Marcus Sandl, Universität Konstanz

Der Umgang mit Büchern ist jedem von uns vertraut. Er gehört zu den Selbstverständlichkeiten des Studiums wie des alltäglichen Lebens. Das gilt zumindest heute. Angesichts der elektronischen Revolution, in der wir uns im Moment befinden, scheint es möglich, dass das Buch als wichtigster Träger von Informationen seine Bedeutung verliert. Langfristig ist es sogar denkbar, dass das Buch ganz verschwindet. Sollte dieser Fall tatsächlich irgendwann einmal eintreten, so wären Bücher nur noch für HistorikerInnen von Interesse. Der Umgang mit ihnen müsste mühsam erlernt werden, so wie man den Umgang mit einer Handschrift (siehe auch ‘Paläographie’) beispielsweise des 16. Jahrhunderts lernen muss: Kenntnisse wären notwendig, die die Menschen dann im Normalfall nicht mehr besitzen würden.

Soweit sind wir heute noch nicht. Der Umgang mit Büchern ist uns, wie gesagt, vertraut. Er ist uns so vertraut, daß es fast überflüssig erscheint, mehr als ein paar Worte über Bücher als Quellen zu verlieren. Die meisten historischen Quellenkunden belassen es in der Regel auch bei kurzen Bemerkungen zu diesem Thema. Begreift man Bücher allerdings nicht im engeren Sinne als “Quelle” von Informationen, sondern in einem weiteren Sinne als Ausdruck einer mediengeschichtlichen Gesamtsituation, so muß man eine ganze Reihe weiterer Aspekte in den Blick nehmen. In diesem Sinne lohnt es sich, mit dem Gedanken einer Welt jenseits der “Gutenberg-Galaxis” (M. MacLuhan) zu spielen, um eine Außenperspektive auf die Buchkultur zu entwickeln, die wir durch den täglichen Umgang mit dem Medium Buch nicht besitzen.

Zunächst schärft ein mediengeschichtlicher Zugriff das Bewusstsein für die praktischen Voraussetzungen des gedruckten Buches. Wie der Computer und das Internet verweist auch das Buch auf eine bestimmte Technik, ohne die es nicht möglich ist, Druckerzeugnisse herzustellen. In Europa hatte der Buchdruck seinen Ursprung im 15. Jahrhundert, als Johannes Gutenberg mit Hilfe beweglicher Lettern die Vervielfältigung von Schriftgut auf eine neue Grundlage stellte. Das mittelalterliche Skriptorium hatte damit ausgedient und mit ihm war die Exklusivität des Zugangs zu zahllosen Wissensbereichen beendet. An die Stelle der Handschriftlichkeit trat das ‘Typographeum’. Die folgenden Jahrhunderte brachten zahlreiche technische Wandlungsprozesse: Neue Produktionsweisen der Papierherstellung, der Buchbindung und der maschinellen Vervielfältigung erhöhten die Effizienz der Buchproduktion, veränderten jedoch nicht die grundlegenden Determinanten der Buchkultur. Für alle diese technischen Veränderungen ist das Buch eine Quelle.

Die Folgen des Buchdrucks beschränkten sich allerdings nicht auf den Aspekt einer ‘Vervielfältigungsrevolution’ im engeren Sinne. Sie waren umfassend und veränderten den politisch-sozialen Raum ebenso wie die Wissens- und Wahrnehmungsweisen der Menschen. All das muß berücksichtigt werden, will man den Quellenwert eines Buches bestimmen. Zunächst zum politisch-sozialen Raum: Informationen, die bis zum 15. Jahrhundert noch strikt kontrolliert werden konnten, entzogen sich mit der Erfindung des Drucks sukzessive der herkömmlichen Zensur. Der Zugang zu Informationen wurde öffentlich, und umgekehrt entstand eine Öffentlichkeit, die der Information bedurfte. Neue Druckerzeugnisse entwickelten sich, die, wie Zeitungen, ausschließlich den Sinn hatten, aktuelle Informationen weiterzugeben (M. Giesecke). Damit ist ein wichtiger Aspekt der Quellenkritik des Buches wie aller anderen Druckerzeugnisse genannt. Das Buch ist ein Massenmedium, das stets hohe Auflagen benötigt, um alle Kosten zu decken. Die Nachfrage ist das wichtigste Kriterium, das über den Druck eines Textes entscheidet; sie ist der wichtigste Selektionsmechanismen für die drucktechnische Vervielfältigung. Als Quelle ist das Buch insofern vor allem ein Indikator für nachgefragtes Wissen, nicht für das Wissen eines bestimmten Zeitalters an sich.

