nicht danach gefragt wird, was abgebildet ist, sondern auch danach, wie es abgebildet ist. So können beispielsweise die Posen und Positionen von Familienmitgliedern auf Familienfotos Auskunft über Veränderungen der Bedeutung und der inneren Ordnung der Familie geben, insbesondere was die geschlechtsspezifische Rollenverteilung betrifft.

Je nach Fragestellung verändert sich also der Aussagegehalt von Fotos. Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen einer Untersuchung, die sich mit einem Foto beschäftigt, um Aussagen über das Foto zu erzielen: seine Entstehungsbedingungen, die Komposition der abgebildeten Elemente, seine Wirkungs- und Verbreitungsgeschichte etc. Das bietet sich vor allem bei Fotografien an, die den erwähnten ikonischen oder symbolischen Status erreicht haben, beispielweise der berühmten Kniefall Willy Brandts 1970 in Warschau am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettoaufstandes von 1943. Etwas anderes ist es, sich mit dem Foto nicht „um seiner selbst willen“ zu beschäftigen, sondern weil es Aufschluss über historische Sachverhalte gibt, die für die eigene Fragestellung von Interesse sind: die abgebildeten Orte, Sachen, Ereignisse oder Personen oder die dabei durch die Fotografie reproduzierten Wahrnehmungsmuster und Einstellungen. In diesem zweiten Sinn ist das Foto historischer „Beweis“ für eine Fragestellung, die nicht primär an einer Aussage über das Foto selbst interessiert ist. Hier werden häufig Fotografien interessieren, die nicht außergewöhnlich sind, sondern massenhaft vorhanden.

Die Fragestellung kann sich also auf die Fotografie selbst beziehen. Dann geht es darum, den Kontext zur Fotografie zu erschließen. Die Fragestellung kann sich aber auch auf einen auf der Fotografie abgebildeten Sachverhalt (Ort, Sache, Ereignis, Person, zeitgenössische Wahrnehmungsmuster und mentale Einstellung) beziehen. Dann bildet das Foto den Kontext zu diesem untersuchten Sachverhalt. In der Praxis werden sich beide Fragestellungen häufig überschneiden.

Generell sollte also beim (historisch-wissenschaftlichen) Umgang mit Fotografien vorab der Zweck geklärt werden, den diese Fotografien für die eigenen Arbeit erfüllen sollen. Sollen sie vorwiegend als Illustration verwandt werden? Geht es um ihre Aussagekraft in Bezug auf künstlerische Strömungen oder technische Entwicklungen? Hängt das Interesse an der Fotografie mit dem abgebildeten Sachverhalt zusammen? Wenn ja, sind es die vergleichsweise „harten Fakten“ (diese Person und nicht eine andere, dieser Ort und kein anderer etc.) oder eher „weiche“ Komponenten wie Wahrnehmungsweisen oder Einstellungen? Geht es um das letztere ist ein möglichst breit angelegter Vergleich von Fotografien ebenso notwendig, wie die Erarbeitung und Begründung eines Rasters von Kategorien, mit denen diese „weichen“ Komponenten „gelesen“ werden sollen.

Als generelle Orientierung für den Umgang mit Fotografien seien abschließend die folgenden allgemeinen Fragen formuliert:

1.Wer ist/ war der Fotograf?

2. Was ist auf dem Foto zu sehen?

3. Wie ist es ästhetisch-künstlerisch gestaltet?

4. Wie waren die Umstände der Aufnahme?

5. Was war der Zweck der Aufnahme?

6. Wann wurde die Aufnahme gemacht?

7. Wie wurde sie überliefert?

5. Weiterführende Literatur:

Walter Benjamin, Kleine Geschichte der Photographie, in: Ders., Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie, Frankfurt am Main 1996, S.47-64.

Pierre Bourdieu u.a., Eine illegitime Kunst. Die soziale Gebrauchsweisen der Photographie, Frankfurt am Main 1983.

Jürgen Hannig, Wie Bilder „Geschichte machen“. Anmerkungen zum Umgang mit „Dokumentarfotos in Geschichtsbüchern, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 40 (1989), S.10-32.

Dirk Hoffmann, Fotografien als historische Quellen, in: Hilke Günther-Arndt u.a. (Hrsg.), Geschichtsbuch Oberstufe. Band 2: Das 20. Jahrhundert, Berlin 1996, S.443-446.

Jens Jäger, Photographien. Bilder der Neuzeit [= Historische Einführungen, Bd. 7], Tübingen 2000.

David King, Stalins Retuschen. Foto- und Kunstmanipulationen in der Sowjetunion, Hamburg 1997.

Wolfgang König, Bilder für die Massen: Amateurphotographie und Kino, in: Ders., Wolfhard Weber, Propyläen Technik Geschichte. Bd. 4: 1840 bis 1914. Netzwerke, Stahl und Strom, Berlin 1997, S.527-535.

Alf Lüdtke, Industriebilder – Bilder der Industriearbeit? Industrie- und Arbeiterphotographie von der Jahrhundertwende bis in die 30er Jahre, in: Irmgard Wilharm (Hrsg.), Geschichte in Bildern. Von der Miniatur bis zum Film als historische Quelle, Pfaffenweiler 1995, S.47-95.

Harald Neifeind, Das Foto als Quelle. Zur Interpretation einer zeitgenössischen Bildquelle, in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie 6 (1986), Heft 21, S.64-66.

Wolfgang Ruppert, Photographien als sozialgeschichtliche Quellen, in: Geschichtsdidaktik 11 (1986), S.62-76.

Ulf Scharrer, Die Linsen der Täter. Fotografien als Quelle zum Holocaust, in: Geschichte lernen 69 (1999), S.52-55.

Andreas Volk (Hrsg.), Vom Bild zum Text. Die Photographiebetrachtung als Quelle sozialwissenschaftlicher Erkenntnis, Zürich 1996.

 

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