5.1

Uwe Goppold, Universität Konstanz

Das Problem
Das Problem kennt jeder. Eines Morgens liegt endlich der lang erwartete Brief eines guten Freundes im Briefkasten. Die Freude ist groß, doch nach dem Öffnen des Briefumschlags folgt blanke Ernüchterung. Der vorliegende Brief scheint eher das unregelmäßige Kardiogramm eines Patienten der Intensivstation als geschriebene Worte zu zeigen.

Schriftzug Ludwig van Beethovens

“Werther Verehrter!”, schrieb Ludwig van Beethoven Anfang des 19. Jahrhunderts.

Gotische Buchschrift, Anfang 14. Jahrhundert. Klicken Sie in das rote Rechteck, um eine Vergrößerung des Bereichs zu sehen!

Aber hin und wieder sind dann doch einzelne Fragmente zu identifizieren. Sie erinnern entfernt daran, dass wir in der Schule doch alle mehr oder weniger dasselbe Alphabet, dieselbe sogenannte ‘lateinische Schrift’ zu schreiben gelernt haben. Also mache ich mich an die Arbeit und versuche in einem länger währenden Prozess zu ermitteln, was man mir da eigentlich genau geschrieben hat.

Gotische BuchschriftGotische Buchschrift, Ausschnitt
Barocke Richtformen

Barocke Richtformen, 1742.

Das Beispiel zeigt, dass die handgeschriebene Schrift, die sogenannte ‘Handschrift’, sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Die wenigsten von uns werden noch in der selben Schrift schreiben, die sie in ihren ersten Schuljahren gelernt hatten, sondern haben diese individuell verändert. Manchen gilt die Schrift sogar als Ausdruck von Individualität oder als Spiegel des seelischen Zustands des Schreibenden.

Die lateinische Schrift
Schrift verändert sich also, auch wenn die Grundlage, das lateinische Alphabet, immer dieselbe bleibt. Hat man sich dies einmal klargemacht, kann es auch kaum verwundern, dass sich die lateinische Schrift nicht nur individuell im Laufe eines Lebensalters, sondern auch im Laufe ihrer historischen Entwicklung seit der Antike bis zum heutigen Tag erhebliche Veränderungen durchgemacht hat, wie die Beispiele zeigen.

Jede Zeit hatte ihre Art, ihre eigene Mode, die Buchstaben des lateinischen Alphabets zu gestalten, jede Zeit hatte ihre Schrift. Dies erlaubt es im übrigen auch, undatierte Schriftstücke oft erstaunlich genau zeitlich einzuordnen.

Sütterlinschrift

Sütterlin, 1928.

 

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