Cicero:Tusculanae Disputationes, Druck von Nicolas Jenson, Venedig 1472.

Dieser politisch-soziale Kontext spiegelt sich in der Gestaltung der Druckerzeugnisse selbst wider. Im Zusammenhang mit ihrer Massenmedialität erhalten Texte eine bestimmte, uns heute geläufige Gestalt, die unabhängig vom Text selbst zahlreiche interessante Informationen beinhaltet. Um sich auf einem florierenden Markt behaupten zu können, werden Bücher mit Titel- und Umschlagseiten ausgestattet, die zum einen zum Kauf anreizen, zum anderen die Zuordnung zu bestimmten Textsorten und Wissensgattungen ermöglichen. Der Umschlag nennt Titel und Autor – eine Praxis, die lange Zeit nicht üblich war (und die, wie es scheint, im Zeitalter des Internets wieder an Bedeutung verliert). Er enthält in der Regel Identifikationshinweise, die die Archivierung und Katalogisierung des gedruckten Textes ermöglichen, die infolge der massenhaften Produktion von Druckerzeugnissen nötig ist. In dieser Hinsicht ist das Buch eine Quelle für die Erweiterung und Differenzierung von Wissen sowie für die Kriterien, die in einer bestimmten Zeit entwickelt wurden, um Wissen handhab- und vernetzbar zu machen.

Die typographische Ausgestaltung des Textes ist allerdings nicht nur ein Indiz für die Marktorientierung und Segmentierung des zu einer bestimmten Zeit existierenden Wissensbestandes. Sie ist auch eine Quelle für das Leseverhalten und - allgemeiner - die Wissensweisen einer bestimmten Kultur, insofern sie einen bestimmten Rezeptionsmodus präformiert und dokumentiert. So findet man im unmittelbaren Umfeld von gedruckten Texten kommentierende Mitteilungen, die die Textlektüre im Dienste der gewünschten Rezeption des Textes steuern sollen. Dazu gehören beispielsweise Überschriften, Anmerkungen oder Vorworte (G. Genette). Zur Textpragmatik zählen zudem Inhaltsverzeichnisse, Absätze, Nummerierungen von Zeilen, Begriffskonkordanzen und Kapitelüberschriften. Das Vervielfältigungsverfahren des Drucks vereinheitlicht im Vergleich zum handgeschriebenen Wort die Texte und befördert damit bestimmte Formen der Lektüre. Erst so wird ein selektiver und alinearer Zugriff auf ausgewählte Textstellen möglich. Die Lektüretechniken richten sich nicht mehr nur auf das bloße Verstehen des buchstäblichen Wortsinns (wie im Zeitalter der Handschriftlichkeit), sondern auf die Bedeutung des Textes und dessen Sinngehalt. Letztlich erweist sich damit unsere eigene Texthermeneutik selbst bis zu einem gewissen Teil mit der Rationalität der Buchkultur verbunden. Das Buch ist also auch eine Quelle für wahrnehmungsgeschichtliche Fragestellungen, die uns erlauben, unser eigenes, nach wie vor am Buch geschultes Denken zu kontextualisieren und damit zu historisieren.

All diese Faktoren müssen in Betracht gezogen werden, wenn man ein Buch als Quelle benutzt. Wissen ist nicht unabhängig vom Medium, durch das es vermittelt wird. Das gilt für das Buch ebenso wie für Druckerzeugnisse im allgemeinen.

Literatur

Gérard Genette, Paratexte, Frankfurt am Main 1989.

Michael Giesecke, Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, Frankfurt am Main 1991.

Michael Giesecke, Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft, Frankfurt am Main 2001.

Marshall MacLuhan, Die Gutenberg-Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, Bonn 1995

Helmut Schanze (Hg.), Handbuch der Mediengeschichte, Stuttgart 2001.

 

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