Medien als Quellen

Fabio Crivellari, Universität Konstanz

I.   Geschichte und Medien 

II. 
CD-ROM, Internet, DVD

III.
Literaturliste


I. Geschichte und Medien

Im Zuge der medientechnologischen Entwicklungen der vergangenen zwanzig Jahre wird seit geraumer Zeit die Herausbildung einer Medien- oder Informationsgesellschaft beobachtet.
Der Begriff trägt dem Umstand Rechnung, dass sein Vorläufer aus den frühen neunziger Jahren, die so genannte Dienstleistungsgesellschaft, einer aktualisierten Spezifizierung bedurfte. Somit bezeichnet Mediengesellschaft die zunehmende Thematisierung des Mediengebrauchs und die damit ins Bewusstsein gerückte Bandbreite medialen Handelns in der modernen Gesellschaft. Daneben erschlossen neue Formen technischer Kommunikation wie Mobilfunk, Privatfernsehen und Internet neue Märkte und gleichzeitig neue Diskursformationen, neue Kulturensembles.
Für Historiker bedeutet dies einen Wandel der kommunikativen Plattformen, die als historisches Quellenmaterial zur Verfügung stehen und stehen werden. Die neue Aufmerksamkeit gegenüber medialen Zusammenhängen hat in der Geschichtswissenschaft spät aber zunehmend zu einer Ausweitung der traditionellen Quellengattungen geführt, die bislang nur sehr spezialisiert untersucht wurden. So gehörten Bilder im Sinne von Kunstwerken bislang zur Profession der Kunstgeschichte mit ihren spezifischen Zugangsweisen und Fragestellungen.
Mittlerweile ist das Bild als Quelle etabliert, ohne dass bereits entsprechende einschlägige Quellenkritiken oder verbindliche Interpretationsverfahren skizziert wurden. Das wird auch weiterhin so bleiben, denn Bilder sind – und zumindest darin sind sie Texten sehr ähnlich – Kommunikationsmedien mit symbolischem Mehrwert. Das bedeutet, sie stehen historisch-kritischer Analyse ebenso zur Verfügung wie ein beliebiger Text und sind stets Informationsspeicher ihrer Zeit, also Zeitzeugen.
Wie dieser Tresor zu öffnen ist, können Historiker allein durch die Kooperation mit Nachbardisziplinen wie Medien-, Kommunikations- und Literaturwissenschaften lernen. In diesen Fächern legte die mediale Struktur von Kommunikationen ursprünglich die Disziplingrenzen fest.

Mit der kulturwissenschaftlichen Horizontweitung in den Geisteswissenschaften stehen diese Grenzen zunehmend zur Disposition. Film, Foto und CD-ROM (und andere) geraten als mögliche Quellengattungen mit ganz eigenen Herausforderungen an den Wissenschaftler in den Blick
Zentrale Fragestellungen sind dabei die nach den Transformationen, die eine Information in der Durchwanderung diverser medialer Prozesse durchläuft. So unterliegt ein Foto in einer Zeitung einem vielschichtigen Produktions- und Distributionsprozess, den nachzuzeichnen, historisch zu kontextualisieren und zu analysieren die Aufgabe einer medial erweiterten Quellenkritik (link) und Historiographie wäre.
Historiker können hier auf eine lange Tradition quellenkritischer Grundüberlegungen zurückgreifen, die am Beispiel der Texte, eben diese Produktions- und Überlieferungsbedingungen thematisierten. Dieses Wissen auf andere Medien und Quellen umzusetzen, steht als umfassendes Projekt noch aus, wenngleich es schon jetzt viele Ansätze dazu gibt.
Im folgenden werden einige historische Quellengattungen vorgestellt, die den Historikern als Erkenntnismedium zur Verfügung stehen, um anschließend auf die so genannten neuen Medien näher einzugehen.
Zwar wurde bereits erwähnt, dass fast alles zur Quelle werden kann. In der wissenschaftlichen Praxis haben sich aber bestimmte Medien als besonders leistungsfähig für die Untersuchung einer historischen Fragestellung etabliert, weswegen das folgende eine Auswahl, wenngleich eine gezielte darstellt.Nun ist der Medienbegriff gleich in zwei unterschiedlichen Weisen verwendet worden: als Erkenntnismedium und als Kommunikationsmedium. Zum Erkenntnismedium also zur Quelle werden Medien immer dann, wenn sie der – in unserem Fall - historischen Analyse unterzogen werden.

Als Medium soll hier verstanden werden, was einen der drei folgenden Aufgabenbereiche erfüllt:

1. Transport, Speicherung, Bearbeitung von Informationen

2. Festlegung kommunikativer Inhalte (Sinn) durch Auswahl aus einem tendenziell unendlichen Repertoire an Sinngebungsmöglichkeiten (Sinnselektion) durch die Abgrenzung von anderen Medienformen (z.B. Post  Auto).

3. Herstellung eines kommunikativen Aktes durch a) einen Artefakt (Schrift, Buch, Bild) und b)das Wissen um seinen Gebrauch (Lesekompetenz).

Diese drei Merkmale können bereits als Richtschnur für den historischen Umgang mit Medien angegeben werden. Nach ihnen kann als Leitfrage geforscht werden oder aber die aus ihrer Beschreibung resultierenden Erkenntnisse können selbst wieder als historische Information genutzt werden.

So ist die Frage nach der Speicherleistung eines Mikrochips eine technikgeschichtliche Fragestellung, sie kann eine wissenschaftshistorische oder aber eine diskursgeschichtliche werden, wenn uns beispielsweise interessiert, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen den Wunsch nach der Effizienzsteigerung bedingt haben.
Das Wissen darüber kann selbst weitere Forschungen zum historischen Wandel kommunikativer Transformationsprozesse ( z.B. von der Schriftkodierung bis zur Binärkodierung als Kulturwandel) anregen und stützen. Schließlich lassen sich daran auch Phänomene wie „Innovationskompetenz als Generationsmerkmal“ untersuchen und dieses Wissen auf andere historische Phänomene möglicherweise anwenden.

Medien sind also einmal in ihrem Gebrauch beobachtbar, daneben aber auch in ihrer Funktion für die Beobachtung selbst. In letzterem Fall fragen sich dann Historiker mit welchen Quellenmedien sie es zu tun haben und wie diese unsere Erkenntnis von der Vergangenheit beeinflussen. Schließlich ist es ein Unterschied, ob ich Adolf Hitler in filmischen Darstellungen (welcher Art sind sie?) oder in Textdokumenten begegne.

Damit erfordern Medien nicht nur eine spezifische Form der Fragestellung, wie oben gezeigt, sondern auch eine spezifische Form der Quellenkritik.
Ein weiterer Aspekt der medienhistorischen Forschung weist in die Zukunft. Wie werden wir in einigen Jahrzehnten mit den neuen Datenträgern historiographisch verfahren? Noch wissen wir kaum etwas über den analytischen Umgang mit beispielsweise CD-ROM und Internetseiten (s.u.)

Die Zuwendung der Historiker zu den Medien ist nicht neu, dennoch steht die Zunft hier erst am Anfang.