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Uwe Goppold, Universität Konstanz

Beginnt der Historiker mit seiner Arbeit, also der Auseinandersetzung mit den historischen Quellen, muss er oft genug feststellen, dass er zum Verständnis dieses Materials bestimmter Fähigkeiten und Kenntnisse bedarf, die nicht direkt zum Forschungsschwerpunkt der Geschichtswissenschaft gehören. Hat er z. B. ein Aktenstück aus dem 17. Jahrhundert vor sich liegen, so ist es nicht selbstverständlich, dass er
1. die dort verwendete Schrift auch lesen kann und dass er
2. die zeitgenössische Datierung versteht.
Beides ist für das Verständnis der Quelle aber unerlässlich: Wenn man diese nicht lesen kann, ist allein der ästhetische Eindruck, den sie hinterlassen hat, in der Regel nur von geringem wissenschaftlichen Ertrag, ohne Datierung wird ihre historische Einordnung unmöglich.

Der Historiker muss sich also das hier notwendige Wissen aus anderen Bereichen wissenschaftlicher Forschung besorgen. Im genannten Beispiel können ihm die Erkenntnisse der Paläographie (Schriftkunde) und der Chronologie (Wissenschaft von der Zeitrechnung) helfen, das Aktenstück zu verstehen: diese beiden Wissenschaften fungieren für ihn nunmehr als Hilfswissenschaften. Dieser Begriff entstammt dem späten 18. Jahrhundert und umfasst klassischerweise neben den beiden genannten Disziplinen auch die Numismatik (Münzkunde), die Sphragistik (Siegelkunde), die Diplomatik (Urkundenlehre), die Heraldik (Wappenkunde), die Genealogie (Ahnenforschung) und die historische Geographie. Diesen Kanon historischer Hilfswissenschaften kann man als klassisch bezeichnen, obgleich – und hier wird die Sache kompliziert – er faktisch unvollständig ist.

Es wird nämlich unterschlagen, dass nahezu jede Wissenschaft, die nicht Geschichtswissenschaft ist, zu einer Hilfswissenschaft für Historiker avancieren kann. Beschäftigt man sich beispielsweise mit der Pest im Spätmittelalter, müssen medizinische Forschungen zur Ausbreitung von Epidemien herangezogen werden, die Agrargeschichte greift auf die Erkenntnisse der Klimaforschung zurück und die Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist ohne Statistik kaum denkbar. Es liegt auf der Hand, dass sich analog zu diesen Beispielen unzählige ähnliche Fälle denken lassen. Als der Begriff der „historischen Hilfswissenschaft“ geprägt wurde, ging man aber davon aus, dass die eher ‘potentiellen’ Hilfswissenschaften nicht grundsätzlich und für jede Fragestellung von Belang seien. Dies ist auch insofern richtig, als beispielsweise die Erkenntnisse der Nuklearphysik vor dem Hintergrund einer historischen Beschäftigung mit der amerikanischen Kernwaffenentwicklung während des zweiten Weltkriegs äußerst wichtig sein können, diese aber für die politische Geschichte des 16. Jahrhunderts jedoch keine Rolle spielen. Andererseits gilt dies aber umgekehrt auch für einige der klassischen Hilfswissenschaften: So liefert die Sphragistik (Siegelkunde) z. B. für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour 1941 keinen Erkenntnisgewinn. Mit anderen Worten können auch die Hilfswissenschaften des klassischen Kanons nicht generell – wie dies noch im 19. Jahrhundert behauptet wurde – als unentbehrliches Rüstzeug eines jeden Historikers erachtet werden. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass historische Arbeit kaum auf die Forschungsergebnisse anderer Disziplinen verzichten kann, welche allerdings dabei in einem konkreten Fall relevant sind, hängt in erster Linie vom jeweiligen Forschungsschwerpunkt ab.

Nichtsdestotrotz sollen hier einige der klassischen Hilfswissenschaften vorgestellt werden. Und obgleich die Liste aus den genannten Gründen als äußerst unvollständig zu bezeichnen ist, sollte sich jeder Historiker und jede Historikerin schon aus Interesse an der Geschichte der eigenen Disziplin einmal mit diesen auseinandergesetzt haben.

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