Pasacal Aubry, Universität Konstanz

a) Briefe

Briefe kann man nach der Einteilung Johann Gustav Droysens der Tradition zurechnen, denn hinter jedem Brief steht eine bestimmte individuelle Absicht, die man abwägen kann, wenn man die Beziehung des Verfassers zum Adressaten beleuchtet. Beispielsweise wird man Ciceros persönliche Meinung über die Ereignisse im Römischen Bürgerkrieg nicht in seinen Briefen an Pompeius finden, weil sie da diplomatisch angepasst erscheint. Dazu muss man die Privatbriefe an seinen Freund Atticus befragen. Um den individuellen Gehalt eines Briefes weiter zu deuten, muss man unter Umständen nach den literarischen Vorbildern fragen, die der Verfasser anstrebte. Auch gilt es, die Lebensumstände und die Ereignisse zu befragen, die unmittelbar vor oder während der Abfassung bestimmend waren.

Je nach Fragestellung ist allerdings nicht das Individuelle gesucht, sondern die Handlungen und Verhältnisse der Menschen der damaligen Zeit. Jeder Brief, selbst eine intime Botschaft, vermittelt auch gesellschaftliche Aspekte.
Haben die Briefe eindeutig politisches Gewicht, wird man darauf achten müssen, welche Körperschaft zu welchem Zweck bestimmte Briefe oder sogar Briefsammlungen veröffentlicht.
Zum Beispiel haben "Freunde und Mitarbeiter" Bismarcks Erinnerung an den "Fürsten" veröffentlicht und eine Auswahl seiner Briefe beigefügt. Auswahl und Wortlaut müssen in Hinsicht auf die Absichten der Herausgeber hinterfragt werden.

Brief Luthers an Karl V. vom 28.4.1521

Brief Luthers an Karl V. vom 28.4.1521

Briefe, die zu wissenschaftlichen Zwecken herausgegeben werden, kann man als Primärquelle behandeln. Das heisst, sie liegen den Ereignissen, von denen sie handeln, näher, als zum Beispiel Memoiren, die häufig der Selbstlegitimation dienen. Man kann den Wortlaut dieser Briefe als authentisch voraussetzen.

b) Depeschen

Im Gegensatz zum Brief lässt sich eine Depesche als Überrest behandeln. Die Abfassung einer Depesche ist nicht dazu bestimmt, die Nachwelt über Ereignisse in Kenntnis zu setzen. Sie dienen der raschen Information zumeist über politische Entscheidungen und sind in der Regel nicht persönlich abgefasst. Die Depeschen über Luther vom Wormser Reichstag 1521 sind unter anderem an Städte gerichtet.

Bei der Interpretation von Depeschen ist es wichtig, ihre diplomatische Funktion zu berücksichtigen. Die Art ihrer Überlieferung ist dabei entscheidend. Geheimdepeschen garantieren mehr Authentizität. So beispielsweise die bis dahin unveröffentlichten diplomatischen Depeschen zwischen Berlin und Moskau im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges, die der Historiker Karl Höffkes 1988 veröffentlicht hat.

 

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